Internationale Arbeit

15.05.2020

Corona – Stresstest für Lateinamerika: Video-Reihe

Unsere Büroleiter_innen berichten aus erster Hand über die Auswirkungen vor Ort und geben Einblicke in die aktuelle politische Lage.

Bild: Corona-Solidarität in Uruguay: "Volksküchen" von rebelarte | Creative Commons Atribución - NoComercial 2.5

Bild: Corona-Solidarität in Uruguay: "Volksküchen" von rebelarte | Creative Commons Atribución - NoComercial 2.5

Mit der Video-Reihe »Corona – Stresstest für Lateinamerika« beginnen wir die Analyse der mittel- bis langfristigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Corona-Krise. Damit möchten wir über das tagespolitische Geschehen hinaus die dahinterliegenden Strukturen und Herausforderungen aufzeigen. Unsere Büroleiter_innen in Lateinamerika berichten aus erster Hand über die Auswirkungen vor Ort. Dabei geben sie Einblicke in die aktuelle politische Lage und thematisieren den Umgang der Regierungen mit der Krise, die Auswirkungen auf die soziale Ungleichheit sowie die politischen Konsequenzen vor dem Hintergrund anstehender Wahlen oder anhaltender Proteste. Es handelt sich dabei um höchst dynamische Entwicklungen. So sind die Videos als eine Momentaufnahme zu verstehen. Das jeweilige Datum hilft bei der Orientierung. Auch über diese Video-Reihe hinaus werden wir natürlich die Situation weiter analysieren.

Hier finden Sie alle Videos und können unsere Reihe auch verfolgen unter: #CoronaStresstestfuerLateinamerika:

In vielen Ländern Lateinamerikas werden die öffentlichen Gesundheitsversorgungen dem Höhepunkt der Pandemie voraussichtlich nicht gewachsen sein. Gleichzeitig steigen Arbeitslosigkeit, Armut und Ungleichheit. Sinkende Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt zeigen das Risiko der Abhängigkeit vieler Länder von Rohstoffexporten deutlich. Die Corona-Krise lässt damit die strukturellen Probleme und sozialen Ungleichheiten sehr sichtbar werden und verschärft sie dramatisch. Besonders hart getroffen sind prekär Beschäftigte und Frauen, die einen großen Teil der unbezahlten care-Arbeit erledigen. In Ländern mit einer starken neoliberalen Ausrichtung legt die Corona-Krise strukturelle Ungerechtigkeiten noch brutaler offen. Eine progressive Antwort hierauf fehlt bislang.

Konkrete Lage in den Ländern

In Kolumbien zeigt sich, welche Auswirkungen das Virus auf eine Krisenregion hat. Hier sieht man sich gleichzeitig mit einer Wirtschafts- und einer politischen Krise konfrontiert sowie mit einem fragilen Friedensprozess, der von einer neuen Welle der Gewalt begleitet wird. Angesichts der ausbleibenden Hilfe für mehr als 1,7 Millionen venezolanische Geflüchtete und deren Anfeindungen droht eine humanitäre Katastrophe. In Argentinien trifft Corona auf einen hoch verschuldeten Staat, der sich in einer schweren Rezession befindet. Die Krise hat jedoch in diesem tief gespaltenen und polarisierten Land zumindest zeitweise einen Konsens erzielen können. Zentral war hierfür die Fokussierung auf die soziale Frage. In Bolivien hingegen hat die gesellschaftliche Polarisierung zugenommen. Das Land befindet sich in einer doppelt prekären Lage, zum einen ist das Gesundheitssystem auf Grund der geringsten Pro-Kopf-Investitionen in Südamerika schlecht, zum anderen befindet sich Bolivien in einer ernsten politischen Krise. Die Übergangsregierung verfügt nur über eine geringe demokratische Legitimation, die für Mai 2020 vorgesehenen Wahlen wurden verschoben. Insgesamt kommt es zu Rückschritten bei den demokratischen und sozialen Errungenschaften. Chile erlebt ebenfalls große politische und soziale Auseinandersetzungen. Das im Zuge der seit Oktober 2019 anhaltenden Proteste für April angesetzte Referendum über eine neue Verfassung wurde auf Oktober verschoben, mittlerweile wird gar eine weitere Verschiebung bzw. Absage diskutiert. Chile ist ein gespaltenes Land, dessen extrem privatisierte Gesundheits- und sozialen Sicherungssysteme die Bevölkerung besonders für die Covid 19-Pandemie anfällig machen. Anders sieht die Lage in Uruguay aus, dem seine Stärken in Form eines guten öffentlichen Gesundheitssystems, eines vergleichsweise soliden Sozialversicherungssystems und der großen gesellschaftlichen Solidarität in der Corona-Krise zugutekommen. Dennoch lässt die Krise auch hier die strukturelle soziale Ungleichheit deutlich werden und verschärft diese dramatisch. Massive soziale Ungleichheiten stellen auch gerade für Zentralamerika eine riesige Herausforderung dar. So muss sich beispielsweise in El Salvador ein Großteil der Bevölkerung zwischen Gesundheits- und Einkommenssicherheit entscheiden.

Gemein ist allen Ländern der Region, dass sich die Bewältigung der Pandemie, aber auch das künftige Zusammenleben nach Corona, an der sozialen Frage entscheiden werden.

Länder / Regionen: Lateinamerika/Karibik | Costa Rica | El Salvador | Guatemala | Honduras | Kolumbien | Nicaragua | Panama | Uruguay | Argentinien | Bolivien | Chile

Arbeitseinheit: Internationale Entwicklungszusammenarbeit | Audiobeitrag | Referat Lateinamerika/Karibik | Stimmen aus Lateinamerika und der Karibik


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