Gender-Blog


05.09.2019

Gendern im Land des Machismo

Zum Diskurs über geschlechtergerechte Sprache in Spanien.

Bild: Fearless von Joshua Coleman / Unsplash lizenziert unter CC0 1.0

Kann eine Sprache bewusst gesteuert werden? Und wer entscheidet über die Bedeutung sprachlicher Veränderungen? Der Diskurs über geschlechtergerechte Sprache hat in Spanien bereits die Verfassung erreicht.

„Wir haben eine männliche Verfassung“ [1] so Carmen Calvo Poyato, Vizepräsidentin und Ministerin für Gleichstellung in Spanien, im Juli 2018. Sie setzte sogar nach und beauftragte die „Real Academia Española“ (dt. "Königlich Spanische Akademie"), eine Institution für die Pflege der spanischen Sprache, mit einem Gutachten: Wie könne die Verfassung so formuliert werden, dass sie auch Frauen miteinbeziehe?

Eine jahrelange Diskussion um geschlechtergerechte Sprache geht Calvos Forderung voraus. Der Hauptstreitpunkt: das generische Maskulinum. Sind Frauen mitgemeint? Oder diskriminiert es sie, weil die meisten Menschen sofort an eine Gruppe von Männern denken?

Wann sind Veränderungen in der Sprache „offiziell“?

Mit ihrer Forderung wendet sich Calvo an die höchste Sprachinstanz im spanischsprachigen Raum. Seit 1713 trifft die „Real Academia Española“ Entscheidungen über das Spanische – sie „reinigt, legt fest und verleiht Glanz“. Damit zementiert sie die sprachliche Vormachtstellung des „Castellano“ – das „Spanisch“, was wir kennen – gegenüber dem Baskischen, Katalanischen, Galizischen und Valencianischen.

Der Rat der Akademie besteht derzeit aus 46 Personen: 38 Männer, acht Frauen. Sie verstehen sich nicht als Institution, die Sprache „von oben“ regelt. Vielmehr institutionalisieren sie sprachliche Veränderungen, wenn sie mit einem breiten gesellschaftlichen Konsens einhergehen. Heute betrifft das etwa 500 Millionen Spanischsprechende. Niemand könne Sprache bewusst steuern, sagt Akademie-Mitglied Pedro Álvarez de Miranda.Erst, wenn sich die Gesellschaft verändere, verändere sich die Sprache [2].

Im Februar 2019 setzt das Wahlbündnis der Linksparteien, „Unidos Podemos“ (dt. „Vereint können wir“), ein Zeichen für den Feminismus: Es änderte seinen Namen in „Unidas Podemos“. Alle Parteimitglieder nutzen nun das generische Femininum in Wort und Schrift. In ihrem „Kommunikationsprotokoll“ [3] schreibt Unidas Podemos, das generische Maskulinum erzeuge immer dieselben Bilder im Kopf. Bei „médico“ (dt. Arzt) würde kaum jemand an eine Chirurgin denken. Sprache solle präzise genutzt werden, um wichtige Sachverhalte im Blick zu behalten. Das Wort „trabajador“ (dt. Arbeiter) verschleiere nicht nur die Tatsache, dass auch Frauen gemeint sind. Es lenke ebenso davon ab, dass 70 Prozent der halbtags Angestellten Frauen seien – die häufig nicht freiwillig in prekären Verhältnissen lebten.

Alternativen zum generischen Maskulinum im Spanischen

Zusätzlich zum generischen Femininum, wie Unidas Podemos es nutzt, haben sich im spanischen Sprachraum drei weitere Möglichkeiten gebildet, um das generische Maskulinum zu vermeiden: die Doppelnennung und das „@“. Am Beispiel „los ciudadanos“ (dt. die Staatsbürger) sähen die Alternativen wie folgt aus: „los ciudadanos y las ciudadanas“ (dt. die Staatsbürger und die Staatsbürgerinnen) oder „l@s ciudadan@s“. Um Menschen nicht binären Geschlechts miteinzubeziehen, hat sich das „e“ in der gesprochenen Sprache, in der Schrift mit „x“ repräsentiert, etabliert: „les ciudadanes“ und „lxs ciudadanxs“.

Doch trotz der positiven Entwicklungen und Bemühungen die Sichtbarkeit insbesondere von Frauen in der Sprache zu erhöhen, gibt es noch immer kritische Stimmen, die gegen das Gender wittern. So sei das Gendern nicht mit der Morphologie des Spanischen vereinbar – und obendrein unnötig, schreibt die „Real Academia Española“ in mehreren Tweets [4]. Álvarez de Miranda, verteidigt in seinem Buch El género y la lengua (2018) [5] (dt. Das Geschlecht und die Sprache) das generische Maskulinum: Es sei unmöglich, eine Sprache in ihrem Kern zu verändern, wie beispielsweise ein neues grammatikalisches Geschlecht einzuführen. Es sei zwar ein Problem für den Feminismus, aber ein unlösbares. Es könne nur Chaos entstehen, wenn ein über Jahrhunderte entstandenes Sprachsystem willkürlich verletzt werde. [6]

Mit der steigenden Präsenz von Frauen in wichtigen Positionen und Ämtern hat sich das Spanische aber doch verändert. Seit 1995 gelten weibliche akademische Titel z.B. als grammatikalisch korrekt. Christina Kirchner, die in Argentinien als erste Frau an die Macht kam, gab den Anstoß für „presidenta“.

Konsequentes Gendern im Spanischen: eine komplexere Herausforderung als im Deutschen

Während Gendern für Deutschsprechende eine lösbare Herausforderung ist, haben es Spanierinnen und Spanier weitaus schwerer:

  1. Es gibt im Spanischen kein neutrales Geschlecht. Und auch der Artikel im Plural fällt entweder männlich oder weiblich aus.
  2. Die meisten Adjektive und Adverbien müssen an das Geschlecht des Nomens angepasst werden. Dadurch müssen fast alle Satzglieder gegendert werden.

Nehmen wir beispielsweise folgenden Satz:

„Los trabajadores españoles son rápidos.“ (dt. Die spanischen Arbeiter sind schnell.)

Während wir im Deutschen ausschließlich das Wort „Arbeiter“ gendern, müssen wir hier sowohl den Artikel als auch das Subjekt, das Adjektiv und das Adverb anpassen. Zum Beispiel so:

„L@s trabajador@s español@s son rápid@s.“

„Lxs trabajadorxs españolxs son rápidxs.“

Doch die spanische Sprache ist vielseitig, und auch an Anleitungen zum Gendern mangelt es nicht. Eine davon ist die von Teresa Meana, Philologin und Expertin für gendergerechte Sprache. Detailliert beschreibt sie in ihrem e-Book Porque las palabras no se las lleva el viento ... Por un uso no sexista de la lengua(dt. Weil Worte nicht vom Wind verweht werden ... Für eine nicht-sexistische Verwendung der Sprache), wie Gendern im Spanischen gelingen und die Lesbarkeit beibehalten werden kann: von der Vermeidung des generischen Maskulinums über grammatikalische Strategien bis hin zu Amtssprache und Berufsbezeichnungen.

Wo mit dem Gendern beginnen, wo aufhören?

Wie weit das Gendern gehen solle fragte beispielsweise auch 2012 Akademie-Mitglied Ignacio Bosque in seinem Gutachten Sexismo lingüístico y visibilidad de la mujer(dt. Linguistischer Sexismus und Sichtbarkeit der Frau). Darin analysiert er die bis dato wichtigsten Veröffentlichungen über gendergerechte Sprache. Sein Fazit: Die Empfehlungen seien nicht mit der Praxis vereinbar und würden grammatikalische Normen verletzten.

In diesem Sinne fällt auch die eingangs genannte Untersuchung der „Real Academia Española“ aus: „Wenn die Verfassung reformiert werden soll, wird es nicht über die Sprache geschehen“, sagt Álvarez de Miranda. [7] Die spanische Sprache habe sich seit 1978 kaum verändert. Minimale Änderungsvorschläge betreffen beispielsweise das Wort „rey“ (König) – es soll nun nicht mehr als generisches Maskulinum auftreten. Viel wichtiger sei aber, die Thronfolge geschlechtergerecht zu regeln – indem nicht der Junge dem älteren Mädchen vorgezogen werde.

Feministinnen wie Meana plädieren derweil dafür, eine geschlechtergerechte Verfassung nicht der Akademie zu überlassen. [8] Es ginge um Politik, nicht um Grammatik.

 

Autorin

Anke Ernst  schreibt aktuell ein Länderporträt Spanien für die Bundeszentrale für politische Bildung. Sie veröffentlicht regelmäßig Texte über interkulturelle Themen, bildende Kunst und Erwachsenenbildung. Als Schreibmentorin bloggt sie auf Die Welt in deinen Worten.

 

[1]   „Tenemos una Constitución en masculino.“ https://www.elmundo.es/espana/2018/07/11/5b44ffa6e2704e939f8b45ff.html

[2]   https://www.elmundo.es/opinion/2019/01/12/5c390039fc6c8360118b465a.html

[3]   https://podemos.info/wp-content/uploads/2018/03/2018_03_13_protcolo_comunicac_feminista.pdf

[4]   Beispielsweise am 8.5.19 (https://twitter.com/RAEinforma/status/1126054933667680256) oder am 22.2.19 (https://twitter.com/RAEinforma/status/1098880550763446277).

[5]   http://www.turnerlibros.com/book/genero-y-lengua-2625.html

[6]   https://elpais.com/cultura/2018/11/23/babelia/1542975935_808721.html

[7]   https://www.lavanguardia.com/cultura/20190206/46261053842/academico-rae-constitucion-lenguaje-inclusivo-informe.html

[8]  https://elpais.com/cultura/2019/01/27/actualidad/1548597347_879109.html


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