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Bildung und Wissenschaft

13.09.2022

Ein alarmierender Trend

Mitte Oktober werden die detaillierten Ergebnisse des Bildungstrends 2021 veröffentlicht mit vertiefenden Analysen zu den einzelnen Bundesländern. Die Vorabauswertung des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) deutet aber schon jetzt darauf hin, dass mit ernüchternden Befunden zu rechnen ist. Getestet und befragt wurden mehr als 26.000 Schülerinnen und Schüler aus mehr als 1.500 vierten Klassen. Dabei ging es unter anderem um ihre Kompetenzen im Lesen, Schreiben, Zuhören und Rechnen sowie um die Zufriedenheit mit ihrer Schule.

Genau an dem Tag, da der Experten-Bericht zur Einschätzung und Wirksamkeit der Corona- Maßnahmen vorgelegt wurde, veröffentlichte die Konferenz der Kultusminister - was sie bislang übrigens nicht getan hat - vorab erste deutschlandweite Befunde des im Herbst erscheinenden Bildungstrends. Das Timing sollte offensichtlich die (Fach-) Öffentlichkeit schon einmal auf das einstimmen, was bald im Detail präsentiert werden wird.

Die Befunde sind ernüchternd. So sind die Kompetenzen im Vergleich zur letzten Erhebung im Jahr 2016 zum Teil deutlich gesunken, die soziale Schere hingegen ist weiter aufgegangen. Ein höherer sozioökonomischer Status der Eltern geht mit einer besseren Kompetenzentwicklung einher. Zudem zeigen Kinder aus zugewanderten Familien in allen Bereichen schwächere Ergebnisse als jene ohne Migrationshintergrund. Insgesamt verstärkt sich ein negativer Trend, der bereits 2011 begonnen hat, und das zum Teil deutlich.

Im Lesen entspricht der Kompetenzrückgang etwa einem Drittel, im Zuhören der Hälfte, in der Orthographie und in Mathematik einem Viertel eines Schuljahres. Die Streuung der Kompetenzwerte zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Wert ist zum Teil deutlich größer als 2011 und 2016. Im Lesen, Zuhören und Rechnen erreichen etwa 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler nicht die Mindeststandards, in der Orthographie ist es fast ein Drittel. Die fachliche Selbsteinschätzung fällt im Schnitt positiv aus, das Interesse an den Fächern ist eher gesunken, die Zufriedenheit mit der Schule hingegen gewachsen.  

 

Schulschließungen als eine Ursache

 

Eine klare Aussage über die Wirkungen von Schulschließungen, heißt es im Bericht, ließe sich noch nicht treffen. Der genaue Effekt sei trotz zahlreicher Studien weiterhin offen. Dass die Schulschließungen während der Pandemie zu deutlich schlechteren Lernentwicklungen geführt haben und dass eine Verlängerung des Bund-Länder-Programms „Aufholen nach Corona“ zwingend erforderlich ist, sind gleichwohl zentrale Botschaften der Schulministerinnen und Schulminister.

Plausibel erscheint, dass Bildungsbenachteiligungen während der zurückliegenden Jahre der Pandemie wie unter einem Brennglas sichtbar geworden sind. Kinder und Jugendliche, die in beengten Wohnverhältnissen leben, nur geringe Entfaltungsmöglichkeiten haben und von ihren Eltern wenig Unterstützung erfahren, hatten insgesamt schlechtere Chancen, an Bildung zu partizipieren und auch schlechtere Chancen, unbeschadet aus der Krise hervorzugehen, als jene, die ökonomisch, sozial und kulturell vergleichsweise privilegiert aufwachsen. Sie drohten, in ihrer Lernentwicklung weiter zurückzufallen oder gar den Anschluss zu verlieren.

Das scheint sich bestätigt zu haben. Wieder einmal, ließe sich schlussfolgern, sind diejenigen besonders benachteiligt, deren häusliche Lebens- und Lernbedingungen schwierig sind, insbesondere jene, die in einer sozial herausfordernden Lage oder mit einer Behinderung aufwachsen. Andererseits hat sich ein Trend verstärkt, der schon seit zehn Jahren erkennbar ist. Problematische Befunden waren durchaus erwartbar, auch - aber nicht nur - weil der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. 

 

Schule allein kann Bildungsbenachteiligung nicht abbauen

 

Was aber angesichts der Persistenz dieser Befunde schon gesagt werden kann: Die Schlüssel zur Entkopplung von Bildungserfolg und Herkunft liegen nicht ausschließlich in der schulischen Bildung, sondern auch in der Beschäftigungslage, dem materiellen Auskommen, in den Lebensumständen, im kulturellen Kapital der Elternhäuser sowie in der Anregung durch die Familie. Wer über den Abbau von Bildungsbenachteiligung spricht, darf über Armut und Erwerbslosigkeit, über ein geringes Bildungsniveau im Elternhaus und im sozialen Umfeld als zentrale Risikolagen für Bildungserfolg nicht schweigen. Und er muss im Blick haben, dass in Einwanderungsgesellschaften auch mit der nationalen, kulturellen und religiösen Herkunft Disparitäten verbunden sein können, zumal wenn sie mit anderen Risikolagen korrelieren. Ohne unterstützende Arbeits-, Sozial- und Stadtentwicklungspolitik, ohne unterstützende Finanz-, Familien- und Jugendpolitik, ohne die verstärkte Kooperation nahezu aller Politikbereiche werden Bildungspolitik und Schule es nicht lösen können. 

Was die Bildungspolitik jedoch tun kann und tun sollte: eine Gesamtstrategie zum Abbau von Benachteiligung entwickeln, die dringliche Einzelmaßnahmen zu einem kohärenten Ganzen verbindet und deren Wirksamkeit evaluiert. Hierzu gehören beispielsweise die Stärkung des Bildungsauftrag der Kindertagesstätten, die zusätzliche Ressourcenausstattung von Schulen in sozial herausfordernden Lagen, die pädagogische Nutzung der Potenziale digitaler Technologien, die Definition von Grundbildung und die Festlegung von Mindeststandards, das Primat der Förderung statt der Wiederholung, die konsequente Nutzung von Ganztagsschulen zur Förderung von Basiskompetenzen, die feste Etablierung von Lernpatenschaften sowie die Reform der Lehrkräftefortbildung. Auch wenn die Probleme in den Bundesländern möglicherweise unterschiedlich ausgeprägt sein werden, wäre es sinnvoll, wenn Grundzüge einer solchen Strategie länderübergreifend entwickelt und vereinbart würden.
 


Über den Autor

 

Burkhard Jungkamp

ist Moderator des Netzwerk Bildung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Von 2005 bis 2014 war er Staatssekretär im Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg.


Bildungs- und Hochschulpolitik
Florian Dähne
florian.daehne(at)fes.de

Marion Stichler
marion.stichler(at)fes.de

Lena Bülow
lena.buelow(at)fes.de


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Bildungs- und Hochschulpolitik
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