16.09.2019

„Economic Transformation Barometer" (ETB)

FES entwickelt Instrument zur regelmäßigen Bewertung nachhaltiger wirtschaftlicher Transformation in Afrika.

Bild: Nairobi Skyline von Make it Kenya Photo / Stuart Price

In zahlreichen afrikanischen Staaten haben sich die Regierungen eine Transformation der Wirtschaft vorgenommen. Nach Jahren der neoliberal inspirierten Deregulierung und Privatisierung ist es wieder akzeptiert, dass staatliches Handeln eine Schlüsselrolle beim Strukturwandel und bei der Überwindung des „jobless growth“, dem Wachstums des BSP ohne Reduktion des zentralen Problems der Arbeitslosigkeit, spielt.

Industrialisierung und Nachhaltigkeit

Zwei Punkte sind in diesem Zusammenhang zentral. Eine ausreichende Zahl von Arbeitsplätzen kann nur entstehen, wenn sich afrikanische Volkswirtschaften industrialisieren. Ein sogenanntes „leap frogging“ in eine vom tertiären Sektor dominierte Wirtschaftsstruktur wird nicht ausreichen, um den zahlreichen jedes Jahr neu auf den Arbeitsmarkt strömenden jungen Afrikaner_innen Beschäftigung und Einkommen zu verschaffen. Allerdings ist es angezeigt, dass Industrialisierung im 21. Jahrhundert das Gebot der Nachhaltigkeit beachtet. Erfahrungen und Einsichten, welche die bereits industrialisierten Staaten gewonnen haben, sollten beachtet bzw. umgesetzt werden, um bekannte Fehler zu vermeiden und eine zukunftsweisende Richtung einzuschlagen. Wirtschaftliche Transformation ist ein komplexer Prozess. Zwar sind die wesentlichen Komponenten und Strategien weitgehend bekannt, jedoch gibt es immer wieder Diskussionen über die richtige Kombination von Politikansätzen und Instrumenten und nicht zuletzt über die Bewertung der erzielten Fortschritte.

Gute Arbeit und nachhaltiges Wirtschaften

Das „Economic Policy Competence Centre (EPCC)“ der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) mit Sitz in Accra, Ghana, ist dabei ein Instrument zu entwickeln, mit dem der Fortschritt wirtschaftlicher Transformation bewertet werden kann: das „Economic Transformation Barometer“ (ETB). Basierend auf systematisch und umfassend abgefragten Expertenmeinungen soll erfasst werden, ob sich eine Volkswirtschaft tatsächlich industrialisiert. Dabei setzt die FES einen spezifischen Fokus. Neben der Frage, ob überhaupt eine Transformation stattfindet, wird auch und vor allem erhoben, wie sich die beobachtete Entwicklung auf die Bereiche Beschäftigung und Nachhaltigkeit auswirkt. Dabei ist z.B. nicht nur von Bedeutung, ob Arbeitsplätze in signifikantem Ausmaß entstehen, sondern auch ob die Beschäftigungsverhältnisse den Kriterien guter Arbeit entsprechen. Da der zentrale Input aus der Meinung und Einschätzung von Experten_innen besteht und nicht streng wissenschaftlich nachvollziehbaren Erhebungen entspringt, ist das Ergebnis mit Unsicherheit behaftet. Bei Einhaltung einiger Vorgaben im Vorgehen bietet das ETB nach mehrmaliger Anwendung aber dennoch eine substanzielle und öffentlichkeitswirksam nutzbare Aussage zur Qualität der wirtschaftlichen Entwicklung. Ein darauf basierender Diskussionsprozess kann als Korrektiv und Orientierung für den zugrunde liegenden politischen Diskurs dienen. In diesem Zusammenhang ist auch von Bedeutung, dass das ETB explizit Fragen zu den „Drivers“ und den „Spoilers“ von Transformation stellt und damit Elemente einer politökonomischen Analyse liefert.

Diverse Experteneinschätzungen als Grundlage des ETB

Das ETB besteht aus einem umfangreichen Fragenkatalog, der in zehn Kategorien aufgeteilt ist. Die Beantwortung der Fragen in Form einer Einschätzung der bisher stattgefunden Entwicklung auf einer Skala von eins bis zehn durch verschiedene Experten_innen bildet das zentrale Element des ETB-Prozesses. Die Fragen und Kategorien decken dabei die oben beschriebenen Bereiche ab: Findet wirtschaftliche Transformation statt und inwieweit werden gute Arbeit und Nachhaltigkeit berücksichtigt? Den Experten_innen wird eine zuvor ausgearbeitete Handreichung mit den aktuell verfügbaren ökonomischen Basisdaten und Statistiken zur Verfügung gestellt. Zentral bleibt aber das individuelle qualitative Urteil der Expert_innen. Entsprechend bedarf es großer Sorgfalt bei der Auswahl des Expertenpanels. Neben einer angemessenen Anzahl von kompetenten Individuen sollten diese zudem aus verschiedenen Kontexten, etwa aus Wissenschaft, Politik und Verwaltung ausgewählt werden. Aus Sicht der FES gehören natürlich auch Gewerkschaftsvertreter_innen zur Zielgruppe. Interessante Erkenntnisse können auch entstehen, wenn die Ergebnisse der Beantwortung der Fragen zwischen Expert_innen aus verschiedenen Bereichen verglichen werden. So kann beispielsweise eruiert werden, ob es wahrnehmbare Unterschiede in der Einschätzung zwischen Gewerkschafter_innen und Arbeitgebervertreter_innen gibt.

Aufgrund der methodischen Herangehensweise ist es wichtig, bei der Anwendung des ETB eine gewisse Kontinuität im jeweiligen nationalen Kontext zu gewährleisten. Das Instrument soll so einfach gehalten werden, dass seine Durchführung zumindest einmal pro Jahr ohne massiven Aufwand möglich ist. Erst durch eine fortlaufende konstante Praxis entsteht die für eine qualifizierte wirtschafts- und gesellschaftspolitische Diskussion wünschenswerte Qualität. Ein erster Testlauf wird in den kommenden Wochen in Ghana stattfinden. Für 2020 ist geplant, das Instrument in mehreren afrikanischen Ländern zu testen und Schritt für Schritt zu etablieren.

Arbeitseinheit: Referat Afrika


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