Referat Asien und Pazifik

28.02.2018

Soziale Beschleunigung in Deutschland und China

Interview mit Professor Dr. Hartmut Rosa zu seiner Theorie der "Sozialen Beschleunigung"

Bild: Veranstaltung Soziale Beschleunigung von FES Shanghai

Dass sich die Welt immer schneller dreht, sei keine subjektive Empfindung, stellt Professor Dr. Hartmut Rosa, der führende deutsche Soziologe fest. Ob Transport, Kommunikation oder Produktion: in allen Bereichen geschieht alles schneller als jemals zuvor. Es stehen Technologien zur Verfügung, mit denen das gesamte Leben von unterwegs und mit wenigen Klicks organisiert werden kann. Doch trotz dieser Beschleunigung stehen immer mehr Menschen permanent unter Zeitdruck und haben nicht das Gefühl, mehr Zeit gewonnen zu haben. Im Gegenteil: da die Gegenwartsgesellschaft durch eine enorme Optionenvielfalt und eine immerwährende Steigerungslogik gekennzeichnet ist, verändern sich Lebenswelten so schnell, dass ein stetiger Anpassungsdruck besteht.

Professor Rosa ist der führende deutsche Soziologe (Friedrich-Schiller-Universität Jena) und hat dieses Phänomen konzeptualisiert und mit seiner Theorie der „Sozialen Beschleunigung“ greifbar gemacht. In einer von der Friedrich-Ebert-Stiftung Shanghai und der Tongji-Universität durchgeführten Vortragsreihe im Herbst 2017, hat Professor Rosa seine Theorie in China vorgestellt. Im Nachgang seiner Reise sprachen wir mit ihm über seine Theorie und über die Erkenntnisse, die er während seines Aufenthalts in China gewonnen hat.

Herr Rosa, was hat Sie zu der Aufstellung der Theorie zur Sozialen Beschleunigung inspiriert?

Die Ausgangsüberlegung war: Warum habe ich nie Zeit, obwohl mir immer fortschrittlichere Technologien zur Verfügung stehen, mit denen ich Zeit einsparen kann, um bestimmte Dinge zu erledigen. Ich habe dann schnell festgestellt, dass dies nicht nur mein Problem ist, sondern dass sich nahezu alle Menschen darüber beklagen. Es scheint sich also um ein kollektives Problem zu handeln.

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen behaupten, dass die Feststellung, dass sich die Welt immer schneller drehe, lediglich ein Wahrnehmungsproblem sei. Ich wollte versuchen, dies messbar zu machen.

Sie behaupten, dass Resonanz - und nicht Entschleunigung - der Schlüssel zum Umgang mit der sozialen Beschleunigung ist. Was meinen Sie damit?

Nach der Veröffentlichung meines Buches „Ein Plädoyer für Entschleunigung“ bin ich als „Entschleunigungs-Papst“ tituliert wurden, da ich in diesem Buch die soziale Beschleunigung kritisiere. Damit war ich nicht einverstanden. Ich denke es ist unmöglich, in einer Welt, die auf Steigerung ausgelegt ist, langsamer zu werden. Zum anderen ist dies auch nicht wünschenswert. Eine langsame Internetverbindung, ein langsamer Notarzt oder eine langsame Achterbahn sind kein Zugewinn an Lebensqualität. Wenn viele Menschen davon träumen, langsamer zu werden – ein Beispiel dafür ist Slow Food – dann meinen diese sie eigentlich nicht Entschleunigung, sondern eine andere Art des „in-der-Welt-seins“. Die Hoffnung ist daher, auf eine andere Weise mit Dingen, Menschen oder dem eigenen Körper in Kontakt zu treten. Aus diesem Grund bin ich zu einer Neubeschreibung des Problems gekommen. Ich habe festgestellt, dass nicht Beschleunigung per se ein Problem ist, sondern nur dort zum Problem wird, wo sie zur Entfremdung führt. Auf der Suche nach einem Gegenbegriff für Entfremdung habe ich mit der „Resonanz“ eine Antwort gefunden. Resonanzverhältnisse sind eine Art, sich auf die Welt einzulassen. Ich trete mit Menschen, Dingen und Orten auf eine Weise in Kontakt, die aus vier Elementen bestehen: Zunächst lasse ich mich affizieren, das heißt ich erlaube es, dass diese Dinge mich erreichen und berühren. Zweitens, bedarf es einer Selbstwirksamkeit. Ich reagiere auf Dinge, so dass ich mich mit diesen auch tatsächlich verbunden fühle. Drittens, findet dadurch eine Art Verwandlung statt. Jedes Mal wenn ich mit einem Menschen, einer Melodie oder einer Idee in Kontakt trete, verändere ich mich dadurch. Viertens, jedoch, entzieht sich Resonanz immer wieder. Ich weiß nicht wann Sie eintritt und ich weiß nicht, was dabei herauskommt.

Aber ist es nicht notwendig zu entschleunigen, um sich Zeit für diese Resonanzbeziehungen nehmen zu können?

Das stimmt sicherlich, nur kann Langsamkeit eben nicht der Endzweck sein, sondern lediglich die Voraussetzung. Systematischer Zeitdruck und der Optimierungswahn sind den Resonanzbeziehungen feindlich. Es bedarf daher eine andere Form von Zeitlichkeit und einer eigenen Haltung, die diese Resonanzbeziehungen ermöglicht. In anderen Kontexten kann aber auch Beschleunigung eine Voraussetzung für Resonanz sein.

In welchen Situationen ist Entschleunigung die richtige Wahl? Und wann sollte ich besser beschleunigen?

Zumeist ist es so, dass wir dies nicht in der Hand haben. Man denkt immer, dass Zeit entweder natürlich gegeben sei, oder dass wir individuell mit der Zeit umgehen. Die Art und Weise wie wir mit der Zeit umgehen, ist jedoch ganz häufig kollektiv verfasst. Daher können wir nicht immer entscheiden, wie und wann wir in Resonanzverhältnisse treten.

Das Problem ist, dass es einen Steigerungsdrang in allen Lebensbereichen gibt. Im technischen Bereich ist dies kein Problem, solange es nicht die Erwartungsstrukturen verändert. Wenn dies allerdings dazu führt, dass man von uns erwartet, dass wir schneller handeln, dann verschlimmert sich das Problem. Einen langsamen Computer oder einen langsamen Schnellzug dagegen möchte auch niemand.

In anderen Situationen und Bereichen ist Entschleunigung dagegen sehr wichtig. Es braucht für soziale Interaktionen – in der Lehre, im Pflegebereich oder überall dort, wo Kreativität im Spiel ist – Resonanzbeziehungen. Zeitdruck ist in diesen Bereichen besonders resonanzschädigend.

Lebenstempo und soziale Beschleunigung nehmen regionale Charakteristika an. Welche Eindrücke konnten sie diesbezüglich in China gewinnen?

Tatsächlich haben wir es mit sehr großen Geschwindigkeitsunterschieden zu tun. Auch die Beschleunigungskräfte und Beschleunigungstendenzen unterscheiden sich sehr stark. Zugleich kann man weltweit beobachten, dass überall dort, wo Modernisierungsprozesse auftreten, auch mit großen Beschleunigungsprozessen zu rechnen ist.

China ist diesbezüglich außerordentlich interessant für die Analyse von Beschleunigungsprozessen. Schon aufgrund der Größe des Landes gibt es enorme Unterschiede. Die Zeiterfahrung im ländlichen China ist kaum zu vergleichen mit der Shanghais. Die Spreizung zwischen diesen beiden Extremen ist gewaltig.

In Shanghai findet man eine Hypermoderne in nahezu allen Bereichen vor: Im Transport, in der Kommunikation und in den Veränderungsgeschwindigkeiten. Dort trifft man immer wieder auf Menschen, die über das „alte Shanghai“ sprechen, dabei aber die 1990er Jahre meinen. Auch die Geschwindigkeit mit der ganze Straßenzüge verschwinden oder neue Viertel entstehen ist sehr hoch. Diese Aspekte zusammengenommen, geben einem in Shanghai das Gefühl, man wäre in die Zukunft gereist.

In anderen Städten Chinas vermitteln Fabriken, rauchende Schornsteine und Güterbahnhöfe das Gefühl, in der Industriemoderne gelandet zu sein. Noch weiter auf dem Land, mit seinen agrarischen Strukturen, hat man das Gefühl weit in der Zeit zurückzureisen.

Auffällig ist in China, dass dort die Partei und der Staat der Hauptbeschleuniger ist – anders als in Europa. Dies scheint in allen Gegenden der Fall zu sein. In Wuhan war ein Parteislogan zusehen, auf dem „Jeden Tag ein neues Wuhan“ zu lesen war. In den ländlichen Gegenden vermischen sich agrarische Strukturen mit dem Modernisierungswillen des Staates. So sind dort bisweilen moderne Straßenbeleuchtungen und auch Solaranlagen zu sehen.

Sollte der Staat – sowohl in China, als auch in Europa – aber nicht eher eine korrektive Rolle annehmen, um einer Entfremdung entgegenzuwirken?

Das glaube ich unbedingt. Für Zeitstrukturen und die Zeiterfahrung müssen kollektive politische Arrangements geschaffen werden. Es ist deshalb die Aufgabe des Staates nicht nur Wachstum, Steigerung, Optimierung und Beschleunigung in den Blick zu nehmen, sondern Lebensformen als Ganzes zu betrachten. In Europa ist dies von nahezu allen Parteien in verschiedenen Formen aufgegriffen worden. Es besteht eine Art Konsens darüber, Zeitpolitik machen zu müssen. Von einer reinen Zeitpolitik bin ich jedoch nicht überzeugt, da Zeit nicht isoliert betrachtet werden kann. Zeit ist eine Art Querdimension. Man kann nicht in allen Politikfeldern Beschleunigung wollen, aber gleichzeitig über eine isolierte Zeitpolitik entschleunigen wollen. Wachstum und Entschleunigung sind nicht vereinbar. Deshalb sollte Zeit stattdessen innerhalb der anderen Politikfeldern eine prominentere Rolle einnehmen: in der Bildungspolitik, in der Arbeitspolitik oder in der Gesundheitspolitik zum Beispiel.

Die große Herausforderung vor der wir sowohl in Europa, China und weltweit stehen, ist aus diesem blindlaufendem Steigerungswahn herauszufinden, so dass gesellschaftliche Strukturen gestärkt werden können.

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