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01.03.2020

Ein wichtiges Puzzleteil

Wir sprachen mit Evely Regner (MdEP) über die neue EU-­Gleichstellungsstrategie.

Bild: Evelyn Regner von Thomas Peintinger

FES: Die Corona-Pandemie offenbart nicht nur die tiefgreifenden sozialen Ungleichheiten, sondern auch die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Erleben wir derzeit einen Rückschlag für den Feminismus?

Evelyn Regner: Die Corona-Krise verstärkt bestehende Ungleichheiten. Frauen stemmen den Großteil der Arbeit in den Branchen der Systemerhaltung, oft unterbezahlt und unter schlechten Arbeitsbedingungen. Frauen sind gleichzeitig überproportional von Corona-bedingter Arbeitslosigkeit betroffen. Auf ihnen lastet der Druck, tagtäglich Familie, Beruf und Haushalt unter einen Hut zu bekommen. Und in diesem Frühjahr waren Familien teilweise monatelang in kleinen Wohnungen eingesperrt – für Frauen eine brandgefährliche Situation, was auch die Zahlen zur häuslichen Gewalt belegen. Wir müssen unsere Gegenmaßnahmen also genau auf die spezifischen Probleme von Frauen abstimmen.

Welche Rolle kommt der im März veröffentlichten EU-Gleichstellungsstrategie für das Erreichen von Geschlechtergerechtigkeit zu?

Viele Menschen sind weltweit von der Arbeit von Frauen abhängig, ob bezahlt oder unbezahlt. Einerseits sind das die Kinder, die mehrheitlich von Frauen betreut werden, aber auch Pflege-bedürftige und Menschen mit Behinderung, die Assistenz benötigen. Die gerechte Verteilung dieser Arbeit ist eine zentrale Forderung, aber da haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Die Gleichstellungsstrategie ist sicher ein wichtiges Puzzleteil, dort sind zentrale Gleichstellungsziele für viele Bereiche formuliert. Aber jetzt müssen auch verbindliche Gesetzesmaßnahmen folgen. Grenzüberschreitende Abhängigkeiten in der Pflege werden durch regionale Ungleichheiten in der EU befördert. So arbeiten zahlreiche weibliche Pflegekräfte aus Osteuropa oftmals zu entwürdigenden Bedingungen in Westeuropa.

Wie lassen sich diese Muster durchbrechen?

Dazu braucht es ganz generell eine Aufwertung des Pflegeberufs. Wenn Pflegekräfte gut bezahlt, wertgeschätzt und rechtlich gut abgesichert sind, relativieren sich auch viele andere Abhängigkeitsverhältnisse, in denen Pflegekräfte heute gefangen sind. Aktuell ist aber trotz schöner Worte, wie »Klatschen alleine reicht nicht«, oft sogar das Gegenteil der Fall. In Österreich werden Familienbeihilfe und -bonus indexiert. Unsere Pflegesysteme sind von der Arbeit vieler Pfleger_innen aus dem EU-Ausland abhängig, aber obwohl sie in unser System einzahlen und ohnehin schon wenig verdienen, werden sie von uns auch noch bestraft. Das ist das Gegenteil von europäischer Solidaritä

 

Evelyn Regner ist Mitglied des Europäischen Parlaments (SPÖ), Vorsitzende des Ausschusses für die Rechte der Frauen und die Gleichstellung der Geschlechter (FEMM).


Der Beitrag erschien im Original in der FES Info 3/2020, S. 16.

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