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Politischer Dialog

29.03.2022

"Wir sind heute und hier betroffen"

Die Klimapsychologin Janna Hoppmann im Interview, was Klimakommunikation ist und wie diese erfolgreich gelingt

 

Interview mit der Klimapsychologin Janna Hoppmann


„Alle reden vom Wetter, wir nicht“ war ein berühmter Werbeslogan. Jetzt reden alle über was anderes, aber nicht mehr vom Wetter. Verstellen diverse politische und wirtschaftliche Krisen, den Blick auf die größte Herausforderung, den Klimawandel?
Die menschliche Informationsverarbeitung ist begrenzt. In den aktuellen Krisenzeiten und einem Krieg mitten in Europa reiht sich eine Herausforderung an die andere. Es ist ganz verständlich und ein Schutz unserer psychischen Gesundheit, dass wir uns fokussieren und nicht alle Probleme gleichzeitig in den Blick nehmen.

Die verschiedenen Krisen gegeneinander auszuspielen, bringt uns nicht weiter – stattdessen sollten wir zwei Muskeln stärken, die uns in allen Krisen und Konflikten weiterhelfen: Empathie mit den Menschen, die am meisten leiden, und die Bereitschaft zum Anpacken. Wir wissen alle, dass weder der Ukraine-Krieg noch die Klimakrise weit weg stattfinden: Wir sind heute und hier betroffen. 


Ist der Ukraine-Krieg und mit ihr die Angst vor Energieunsicherheit wirklich eine Chance für den Durchbruch der Energiewende? Oder eher der Anfang der Atom-Renaissance?
Wir können nur spekulieren, ob ein solch verheerender Krieg eine langfristige Chance darstellen kann. Jedoch können wir schon heute unsere Kraft dafür einzusetzen, indem wir kurzfristig und akut Betroffenen helfen und gleichzeitig langfristig und zukunftsorientiert unsere Energieversorgung durch dezentrale, demokratische Erneuerbare Energien sicherstellen.

Einschneidende Ereignisse können sogenannte Windows of Opportunity öffnen: Möglichkeitsfenster, um Zusammenleben neu zu denken und zu gestalten. Nutzen wir diese Fenster tatsächlich so gut wie es möglich wäre? Was hält uns ab, die notwendigen Schritte zur Sicherung einer lebenswerten Zukunft zu gehen? – Damit beschäftigt sich die Klimapsychologie. 


Es gibt die berühmte Mind-Behaviour-Gap. Ein Problem liegt auf der Hand, ich agiere aber nicht danach. Wie erkläre ich jemanden, dass der Klimawandel auch tatsächlich bekämpft werden muss?
Das ist eine der vielen Fragen, die mich als selbstständige Klimapsychologin umtreiben. Tatsächlich bedeutet, um einen Sachverhalt zu wissen, noch lange nicht, die Absicht zu haben, selbst anzupacken oder dies am Ende auch in die Tat umzusetzen.

Für gelingende Klimakommunikation ist deswegen besonders wichtig: wirklich neugierig sein, Lust auf Austausch haben, Fragen stellen statt Monologe zu halten und im Gespräch mögliche Wege entdecken, wie wir zusammen etwas bewegen können. Das Wissen um die Dramatik der Klimakrise ist in Deutschland schon weit verbreitet, doch die Ohnmacht überwältigt.


Was ist der größte Hemmschuh für das Handeln: Resignation oder Bequemlichkeit? Wie kommt man aus beidem heraus? 
Auf psychologischer Ebene gibt es verschiedene Hemmnisse, die uns von ambitioniertem Handeln in der Klimakrise abhalten: Hemmnisse in der Informationsverarbeitung, im Fühlen und hinsichtlich unserer sozialen Identität. Darüber hinaus hält uns auch unser „innerer Schweinehund“ ab, unsere Absichten zu Plänen und Taten werden zu lassen.

Welche Hemmnisse die größten sind, hängt ganz von der Gruppe ab, die wir in den Blick nehmen. Resignation ist stark in der Bevölkerung ausgeprägt und führt dazu, gar nicht erst anzufangen. Bequemlichkeit hindert eher bereits engagierte Menschen daran, am Ball zu bleiben.

Wie wir die Barrieren überwinden? Im Austausch mit Bekannten können wir das Gefühl der eigenen Wirksamkeit im Kleinen wiederentdecken. Es fällt uns leichter, am Ball zu bleiben, wenn wir unterstützend an unsere Pläne erinnert werden und dafür Wertschätzung erfahren, was wir schon geschafft haben.


Wie schwer wiegen soziale Komponenten bei der Bekämpfung des Klimawandels?
Effektiver Klimaschutz ist ein Mannschaftssport, alleine würden wir verzweifeln. Unsere Aufgabe als Gesellschaft ist es, uns dabei zu unterstützen, unsere Lieblingsposition im Spielfeld zu entdecken und dann miteinander ins Training zu gehen.

Wir brauchen Führungskräfte, NGOs, Bewegungen, Medien und Unternehmen, die alle gemeinsam gegen die Klimakrise gewinnen. Klimaschutz muss von unserem Umfeld nicht nur akzeptiert, sondern wertgeschätzt und gefördert werden.


Wir sind soziale Wesen, die sich im Kern nach sozialer Verbundenheit und Anerkennung durch unsere Lieben sehnen. 


Was unterscheidet Klimakommunikation von anderer Themenkommunikation?
Kommunikation an sich ist bereits höchst anspruchsvoll. Das bemerken wir schon in einem Streit in einer Beziehung oder in einem Gespräch zu Weihnachten mit unseren Eltern.

Klimakommunikation ist noch ein Stück anspruchsvoller, denn es geht darum, einen Ausweg aus einem sozial-ökologischen Dilemma zu finden.

Als Individuen haben wir es kurzfristig bequem, wenn wir viel Auto fahren, Fleisch essen und uns politisch nicht einbringen. Doch langfristig fällt uns als Weltgemeinschaft dieses Verhalten auf die Füße und bringt uns in Richtung einer ausweglosen 3°C-Welt.

Klimakommunikation hat die Aufgabe, die Zukunft in die Gegenwart zu holen, Brücken zwischen scheinbar Nicht-Betroffenen zu Betroffenen zu bauen und Menschen vom Wissen ins Handeln zu begleiten. Klimakommunikation ist dann gelungen, wenn wir einander zum beherzten Handeln inspirieren und uns gegenseitig unterstützen und einladen, Momente der Ohnmacht in Gefühle der Selbstwirksamkeit zu transformieren.


Gibt es ein Beispiel für gelungene Klimakommunikation?
Zum Glück gibt es unzählige Beispiele für Klimakommunikation, die emotional bewegt und die Motivation zum Handeln, die in allen von uns bereits schlummert, aus uns herauskitzelt.

Gelungene Klimakommunikation finden wir an Küchentischen, auf Demos oder auch am Arbeitsplatz.

Die Klimakommunikation, die mich selbst am meisten bewegt hat, kam von Pablo, einem guten Freund von mir, der mir von seinem Erleben der Klimakrise in seinem Heimatland, den Philippinen, berichtete. Seine Geschichte gepaart mit der Freundschaft, die uns verbindet, hat mich dazu bewegt, meine Berufung zum Beruf zu machen und Klimapsychologin zu werden.
 



Wir danken für das Gespräch.

Ein kurzer Auszug dieses Interviews ist im EBERT der FES MV (Ausgabe 1/2022) zu finden. 

 

Bild: Die Klimapsychologin Janna Hoppmann

 

 

 

 

 


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