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Landesbüro Nordrhein-Westfalen

Dienstag, 21.06.22 18:30 bis Dienstag, 21.06.22 20:00

Rückblick| Lesung "Zugang verwehrt"


Terminexport im ICS-Format

Keine Chancen in der Klassengesellschaft: Wie Klassismus soziale Ungleichheit fördert

Wir leben in einer Klassengesellschaft. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, auch durch die ungleiche Verteilung von Ressourcen – etwa im Kultur-, Bildungs- und Gesundheitsbereich. Vorurteile und gesellschaftliche Benachteiligungen prägen das Leben von Menschen aus der Arbeiter*innenklasse, Erwerbsloser und Alleinerziehender. Klassismus – die Diskriminierung aufgrund der Klassenherkunft und -zugehörigkeit prägt unsere Gesellschaften fundamental und durchzieht unser Leben von der Geburt bis über den Tod hinaus. So wirkt er auf dem Wohnungsmarkt, in politischen Debatten und verwehrt Chancen auf Bildung und soziale Netzwerke.

Mit der Streitschrift „Zugang verwehrt“ belegt Wissenschaftler*in und Antidiskriminierungstrainer*in Francis Seeck, wie Klassismus den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft gefährdet. Neben einer Erläuterung der Begriffe verweist Seeck zunächst dabei auf Wurzeln und Spuren der Klassismusdebatte. Es waren vor allem queere, feministische und Schwarze Menschen, die das Thema aufgenommen, und entscheidend geprägt haben. Die Lesung am 21.06.2022, zu der das NRW-Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kooperation mit der Volkshochschule Köln eingeladen hatte, bot einen spannenden Einblick in die Argumentation des Buches und zudem die Möglichkeit mit der Autor*in ins Gespräch zu kommen. Moderiert wurde der Abend von Homaira Mansury (VHS Köln) und Jeanette Rußbült (FES).

„Erwerbslose werden als dumm, faul, frech und ungepflegt dargestellt, und es wird der Eindruck erweckt, sie seien selbst schuld an ihrer Situation. Es herrscht die Vorstellung, arme Menschen seien materialistisch, könnten nicht sparen und würden das Geld zum Fenster rauswerfen – Geld, das ihnen nicht einmal gehöre, da sie es vom Staat beziehen“, zitierte Seeck zu Beginn der Veranstaltung aus der Streitschrift und machte damit deutlich, was mit dem Konzept des Klassismus gemeint ist. Im Alltag tritt er vor allen Dingen auch über unreflektierte Verwendung von Sprache in Erscheinung: Begriffe wie „sozial schwach“, „bildungsfern“ oder „arbeitslos“ sind mit diskriminierenden Stereotypen behaftet und haben sich dennoch in Gesellschaft und Politik verfestigt. Nur wenige wüssten, dass der Begriff „asozial“ im Nationalsozialismus dazu benutzt wurde, um Gruppen zu verfolgen und zu internieren, betonte Seeck und beschrieb damit, dass eine Sensibilisierung für die Sprache in Bezug auf Klassismus erst am Anfang stehe.

Im Wechsel zu Lesungsblöcken gab es immer wieder die Möglichkeit ins Gespräch zu kommen. Eine Frage aus dem Publikum lautete gleich zu Beginn: „Aber gibt es so etwas wie Klassen überhaupt noch?“ Seeck betonte, dass es zum einen die „klassischen“ Arbeiter*innen noch gebe, beispielsweise Handwerker*innen und Fabrikarbeiter*innen, aber auch im Niedriglohnsektor beschäftigte Personen, wie Reinigungskräfte und Lieferant*innen, Pflegekräfte und Mitarbeiter*innen bei großen Onlineversandhändler. Hinzu kommen Erwerbslose, Wohnungslose und Alleinerziehende, die besonders von klassistischer Ausgrenzung betroffen seien. Das „Klassenbewusstsein“ sei heutzutage allerdings weniger ausgeprägt, als zu Zeiten der Industrialisierung. Die meisten Menschen ordneten sich tatsächlich selbst der „Mittelklasse“ zu. Nur wenige benennen deutlich, dass sie wohlhabend oder arm sind. Der Hashtag #ichbinarmutsbetroffen soll das ändern und stellt eine Möglichkeit dar, mehr Aufmerksamkeit auf das Thema Klassismus zu lenken.

In der angeregten Diskussion mit den Zuhörer*innen wurde zudem deutlich, dass klassistische Ausgrenzung und Diskriminierung meist nicht alleine auftaucht. Viele Menschen sind von Mehrfachdiskriminierungen betroffen, was mit dem Begriff Intersektionalität beschrieben wird. So wurde betont, dass Frauen einen schwierigeren Zugang zu Führungspositionen haben, häufiger Erziehungs- und Pflegearbeit leisteten und „nur mit Titel Chancen haben aufzusteigen“, wie eine Teilnehmerin aus dem Publikum feststellte. Auch Menschen mit Behinderungen, queere Personen oder von Rassismus betroffene Menschen haben häufiger mit klassistischen Vorurteilen zu kämpfen. Eine Teilnehmerin betonte auch die Bedeutung von Klassismus in der globalen, transnationalen Welt und den Zusammenhang von Klassismus und Kapitalismus. Auch damit beschäftigt sich Seecks Streitschrift in einem Kapitel.

Der nächste Abschnitt aus dem Buch widmete sich dem Thema „Wohnen“ und erlaubte damit auch einen Blick direkt nach NRW und Köln. In der anschließenden Diskussion beteiligten sich viele Teilnehmer*innen und berichteten von Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt, je nachdem, welche Adresse auf den Bewerbungsunterlagen stünde. So seien etwa Köln Berg oder Köln Kalk häufig von einer stereotypisierten medialen Darstellung geprägt. „Zugang verwehrt“ beschreibt im entsprechenden Kapitel aber auch Gentrifizierungsprozesse. Sogenannte „soziale Brennpunkte“ werden durch den Zuzug von Studierenden und Kunstschaffenden „aufgewertet“, und dann zum „Szeneviertel“, mit dem Ergebnis, das weniger wohlhabende Menschen aus diesen Stadtgebieten vertrieben werden. Wohnraum würde so zu einem immer knapperen Gut und Innenstädte seien für Geringverdienende kaum noch zu finanzieren. Schon die Stadtplanung sei häufig von klassistischen Vorurteilen durchzogen, beschrieb Seeck.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurde der Blick nach vorne gerichtet und es wurden gemeinsam Ideen gesammelt, wie klassistische Diskriminierung aufgebrochen werden kann. Dazu wurden Konzepte wie das bedingungslose Grundeinkommen oder ein Grunderbe für alle, aber auch ein insgesamt stärkerer Fokus auf Bildungsgerechtigkeit diskutiert. Seeck betonte immer wieder, dass es mehr Aufmerksamkeit für die Thematik brauche und es schon einige Zusammenschlüsse von Klassismus Betroffenen gebe, die gehört und gesehen werden müssten. So berichtete Seeck von der Bewegung „Recht auf Stadt“, die sich mit der Privatisierung von öffentlichem Raum beschäftigt. Oder auch von der oben bereits genannten Bewegung #ichbinarmutsbetroffen, die alltägliche Überlebenskämpfe, Anfeindungen, Ausgrenzungen, Abwertung und Angst, aber auch Wut aufgrund klassistischer Ausgrenzung sichtbar machen möchte. An der Universität in Köln gebe es zudem ein Referat für antiklassistisches Empowerment, das gerade Kinder aus Arbeiter*innenfamilien unterstützt. Auch in diesem letzten Teil des Abends beteiligten sich die Teilnehmer*innen aktiv und berichteten von ihren Erfahrungen.

Am Ende der Veranstaltung wurde deutlich, dass Klassismus eine bekannte, aber weitgehend ignorierte Diskriminierungsform ist, für die es mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität braucht. Die Streitschrift „Zugang verwehrt“ von Francis Seeck macht sich dafür stark. Viele Diskussionsteilnehmer*innen nahmen am Abend ein Exemplar davon mit nach Hause. Klassismus geht uns alle an, das zeigte die Veranstaltung ganz klar und in diesem Sinne gab Francis Seeck dem Publikum noch eine kleine Denkaufgabe für zu Hause mit:

„Wenn du morgen aufwachst und es gibt eine sozial gerechte Gesellschaft. Woran würdest du das merken?“

Bild: Zugang verwehrt von FES LB NRW

Keine Veranstaltung ausgewählt

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