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20.05.2021

Solidarität „walten lassen“. Hegemoniale Denkmuster im transnationalen Feminismus

Nikita Dhawan im Interview zu der Frage, wie wir grenzüberschreitende feministische Bündnisse schließen können, ohne anderen unsere hegemonialen Denkmuster aufzuzwingen.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) bemüht sich in ihrer Arbeit zu Geschlechtergerechtigkeit, durch die Stärkung feministischer Netzwerke, Bündnisse über Regionen und Grenzen hinweg zu schließen. Wie können wir über Grenzen hinweg eine nicht-imperialistische Solidarität anstreben, gerade vor dem Hintergrund der in der Entwicklungspolitik und politischen Bildung verankerten Machtasymmetrien zwischen dem Globalen Norden und dem Globalen Süden? Natalia Figge sprach am Rande des jährlichen Gender Innovations-Netzwerk Treffens mit Nikita Dhawan.

 

Wie können wir grenzüberschreitende Bündnisse schließen, ohne anderen unsere hegemonialen feministischen Denkmuster überzustülpen oder herablassend gegenüber denjenigen aufzutreten, die als Empfänger_innen der Solidarität gesehen werden?

Sowohl die länderübergreifende, feministische Forschung und Wissenschaft als auch der transnationale und feministische Aktivismus kämpfen immer noch mit der Frage, wie Bündnisse gegen Geschlechterungerechtigkeit und geschlechtsspezifische Ungleichheit geschlossen werden können, die eine mögliche Grundlage für gemeinsame feministische Projekte bieten könnten. Die Herausforderung bleibt doch nach wie vor: Wie können Fragen der Geschlechtergerechtigkeit, insbesondere im Globalen Süden, angegangen werden, ohne dabei orientalistische und eurozentrische Tendenzen im Globalen Norden zu verstärken?
 

Welche Themen sind von besonderer Relevanz, wenn es darum geht, sich Normen der Freiheit und Gerechtigkeit von neoliberalen und neokonservativen Kräften wieder anzueignen?

Wir sollten uns darüber bewusst sein, dass z.B. geschlechtsspezifische Gewalt nach wie vor von hegemonialen Kräften als Waffe benutzt wird, um Migrantengemeinschaften und postkoloniale Gesellschaften als inhärent frauenfeindlich zu stigmatisieren, während Migrantinnen und Frauen aus der Dritten Welt als ‚hilflose Opfer’ ihrer Kulturen und Gesellschaften dargestellt werden. Angesichts der imperialistischen Praxis der westlichen Welt läuft jegliche Diskussion über Geschlechterungerechtigkeiten in Minderheitengruppen oder postkolonialen Gesellschaften Gefahr, strategisch vereinnahmt zu werden, um Rassismus und Militarisierung im Namen des ‚Schutzes’ vor geschlechtsspezifischer Gewalt zu verstetigen. Es ist zwingend erforderlich anzuerkennen, dass es für Probleme der Geschlechterungerechtigkeit keine allgemeingültigen Lösungen gibt.

Auch wenn feministische Initiativen immer stärker auf örtliche Gegebenheiten eingehen, hat das begriffliche Konzept der ‚Fraueninteressen’, welches vermeintlich von allen Frauen ungeachtet ihrer Ethnie, Klasse, Religion und Staatsangehörigkeit geteilt wird, dazu geführt, dass allgemeine Lösungen für globale Probleme befürwortet werden, die als allgemein relevant für alle Frauen betrachtet werden. Internationale Initiativen im Kampf gegen Armut oder Konflikte stellen Frauen aus der Dritten Welt beispielsweise oft als ‚hilfsbedürftig’ dar und legitimieren so ein Eingreifen des Westens. Insoweit sich westliche Feminist*innen an dieser Art der Verallgemeinerung politischer Diskurse beteiligt haben und die Möglichkeit nicht-westlicher Formen der Geschlechtergerechtigkeit in Abrede stellen, haben sie dazu beigetragen, die eurozentrische Voreingenommenheit in der länderübergreifenden feministischen Politik zu verfestigen, während sie an einer Form der Solidarität festhalten, die etablierte Hierarchien untermauert. 
 

Wie kann die Beschäftigung mit postkolonialen und dekolonialistischen feministischen Genealogien und mit dem methodologischen Ansatz der Intersektionalität die länderübergreifende feministische Politik verändern?

Eine der bedeutendsten Errungenschaften des grenzüberschreitenden Feminismus der letzten Jahrzehnte bestand darin,  die Vorstellung des globalen Patriarchats und das Paradigma der ‚weltweiten Schwesternschaft’ zu überwinden und stattdessen zu überlegen, wie ‚Unterschiede einen Unterschied’ in der globalen Politik machen.  Die Ausrichtung auf Intersektionalität führte zweifellos zu einer Bereicherung der Diskussionen darüber, wie sich Sexismus, das Heteropatriarchat, Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie oder Transphobie gegenseitig bedingen, während Kapitalismus und Neokolonialismus weiterhin zu einer Verarmung und Entrechtung des größten Teils der Weltbevölkerung führen. Während Verfechter*innen des transnationalen Feminismus betonen, wie das wachsende internationale Netzwerk zivilgesellschaftlicher Akteur*innen die Teilhabe von Frauen aus dem Globalen Süden in der globalen Politik erleichtert, weisen Kritiker*innen darauf hin, dass die Verflechtung der lokalen Kämpfe von Frauen mit einer globalen Frauenbewegung hegemoniale feministische Denkmuster verfestigt hat.
 

Mit welchen besonderen Herausforderungen sehen sich Feminist*innen konfrontiert, wenn sie das Persönliche mit dem Politischen und das Lokale mit dem Regionalen und Globalen in Einklang bringen?

Zum Beispiel ist die weltweite Anwendung der Menschenrechte der Frauen immer noch mit dem Problem behaftet, dass örtliche kulturelle Gepflogenheiten als die Grundursache für die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern stereotypisiert werden. Trotz jahrzehntelanger kontroverser Diskussionen im Zusammenhang mit dem CEDAW (Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau) werden westliche Normen weiterhin als per se modern und emanzipatorisch inszeniert, während die Quelle der Unterdrückung von Frauen in Entwicklungsländern immer noch hauptsächlich im Bereich schädlicher ‚traditioneller’ Praktiken, wie arrangierter bzw. früher Heirat oder Zwangsheirat, weiblicher Genitalbeschneidung oder ‚Ehrenmorden’ gesehen wird. Strategien zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen führen zu einem Erstarken von Denkbildern barbarischer und patriarchaler afrikanischer, hinduistischer oder islamischer Traditionen. Frauenrechte durch die Linse der Kulturalisierung und Individualisierung zu sehen, lenkt die Aufmerksamkeit weg von weitreichenderen Fragen einer globalen strukturellen Ungleichheit; zugleich werden so ‚Rettungsnarrativen’ sowie westliche Militärinterventionen und humanitäre Einsätze gerechtfertigt.
 

Welche besonderen postkolonialen Fallstricke muss der grenzüberschreitende Feminismus vermeiden?

Ich tue mir schwer mit dem grenzüberschreitenden Feminismus, weil er sich nicht ernsthaft mit den historischen Prozessen auseinandersetzt, durch die bestimmte Personen in eine Situation versetzt werden, aus der heraus sie das Ausüben globaler Solidarität ins Auge fassen können. Die Distanz zwischen denjenigen, die Solidarität ‚walten lassen’ und denjenigen, die schlicht als ‚Opfer von Fehlverhalten’ und daher als ‚Empfänger*innen’ von Solidarität kodifiziert werden, ist für die historische Gewalt bezeichnend. Die fehlende Gegenseitigkeit und die Distanz zwischen den beiden Seiten dieser Gleichung zeugen vom Scheitern der Entkolonialisierung des Feminismus. Solange die ungleiche globale Verteilung von Handlungsmacht nicht thematisiert und korrigiert wird, kann eine länderübergreifende feministische Politik bloß Augenwischerei sein, wodurch der zugrundeliegende imperialistische Feminismus verschleiert wird. Wir müssen Geschlechterungerechtigkeit bekämpfen, ohne dabei orientalistische Klischees zu verstärken und wir müssen länderübergreifende Bündnisse schließen, ohne kapitalistische und patriarchale Gewalt zu banalisieren oder diejenigen zu bevormunden, denen wir unsere Solidarität bieten.
 

Nikita Dhawan ist Professorin für Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Geschlechterstudien und Direktorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Gießen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen des transnationalen Feminismus, der globalen Gerechtigkeit, der Menschenrechte, der Demokratie, der postkolonialen und queeren Studien sowie Migration und Globalisierung.

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