Klimawandel, Energie und Umwelt

01.10.2019

Gemeinsam für eine faire Energiewende, die Ungerechtigkeiten beseitigt

„Kohleausstieg allein verbessert nicht alles“ für Kommunen, so ein ehemaliger FES-Stipendiat, der zu Demokratie und Energiewende forscht.

Bild: FES Connect December von FES Connect/Ole, Kawin Tadtiam

Bild: Felipe Alberto Corral Montoya at the Global Strike for Future in Berlin holds a sign in solidarity with the community of La Sierra in Colombia where a local protest was taking place, 15 March 2019. von José Imer Campos

 

- Read this text in English on FES Connect -

Nachdem Felipe Alberto Corral Montoya mit Hilfe eines FES-Stipendiums einen Master in Public Policy absolvierte, forscht er nun zu Energiewende und Sozialpolitik in Kolumbien. Corral Montoya (25) ist Mitglied der lateinamerikanischen Diaspora in Deutschland und ist einer der vielen jungen Menschen aus aller Welt, die mit ihrem Aktivismus sozialdemokratischen Wandel vorantreiben. Er sprach mit FES Connect darüber, dass ein Umstieg auf erneuerbare Energien sowohl von basisdemokratischem Aktivismus als von staatlichen Maßnahmen begleitet werden muss, damit Kommunen von ihm profitieren.

 

FES Connect: Was ist dein Arbeitsschwerpunkt?

Felipe Alberto Corral Montoya: Wir unterstützen die Gemeinde La Sierra in Nordost-Kolumbien bei ihrer Energiewende. Im Laufe der letzten 40 Jahre hat sich Kohle zum wichtigsten Wirtschaftszweig der Region entwickelt, der in manchen Kommunen bis zu 90 Prozent des Einkommens generiert.

Wir stellen Verbindungen zwischen La Sierra und dem lateinamerikanischen Diaspora-Netzwerk in Berlin her, das über Kontakte, Expertise, Fachwissen und Ressourcen verfügt. Und wir wiederum profitieren im Gegenzug von La Sierras langjähriger Erfahrung mit gesellschaftlichem, umweltpolitischem und kulturellem Aktivismus und ihrer tiefen Verbundenheit mit der Region.

Im Moment organisieren wir einen Workshop zu Solarenergie unter kommunaler Leitung, was für Gemeindenein erster Schritt hin zu einer selbstgemachten Energiewende sein kann.

Warum ist basisdemokratisches Engagement für einen gerechten Energiewandel so wichtig?

Basisdemokratisches Engagement ist deswegen so zentral, weil so verhindert wird, dass durch die Energiewende existierende Ungerechtigkeiten aufrechterhalten oder gar neue erschaffen werden. So auch im Fall La Sierra: Nach Jahrzehnten des Kohleabbaus ist diese Gegend von ihm abhängig, die soziale, ökologische oder wirtschaftliche Lage hat sich dadurch aber nicht verbessert. Nun wird in der Region verstärkt auf Wind- und Solarenergie gesetzt. Doch die großen, international aufgestellten Projekte scheinen dem Wohlergehen und den Interessen der lokalen Gemeinden genauso distanziert gegenüberzustehen wie die Kohleförderung seit den 1970ern. Kommunen werden nicht genügend eingebunden, die neuen Technologien gehören ihnen nicht und existierende Ungerechtigkeiten wie chronische Mangelernährung oder schlechter Zugang zu Trinkwasser werden nicht beseitigt. Kohleausstieg allein verbessert also nicht alles.

Du hast kürzlich Deine Masterarbeit zum Thema Public Policy und die politische Ökonomie des Kohlesektors verteidigt. Was waren Deine Ergebnisse?

Ich bin zu drei Schlussfolgerungen gelangt. Erstens: Wenn wir wissen wollen, wie ein Kohleausstieg gelingen kann, müssen wir unbedingt auch wissen, wie der Kohleeinstieg erfolgte. Somit ist es wichtig, die Geschichte kritisch zu betrachten, sowohl in Bezug auf Wirtschaft wie auch auf Politik. Zweitens: Wir müssen jegliche Polarisierung des Themas vermeiden und stattdessen auf eine Rollendifferenzierung hinarbeiten. Sobald die Akteure im Kohlesektor in der Lage sind, sich von diesem nicht nachhaltigen Produktionssystem loszulösen, kann der jetzige Status Quo durchbrochen werden. Drittens: Mit Dialogen und Aktionen rund um den gerechten Strukturwandel kann eine Debatte angestoßen werden.

Welche Rolle hat der Staat bei der Energiewende?

Der Staat ist die letzte Instanz in der Energie- und Bergbaupolitik und entscheidet, mit welchen Akteuren er zusammenarbeitet. Der kolumbische Staat pflegt ein sehr enges Verhältnis zu großen Unternehmen, insbesondere im Bergbausektor, und steht lokalen Kommunen mitunter distanziert, wenn nicht gar herablassend gegenüber. Somit ist es extrem wichtig, dass er sich aus dem festen Griff der fossilen Wirtschaftsinteressen löst und Kommunen aktiv in den Prozess des Wandels einbindet. Hierbei geht es vorrangig darum, Energieverschwendung von vornherein zu vermeiden sowie darum, wie Gesellschaften Energie am sinnvollsten nutzen können.

Dein Fokus lag nicht immer auf Energie- und Klimapolitik. Wieso der Sinneswandel?

Ich war Praktikant im FES Büro in Bogotá, wo ich eine Veranstaltung zu den Auswirkungen von Europas Kohleausstieg auf Kolumbiens Kohlefördergebiete organisierte. Ich muss gestehen, dass ich ohne meinen FES Mentor Daniel Voelsen, der mich ermutigte, eine einjährige Auszeit zu nehmen, nicht nach Kolumbien gegangen wäre. In diesem Jahr landete ich erst in Bogotá und danach im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in Berlin. In Kolumbien traf ich meinen jetzigen Chef, der mir nahelegte, mich auf eine Stelle als studentischer Mitarbeiter zu bewerben. Dies war der Beginn meiner Forschungstätigkeit, die ich nun im Rahmen einer Promotion an der Technischen Universität Berlin fortsetzen werde.

Du hast in Nord- und Südamerika, Asien und Europa gelebt, wo viele junge Menschen die gleichen Sorgen über Ungleichheit, Gewalt und Klimawandel teilen. Was ist Dein Rat, um optimistisch und aktiv zu bleiben?

Werdet zu realistischen Optimisten und versucht, euch das Ausmaß der Aufgabe, vor der wir stehen, bewusst zu machen. Probleme wie den Klimawandel, Korruption oder Ungleichheit kleinzureden oder zu missachten  ist ignorant und unverantwortlich oder einfach naiv.

Versucht, gleichzeitig realistisch zu bleiben und daran zu glauben, dass eine Verbesserung immer noch möglich ist, dass wir trotz allem noch etwas bewegen können. Ich bin von den lokalen Aktivist_innen, die tagtäglich für den Kampf um eine gerechtere, solidarischere und ökologisch nachhaltigere Zukunft mit ihrem Leben bezahlen, zutiefst beeindruckt. Wenn es Menschen in so einem Umfeld gelingt, motiviert zu bleiben und tatsächlichen Wandel auf lokaler Ebene herbeizuführen, dann kann ich es mir aus meiner eigenen geschützten und privilegierten Position heraus erst recht leisten, für einen gerechten Strukturwandel einzustehen.

Weitere Informationen über FES-Stipendien finden Sie unter: https://www.fes.de/studienfoerderung
Wenn Sie FES-Stipendiat_in sind oder waren und am FES Alumni Mentoring Programm teilnehmen wollen, schicken Sie dem FES Team eine Email an mentoring(at)fes.de

Weitere Informationen über unsere klimapolitische Arbeit finden Sie unter: https://www.fes.de/themenportal-die-welt-gerecht-gestalten/klimawandel-energie-und-umwelt

 

Der Beitrag erschien zuerst auf Englisch bei FES Connect.

Länder / Regionen: Kolumbien

Arbeitseinheit: Globale Politik und Entwicklung


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