Fundstücke:

Auswahl von Einzeldokumenten aus Privatbesitz, die dem Archiv der sozialen Demokratie in den letzten Wochen übergeben wurden:

Aus Bonn:

Bitte anklicken zum vergrößern Bitte anklicken zum vergrößern1. Speisekarten eines vegetarischen Restaurants in Essen (Tageskarten aus den Jahren 1940 und 1942). Das Restaurant gehörte Lissy Wettig. Ihr Mann, Oskar Wettig, war Mitglied im Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), einer von dem Göttinger Philosophen Leonard Nelson ins Leben gerufenen Gruppe, die besonders aktiv im Widerstand gegen den Nationalsozialismus war. Nach der Entlassung von Oskar Wettig aus der „Schutzhaft“ 1933 baute sich das Ehepaar durch die Eröffnung der vegetarischen Gaststätte 1934 eine neue Existenz auf. Auch der ISK selbst unterhielt zur Finanzierung seiner illegalen Arbeit und als Kontaktzentrum für seine Mitglieder während der NS-Zeit eine Reihe von „Vega-Gaststätten“ in Köln, Berlin, Frankfurt und Hamburg.

 


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2. Aufzeichnung des Rittmeisters und Eskadronführers Joseph Freiherr von Metternich (1882 – 1967) vom 16. 12. 1918 über eine Auseinandersetzung mit Mitgliedern des Berliner Sicherheitsdienstes, die zu den Mannschaften des Wachkommandos des Kriegsministeriums sprechen wollten. Die Sicherheitswehr war nach dem 9. November 1918 von Emil Eichhorn (USPD), dem neuen Polizeipräsidenten von Berlin, ins Leben gerufen worden. Ihre Mitglieder gaben häufig Anlass zu Beschwerden. Das Dokument zeigt neben den Kompetenzstreitigkeiten auch die nahezu fraglose Autoritätsgläubigkeit der Vertreter der neuen Ordnung: [...] „Die Leute waren in einem Halbkreis um etwa 3 Zivilisten und 4 oder 5 Mannschaften mit roten Armbinden versammelt. Ich stellte mich zunächst in den Kreis, um zu hören, was und wovon die Leute redeten. Ich hörte dann etwa folgendes: Ihr wisst ja, dass es keine Offiziere mehr gibt, ebenso, dass die Strafgewalt nicht mehr in der Hand der Offiziere liegt, und dass den Kompagnie-Führern keine Urlaubskompetenzen mehr zustehen. Ich liess hierauf meine Mannschaften, es waren Leute des Husaren-Regiments 11, aus dem Kreis heraustreten und fragte einen der Redner, es war ein Soldat mit einer roten Armbinde, ob sie von der Regierung Befugnis hätten, an unsere Soldaten eine Ansprache zu halten. Eine Befugnis hätten sie nicht, sie brauchten aber auch keine, wurde mir geantwortet. Da mir ein solches Vorgehen fremd war, forderte ich die Zivilisten und Mannschaften des Berliner Sicherheitsdienstes auf, die Reitbahn zu verlassen, ohne dass sie eine Befugnis von der Regierung hätten, litte ich nicht, dass sie Ansprachen an meine Leute hielten. [...] Ohne weiteren Zwischenfall verliessen hierauf die Zivilisten und Mannschaften des Sicherheitsdienstes die Bahn. Beim Herausgehen hörte ich nur noch die Bemerkung: ‚Na ja, altes System, nichts gelernt.’“ [...] Auch in den nächsten Tagen versuchten die Vertreter des Berliner Sicherheitsdienstes nicht mehr, eine Ansprache an die Angehörigen des Husaren-Regiments durchzusetzen. Befriedigt zog von Metternich, das Resümee: „Es ist in keiner Weise zu einem Konflikt zwischen meinen Mannschaften und denen des Sicherheitsdienstes gekommen. Die Mannschaften des Sicherheitsdienstes waren auch der Meinung, dass eine Versammlung meiner Soldaten nur durch eine schriftliche Befugnis der Regierung angängig wäre. Augenblicklich besteht ein zwar getrenntes aber ruhiges Nebeneinanderarbeiten meiner Mannschaften und denen des Sicherheitsdienstes.“

Aus Lübeck:

Verschiedene Abzeichen, Ausweise und Schriftstücke, darunter

Bitte anklicken zum vergrößern Bitte anklicken zum vergrößern„Mitteilungen für die Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei Lübeck. Herausgegeben vom Parteivorstand“ (März 1933). Sie enthalten neben Informationen über Erfolge der Freien Gewerkschaften bei den Betriebsrätewahlen im März 1933 (bei denen die Nationalsozialisten kaum neue Sitze erringen konnten) auch Angaben zu den Ergebnissen der Reichstagswahlen am 5. März 1933. Bei diesen Wahlen konnte die SPD – trotz starken Terrors der Nationalsozialisten – ihre Stimmenzahl halten. Die Nationalsozialisten verzeichneten starke Zugewinne, erreichten jedoch allein nicht die absolute Mehrzeit. Nur gemeinsam mit ihrem Koalitionspartner, der Deutschnationalen Volkspartei, erreichten sie knapp 52 % der Stimmen. In dem hektographierte SPD-Rundschreiben heißt es: „Das Resultat hat den nationalistischen Parteien die absolute Mehrheit gebracht. Ihr alle wißt, daß diese Wahl unter Umständen vor sich gegangen ist, wie sie die parlamentarische Geschichte der Welt nicht kennt. Genossen, nur eine Parole hat für diesen Augenblick Gültigkeit: Beharrt in unerschütterlicher Treue zu unserer Idee, zu unserer Partei trotz alledem!"