Mit der Aufnahme der Projekttätigkeit in Chile im Jahre 1967 begann die Friedrich-Ebert-Stiftung eines ihrer ersten Auslandsprojekte überhaupt. Ein Jahr später nahm die FES-Chile den Namen ILDIS (Instituto Latinoamericano de Investigaciones Sociales) an. Nach dem Militärputsch 1973 leistete die Stiftung Überlebenshilfe für die Opposition. Dazu stellte sie unter anderem ein Stipendienprogramm auf, durch das es über 150 politisch Verfolgten ermöglicht wurde, ausserhalb Chiles zu leben und zu studieren. 1974 musste das FES-Büro aus politischen Gründen von Santiago nach Quito/Ecuador verlegt werden.
Bereits im Jahre 1981 kehrte die FES unter der Rechtsform einer Consultinggesellschaft nach Chile zurück. Diese unterstützte Forschungsinstitute und Nicht-Regierungsorganisationen dabei, Überlegungen zum demokratischen Reorganisationsprozess zu entwickeln.
Ein Jahr später wurde zudem die Beratungsorganisation SERCAL gegründet. Diese wurde damit betraut, Dienstleistungen für das Kleingewerbe bereitzustellen, um so Beschäftigung und Einkommen in diesem Bereich zu verbessern. Gleichzeitig sollte sie ihre Beratungserfahrungen nutzen, um eine künftige demokratische Regierung in Chile bei der Gestaltung einer KMU-Förderpolitik beraten zu können. SERCAL wurde im Jahre 1991 an die örtlichen MitarbeiterInnen übergeben und erfolgreich in eine eigenständige chilenische Stiftung umgewandelt.
Ab 1987 stand die Arbeit der FES im Zeichen des "verhandelten" Übergangs zur Demokratie. In diese Zeit fielen das entscheidende Plebiszit vom Oktober 1988 gegen eine weitere Amtszeit Augusto Pinochets, die Präsidentschaftswahlen vom Dezember 1989 und die Amtsübernahme von Präsident Aylwin im März 1990.
Nach fast 17 Jahren Militärdiktatur konnte die Zusammenarbeit mit verschiedenen Regierungsstellen und dem Parlament wieder aufgenommen werden. Die neuen politischen Bedingungen erlaubten der Stiftung, ab 1990/91 in Chile unter dem Namen ORPLAFES mit dem Aufbau eines subregionalen Projektes zur Verbesserung von Ausbildungs- und Planungsmethoden zu beginnen. Gleichzeitig wurde auch wieder ein Projekt zur Wirtschafts- und Sozialstrukturförderung aufgenommen. Seit 1999/2000 sind alle Arbeitslinien der FES in Chile in einem Gesellschaftspolitischen Projekt zusammengefasst.
Seit der Rückkehr zur Demokratie und dank großer wirtschaftlicher Erfolge hat sich Chile in den 90er Jahren grundlegend gewandelt. Seit 1990 regiert eine Mitte-Links-Koalition aus Christdemokraten und den SI-Mitgliedsparteien Partido Socialista (PS), Partido Por la Democracia (PPD) und Partido Radical-Socialdemócrata (PRSD), und am 16. Januar 2000 wurde mit Ricardo Lagos wieder ein Sozialist zum neuen Staatsoberhaupt Chiles gewählt. Zudem rückten in den beiden letzten Jahren die konservativen Parteien der oppositionellen "Allianz für Chile" zunehmend von ihrem greisen Führer Pinochet ab, dessen politischer Einfluss heute unerheblich ist. Die Rechts-Links-Polarisierung, die in der Vergangenheit die chilenische Gesellschaft kennzeichnete, verblasst zunehmend.
Wirtschaftlich hatte Chile zwischen 1990 und 1998 mit einer jahresdurchschnittlichen Zunahme des Bruttoinlandsproduktes um 7,9 % ein außerordentliches Wachstum erzielt, das nur von Singapur (8,0 %) und Vietnam (8,6 %) übertroffen wurde. Dies führte zu einem deutlich verbesserten Lebensstandard, der auch den unteren Bevölkerungsschichten zugute kam. Obgleich Chile nach wie vor zu den Ländern mit einer äußerst ungleichen Einkommensverteilung gehört, wurde zwischen 1987 und 1997 zumindest im Großraum Santiago erreicht, dass der Anteil des oberen Fünftels der Haushalte mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen am Gesamteinkommen deutlich von 56,1 % auf 50,4 % abnahm, während der des einkommensschwächsten Fünftels der Haushalte von 4,8 auf 6,3 % zunahm.
Trotz der während des vergangenen Jahrzehntes erzielten Erfolge bestehen erhebliche Probleme fort, und es sind neue entstanden. Die Auswirkungen der asiatischen Wirtschafts- und Finanzkrise trafen die stark außenhandelsabhängige Wirtschaft Chiles hart und führten das Land 1999 in die erste Wirtschaftsrezession seit 17 Jahren. Die dadurch neu entstandene Arbeitslosigkeit, die sich seither um die Zehn-Prozent-Marke bewegt, wird allgemein als eine Bedrohung des in den meisten Fällen sehr bescheidenen Wohlstandes angesehen. Von der Regierung wird in erster Linie erwartet, dass sie durch eine angemessene Wirtschaftspolitik und Modernisierung der öffentlichen Verwaltung das Land aus der Krise führt.
Wenige demokratisch legitimierte Präsidenten haben eine ähnliche Machtfülle wie der Präsident Chiles. Er ernennt die 13 "Intendentes" (Ministerpräsidenten), entscheidet über die Zusammensetzung der Regionalregierungen, die den Zentralstaat in den Regionen vertreten, und weist ihnen Finanzmittel zu. Um mehr Partizipation und Transparenz zu erreichen, steht Chile vor der Aufgabe, Regierung und Verwaltung zu dezentralisieren.
In der Arbeitswelt ist die Lage nach wie vor dadurch gekennzeichnet, dass mit ca. zehn Prozent nur eine Minderheit der Beschäftigten von Tarifverträgen geschützt wird. Der Anteil der Unternehmen, in denen eine gewerkschaftliche Organisierung erlaubt ist, beträgt nur 2,8 % aller Unternehmen. Eine Reform der Arbeitsgesetzgebung, die auch Gewerkschaften und Tarifverträge in Klein- und Mittelbetrieben zuließe, ist seit Jahren anhängig.
Ein äußerst schwerwiegendes Problem entsteht mittelfristig durch die zunehmende Vergreisung der Bevölkerung. Gegenwärtig beträgt die Lebenserwartung der Männer 72 Jahre und die der Frauen 78 Jahre. Die Herausforderungen insbesondere an die Alterssicherungs- und Gesundheitssysteme sind erheblich. Entgegen seinem international guten Ruf ist jedoch gerade das chilenische System privater Rentenversicherung kaum in der Lage, die absehbaren Anforderungen zu bewältigen.
Weiterhin verstärkt sich das Ungleichgewicht in der geographischen Verteilung des Wohlstandes. Im Großraum Santiago wird mittlerweile fast die Hälfte des Bruttoinlandsproduktes erzeugt, siedeln 70 % der Grossunternehmen und befinden sich 75 Prozent der Bankeinlagen. Während hier der in Armut lebende Bevölkerungsteil auf 17 Prozent zurückging, beträgt er in den übrigen Regionen weiterhin zwischen 25 und 40 Prozent.
Die Chileninnen und Chilenen sind weit davon entfernt, gleichberechtigt in Wirtschaft und Politik mitzuwirken. In der Wirtschaft sind Frauen im mittleren und höheren Management nur mit 26 Prozent und in den Verbänden gar nur mit acht Prozent vertreten. Ihre Löhne und Gehälter sind durchschnittlich 31 % niedriger als die ihrer männlichen Kollegen.
Die Themenschwerpunkte wurden wiederholt an die sich ändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen angepasst. Gegenwärtig ist das FES-Büro in Santiago vorrangig in folgenden Bereichen tätig:
Die Friedrich-Ebert-Stiftung arbeitet in Chile mit einer Reihe von zentralen Regierungseinrichtungen und auf kommunaler und regionaler Ebene mit Gemeinden und Regionalregierungen zusammen. Darüber hinaus kooperiert die FES mit verschiedenen politischen Stiftungen, die den großen Parteien der Concertación nahestehen, sowie mit Gewerkschaftsverbänden und Einzelgewerkschaften.
Die FES hat außerdem in Chile zu den Themen regionale Dezentralisierung, Modernisierung der Arbeitsbeziehungen und Sozialversicherungssysteme eigene Diskussionsforen geschaffen, deren Ergebnisse von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in Regierung, Parlament und Parteien sowie in die Gewerkschaften getragen werden.