Neue Dokumente im AdsD

In letzter Zeit konnte das AdsD zwei Dokumente erwerben, die hier vorgestellt werden sollen:

Ein Brief August Bebels von 1910

Brief August Bebels, 1910 (Ausschnitt)

Das erste Dokument, ein Brief August Bebels vom 28. August 1910 an den Kölner Bürger Johann Scherer, bezieht sich auf den ersten Band von Bebels Lebenserinnerungen („Aus meinem Leben“), der im gleichen Jahr erschienen war. Es ist die Antwort auf einen (nicht erhaltenen) Brief vom 15. August, in dem sich Scherer offensichtlich kritisch über Bebels Buch geäußert hatte. Der Hauptvorwurf – so lässt sich aus Bebels Replik erschließen – bestand offensichtlich darin, der Autor habe die Leser nicht ausführlich genug über die Biographien seiner Mitstreiter in der Sozialdemokratie informiert; als „positives“ Beispiel scheint Scherer dabei auf die Lebenserinnerungen des 1906 verstorbenen ehemaligen 1848er Revolutionärs und späteren US-Politikers Carl Schurz verwiesen zu haben. Dies stieß bei Bebel auf Erstaunen: „Mein Buch hat unzählige Kritiken erfahren“, schrieb er zurück, „der weitaus größte Teil derselben ging dahin, daß ich über mich selbst zu wenig geschrieben, die eigentlichen Motive meines Handelns nicht ausführlicher dargelegt, eine Kritik wie die Ihrige ist mir nirgends begegnet. Ich dürfte allerdings annehmen dass die 3 Millionen Partei, die hinter mir steht und die hunderttausende politischer Gegner, für die mein Buch bestimmt ist, allerdings ungefähr wissen, wer die Männer sind, die in meinem Buch eine Rolle spielen, wenn sie auch deren Leben nicht ab ovo kennen.“

Während Bebel zu diesem Zeitpunkt eine prominente Persönlichkeit des politischen Lebens in Deutschland war, befand sich Carl Schurz in einer anderen Situation: „Von ihm wusste die ungeheure Mehrheit seiner Landsleute fast nichts“, gab Bebel zu bedenken, [...] seine Memoiren wären in der Tat bis auf eine kleine Minorität seinen Lesern unverständlich geblieben, namentlich derjenige Teil, in dem es sich um historische Ereignisse handelt, die die jetzigen Generationen entweder gar nicht – dafür sorgt die tendenziöse Entstellung und Todschweigung der Geschichte in der Schule oder den Lehrbüchern – oder nur entstellt kenn[en].“

Auch die Arbeiterbewegung sah es als ihre Aufgabe an, durch eigene Publikationen und eigene Presseorgane der offiziösen Meinungsbildung und dem überkommenen Geschichtsbild entgegenzuwirken. Einen Beitrag dazu sollten auch Bebels Lebenserinnerungen liefern. Sie beschrieben die Anfänge der Sozialdemokratischen Partei in Deutschland, sollten in der Arbeiterleserschaft Stolz auf das Erreichte hervorrufen und überdies die Zuversicht vermitteln, im Einklang mit einer gesellschaftlichen Entwicklung zu stehen, die sich nach vorherrschender Parteimeinung geradezu „mit Naturnotwendigkeit“ (Erfurter Programm) vollziehen würde. Das subjektive Element, die Schilderung der politischen Rolle einzelner Persönlichkeiten, diente in den Erinnerungen Bebels der Würdigung ihrer Verdienste, vor allem aber der Ermutigung der sozialdemokratischen Leser in der politischen Auseinandersetzung der Gegenwart; sie sollte die Notwendigkeit einer unermüdlichen Agitationstätigkeit, aber auch ihre unweigerlich eintretenden Erfolge belegen. Dabei bedachte Bebel – im Gegensatz zu den Vorwürfen des Kölner Briefschreibers – einige seiner Mitstreiter durchaus mit farbigen, persönlich eingefärbten Schilderungen, erinnert sei nur an die Charakterisierung Wilhelm Liebknechts oder an die von persönlicher Abneigung getragenen Kapitel über den ADAV-Präsidenten Johann Baptist von Schweitzer.

Flugblatt „An die deutschen Arbeiter in Paris“ [ca. 1913/14]

"An die deutschen Arbeiter in Paris" Flugblatt, ca. 1913/14 (Ausschnitt)

Mit dem Flugblatt „An die deutschen Arbeiter in Paris“ hat ein eher unscheinbares Relikt einer großen Tradition der deutschen Arbeiterbewegung den Weg in das AdsD gefunden. Es handelt sich um einen Aufruf des seit 1877 bestehenden deutschen sozialdemokratischen Leseklubs in Paris. Das Flugblatt ist undatiert und dürfte kurz vor dem Ersten Weltkrieg erschienen sein1, auch wenn im Text erwähnt wird, dass es in Paris „seit fast 40 Jahren“ eine Vereinigung deutschsprachiger Arbeiter gebe, die ihre Aufgabe darin sehe, „das proletarische Klassenbewusstsein und das sozialistische Wissen ihrer Mitglieder zu pflegen, ihre geistige Verbindung mit den politischen und sozialen Bestrebungen ihrer Heimat lebendig zu erhalten, sie mit den Erscheinungen und Problemen des französischen Kultur- und Gesellschaftslebens vertraut zu machen und ihnen eine höhere Geselligkeit zu bieten als die alkoholduselige Philisterei“.2

In Paris gab es seit dem Vormärz Zusammenschlüsse deutscher Handwerksgesellen und politischer Flüchtlinge. Bereits diese frühen Vereinigungen setzten sich Bibliotheksgründungen zum Ziel. Nach dem Inkrafttreten des „Sozialistengesetzes“ in Deutschland (1878) erhielt der Pariser Leseklub zusätzliche Bedeutung. Prominente SozialdemokratINNen wie Clara Zetkin lebten zeitweise in Paris oder hielten sich vorübergehend in der französischen Hauptstadt auf. Auch deutsche Sozialdemokraten, die zu Kongressen nach Paris kamen, wurden von den Mitgliedern des Leseklubs mit Unterkünften versorgt und erhielten durch sie Kontakte zu französischen Sozialisten.3

Nach der Jahrhundertwende war der Leseklub in erster Linie als Anlaufstelle für die ca. 4.200 in Paris lebenden deutschen Arbeiter gedacht. Sie sah man „der doppelten Gefahr ausgesetzt, im Kampf der französischen Arbeiter um bessere Lebensbedingungen als Schädiger zu wirken und ihre Pflicht, sich über die egoistische Sorge für das eigene Fortkommen zum Bewusstsein solidarischer Pflichten, zur Teilnahme am grossen Befreiungskampf ihrer Klasse zu erheben, nicht zu erkennen oder zu vergessen.“4

Um das zu verhindern bot der Leseklub, der im Marais, in der Rue de Bretagne Nr. 49 (Maison Commune), gelegen war, seinen Mitgliedern regelmäßig Vorträge am Sonnabend über Fragen des sozialen Lebens, der Wissenschaft und der Kunst an. Auch unentgeltliche Unterrichtskurse, Führungen durch Museen und zu den historischen Stätten von Paris, gemeinsame Ausflüge und Feste standen auf dem Programm. In den Räumen des Klubs standen den Mitgliedern, für deren Aufnahme „das Bekenntnis zu den Grundsätzen der Sozialdemokratie“, eine Aufnahmegebühr von 25 centimes und 4 Mitgliedsbeiträgen à 25 cent Voraussetzung war5, im Jahr 1914 ca. 1000 Bücher und Broschüren sowie rund 40 Zeitungen und Zeitschriften zur Verfügung. Neben den Protokollen von Parteitagen und Kongressen fanden die Leser hier französisch- und deutschsprachige sozialistische Presseorgane wie „L’Humanité“, „Socialisme“, „La Voix du Peuple“, „Le Socialist“, „Die Neue Zeit“, „Vorwärts“, „Die Gleichheit“, „Der Wahre Jacob“ u.a. Selbstverständlich waren die Schriften von Lassalle, Marx, Engels, naturwissenschaftliche Werke, deutsche Klassiker und Dichter des Vormärz, aber auch zeitgenossische deutsche und französische Literatur vertreten.

Im Gegensatz zum gleichfalls traditionsreichen Communistischen Arbeiter-Bildungs-Verein in London, der auch Spaltungen unterworfen war, behielt der Pariser Verein seine enge Bindung an die deutsche Sozialdemokratie bei – eine Entscheidung, die sich – wie neuere Forschungen zeigen – bis in die Auswahl der Bibliothekstitel hinein nachvollziehen lässt. Der Leseklub besaß sogar die Ehrenmitgliedschaft und Stimmrecht auf den Kongressen der Internationale seit 1891.6

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs kam das Ende des traditionsreichen Pariser sozialdemokratischen Leseklubs. Da die Deutschen das Land innerhalb weniger Tage verlassen mussten, wurde vermutlich auch die Bibliothek aufgelöst. Während über das Schicksal der Bücher nichts bekannt ist, haben sich zwei handschriftlich verfasste Bandkataloge, Vorstandsprotokolle, Korrespondenz und andere Unterlagen erhalten, die sich heute im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam befinden. 7


1 Flugblatt „An die deutschen Arbeiter in Paris!“, AdsD. Zur Geschichte des Pariser sozialdemokratischen Leseklubs vgl. Mareike König: Bibliotheken deutscher Einwanderer in Paris (1850-1914). Benutzer und Bestände. Berliner Handreichungen zur Bibliotheks- und Informationswissenschaft, Heft 205(Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft), S. 37 – 69 ( http://www.ib.hu-berlin.de/%7Ekumlau/handreichungen/h205/ )

2 „An die deutschen Arbeiter in Paris!“, S. 1.

3 Vgl. König: Bibliotheken deutscher Einwanderer in Paris, S. 38.

4 „An die deutschen Arbeiter“, S. 1.

5 Männliche Mitglieder mussten wöchentlich 25 centimes entrichten, weibliche 15 centimes, wobei sie kostenlos die SPD-Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ erhielten. Vgl. König: Bibliotheken Deutscher Einwandererbibliotheken in Paris, S.

6 Vgl. König: Bibliotheken deutscher Einwanderer in Paris, S. 41.

7 Vgl. König: Bibliotheken deutscher Einwanderer in Paris, S. 56.