31.07.2019

Rückblick: Herrengedeck - Wann ist ein Mann ein Mann? 21. Juli 2019, Stuttgart

 

Bild: Input von Markus Textor, Sozialpädagoge und Aktivist. von Magdalena Backes

Bild: Markus Pfalzgraf (Moderation), Andreas Henke, Kevin Koldewey. (v.l.n.r.) von Magdalena Backes

Bild: Gäste auf dem Podium: Markus Textor, Olcay Miyanyedi, Claudius Desanti und Markus Pfalzgraf (Moderation). (v.l.n.r.) von Magdalena Backes

Im Rahmen der Kulturwoche zum Christopher Street Day diskutierten wir das Männerbild in unserer Gesellschaft: bunt, divers – aber vielleicht doch nicht so viel anders, als wir glauben möchten.

Als Gesprächsgäste waren Markus Textor (Sozialpädagoge und Aktivist), Olcay Miyanyedi (Religions- und Erziehungswissenschaftler, Leiter des Projektes „Andrej ist anders und Selma liebt Sandra – Kultursensible sexuelle Orientierung“ der türkischen Gemeinde in Baden-Württemberg e.V.), Kevin Koldewey (Sozialarbeiter, Jungen im Blick – Beratungsstelle für Jungen* und junge Männer*),  Andreas Henke (Sozialwissenschaftler, Pressesprecher des ver.di-Landesbezirk Baden-Württemberg) und Claudius Desanti (Blogger beim queeren Social-Media-Kanal Sissy That Talk) geladen.

Ein Rückblick von Anja Dargatz, Leiterin es Fritz-Erler-Forums, Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung Bande-Württemberg.

Dass sich Männlichkeit in den letzten Jahrzehnten rasant verändert hat, ist unumstritten  – aber haben sich auch die patriarchalen Strukturen innerhalb der Gesellschaft geändert? Auf der einen Seite kann man die Entwicklungen in Betrieben, Vereinen und Familien nicht leugnen: Der „Macher“, der alles kann, tritt immer mehr in den Hintergrund und ähnlich wie bei Frauen werden die Lebenswirklichkeiten von Männern immer vielfältiger. Ist das Feindbild des „alten weißen Mannes“ also vom Aussterben bedroht oder wachsen neue dominierende Männlichkeitsbilder nach?

Hegemoniale Männlichkeit ist immer weiß und braucht ein Gegenstück

Der weiße, heterosexuelle und studierte Bio-Vater, der Erziehungsurlaub nimmt und gleichberechtigt im Haushalt mithilft, verlässt damit nicht unbedingt seine privilegierte gesellschaftliche Stellung. Und weiterhin gilt: Hegemoniale Männlichkeit ist immer weiß und braucht ein Gegenstück, um sich immer wieder selbst zu konstruieren: den nicht-weißen Mann. An der Tatsache, dass sich Privilegien an die Hautfarbe binden, hat sich in der Männer-Welt von  heute nichts geändert.

Die vielleicht nicht mehr so offensichtliche, aber dennoch existierende, männlichen Vormachtstellung mit den damit verbundenen angeblichen männlichen Attributen beschränkt sich nicht auf die Welt der Heterosexuellen: Auch unter Schwulen werden diese Normen gelebt – im Gegensatz zur queeren community, die versucht sich bewusst von jedweden Geschlechtszuweisungen frei zu machen. Die schwule und die queere Szene haben Gesprächsbedarf, so ein Fazit. Auch an der Tatsache, dass Jungs überwiegend in einem weiblichen Umfeld aufwachsen, ändert sich erst sehr langsam etwas. Dabei geht es weniger um das biologische Geschlecht des Erziehenden, sondern um die Frage wie z.B. Konflikte ausgetragen werden oder wie mit Aggressionen oder Gefühlen umgegangen wird – dabei sind Väter und Mütter gefragt.

Individuelles Verhalten und gesamtgesellschaftliche Strukturen sind eng miteinander verbunden

Deutlich wurde bei der Debatte, wie eng individuelles Verhalten und der Mikrokosmos, in dem man aufwächst,  mit den gesamtgesellschaftlichen Strukturen zusammenhängen.  Auf der individuellen Ebene sollten Männer  z.B. eigeninitiativ ihren Kommunikations- und Arbeitsstil familienfreundlicher gestalten und nicht immer auf die Frauen schielen. Männer sollten selbst auf sich Acht geben, so dass es keinen Unterschied mehr macht, ob man es mit reinen Männerrunden oder gemischten Teams zu tun hat. Strukturell existiert das Patriachat so lange weiter wie ungerechte Unterbezahlung von weiblich dominierten Berufen, fehlende Gleichberechtigung von Frauen aber auch von nicht-normativen Männer-Typen in Führungspositionen bestehen. Fazit: An beiden Fronten gilt es zu kämpfen!

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