Gender-Blog


17.07.2019

"Wir sind erst befreit, wenn jede Person mitgedacht wird"

Ein Gespräch mit Jamie Schearer-Udeh und Muna Hassaballah über Schwarzen Feminismus.

Anja Dargatz: Zwei Frauen: gleicher Bildungsgrad, gleiches Einkommen, gleicher Familienstand – eine ist weiß, eine ist Schwarz[1]. Worin unterscheidet sich der Alltag einer Schwarzen Frau zu dem einer weißen?

Jamie Schearer-Udeh: Für Schwarze Frauen* ist der Alltag durch die sexistische aber auch rassistische Diskriminierung geprägt. Das äußert sich oftmals in der Projektion von Stereotypen. Schwarzen Frauen* werden oftmals Positionen in der Gesellschaft zu geschrieben, in denen sie auch historisch sichtbar waren. Das ist oftmals Care-Arbeit, unterstützende Positionen oder der Entertainment Sektor. Sehr selten zu sehen sind Schwarze Frauen in Führungspositionen – in feministischen Diskursen sind die weißen Frauen die Macherinnen. Grundsätzlich würde ich sagen, dass Schwarze Frauen* sehr selten selbstbestimmt und außerhalb der gängigen Stereotypen öffentlich repräsentiert sind – also in der Entertainmentbranche und im Sport gibt es sicherlich eine Überrepräsentation, während in Wissenschaft, Politik und Unternehmer*innentum Schwarze Frauen* und Schwarze nicht-binäre Personen, kaum zu sehen sind. Dabei sind Schwarze Frauen* unglaublich resilent. Ihre Arbeit erlaubt mir heute aktiv zu sein und die Arbeit, die sie begonnen haben weiterzutragen.

Muna Hassaballah: Ich würde sagen, dass Schwarze Frauen im Gegensatz zu weißen Frauen zwei Kämpfe austragen; einmal sich in Richtung der Mehrheitsgesellschaft ein Standing erarbeiten „zu müssen“, um überhaupt sichtbar zu sein. Und sich andererseits auch in der eigenen Community zu behaupten, wo auch sehr hohe, oft implizite Erwartungen an Frauen und ihr Sein gestellt werden.

AD: Wie zeigt sich die Diskriminierung?

JS: Schwarze Personen werden oft in die Nähe des Tierreichs gerückt: sehr stark, körperlich gut gebaut, unzivilisiert, hypersexualisiert, chaotisch sind typische Charakteristika von Anti- Schwarzem Rassismus. Dazu gehören auch Stereotype wie, sie könnten besonders gut tanzen. Diese Stereotype sind vielschichtig, die entstehen historisch: z.B. waren Schwarze in den 50er Jahren in Deutschland mit dem Bild des amerikanischen GI verbunden, heute sind es eher migrantische Narrative. Die rassistischen Bilder und Lesarten erlernen wir alle, da Rassismus ein gesamtgesellschaftliches und strukturelles Problem ist. Die Ausübung von Rassismus muss nicht gewollt sein, der Effekt ist jedoch der Gleiche. Das kann materiell sein – schlechtere Bildungschancen, weniger Zugänge auf dem Bildungsmarkt und stärkere Kontrolle durch Institutionen wirken sich massiv auf Menschen of Color in Deutschland aus, aber auch die gängige rassistische Diskriminierung durch verbale Ausschlüsse. Sie verletzten die Betroffenen: Wenn ich jemandem auf den Fuß trete, kann ich mich dafür entschuldigen – der Schmerz bleibt.

AD: Der afro-amerikanische Feminismus hat eine große Geschichte, was zeichnet ihn aus?

JS: Schwarzer Feminismus begann in den USA in Zeiten der Versklavung, als Schwarze privilegierte Frauen anfingen, sich zu organisieren. Das ist bis heute noch ein wichtiges Merkmal: Empowern, sich gegenseitig stärken und organisieren – dann erst kommen mögliche Allianzen mit der weißen Gesellschaft. Außerdem versteht sich besonders der Schwarze Queere Feminismus immer umfassend: Wir sind erst befreit, wenn jede Person mitgedacht wird – das gilt für nicht-binäre Personen, behinderte Menschen, Kinder, Männer, Familien  etc.

AD: Was ist am Schwarzen Feminismus anders als am weißen?

MH: Manche Forderungen der weißen deutschen Frauenbewegung sind einfach nicht meine. Es kann nicht nur darum gehen, die gleichen Rechte wie Männer zu haben, sondern darum, die spezifischen Belange von Frauen im Blick zu haben und sie darin zu stärken. Und die sind eben unterschiedlich. Für mich war es immer ganz normal, dass meine Mutter arbeiten ging. Aber hatte sie eine Wahl?! Vielen Schwarzen Frauen geht es ja auch erstmal darum, überhaupt Zugang zum Arbeitsmarkt zu haben, der unseren Qualifikationen entspricht. Als muslimisch sozialisierte Frau, kann ich auch nicht nachvollziehen, wie Frauen, die bspw. ein Kopftuch tragen, gerade aus den „feministischen“ Reihen so angegriffen werden. Wen schließt der Feminismus hier ein und wen aus?

JS: Außerdem ist der Schwarze Feminismus ganz klar grass-root-mäßig organisiert: Rotation, Empowerment, Bewusstseinsbildung – auch der Aufbau von Personen gehört dazu. Rosa Parks ist ja nicht zufällig im Bus sitzen geblieben. Das war eine geplante Aktion gewesen, für die sie gezielt vorbereitet wurde.

AD: Was empfehlen Sie Verbänden oder Organisationen, die diverser werden wollen, aber vielleicht nicht wissen, wie?

JS: Es gibt Methoden, die man anwenden kann, wie Power-Mapping oder eine Kraftfeldanalyse, um überhaupt erstmal Machtkonstellationen und Hierarchien aufzudecken. Dann sollte man Verantwortliche benennen, die für den Prozess zuständig sind, vielleicht eine Steuerungsgruppe einrichten.

AD: Frau Schearer-Udeh, Sie haben mal gesagt, dass Sie eigentlich müde sind, weißen Menschen die Lebenswirklichkeit von Schwarzen zu erklären….

JS: Ich bin mir im Klaren: Wieviel Kraft verschwende ich in den Widerstand und wieviel in Aufbau und Empowerment der Community.  Schutz und Ressourcen-Tanken sind Teil der Strategie – so stärkt sich das Kollektiv und wird sichtbar.
 

Jamie Schearer-Udeh hat Politikwissenschaft, Amerikanistik und Ethnologie studiert. Sie ist Mitbegründerin  des Europäischen Netzwerks für Menschen Afrikanischer Abstammung (engl. ENPAD).  Sie ist seit acht Jahren in verschiedenen Funktionen in  der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD) aktiv. 2013 initiierte Sie gemeinsam mit anderen Frauen  #SchauHin auf Twitter. Unter diesem Hashtag bündelten Menschen ihre  Erfahrungen mit Alltagsrassismus im deutsch-sprachigen Raum und machten diesen damit sichtbar. Derzeit arbeitet sie als freie Beraterin für Antirassismus und intersektionelle Diskriminierung.

Muna Hassaballah hat Medienwirtschaft studiert und ist Systemische Beraterin und Dolmetscherin. Sie arbeitet als Referentin für Partnerschaften mit Burundi bei der Stiftung für Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg. In Stuttgart hat sie eine Empowerment-Gruppe für Schwarze Frauen gegründet und widmet sich auch sonst dem Organisieren von Räumen für Austausch und Reflektion in verschiedenen Communties.

Das Gespräch führte Anja Dargatz, Leiterin des Fritz-Erler-Forums, Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg.

[1]Schwarz wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt, und keine reelle  „Eigenschaft“, die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist. So bedeutet Schwarz-sein in diesem Kontext nicht, pauschal einer „ethnischen Gruppe“ zugeordnet zu werden, sondern ist auch mit der Erfahrung verbunden, auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen zu werden. Weiß bildet dabei kein politisches Gegenstück zum Widerstand, der durch das Großschreiben von „Schwarz“ ausgedrückt wird, weshalb es klein und kursiv geschrieben wird, da es sich hier ebenfalls um ein Konstrukt handelt, das aber kein Widerstandspotential beinhaltet (angelehnt an: Eggers, Maureen Maisha / Kilomba, Grada / Piesche, Peggy / Arndt, Susan (Hg) 2005: Mythen, Masken und Subjekte. Münster: Unrast Verlag, 13).


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