Mehr als vier Millionen ukrainische Kriegsflüchtlinge, meist Frauen und Kinder, flüchteten nach dem russischen Angriff am 24. Februar 2022 über die offenen Grenzen und wurden spontan aufgenommen. Flüchtlinge und engagierte Bürger vernetzten sich und die Flüchtlin-ge fanden Halt und Stabilität. Die EU gab der Hilfsbereitschaft der Europäer freien Raum, als sie am 3. März die Richtlinie über die „Vorläufige Aufnahme“ aktivierte und den Kriegs-flüchtlinge die freie Entscheidung über ihr Zufluchtsland gab. „Free choice“ hatte vorher nie eine Chance gehabt und entstand nun aus der politischen Situation heraus. Die Kriegsflücht-linge können arbeiten und sollen Unterstützung und medizinische Versorgung erhalten. Nor-wegen, die Schweiz, Island und Großbritannien schlossen sich dem EU-Vorgehen an. Auf diese Weise konnte die größte Fluchtbewegung in Europa seit 1947 kooperativ bewältigt werden.
Was als spontane Hilfe entstand, dauert auch nach zehn Monaten an, die Gastgeber sind nach wie vor hilfsbereit und tragen einen Hauptteil der Aufnahme. Die staatliche Unterstüt-zung für Gastgeber und Flüchtlinge variiert in den europäischen Ländern nach Ausmaß, Ge-staltung und Effektivität. Im Zusammenwirken von Zivilgesellschaften und Staaten ist ein neues europäisches Aufnahmeregime neben dem Asylsystem entstanden. Auch wenn sie sehr unterschiedliche Wege beschreiten, arbeiten die europäischen Staaten bei der Aufnahme rei-bungslos zusammen, im Unterschied zu den toxischen Konflikten bei der Verteilung von Asyl-suchenden.
Bei der innerstaatlichen Umsetzung der „Vorläufigen Aufnahme“ haben einige Länder kon-trollierende Elemente des Asylsystems übernommen, andere regeln die Aufnahme unabhän-gig davon. Diese Unterschiede machen sich vor allem bei den sehr unterschiedlichen Erfol-gen bei der Arbeitsaufnahme bemerkbar. Alle Staaten stehen vor der Aufgabe, die Kriegs-flüchtlinge so in ihr Leben aufzunehmen, dass sie ihre Fähigkeiten einbringen und weiter-entwickeln können, um nach Kriegsende entweder in der Ukraine oder im Aufnahmeland aktiv zu sein. Gelingt diese aktive Aufnahme, dann entsteht auch die Chance, funktionierende Elemente des neuen Regimes ins Asylsystem zu übertragen und dessen Widersprüchlichkeiten und Dilemmata aufzulösen.