19.05.2020

COVID-19 schädigt das Rückgrat der Indischen Wirtschaft

Der Lockdown verursacht einen Dominoeffekt auf die Wirtschaft, der die meisten Arbeitskräfte im informellen Sektor sehr hart trifft.

Bild: Frau sammelt Essenspenden in Allahabad von istock / Prabhat Kumar Verma

Wie überall auf der Welt hat die COVID-19-Pandemie den Alltag in ganz Indien zerrüttet. Die Regierung hat verschiedene sozioökonomische Maßnahmen ergriffen, um der Bevölkerung zu helfen. Infolge des Lockdowns verwandelten viele finanziell besser gestellte Arbeitnehmer_innen ihre Wohnungen über Nacht in ein Homeoffice, viele andere stehen der Situation jedoch wehrlos gegenüber. Während die Tech-Industrie blüht, sind Millionen von Gig-Arbeiter_innen jetzt gänzlich von Staatshilfen und Wohltätigkeitsorganisationen abhängig. Einerseits sind Schadstoffwerte gesunken und die Luft in Megastädten wie Delhi oder Mumbai ist weniger erstickend, andererseits gibt es Frauen, die unter der doppelten Belastung von Berufstätigkeit und Betreuung der Familie stehen sowie eine Zunahme von Fällen häuslicher Gewalt.

Das wahre Kapital

Mit rund 90 Prozent der Arbeitskräfte im informellen Sektor, d. h. rund 400 Millionen Menschen, trägt die informelle Wirtschaft nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 50 und 60 Prozent zum indischen BIP bei. Die indische Wirtschaft bereitete sich bereits vor der Pandemie auf einen Konjunkturrückgang in Verbindung mit steigender Arbeitslosigkeit vor. Durch COVID-19 hat sich die Situation weiter verschärft. Das Centre for Monitoring Indian Economy (CMIE) gibt die Arbeitslosenquote in Indien mit 23 Prozent gegenüber 7,7 Prozent im Februar 2020 an. Diese Zahl bezieht sich auf die vierzehn Tage von Ende März bis Anfang April 2020 nach dem Beginn der landesweiten Ausgangssperre. Laut dem National Sample Survey (NSS) könnten in der Zukunft fast 136 Millionen Menschen ihre Arbeit verlieren.

Am stärksten betroffen sind derzeit Arbeitnehmer_innen in kleinen Branchen, Dienstleistungssektoren wie Hotels, Restaurants und Transportunternehmen, Straßenverkäufer_innen und Tagelöhner. Sie kämpfen bereits um das Allernötigste, sei es in den Städten, in die sie vom Land zum Arbeiten gekommen sind, in Durchgangslagern oder an ihren Heimatorten. Die Verzweiflung in dieser Situation kann daran gemessen werden, dass viele dieser Arbeiter_innen versuchten, zu Fuß in ihre Hunderte von Kilometern entfernten Heimatstädte und Dörfer zurückzukehren.

In der Zwischenzeit erstellt die Regierung einen Plan, um mit der schrittweisen Operationalisierung von Dienstleistungen und Aktivitäten wie Gesundheitswesen, Landwirtschaft, Arbeit im Rahmen des Mahatma Gandhi National Rural Employment Guarantee Act, Warenverkehr, Industrie und Produktionseinheiten sowie Bautätigkeiten zu beginnen. Dies kann Wanderarbeitnehmer_innen dazu ermutigen, in Städte und an Arbeitsplätze zurückzukehren, obwohl angesichts von Bewegungs – und Transporteinschränkungen noch Unklarheit über die Umsetzung herrscht. Laut Barclays könnte die indische Wirtschaft im Zeitraum des Lockdowns bis zu 234,4 Milliarden US-Dollar verlieren.

Der Aufstieg und Fall von Gig-Arbeitern

Gig-Arbeiter_innen, die einst mit ihrem schnellen Einkommen und ihrer Arbeitsfreiheit prahlten, sind ebenfalls schwer betroffen. Der Lockdown traf App-basierte Dienstleistungen wie Taxis, Essenslieferservice, Kurierdienste, Lebensmittellieferungen etc. und beeinträchtigte den Lebensunterhalt dieser jungen, gering qualifizierten oder angelernten Arbeitskräfte. Während nach und nach einige der Dienstleistungen wieder aufgenommen werden, wenn auch nicht in voller Kapazität, wurden die Arbeiter_innen unbeabsichtigte Opfer der sozialen Profilierung. Leider schieben die Regierungsstellen, Dienstleister und Wohnkomplexe die Verantwortung für eine kontaktlose Zustellung und die Aufrechterhaltung der sozialen Distanz auf die Arbeitskräfte ab. Nur wenige Unternehmen bieten Schutzausrüstung wie Masken und Desinfektionsmittel an, andere erwarten von den Arbeitnehmern, dass sie sich selbst darum kümmern.

Die Situation spitzt sich weiter zu

Die Pandemie hat die Verwundbarkeit der am Rande der Gesellschaft stehenden Arbeitnehmer_innen erhöht, darunter Heimarbeiter_innen, trans* Personen, Hausangestellte, Sexarbeiter_innen – vorwiegend Frauen und andere Geschlechter. Es kann noch eine Weile dauern, bis die Zahlen der vom Lockdown betroffenen marginalisierten Arbeitskräfte bekannt sind. Das ganze Ausmaß der Auswirkungen lässt sich jedoch bereits aus der Tatsache ableiten, dass Frauen fast ein Drittel der Arbeitskräfte im informellen Sektor ausmachen.

Die aktuelle Krise hat die Schwächen des Sozialversicherungssystem aufgedeckt. Sie hat die Debatte über die Ausweitung eines universellen Grundeinkommens und ein Mindestmaß an sozialem Schutz für alle weiter entfacht. Der Mangel an glaubwürdigen Arbeitnehmerdaten führt dazu, dass Arbeiter_innen von staatlichen Leistungen ausgeschlossen werden.

Informelle Arbeitnehmer_innen und ihr Beitrag zur Entwicklung dürfen nicht ignoriert werden. Das Land braucht nicht nur ihren wirtschaftlichen Beitrag, sondern auch ihre Fähigkeiten und Dienstleistungen. Wie schnell sich das Land von den Verlusten erholen kann, wird davon abhängen, wie gut es den Bedürfnissen der informellen Arbeitskräfte in diesen Krisenzeiten gerecht wird. Mehr denn je müssen die Herausforderungen der informellen Wirtschaft im Mittelpunkt stehen. Das Ziel sollte sein, gestärkt aus dieser Krise hervorzugehen und gemeinsam die Ziele der Vereinten Nationen für Nachhaltige Entwicklung zu verfolgen und den Slogan »Leave no one behind« ernst zu nehmen.


Dieser Artikel wurde in Kooperation der drei Arbeitsbereiche der FES Indien erstellt: Gewerkschaftsarbeit, Gender und soziale Gerechtigkeit sowie Wirtschaft von Morgen und erschien im Original in Englisch als Teil des #FESAsiaCoronaBrief.

Länder / Regionen: Asien/Pazifik

Arbeitseinheit: Internationale Entwicklungszusammenarbeit | Referat Asien/Pazifik

Ansprechpartnerin

Anja Bodenmüller-Raeder
Anja Bodenmüller-Raeder
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