Ilse Fischer

Restaurierung des Bestandes „Frühzeit der Arbeiterbewegung“

In einem Archiv, das in den 36 Jahren seines Bestehens von 300 Regalmetern Archivgut auf 42.000 Meter angewachsen ist und in manchen Jahren Zuwächse von mehreren Tausend laufenden Metern pro Jahr zu verzeichnen hat, standen Probleme der Erschließung und der elementaren Sicherung der Bestände naturgemäß lange Zeit im Vordergrund. Maßnahmen zur Bestandserhaltung erschöpften sich bis vor kurzem hauptsächlich in der „passiven Konservierung“, d. h. im Enteisen, dem Entfernen von Plastikhüllen und säurehaltigen Ordnern, der Verpackung des Archivgutes in säurefreie Archivboxen und Mappen sowie dem Umbetten von beschädigten Dokumenten in säurefreie Hüllen. Für weitergehende Maßnahmen fehlten die finanziellen Voraussetzungen. Auch die Mikroverfilmung, durch deren Einsatz wenigstens die wertvollen Originale vor zusätzlichem „Benutzungsstress“ geschont werden, konnte bis jetzt nur ausnahmsweise bei besonders wertvollen und zugleich stark frequentierten Beständen eingesetzt werden, z. B. für den SOPADE-Bestand (Akten der SPD-Parteiführung im Exil).

Wie für andere Archive, so gilt natürlich auch für das AdsD, dass an zahlreichen Beständen und Dokumenten die Zeit nicht spurlos vorübergegangen ist. Aufgrund der besonderen Struktur unseres Archivs stammen außerdem überdurchschnittlich viele Bestände aus Privatbesitz. Nicht selten wurden sie, bevor sie in die Obhut des Archivs der sozialen Demokratie übergingen, in Kellern oder auf Dachböden aufbewahrt, hatten Bombenangriffe und Hausdurchsuchungen überstanden oder ihre Besitzer und deren Nachkommen auf verschiedenen Umzügen begleitet. Probleme der Bestandserhaltung sind allerdings keineswegs an das Alter der Dokumente gebunden; erinnert sei hier nur an die in neueren Beständen enthaltenen Faxpapiere, „Umweltpapiere“ oder Nasskopien.

RestaurierungEin Bestand, der in besonderer Weise Schäden davongetragen hat und nun durch Restaurierungsarbeiten gesichert und auf diese Weise hoffentlich auch späteren Generationen noch zur Verfügung stehen wird, ist der Bestand „Frühzeit der Arbeiterbewegung“. Für das AdsD sind diese vorwiegend aus den 1860er bzw. 1870er Jahren stammenden Unterlagen in zweifacher Hinsicht von Bedeutung: zum einen aufgrund der inhaltlichen Dichte der Überlieferung, zum anderen aber auch in „ideeller“ Hinsicht – zählen diese Dokumente doch zu den frühesten Zeugnissen der deutschen Arbeiterbewegung und der sich organisierenden Sozialdemokratie, über die unser Archiv verfügt. Bei einem großen Teil der Unterlagen handelt es sich um Registraturen des im Juni 1863 in Frankfurt gegründeten Vereinstags deutscher Arbeitervereine (VDAV). Dieser Zusammenschluss von lokalen Arbeiterbildungsvereinen, die zu diesem Zeitpunkt noch vom liberalen Bürgertum beeinflusst und kontrolliert wurden, war ursprünglich als Gegengründung zu dem im Mai 1863 in Leipzig gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) gedacht. Doch die unter Vereinsvorsitzenden anzutreffende Meinung, die Arbeiterbildungsvereine hätten „nichts weiter zu thun, als den Meistern gebildete Gesellen zu liefern“ (so ein Bericht aus Speyer 1868), fand unter den Mitgliedern selbst immer weniger Resonanz. In den folgenden Jahren setzte ein politischer Klärungsprozess ein, insbesondere, nachdem auf dem Vereinstag in Gera 1867 der 27jährige August Bebel den Vorsitz übernommen hatte. Auf ihm, der nicht nur erhebliche organisatorische Talente besaß, sondern dank seiner Wahl in den Norddeutschen Reichstag geradezu zum Exponenten der sich emanzipierenden Arbeiterschaft geworden war, ruhten die Hoffnungen der Mitglieder. „Daß Sie, sowie alle Ihrer Gesinnungsgenossen, mit Ihren besten Kräften für das Wohl der Arbeiter einstehen werden, daran zweifeln wir durchaus nicht; denn wir wissen dass Sie schon oft gezeigt haben, daß Sie ein fühlendes Herz für die Leiden Ihrer Mitmenschen in Ihrer Brust August Bebel, ca.1860tragen“, schrieben ihm 1868 zwei Weber aus dem sächsischen Ernstthal. Bebel, für den die soziale Frage untrennbar mit der politischen verbunden war, intensivierte die Programmdebatte und sorgte dafür, dass ein Jahr später die Mehrheit der Vereine für den Anschluss an die Bestrebungen der Internationalen Arbeiterassoziation votierte. Es war der Kern jener Vereine, deren Vertreter sich im August 1869 zur Gründung der Sozialdemokratischen Deutschen Arbeiterpartei (SDAP) in Eisenach einfanden.

Der Bestand „Frühzeit der Arbeiterbewegung“ umfasst in mehreren Bänden die Vereinstagskorrespondenz bzw. die Registraturen der Vorsitzenden des VDAV, Unterlagen des Arbeiterbildungsvereins Leipzig, Protokollbücher, Parteitagsunterlagen der SDAP (u.a. Delegiertenvollmachten), aber auch Materialien aus der Deutschen Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation sowie eine Fülle weiterer Archivalien. Die Schriftstücke spiegeln die organisatorischen Bestrebungen der Handwerker und Arbeiter in den 1860er und 1870er Jahren wider, dokumentieren ihren Kampf um soziale und politische Rechte, enthalten Material über Solidaritätsaktionen für die Opfer von Streiks oder Unfällen. Sie ermöglichen zudem Einblicke in das Alltagsleben der Vereine, ihre Festkultur, den Stellenwert des Bildungs- und Fortbildungsgedankens und die Mentalität jener frühen Vertreter der Arbeiterbewegung in Deutschland. Auch das Umfeld wird deutlich, in dem die Vereine agierten, und zu dem in Leipzig etwa Kontakte zwischen Arbeiterbewegung und der frühen Frauenbewegung gehörten.

Bis zur Gründung der Eisenacher Partei hatte August Bebel die Akten des Vereinsarchivs akribisch geführt und verwaltet. Einen Einblick in seine Tätigkeit gibt ein ebenfalls im AdsD aufbewahrtes „Brieftagebuch“ aus den Jahren 1867/68, in dem Bebel sorgfältig die eingehende Post registriert und seine eigenen Antwortschreiben in kurzen Zusammenfassungen festgehalten hat. 1 Nach dem Eisenacher Kongress wurden die Auflösung des Verbands Deutscher Arbeitervereine und der Anschluss an die SDAP beschlossen. Während der Kassenbestand an die neue Partei überging, wurde, wie August Bebel in seinen Lebenserinnerungen schrieb, „das vorhandene Inventar (Akten, Briefe, Protokolle) [...] mir zur Aufbewahrung übergeben“. 2 Diese Unterlagen dürften von August Bebel später jedoch dem Parteiarchiv der SPD überlassen worden sein. Während die „prominenteren“ Bestände des alten SPD-Parteiarchivs 1933 auf komplizierten Wegen vor den NS-Machthabern in Sicherheit gebracht wurden, zählte dieser Bestand zu den in Berlin verbliebenen Unterlagen. Sie fielen den Nationalsozialisten entweder bei der Beschlagnahme der Räume des Parteiarchivs im Mai 1933 in die Hände oder wurden auf andere Weise geraubt und schließlich von dem 1934 gegründeten NSDAP-Hauptarchiv übernommen. 3 In dem von Ernst Schraepler angelegten Findbuch, das für einen Teil der Akten regestenartige Inhaltsangaben enthält, findet sich der Vermerk, dass diese Aktengruppe geschlossen aus dem NS-Hauptarchiv überliefert worden sei. In den letzten Jahren konnten außerdem vom Archiv der sozialen Demokratie einige weitere Faszikel erworben werden, die aus der gleichen Provenienz stammen dürften.

RestaurierungDer Bestand „Frühzeit der Arbeiterbewegung“, nach dem Krieg im Besitz des August-Bebel-Instituts, dessen Akten wiederum seit 1960 von der Historischen Kommission zu Berlin betreut wurden, konnte 1996 vom Archiv der sozialen Demokratie übernommen werden. Er weist in seinem Erscheinungsbild nicht nur Verschmutzungen, ausgeblichene Tinten, säuregeschädigtes Papier, Risse und beschädigte Papierränder bis hin zu Textverlusten auf. Vermutlich in der Nachkriegszeit hatten sich zweifellos wohlmeinende Zeitgenossen daran gemacht, diese Dokumente durch die Applizierung von Tesafilmstreifen zu „restaurieren“. Die Folgen waren schwerwiegend: der Klebstoff drang in die Papiere ein, verbreitete sich über größere Flächen und verursachte in den extremsten Fällen sogar Papierverluste bzw. migrierte durch mehrere aufeinanderliegende Dokumente.

Als in diesem Jahr mit der bundesweiten „Aktion Lesezeichen“ Archive und Bibliotheken am Jahrestag des Brandes der Weimarer Anna-Amalia-Bibliothek an die Öffentlichkeit traten, um auf die bedrohten Bestände in deutschen Archiven und Bibliotheken hinzuweisen, beteiligte sich das Archiv der sozialen Demokratie an einer von der Bonner Universitätsbibliothek initiierten Veranstaltung. Wie den anderen beteiligten Institutionen fiel es auch uns (leider) nicht schwer, Beispiele von Restaurierunggeschädigten Dokumenten zu einer kleinen Ausstellung über vom Zerfall bedrohte Bestände beizusteuern. Erfreulicherweise war dies der Auslöser für ein größeres Restaurierungsprojekt, für das die Friedrich-Ebert-Stiftung inzwischen entsprechende Mittel bereitgestellt hat. Damit konnte nun die Restaurierung und Sicherung des Bestandes „Frühzeit der Arbeiterbewegung“ in Angriff genommen werden.

Mit Rücksicht auf die zum Teil erheblichen Schäden, die an den einzelnen Schriftstücken festgestellt wurden, und im Hinblick auf die komplexe Struktur der Unterlagen wurde von dem Verfahren einer Massenentsäuerung Abstand genommen und einer Einzelrestaurierung aller in dem Bestand enthaltenen Dokumente, bei denen Handlungsbedarf besteht, der Vorzug gegeben. Dabei wurde Wert darauf gelegt, dass die vorgenommen Eingriffe keine irreversiblen Veränderungen mit sich bringen. Seit November 2005 wird der Bestand „Frühzeit der Arbeiterbewegung“ von der Düsseldorfer Restauratorin Susanne Mehwald bearbeitet. Spätestens 2008 soll der gesamte Bestand restauriert sein. Gleichzeitig wird das Findbuch überarbeitet und ergänzt. Es soll gleichfalls ab 2008 auch in elektronischer Form zur Verfügung stehen. Da die Unterlagen im Rahmen der Dokumentation digital aufgenommen werden, ist geplant, den Bestand in dieser Form auch den Benutzern zugänglich zu machen, was im Hinblick auf die zum Teil verblassten Dokumente sicher eine komfortablere Nutzung ermöglichen wird. Im Augenblick besteht für einen Teil des Bestandes eine Mikroverfilmung, die selbstverständlich weiterhin benutzt werden kann.


1 Vgl. Ilse Fischer: August Bebel und der Verband Deutscher Arbeitervereine 1867/68. Brieftagebuch und Dokumente, Archiv für Sozialgeschichte, Beiheft 14, Bonn 1994.

2 August Bebel: Aus meinem Leben, Zweiter Teil, Stuttgart 1911, S. 99. Vgl. Berichte über die Verhandlungen der Vereinstage deutscher Arbeitervereine 1863 bis 1869. Nachdrucke. Hrsg. von Dieter Dowe. Mit einer Einleitung von Shlomo Na’aman, Berlin/Bonn 1980, S. [188].

3 Zu Entstehung und Geschichte des 1882 gegründeten „alten“ SPD-Parteiarchivs vgl. Mario Bungert: „Zu retten, was sonst unwiederbringlich verloren geht“. Die Archive der deutschen Sozialdemokratie und ihre Geschichte (Historisches Forschungszentrum. Beiträge aus dem Archiv der sozialen Demokratie, 4), Bonn 2002, S. 20 – 62.