„Im übrigen ist von allen Menschen der Politiker am allerwenigsten vor seinem Tode glücklich zu preisen. “...

Neubearbeitung des Nachlasses Hermann Müller

Sabine Kneib

Das AdsD verfügt mit zwei Teilnachlässen von Hermann Müller über wertvolle Quellen zur Geschichte der Weimarer Koalitionen. Der größere Bestand, in dem die Arbeitszusammenhänge der Regierung Hermann Müller aus den Jahren 1928 – 1930 niedergelegt sind, wurde in diesem Jahr für die Datenbankrecherche neu bearbeitet und mit einem ausführlichen Personenregister versehen. 1

 

Hermann Müller, 1924 © AdsD

Zur persönlichen und politischen Biographie von Hermann Müller sind vergleichsweise wenige Unterlagen erhalten. Wie der Reichspräsident Friedrich Ebert zählte er zu den sozialdemokratischen Politikern der Weimarer Republik, die – gesundheitlich angeschlagen und aufgerieben von der Bürde ihrer Ämter und der Härte der politischen Auseinandersetzung – schon im mittleren Lebensalter verstorben sind.

Der zweimalige Reichskanzler der Weimarer Republik Hermann Müller, geboren am 18. Mai 1876 in Mannheim, hatte vor seiner politischen Karriere eine kaufmännische Lehre absolviert. Er arbeitete zunächst in Frankfurt, dann, von Juni 1897 bis Oktober 1899 in Breslau. 2 Müllers erste Ehefrau starb früh. Aus dieser Verbindung ging 1905 die Tochter Annemarie (verheiratete Dr. Wanzlik-Müller) hervor. 1907 heiratete Hermann Müller Gottliebe Jaeger; 1908 wurde die zweite Tochter Erika (verheiratete Biermann) geboren, die 1933 mit dem Reichstagsabgeordneten und außenpolitischen Experten der SPD, Rudolf Breitscheid, und dessen Frau Tony nach Frankreich emigrierte.

Hermann Müller wurde Gewerkschaftsmitglied und trat 1893 in die SPD ein. Ab 1897 arbeitete er bei der „Volkswacht“ in Breslau mit, zog aber schon 1899 nach Görlitz, wo er eine Stelle als Redakteur der „Volkszeitung“ erhielt. Im September 1902 nahm er erstmals als Delegierter an einem sozialdemokratischen Parteitag, dem SPD-Parteikongress in München, teil. Von 1903 bis 1906 fungierte er in Görlitz als Stadtverordneter. 1903 und 1907 kandidierte Müller – allerdings ohne Erfolg – für den Reichstag. Nachdem er auf Vorschlag August Bebels 1906 (Paul Singers Vorschlag auf dem Parteitag 1905 war erfolglos geblieben) in den SPD-Parteivorstand gewählt worden war, widmete sich Hermann Müller hauptsächlich den internationalen Kontakten seiner Partei. Folgerichtig war er es auch, den die SPD noch 1914 nach Paris entsandte, um mit den französischen Sozialisten angesichts der drohenden Kriegsgefahr zu einer gemeinsamen Haltung zu kommen – eine Mission, die allerdings ohne Erfolg blieb. 1915 reiste er u.a. mit Friedrich Ebert nach Den Haag, um mit Vertretern des Internationalen Sozialistischen Büros eine Friedensinitiative ins Auge zu fassen, dann nach Wien, um sich mit den Sozialisten aus den Ländern des Dreibundes (Deutschland, Österreich und Ungarn) zu einigen. Auch 1917 gehörte Müller einer Delegation an, die in Stockholm auf Initiative des Internationalen Sozialistischen Büros eine Friedenskonferenz vorbereiten sollte (die allerdings nicht zustande kam). 1916 wurde er in Folge der Unstimmigkeiten zwischen „Vorwärts“-Redaktion und Parteileitung zum verantwortlichen Redakteur (= „Vor-Zensor“) des „Vorwärts“ berufen. In dieser unpopulären Funktion sollte Müller den „Vorwärts“ vor einem Verbot bewahren.

Ebenfalls 1916 gelangte Müller auf dem Wege der Nachwahl in den Reichstag, wo er für eine Politik der Mäßigung stand, was 1918 auch und gerade der Regierung Max von Badens gegenüber galt. Während der Revolution, im November 1918 entsandte ihn der SPD-Parteivorstand in den Berliner Vollzugsrat. Der Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands wählte ihn im Dezember zum stellvertretenden Vorsitzenden seines Zentralrates. Im Januar 1919 zog Hermann Müller über den Wahlkreis Breslau in die Verfassungsgebende Nationalversammlung ein und wurde von seiner Fraktion zu einem der vier Fraktionsvorsitzenden gewählt. Der Parteitag bestimmte ihn und Otto Wels zu Parteivorsitzenden.

Hermann Müller auf der Sitzung des Völkerbundes in Genf © AdsD

Noch im selben Jahr berief Friedrich Ebert Hermann Müller als Außenminister in die Regierung Bauer. Der Versailler Vertrag musste unterzeichnet werden – und Müller tat es schweren Herzens gemeinsam mit dem Zentrums-Abgeordneten und Reichskolonialminister Johannes Bell.3

1920, nach dem Kapp-Putsch und dem Rücktritt des Kabinetts Bauer, wurde Hermann Müller im März von Friedrich Ebert als Reichkanzler mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Doch bei den Wahlen im Juni erlitt die Mehrheits-SPD herbe Stimmenverluste. Eine Neuauflage der Weimarer Koalition war rechnerisch nicht möglich und eine Zusammenarbeit mit der DVP lehnte nicht nur Hermann Müller ab – die SPD verzichtete auf die Regierungsverantwortung. Müller blieb Reichstagsabgeordneter, jetzt für den Wahlkreis Franken, und führte mit Otto Wels und Philipp Scheidemann die Fraktion in die Opposition. Er arbeitete zunächst an einer besseren Verständigung mit der DVP, versuchte aber auch eine Annäherung der beiden sozialdemokratischen Parteien – Mehrheitssozialdemokratie und USPD – herbeizuführen. In dieser Zeit schrieb er seine Erfahrungen aus der Revolutionszeit nieder: Das Buch „Die Novemberrevolution“ erschien 1928.Bei den Reichstagswahlen am 28. Mai 1928 verzeichnete die SPD leichte Stimmenzuwächse – eine erneute Weimarer Koalition schien möglich. Müller, dem es zweifellos lieber gewesen wäre, wenn Otto Braun für das Reichskanzleramt zur Verfügung gestanden hätte, willigte ein, als die SPD-Parteispitze ihn bestimmte, erneut die Kanzlerschaft zu übernehmen.4

So wurde Hermann Müller nach komplizierten Koalitionsverhandlungen am 5. Juli 1928 zum zweiten Mal Reichkanzler und übte das Amt, trotz einer monatelangen lebensbedrohlichen Erkrankung im Jahre 1929, bis zum 27. März 1930 aus.

Es gelang ihm, in politisch schwieriger Lage sein Kabinett durch die längste Regierungsperiode innerhalb der Weimarer Republik zu steuern. Eines der Probleme in der Anfangsphase war, dass Gustav Stresemann es ablehnte, ohne eine Große Koalition als Außenminister zu fungieren. Er selbst riet dann aber zu einem „Kabinett der Persönlichkeiten“, das später in eine Große Koalition übergehen sollte. Am 28. Juni 1928 stand die Koalition aus SPD, DVP, Zentrum und DDP. Müller betonte, man sei sich der Schwierigkeiten, vor denen man stehe, wohl bewusst,5 ging aber hochmotiviert an die Arbeit:

Seine Reichstagsrede am 5. Juli 1928 war eine deutliche Willenserklärung für eine auf Dauer und Stabilität angelegte Koalitionsführung, was im Hinblick auf die zu bewältigenden großen innen- und außenpolitischen Aufgaben nur verständlich war. Schließlich habe „das deutsche Volk ein Recht zu verlangen, daß an der Spitze des Reiches eine Regierung steht, die gewillt ist, die für die deutsche Republik so außerordentlich wichtigen Aufgaben alsbald in Angriff zu nehmen. Gerade die Anforderungen, die der Herr Graf Westarp an die neugebildete Reichsregierung gestellt hat, können in Wirklichkeit nur von einer Regierung erfüllt werden, die nicht das Gefühl hat, nur eine Sommerregierung zu sein.“6

Ebenfalls bei Regierungsantritt hatte Müller geäußert, dass das „Programm einer Regierung, die keine reine Parteiregierung ist und sich auf mehrere Parteien stützt,(...) nicht alle Wahlversprechungen innehalten [kann], denn im Wahlkampf kämpfen die Parteien für ihre Weltanschauung.“7 In der Frage des Baus des Panzerkreuzers fügte genau dieser Gegensatz Müller seine erste schwere Niederlage zu. Die SPD war mit der Parole „Kinderspeisung statt Panzerkreuzer“ in den Wahlkampf gezogen. Hermann Müller und die SPD-Kabinettsmitglieder sahen sich zur Erhaltung der Koalition am 10. August 1928 dennoch veranlasst, für den Panzerkreuzerbau zu stimmen. Im Oktober 1928 stellte die SPD-Reichstagsfraktion gemäß der im Wahlkampf propagierten Losung den Antrag, das Panzerkreuzer-Projekt zu Gunsten der Finanzierung von Kinderspeisungen zu stoppen und zwang damit ihre Kabinettsmitglieder am 16. November 1928 gegen ihren eigenen Beschluss vom August zu stimmen. Der Antrag wurde vom Reichstag mehrheitlich verworfen, schädigte aber das Ansehen der SPD-Vertreter in der Reichsregierung.

Hermann Müller im Büro des Parteivorstandes in Berlin, 1926 © AdsD
Deutlichen Erfolg konnte Hermann Müller dagegen auf außenpolitischem Gebiet verzeichnen. Mit größter Hartnäckigkeit gegenüber dem Völkerbund, insbesondere gegenüber den „sturen“ Franzosen, verfolgte er seit dem Sommer 1928 sein Ziel der Wiederaufnahme von Verhandlungen über die vorzeitige Räumung des Rheinlandes und einer abschließenden Regelung der Reparationen. Zum Jahreswechsel schrieb er an Ulrich Rauscher „Ich habe die Absicht, wenn ich hier wegkomme, vom 2. Januar ab für 10 Tage Berlin Adieu zu sagen. Ich werde nach dem Schwarzwald gehen. So Mitte Januar kommt dann die Auseinandersetzung über die Balanzierung des Etats und die Findung neuer Steuern. Das wird wieder eine angenehme Zeit geben. Deshalb möchte ich vorher etwas meinen Schädel lüften."8

Tatsächlich begann das Jahr 1929 mit dem Ende des Werftarbeiter-Streiks und der Ratifizierung des Briand-Kellogg-Pakts. Es folgten im Frühjahr die noch vergleichsweise harmlosen innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten um die Verabschiedung des Wehretats. Wichtigstes Ziel, dem alles unterworfen sein sollte, war die angestrebte Unterzeichnung des Young-Plans. Doch dieser außenpolitische Erfolg der Regierung Müller, die Unterzeichnung des Young-Plans im Juni und August 1929, wurde überlagert von Koalitionskrisen, die sich durch das gesamte Jahr 1929 ziehen sollten.

Im Frühjahr kam es bei dem ohnehin chronisch kranken Hermann Müller zu einer akuten Verschlimmerung, die einen längeren Klinikaufenthalt erforderte und zu Komplikationen führte. Man habe ihn, wie er später schrieb, beinahe aufgegeben. Die von ihm mehrfach schriftlich versicherte und u.a. durch Spenden bezeugte Dankbarkeit gegenüber Ärzten und Krankenschwestern zeigt, dass ihm die Schwere der Erkrankung wohl bewusst gewesen ist.

Zwar trat Hermann Müller im Herbst einigermaßen genesen wieder in Berlin an, es war ihm aber, nach Klinik- und Kuraufenthalt noch immer geschwächt, wegen der Schwere der Auseinandersetzung nicht möglich, die Koalitionsparteien zusammenzuführen und zu -halten. Durch den doch plötzlichen Tod Stresemanns, den er nun zusätzlich vertreten musste, fehlte eine mäßigende politische Kraft. Die Auseinandersetzungen über die mangelhafte Haushaltsdeckung und andere Probleme, verursacht u.a. durch die Zahlungsverpflichtungen des Deutschen Reiches, waren zu einem Dauerstreit geworden. Vor allem wurde um die Finanzierung der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung gerungen, die durch die sprunghaft ansteigenden Arbeitslosenzahlen wesentlich mehr Mittel benötigte. Im Dezember musste Rudolf Hilferding zurücktreten, weil er ohne Rückendeckung der Reichsbank über einen Kredit verhandelt hatte. Hermann Müller machte sich keinerlei Illusionen über die Erfolgsaussichten einer um Ausgleich und Kompromisse bemühten Regierungsführung. Im Januar 1930 schrieb er in einem Brief „Im übrigen ist von allen Menschen der Politiker am allerwenigsten vor seinem Tode glücklich zu preisen.9

Am 12. März 1930 billigte der Reichstag (in 3. Lesung) den Young-Plan. Aber in der Frage der Arbeitslosenversicherung konnten sich die Koalitionsfraktionen nicht auf einen Kompromiss einigen. Auch die einzelnen Kabinettsmitglieder sahen sich außerstande, für den mühsam ausgehandelten Kompromissvorschlag Brünings vom 26. März zu stimmen.10
Für Hermann Müller war die Koalition nun nicht mehr handlungsfähig, am folgenden Tag erklärte er seinen Rücktritt als Reichkanzler. Damit war die letzte parlametarische Regierrung der Weimarer Republik gescheitert.

In den folgenden Monaten gehörte Müller weiter dem Reichstag an. Ein letztes Mal trat er politisch hervor, als er nach den Reichstagswahlen im Herbst 1930 an seine Fraktion appellierte, die Regierung Brüning zumindest zu tolerieren, um Schlimmeres zu verhüten (bei den Wahlen am 14. September 1930 waren die Nationalsozialisten mit 18,3 % der Stimmen zweitstärkste Partei im Reichstag geworden). Ein Jahr nach seinem Rücktritt, am 21.März 1931, starb Hermann Müller an den Folgen einer Gallenoperation.

Hermann Müllers klare Denkweise und seine ebenso deutliche Art des Ausdrucks muss so manches Mal irritierend gewirkt und auch Anstoß erregt haben. Dennoch beschrieb ihn der Redakteur der SPD-Reichstagsfraktion, Eugen Prager, als einen, der nie versucht habe, andere zu überrennen oder zu verletzten; Hermann Müller habe in der Sache überzeugen wollen.11

Der Bestand Hermann Müller enthält Aufzeichnungen, Notizen und Korrespondenzen der Jahre 1928 – 1930 und beschreibt den Verlauf der Koalitionsverhandlungen und -krisen, (zentrale Themen u.a. Genfer Verhandlungen, Young-Plan und die Reform der Erwerbslosenversicherung). Dokumentiert ist auch die korrekte Abarbeitung von Anfragen und Bittbriefen. Eingang in die Korrespondenz fand außerdem die Erörterung des Krankheits- und Behandlungsverlaufs bei dem besonders im Jahre 1929 schwer erkrankten Reichskanzler, wobei sich in einzelnen seiner Äußerungen deutlich eine wachsende Resignation bemerkbar machte. Dennoch bleibt der Nachlass eine aus der alltäglichem Arbeit hervorgegangene Zusammenstellung, die nur wenige persönlichen Unterlagen im direkten Sinne enthält (z.B. ein Arbeitszeugnis Müllers und den wenig aussagekräftigen schriftlichen Austausch mit dem Bruder Hans). Doch die für Hermann Müller typischen handschriftlichen Anmerkungen und Notizen, die sich auf einzelnen Dokumenten und auch in Teilen der allgemeinen Korrespondenz befinden, erlauben Rückschlüsse auf den Menschen hinter dem Politiker – wenn auch nicht auf den Privatmenschen.12

Die im Nachlass Hermann Müller verzeichneten Dokumente datieren mit einer Ausnahme zeitlich vom Jahr 1927 bis zum 12. März 1931, acht Tage vor dem Tod Müllers, als ein bösartiger Schmähbrief an den Schwerkranken in die Klinik gesandt wurde.13

 


1 Neben dem hier beschriebenen existiert im Archiv der sozialen Demokratie noch ein Teilnachlass, der aus dem August-Bebel-Institut übernommen wurde. Ein weiterer Teil befindet sich im Bundesarchiv in Berlin.

2 als Komptoirist für die Firma Villeroy & Boch, was ihm später immer wieder Spottgeschichten über seine angebliche Tätigkeit als Handlungsreisender im Sanitärartikeln einbrachte.

3 So beschrieben in: Hermann Müller: Unterzeichnung im Spiegelsaal, in: Victor Schiff: So war es in Versailles, Berlin 1929,S. 135ff.

4 AdsD, NL HM.

5 Reichstagsrede (Entwurf), 5.7.1828, AdsD, NL HM.

6 ebenda.

7 ebenda.

8 AdsD, NL HM.

9 Hermann Müller an Albert Südekum, 3.1.1930, NL HM.

10 vgl.: E. Holzapfel 1981 über ein Gespräch mit R. Wissell im Jahre 1947, AdsD, Slg.P. H.M., enthalten auch in: Krahmer, Oskar: Der rote Emil, 1983.

11 Eugen Prager: „Hermann Müller und die Presse“ in: Mitteilungen des Vereins Arbeiterpresse, 31, 1.4.1931.

12Vgl. die bisher einzige biographische Arbeit von Andrea Hoffend: „ Mut zur Verantwortung“ - Hermann Müller, Mannheim 2001.

13 Ausnahme: Zeugnis von 1899; Brief eines G. Wels an H.M., AdsD, NL HM.