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Dr. Ernst Hillebrand

Next Generation Growth

Mittelosteuropa braucht ein neues Wachstumsmodell, um in Produktivität und Lebensstandard mit Westeuropa gleich zu ziehen. Eine neue Studie der FES zeigt Wege auf, wie das gelingen könnte.


Die Volkswirtschaften Mittelosteuropas haben in den letzten dreißig Jahren eine tiefe Transformation durchgemacht. Der Übergang vom gescheiterten Staatssozialismus zu modernen Marktwirtschaften war ein schmerzhafter Prozess. Allerdings hat die Annäherung des Prokopf-Einkommens der Region an den europäischen Durchschnitt in den letzten Jahren an Fahrt aufgenommen. Die Wachstumsraten vieler Staaten Mittelosteuropas lagen im vergangenen Jahrzehnt deutlich über dem des Rests der EU. Die Arbeitslosigkeit ist vergleichsweise niedrig, ebenso die Staatsverschuldung. Auch die technologische und industrielle Kompetenz hat sich über die vergangene Dekade vielerorts verbessert. Die erfolgreicheren Ökonomien der Region sind dabei, das kaufkraftbereinigte Prokopf-Einkommen der Länder der südlichen Eurozone (Spanien, Portugal, Italien, Griechenland) einzuholen oder zu überholen.

Allerdings lässt sich in dieser Hinsicht ein interessantes Phänomen beobachten: Während die Volkswirtschaften Mittelosteuropas zwar den Abstand zum EU-Durchschnitt beständig verringern konnten, bleibt der Abstand zu den postindustriellen Volkswirtschaften Nord- und Westeuropas relativ stabil. Darin spiegelt sich die Eigentümlichkeit des „abhängigen“ Wachstumsmodells Mittelosteuropas nach der Wende wider: Die Länder der Region haben sich vor allem als Standorte arbeits- und energieintensiver industrieller Verarbeitungsschritte in die Wertschöpfungsketten der europäischen Arbeitsteilung integriert. Diese erfolgreiche Positionierung als „factory economies“ hat allerdings ihren Preis: Die zentralen technologischen Kompetenzen und die wertschöpfungsintensivsten Teile der Produktion sind in den „headquarter economies“ West- und Nordeuropas verblieben.

Vieles deutet im Moment darauf hin, dass der bisherige erfolgreiche Aufholprozess der mittelosteuropäischen „factory economies“ in der kommenden Dekade unter einen beträchtlichen Anpassungsdruck geraten wird. Steigende Umweltanforderungen vor allem im Klimabereich, grundlegender Technologiewandel im Fahrzeugbau, Digitalisierung der Produktions- und Logistikprozesse sowie eine sich verändernde Demographie drohen, dem bisherigen Wachstumsmodell die Geschäftsgrundlage zu entziehen.

Die Volkwirtschaften Mittelosteuropas stehen vor der Herausforderung, diesen Anpassungsdruck zu bewältigen und ihre Produktionsprofile in Richtung höherer Produktivität und Technologiekompetenz zu verändern. Diese Anpassung ist anspruchsvoll und kann nur durch einen klugen Mix von wirtschafts- und technologiepolitischen Maßnahmen des Staates und erfolgreicher Anpassungsstrategien der Unternehmen bewältigt werden. Gleichzeitig bietet aber der von dem „NextGenerationEurope“-Mitteln ausgehende Investitionsschub in den kommenden Jahren eine herausragende Gelegenheit, die Weichen in Richtung Produktivitätserhöhung und CO2-Emissions-Reduzierung zu stellen.

Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche beauftragt, eine Analyse dieser Veränderungsprozesse zu erstellen. Die nun vorliegende Studie bietet eine komprimierte Zusammenfassung der Herausforderungen, aber auch der Chancen für die Volkswirtschaften und Gesellschaften Mittelosteuropas in den kommenden Jahren. Gerade progressive politische Kräfte und die Gewerkschaften müssen diese Prozesse verstehen und mit aktiven politischen Initiativen begleiten, damit die sich anbahnenden Veränderungen ihren Vorstellungen von Wohlstand, Lebens-, Arbeits- und Umweltqualität entsprechen. Mit der Studie „Ein neues Wachstumsmodell für Mittelosteuropa“ möchte die FES diesen Prozess unterstützen und ihren Partnern ein Set an wirtschaftspolitischen Handlungsempfehlungen anbieten. Ohne ein überzeugendes Narrativ für die ökonomische und technologische Entwicklung ihrer Länder werden die progressiven Kräfte weder in Ost- noch in Westeuropa auf Dauer erfolgreich sein.
 

The Vienna Institute for International Economic Studies

A new growth model in EU-CEE

Avoiding the specialisation trap and embracing megatrends
Berlin, 2021

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Alexey Yusupov
Alexey Yusupov
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