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29.03.2022

"Der russische Krieg gegen die Ukraine: Kampf um oder gegen Europas Zukunft?"

Zivilisationskampf um eine europäische und demokratische Zukunft - Antworten auf Fragen zum Ukraine-Krieg von Prof. Roman Dubasevych (Universität Greifswald)

 

Interview zur Ukraine-Krise mit Prof. Roman Dubasevych, Greifswald

 

Was bedeutet die aktuelle Hilfsbereitschaft für die fliehenden Menschen?
Im Moment erlebe ich eine große Welle an Hilfe und Solidarität mit Flüchtenden und Schutzsuchenden aus der Ukraine. Das ist die beste Form, die Ukraine zu unterstützen. In vielen Städten laufen Hilfsaktionen, Menschen nehmen Flüchtende zu sich nach Hause, sie dürfen die öffentlichen Verkehrsmittel gratis benutzen.

Ich denke, diese Aufmerksamkeit, bei der die Ukrainer:innen im Vergleich zu anderen Gruppen wie Syrern oder Afrikanern, sicherlich privilegiert sind, diese herzliche Aufnahme ist das Beste, was man für Menschen auf der Flucht tun kann.

Die Vereinfachung der bürokratischen Prozeduren bei der Anmeldung ist eine große Erleichterung, um die Menschen, die traumatisiert sind und ihr Zuhause verloren haben, wieder Halt und ein kleines Stückchen Heimatgefühl zu geben. 


Hat die westliche Weltpolitik in diesem Konflikt gut und richtig gehandelt?
Unter dem Schock der russischen Aggression und ihrer Brutalität kam eine Welle von Sanktionen zustande. Viele von ihnen sind bestimmt wichtig, um Putin auf eine friedliche Weise den Preis des Friedensbruchs und der Gewalt spüren zu lassen. Zugleich sollte man gerade angesichts der Gefahr einer reflexartigen Reaktion mit Augenmaß vorgehen. 


Die Regierung um Putin soll bestraft werden, was macht das mit der russischen Bevölkerung, die ja auch zunehmend gespalten ist?

Solidarität mit der Ukraine ist wichtig, aber die russische Bevölkerung, die sich fast wörtlich in Geiselhaft befindet, sollte möglichst differenziert behandelt werden.


Beim Stopp der Kontakte zu Universitäten und humanitären Einrichtungen sollte die Vorgangsweise besonders wohl überlegt sein, damit die russische Bevölkerung nicht noch mehr zerdrückt und doppelt bestraft wird - einerseits durch den ruchlosen Umgang des Diktators, andererseits durch die Verachtung und Ablehnung seitens der Weltöffentlichkeit.

Es sollte eine Gratwanderung und kein Kreuzzug werden. 


Erleben wir ein Rückfall in ein Blockdenken, eine Eskalationsspirale auch in den Einstellungen der Menschen?
Unter der Einwirkung des Traumas und der Brutalität des Krieges neigen die Menschen und Gesellschaften zu Extremreaktionen, besonders in der Ukraine sagen sich viele Menschen von russischer Sprache und Kultur los – Putins Angriff wird z. B. als Beweis für den korrupten Charakter der russischen Kultur, wörtlich als Beleg für das Versagen von Tolstoj und Dostojewskij gesehen. Vergleiche, bei denen Putin "schlimmer als Hitler" gesehen wird, hört man auch hierzulande. Und dennoch ungeachtet der Angemessenheit der Hitler-Vergleiche haben die Alliierten während und nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen dem Nazi-Regime einerseits, Bach oder Kant andererseits zu differenzieren gewusst. In dieser aufgeheizten Stimmung werden diejenigen, die auf Deeskalation pochen oder sich nicht vehement positionieren, schnell als Putin-Versteher und Verräter wahrgenommen… 


Wie wird die ukrainische Bevölkerung, Ihrer Meinung nach, mit dem jetzigen Krieg umgehen?
Im Moment sehe ich die ukrainische Bevölkerung trotz der beeindruckenden Mobilisierung in einem tiefen Trauma versinken, für welches die Bilder getöteter Zivilisten, zerstörter Kyiver Vorstädte oder Geburtshäuser (Mariupol) stehen. Trotzdem gibt es zahllose Beispiele von Solidarität, Zivilcourage, Selbstaufopferung und Menschlichkeit auch im Umgang mit gefangenen oder bewaffneten russischen Soldaten. Zugleich macht sich eine tiefe Ablehnung, Hass und Verachtung gegen die russische Bevölkerung breit. 


Was erwarten die Menschen in der Ukraine und was treibt sie an?
Die Ukrainer:innen, die ihr Leben jetzt im Kampf gegen den Aggressor opfern, können schlecht nachvollziehen, warum es noch keinen Aufstand der eigenen Bevölkerung gegen Putin gibt. Sie sind entschlossen zu kämpfen und zu sterben, und überzeugt, damit das Russische Reich ein für alle Mal zu zerstören. Aber diese Entschlossenheit ist so groß, dass der horrende Preis des Kampfes verlorengeht. Sie glauben fest daran, dass sie unweigerlich siegen werden, weil sie sich verteidigen und für Demokratie, Freiheit und auf ihrem Territorium kämpfen, ungeachtet der Ressourcen, die zur Verfügung stehen. Es kommt dabei zu einer paradoxen Situation, in der der Kampf für die Selbstbestimmung und menschliche Würde höher als das menschliche Leben empfunden wird. 


Ist das nicht normal in einer solch extremen Situation?
Die Selbstverteidigung ist gewiss ein unstrittiges Recht, es besteht aber die Gefahr, dass im kämpferischen Elan und im Stolz auf die spektakulären Erfolge der ukrainischen Armee die Fragilität und Verletzlichkeit nicht nur Infrastruktur, sondern vor allem der Zivilbevölkerung verdrängt wird – eine Dynamik, die auch aus der Vorstellung eines „totalen“ Kampfes und aus dem traumatischen Geschehen resultiert.

Die Verteidigung gegen die russische Aggression wird außerdem als Zivilisationskampf um eine europäische und demokratische Zukunft der Ukraine und ganz Europas verstanden, dem alles geopfert werden muss. 

 

Wie wird das von der Politik flankiert?
Wie der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sagte: „Wir lassen uns selbst angesichts der atomaren Gefahr nicht verbeugen“, Putins Aktivierung von seinem Atomwaffenarsenal wird als Bluff empfunden... Die Zögerlichkeit bei Waffenlieferungen und der Einrichtung einer Flugverbotzone wird als Feigheit und Verrat gesehen. „Vergesst die Angst und den Kommerz!“, mit diesen Worten wendet sich der Präsident Volodymyr Zelens’kyj an NATO…


Was kann die Welt, kann Europa tun, außer mit Waffen in den Konflikt einzugreifen?
Auf der EU-Ebene wäre angesichts der massiven Zerstörung der Städte und Infrastruktur sowie großer Fluchtströme ein „Marshall-Plan“ für den Wiederaufbau des Landes eine Idee, die den Ukrainer:innen wieder Zuversicht und Hoffnungen geben könnte.
 

Zuletzt: Für viele war die Ukraine bis vor kurzem fast unbekannt. Was sollten die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern über die Ukraine wissen?

Die Menschen in MV sollten wissen, dass die ukrainische Gesellschaft eine sehr gebildete, ambitionierte und flexible ist, die als Grenzland auch auf Jahrhunderte gelebter Multikulturalität zurückblickt. Gemeinsam teilen die Menschen in MV und in der Ukraine Erfahrungen der postsozialistischen Transformation, bei der die Ukrainer:innen nur auf sich gestellt waren.


Umso größer schmerzt sie die Zerstörung des bescheidenen Wohlstandes und Friedens, den sie sich im ständigen Ringen mit der Korruption und Schattenwirtschaft erarbeiten konnten, umso größer wird die Dankbarkeit und Leistungsbereitschaft für die Chancen in der neuen Heimat sein.


Das Interview fand Anfang März 2022 statt. Im Magazin "EBERT" der FES MV (Ausgabe 1/2022 )ist eine Kurzfassung dieses Interviews veröffentlicht

 

Mehr: 

  • Junior-Professor Dr. Roman Dubasevych ist Lehrstuhlinhaber für Ukrainische Kulturwissenschaft an der Universität Greifswald. Er hat u.a. 2019 das Buch „Sirenen des Krieges. Diskursive und affektive Dimensionen des Ukraine-Konflikts.“ herausgeben, in dem es um die kulturelle Aufarbeitung des Krim-Krieges 2014 geht.
     
  • Weitere Informationen: https://slawistik.uni-greifswald.de/ostundwestslawistik/dubasevych/
     
  • Dort finden Sie auch Informationen zur Sommerschule „Greifswalder Ukrainicum“

Bild: Roman Dubasevych lehrt und forscht an der Universität Greifswald


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