Christoph Stamm
Ein "Reformkonservativer" und seine Texte im AdsD: Der Nachlass Rüdiger Altmann

Seit 2002 wird der Nachlass von Rüdiger Altmann, dem profilierten politischen Publizisten, der zeitweise auch Berater des Bundeskanzlers Ludwig Erhard war, im AdsD verwahrt. Den Kontakt zwischen der Familie Altmanns und dem AdsD hatte die Redaktion der "Neuen Gesellschaft/Frankfurter Hefte" hergestellt, deren Autor Altmann war. Vom Chefredakteur der Zeitschrift, Peter Glotz, stammt auch die Bezeichnung "Reformkonservativer" für Altmann, der sich durch die Eigenständigkeit und Differenziertheit seines Denkens und Schreibens immer einer einfachen politischen Zuordnung entzog. Große Verdienste um die Sichtung und Zusammenstellung des Nachlasses hat sich Dieter Erb erworben.

Nach einer Kriegsverwundung hatte der am 1. Dezember 1922 in Frankfurt/Main geborene Altmann 1943 mit dem Studium der Rechtswissenschaft, Geschichte, Soziologie und Politik begonnen und war beeindruckt von seinem damaligen Lehrer Carl Schmitt. Das juristische Studium schloss er 1947 mit dem Staatsexamen ab und arbeitete ab 1949 als Assistent des Politologen Wolfgang Abendroth, bei dem er 1954 in Marburg über "Das Problem der Öffentlichkeit und seine Bedeutung für die moderne Demokratie" promovierte. Schon diese Arbeit zeigte Altmanns Fähigkeit zur scharfsichtigen Durchdringung komplexer politischer Phänomene. Anschließend baute Altmann die der CDU nahestehende Politische Akademie Eichholz bei Bonn auf und wechselte 1959 als Referent für Kulturpolitik zum Deutschen Industrie- und Handelstag. Ab 1963 wirkte er als dessen Stellvertretender Hauptgeschäftsführer, bis er von 1978 bis zu seinem Tod im Februar 2000 seine bisherige publizistische "Nebentätigkeit" zum Hauptberuf machte. Schon 1953 hatte Altmann die Zeitschrift "Civis" des Ringes Christlich-Demokratischer Studenten mitgegründet. In Büchern, Essays, Artikeln und als Fernsehmoderator beschäftigte sich Altmann wie schon in seiner Dissertation mit zentralen Verfassungsfragen der Bundesrepublik Deutschland und den Struktur- und Funktionsfragen der pluralistischen Gesellschaft. Aufgrund seiner Analysen stellte er politische Alternativen zur Diskussion und forderte zum Widerspruch heraus. Über sein 1960 erschienenes Buch "Das Erbe Adenauers" und die darin enthaltene erste Bilanz der "Kanzlerdemokratie" kam Altmann ins Gespräch mit dem ersten Kanzler der Bundesrepublik. Zu seinem Nachfolger Ludwig Erhard entwickelte Altmann ein intensives Verhältnis der Beratung bis zur Formulierung von Erhards politischer Konzeption der "Formierten Gesellschaft". Auch der dritte CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger wurde von Altmann beraten. Äußerst kritisch stand Altmann im Gegensatz dazu dem Kanzler Helmut Kohl gegenüber, dessen Amtsverzicht wegen konzeptioneller Leere er forderte. Etwa ab 1989, nach der Wende in Osteuropa und dem Vertrag von Maastricht von 1992, beschäftigte sich Altmann intensiv mit Skizzen und Entwürfen zu einem Buch zum Thema Europa, in dem er umfassend das Scheitern Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Herausforderung durch die Globalisierung, die europäische Einigung und die Chancen zur Bewältigung der Zukunft behandeln wollte.

Der archivalische Nachlass Altmanns enthält u.a. Korrespondenz mit Ludwig Erhard, Hans A. Fischer-Barnicol, Ernst Forsthoff, Hans-Dietrich Genscher, Peter Glotz, Kurt A. Körber, Carl Schmitt, Piet Tommissen, Richard von Weizsäcker, dazu persönliche Unterlagen, Reden, Manuskripte, Ausgangsmaterialien und Belege für Veröffentlichungen - auch die Fragmente zum Thema "Europa", Unterlagen zur Beratertätigkeit für Erhard und Kiesinger sowie zur Auseinandersetzung mit Helmut Kohl.

Seit Dezember 2004 liegt im Nachlass das Manuskript der erwähnten Dissertation Altmanns zum Problem der Öffentlichkeit in der Demokratie von 1954. Dies ist deshalb von Bedeutung, weil diese Dissertation bei führenden Wissenschaftlern wie Rudolf Smend, Roman Schnur, Wilhelm Hennis, Jürgen Habermas und Ulrich K. Preuss großes Interesse gefunden hat, aber nicht veröffentlicht worden ist und eine Ausleihe des Exemplars der Universität Marburg heute offenbar auf Schwierigkeiten stößt. Darüber hinaus ist sie nur an den Universitäten Bayreuth und Bochum und beim Bundesverfassungsgericht verfügbar. Ein Problem für die Wissenschaft lag auch darin, dass sich etwa Ulrich K. Preuß bei seinen Zitaten auf das mit Schreibmaschine geschriebene Originalmanuskript mit 212 Textseiten bezog, Jürgen Habermas aber auf eine auch 1954 entstandene, auf Matrize vervielfältigte Abschrift, die wegen anderer Anordnung des Textes auf den Seiten nur 119 Textseiten umfasst. Beide inhaltlich identischen Versionen können nun im AdsD verglichen werden. Im Nachlass (und in der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung) ist jetzt auch eine von Holger Riemer durchgesehene und korrigierte, auf Computer neu eingerichtete Ausgabe greifbar, die auf dem Abgleich beider Manuskriptversionen beruht und in wenigen Exemplaren gedruckt worden ist.

Ein weiterer zentraler, aber gleichfalls unveröffentlichter Text Altmanns in seinem Nachlass ist der unvollendete Entwurf für eine Habilitationsschrift mit dem Titel "Der Kompromiss" von 1960/61. Nach einer vierseitigen Inhaltsskizze, die eine vorläufige Gliederung des geplanten Gesamtwerks darstellt, folgen 66 maschinenschriftliche Seiten Text. Dieser enthält hauptsächlich eine Darstellung und Analyse des Kompromisses in der politischen Theorie seit dem 19. Jahrhundert sowie Erörterungen zum "soziologischen Tatbestand des Kompromisses". Alle anderen geplanten Schwerpunkte sind nur skizziert, nicht ausgeführt. Der Entwurf hat Ernst Forsthoff und wohl auch Carl Joachim Friedrich vorgelegen, mit dem Altmann 1960 in Heidelberg zusammentraf und der zur Betreuung der Arbeit bereit war. Wilhelm Hennis äußerte Interesse an der Veröffentlichung in der von ihm und Roman Schnur betreuten Reihe "Politica". Offensichtlich gab Altmann aber das Habilitationsprojekt aufgrund seiner beruflichen Belastungen beim DIHT spätestens 1962 auf.