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Wilhelm Keil

Wilhelm Keil

Bestand: 1,20 lfd.m.
Laufzeit: 1891 - 1970

Lebensdaten: * 24.7.1870 † 5.4.1968

Fünf Tage vor Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges wurde Wilhelm Keil am 24. Juli 1870 im kurhessischen Helsa, Kreis Kassel geboren.
Der Vater, Kleinbauer, Schneider und Kohlenfuhrmann, schickte den Sohn mit 14 Jahren nach Kassel in die Drechslerlehre. Nach Beendigung seiner Lehrzeit ging Keil 1887 auf die Walz. Das erste Ziel seiner Wanderschaft war Hannover. Dort begegnete er Carl Legien, der auf einer Versammlung über die Missstände im Drechslergewerbe sprach.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich Keil für politische und soziale Fragen nicht sonderlich interessiert. Nach dieser Begegnung aber wurde er Mitglied der Sozialdemokratie und der vor kurzem gegründeten Vereinigung der Drechsler Deutschlands (Zahlstelle Hannover). In dieser Vereinigung widmete man sich neben der beruflichen Weiterbildung vor allem der Diskussion gewerkschaftspolitischer Fragen.
Von Hannover aus führte ihn seine Wanderschaft weiter über Hamburg und London nach Köln. Dort lernte er Paul Umbreit kennen, dessen Vater ein Freund August Bebels war. Umbreit war es, der Wilhelm Keil mit der Gedankenwelt des Sozialismus in Kontakt brachte. Von Köln aus zog Keil über Koblenz nach Elberfeld, wo er sich zusammen mit Paul Umbreit neben seiner Arbeit als Drechsler mehr und mehr mit politischen und gewerkschaftlichen Aufgaben befasste. Hier verfolgte er auch Ende 1889 den Geheimbundprozess, dessen Hauptangeklagter August Bebel war. Er studierte die Protokolle dieses Hochverratsverfahrens, dessen Lektüre ihn mehr fesselte als die Schriften des wissenschaftlichen Sozialismus.
In Mannheim, dem nächsten Ziel seiner Wanderschaft, begannen Keils "politische Lehrjahre", hier wurde er selbst politisch aktiv.

Für die Dauer von 10 Wochen wurde Keil 1892 zu einer militärischen Übung eingezogen. In diese Zeit fiel die Begegnung mit Wilhelm Liebknecht, der nach seiner Rückkehr vom französischen Sozialistenkongress auf einer öffentlichen Versammlung in Mannheim sprach. Dort wurde ihm Keil als "junger Soldat der Revolution" vorgestellt.
Die Begegnungen mit führenden Sozialdemokraten, zu denen in der folgenden Zeit auch Begegnungen mit Ignaz Auer, Paul Singer und Georg von Vollmar zählten und die Keil in einem Aufsatz 1952 "Die großen Alten die mich fesselten" nannte, stärkten sein politisches Engagement für die Ziele der Sozialdemokratie.
Obwohl in Baden ein freiheitlicheres politisches Klima herrschte als im damaligen Preußen, wurde der politisch und gewerkschaftlich aktive Wilhelm Keil in Mannheim als Drechslergeselle gemaßregelt und auf die schwarze Liste gesetzt, was gleichbedeutend war mit Arbeitslosigkeit. Nach seiner Entlassung 1893 fand Keil kurzfristig Arbeit als Aushilfe bei der Volksstimme in Mannheim. Anschließend übernahm er Aushilfsarbeiten beim Hauptvorstand des Holzarbeiterverbandes und bereiste in dessen Auftrag als Agitationsredner Südwestdeutschland. In diesen Jahren lernte er nicht nur Theodor Leipart näher kennen, sondern er traf auch mit Karl Kautsky und Clara Zetkin zusammen.
Während dieser Zeit als Angestellter der Ortskrankenkasse Mannheim Ende 1894 - Anfang 1896 begann er Beiträge für Partei- und Gewerkschaftszeitungen zu aktuellen politischen Fragen zu verfassen, so u.a. für die von Clara Zetkin herausgegebene "Gleichheit".
Bruno Schoenlank machte ihn zum ständigen Mitarbeiter der Leipziger Volkszeitung für die badische Region.
1896 holte ihn der Landesvorstand der württembergischen Sozialdemokraten in die Redaktion der "Schwäbischen Tagwacht", deren politische Leitung ihm 1902 übertragen wurde. Während seiner Zeit als Chefredakteur blieb Keil nicht unumstritten. Das hatte seine Ursache in seinem wachsenden praktischen politischen Engagement für die württembergische Sozialdemokratie, in der er sehr rasch zu einer der Führungspersönlichkeiten des eher gemäßigt reformerischen Flügels der Partei avancierte.
Bereits 1900 zog Keil nach einem harten Wahlkampf für den Kreis Ludwigsburg als jüngster Abgeordneter in den Stuttgarter Landtag ein, ein Mandat, das er bis 1933 ununterbrochen behielt.
Die Konflikte zwischen Parteilinken und den Reformisten in Württemberg entzündeten sich regelmäßig bei der Debatte um die Zustimmung zum Landeshaushalt, dem die Landtagsfraktion der Sozialdemokratie ab 1907 gegen den Willen der Parteilinken und der Parteimehrheit auf Reichsebene zustimmte.
Keil führte die Auseinandersetzung sowohl in der "Schwäbischen Tagwacht" als auch auf Parteitagen. Der Konflikt erreichte seinen Höhepunkt auf dem SPD-Parteitag 1911 in Jena. Der Stuttgarter Linken um Friedrich Westmeyer und Clara Zetkin gelang es, die Bildung einer "Presskommission" durchzusetzen, die zusammen mit dem Landesvorstand den Kurs der "Schwäbischen Tagwacht" kontrollierte und über die Besetzung der Redaktion entschied. Keil verließ den Posten des Chefredakteurs und widmete sich ganz seiner parlamentarischen Arbeit, zumal er im Sommer 1910 bei einer Nachwahl ein Reichstagsmandat für die SPD errang. Im Reichstag, dem er bis 1932 angehörte, ebenso wie im württembergischen Landtag entwickelte sich Keil zum fachkundigen Experten der Partei in Steuer- und Finanzfragen. Gleichzeitig führte er innerhalb der württembergischen Partei den Konflikt mit den Linken fort, die inzwischen die Führung der "Schwäbischen Tagwacht" übernommen hatten. Zum endgültigen Bruch kam es über die Frage der Bewilligung der Kriegskredite. Bei Ausbruch des I. Weltkrieges stimmte Keil der Bewilligung der Kriegskredite und den wirtschafts- und sozialpolitischen Ermächtigungsgesetzen aus tiefster Überzeugung zu. Keils Zustimmung galt den Linken in Partei und Redaktion - unter ihnen Artur Crispien - als Verrat an den Prinzipien der Sozialdemokratie. Aber sie befanden sich inzwischen in der Minderheit. Am 4. November 1914 setzte der Landesvorstand Wilhelm Keil als Chefredakteur über die bis dahin amtierende Kollegialredaktion der drei Linken Artur Crispien, Edwin Hörnle und Jakob Walcher. Dies war der erste Schritt zur Parteispaltung. Braun und Ebert reisten aus Berlin an, um zu schlichten und eine Spaltung zu verhindern. Doch der Bruch in Redaktion und Partei war nicht mehr zu vermeiden. Nach heftigen Kontroversen schieden die Gegner der Kreditbewilligung aus der Redaktion der "Tagwacht" aus und bildeten zusammen mit ihren Anhängern eine oppositionelle Landesorganisation mit eigenem Presseorgan. Damit war in Württemberg die Parteispaltung praktisch 2 Jahr vor der Spaltung der Gesamtpartei vollzogen.
Der "Sturmblock gegen die Zerstörer der Parteieinheit", wie sich Keil in seinen Lebenserinnerungen später selbst nannte, hatte seinen Beitrag zur Spaltung der Stuttgarter Partei geleistet.
So verwundert es nicht, dass sich die württembergische Mehrheitssozialdemokratie in der Phase der Revolution unter der Führung Keils zurückhaltend gegenüber den Aktionen von Spartakus und USPD verhielt. Nach der Abdankung des Kaisers 1918 begann die Parteiführung Verhandlungen zur Bildung einer Regierung aus bürgerlichen Parteien und MSPD, während auf den Straßen die Arbeiter demonstrierten. Keil kämpfte für eine Koalition aus bürgerlichen und sozialdemokratischen Kräften, die allein nach seiner Auffassung im Stande seien den Aufbau der Republik zu gewährleisten und die neue Staatsordnung gegen ihre linken und rechten Gegner zu verteidigen. Anders als im Reich übernahm in Württemberg bereits 2 Tage nach der Revolution eine Koalition aus MSPD und bürgerlichen Parteien die Regierungsverantwortung, trotz massiver Kritik durch USPD und lokale Räteorganisationen.
Im Januar 1919 wurde Keil zum Präsidenten der Verfassungsgebenden Württembergischen Landesversammlung und zum Mitglied der Weimarer Nationalversammlung gewählt. In beiden Parlamenten hat er führend an den Verfassungsberatungen mitgewirkt.
Als Mitglied des Reichssteuerausschusses war er am Aufbau einer Reichssteuerverwaltung und an der Reform der Steuergesetzgebung beteiligt. Bereits im Juni 1919 wurde bei einem Treffen Keils mit Reichsfinanzminister Erzberger die Reichssteuerpolitik neu konzipiert. Die von Keil während des Krieges verfochtenen Pläne zur Einführung einer Reichseinkommensteuer, einer Vermögensabgabe und einer Kriegsgewinnsteuer fanden Eingang in die Erzbergersche Steuerreform.
Selten hat ein Politiker so viele Ämter ausgeschlagen wie Keil. Als man ihn zum Präsidenten der Weimarer Nationalversammlung machen wollte, lehnte er ab, viermal schlug er ein Reichsministerium aus und nur einmal übernahm er ein Landesministerium. Von 1921 - 1923 war er württembergischer Arbeits- und Ernährungsminister.

Vor der Machtergreifung Hitlers zog sich Wilhelm Keil aus der Politik zurück. Er schrieb seine Erinnerungen, die nach dem Krieg veröffentlicht wurden. Mit Löbe, Ulrich, Severing u.a. blieb er in ständiger Verbindung. 1938 setzte er sich für die Freilassung Kurt Schumachers ein, den er in den zwanziger Jahren in die Redaktion der "Tagwacht" geholt hatte. Nach der Niederlage des faschistischen Deutschland betrat Wilhelm Keil im Alter von 75 Jahren erneut die politische Bühne. Schon am 30. April 1945 regte er an, einen Ausschuss zu bilden, der die Verwaltung nach demokratischen Gesichtspunkten kontrollieren sollte. Zwei Monate später nahm er an der Landrätekonferenz in Murrhard teil Eine neue Regierung unter Reinhold Maier wurde gebildet. Keil blieb Präsident der Landrätekonferenz.
Er baute die SPD in Württemberg mit auf, verhinderte eine sozialdemokratisch-kommunistische Einheitsfront, war Vorsitzender des Verfassungsausschusses der neuen Verfassungsgebenden Landesversammlung. 1947 wählte ihn der Landtag zum Präsidenten. Dieses Amt hatte er bis zu seinem Rücktritt 1952 nach Bildung des Landes Baden-Württemberg inne.
Wilhelm Keil war nach dem II. Weltkrieg außerdem Präsident des süddeutschen Länderrats und der Arbeitsgemeinschaft für Kriegsgefangenenfragen, Vorstandsmitglied des Instituts für Auslandsbeziehungen und Mitglied des Deutschen Rates der Europäischen Bewegung.
Seine Lebenserinnerungen erschienen in 2 Bänden 1947 und 1948 unter dem Titel "Erlebnisse eines Sozialdemokraten". Neben diesem umfangreichen Werk wurden von Keil die Publikationen "Christentum und Sozialismus", "Deutschland 1848-1948", " Schriften und Reden eines deutschen Politikers", "Parteien, Volk und Staat", "Das Parlament" und aus der Zeit vor 1933 eine Reihe finanzpolitischer Schriften herausgegeben.
Wilhelm Keil starb am 5. April 1968 im Alter von 97 Jahren in Ludwigsburg.

Bei dem vorliegenden Bestand handelt es sich um einen Teil-Nachlass. Insbesondere die Lückenhaftigkeit der persönlichen Unterlagen, der Allgemeinen Korrespondenz und der Publikationen, fast völlig fehlende Sachakten sowie die Existenz weiterer Teilbestände in anderen Archiven belegen dies.
Bei Übernahme des Bestandes waren die Akten vom Nachlasser in weiten Teilen vorgeordnet. Entsprechend folgte die Ordnung der Akten im wesentlichen der vorgegebenen Struktur.
Das Kernstück des Bestandes bildet die Korrespondenz. Die alphabetische Ordnung der Allgemeinen Korrespondenz wurde beibehalten, wobei allerdings unter den jeweiligen Buchstaben die Korrespondenz chronologisch geordnet wurde. Von Keil zugeordnete Einzelstücke (z.B. Todesanzeigen) wurden in der Korrespondent gelassen. Entsprechendes gilt für die Korrespondenz mit Einzelpersonen. Die sich hier anschließende Korrespondenz Keils mit dem SPD-Parteivorstand, sowie die Sachkorrespondenz betr. Keils Veröffentlichungen, Veröffentlichungen Dritter und Europafragen wurde in der alten Struktur übernommen, allerdings jeweils chronologisch geordnet. Bis auf die Korrespondenzen betr. Keils Veröffentlichungen und die Veröffentlichungen Dritter wurden alle Korrespondenzstücke einzeln verzeichnet.
Als einzige Quelle aus der umfangreichen Parlamentstätigkeit liegt eine von Keil angelegte Mappe Berichte aus dem Reichstag vor. Sie enthält in Berichtsform abgefasste Briefe Keils über Reichstags- und Fraktionssitzungen sowie handschriftliche Protokollnotizen von SPD-Reichstagsfraktionssitzungen.
Die vorliegenden Publikationen Keils wurden chronologisch geordnete. Einzelstücke, die sich als Anlagen in der Korrespondenz befanden, wurden als Kopie dort belassen, die Originale dem Block Publikationen zugeordnet.
Die Laufzeit des Bestandes erstreckt sich über die gesamte politische Wirkungszeit Keils. Der Nachlass liefert so jeweils ausschnittsweise Bilder der politischen Tätigkeit Keils und gewinnt damit nicht unbeträchtliche Bedeutung für die Forschung zur Geschichte der Sozialdemokratie, insbesondere im Raum Württemberg.
Nach der Ordnung umfaßt der Bestand 0,90 lfm.
Ein weiterer Teil-Nachlass befindet sich im Hauptstaatsarchiv Stuttgart, ein Nachlass-Splitter im Stadtarchiv Ludwigsburg.

  • Persönliche Unterlagen: Familienangelegenheiten / Veröffentlichungen zur Person / Tod Wilhelm Keils
  • Korrespondenz: Allgemeine Korrespondenz / Korrespondenz mit Einzelpersonen: Wilhelm Blos, Hans M. Gruber, Paul Hertz, Michael Kayser, Theodor Leipart, Paul Löbe, Erich Roßmann, Georg Schöpflin, Carl Severing, Fiedrich Stampfer, Fritz Ulrich, Paul Umbreit / Korrespondenz mit dem SPD-Parteivorstand / Korrespondenz zu Keils Veröffentlichungen / Korrespondenz zu Dissertationen / Aufsätzen Dritter / Korrespondenz zu Fragen des Europäischen Zusammenschlusses
  • Berichte aus dem Reichstag
  • Publikationen
  • Publikationen Dritter zu Keils Veröffentlichungen

Wilhelm Keil im Online-Katalog Bibliothek der FES