Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern

Übergabe, Übernahme, Überstanden?

Oder die Frage, wie die Deutsche Einheit gelungen ist.

  • Was waren echte Erfolge und Fehlschläge der Deutschen Einheit?
  • Wo lagen und liegen tiefe Missverständnisse auf beiden Seiten?
  • Und warum reden wir nach 30 Jahren weiter von Ost und West?


Wir laden Sie zu einem spannenden Gespräch ein: Ulrike Herrmann (eine westdeutsch sozialisierte Wirtschaftsjournalistin) und Ilko-Sascha Kowalczuk (ein ostdeutsch sozialisierter Historiker) reden und verständigen sich über die Zeit der Veränderungen seit 1990 und riskieren einen Blick in die deutsche Seele.

Wie stehen Sie zur Frage, was die deutsche Einheit für uns heute (noch) bedeutet. Wir freuen uns auf Ihre Sicht der Dinge!


Der Mitschnitt des Streitgesprächs/Stream vom 29.September 2020 ist derzeit nur auf https://www.facebook.com/FES.MV/ verfügbar.


Positionen und Perspektiven beider Gesprächspartner haben wir hier für Sie als Videostatements und als Interview zusammengefasst:
 

 

Videos:

Sechs Fragen, zwölf Antworten - wie bewerten Ulrike Herrmann und Ilko-Sascha Kowalczuk den deutschen Einigungsprozess?

Je sechs Fragen an Ulrike Herrmann und Ilko-Sascha Kowalczuk:

1 - Inwieweit kann die deutsche Einheit als Übernahme der DDR bezeichnet werden?

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2 - Was hätte im Einigungsprozess gänzlich anders laufen sollen oder gar müssen?

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3 - Inwieweit wird die DDR heute anders als 1990 betrachtet oder gar verklärt?

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4 - Wirtschaft und Infrastruktur stehen in Ostdeutschland an vielen Stellen besser denn je da. Woher kommt diese Unzufriedenheit?

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5 - Desaster oder Volksgeschichte - wie bewerten Sie die ökonomische Entwicklung Gesamtdeutschlands nach 1990?

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6 - Inwieweit ist das realistisch, dass die Unterschiede in Ost und West abflauen und das Land "richtig" zusammenwächst?

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1 - Inwieweit kann die deutsche Einheit als Übernahme der DDR bezeichnet werden?

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Interviews:

Ulrike Herrmann: "Das war nicht die Schuld der Treuhand, sondern die Schuld der Bundesbank!"

Ulrike Herrmann: "Das war nicht die Schuld der Treuhand, sondern die Schuld der Bundesbank!"

Die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann im Gespräch mit der FES MV


Inwieweit kann die deutsche Einheit als Übernahme der DDR bezeichnet werden? 

Nein, das war keine Übernahme. Und zwar absolut überhaupt nicht. Man muss das ganz anders sehen. Die Westdeutschen haben mit der Wiedervereinigung nicht gerechnet und waren komplett überrascht, als es zur Wende kam, am 9. November 1989.

Und das kann man auch anhand von Umfragen sehen, die kurz vorher, 1986, 1987 gemacht wurden. Die Bundesbürger wurden gefragt, wie sie die DDR sehen. Und da hat dann ein Drittel aller Bundesbürger gesagt, dass sie die DDR für ganz normales Ausland halten, also für einen fremden Staat. Und bei den unter 30-Jährigen war das sogar die Hälfte war. Und es wurde gefragt, wie die Leute zur Wiedervereinigung stehen würden. 75 Prozent der Westdeutschen waren 1986 durchaus für eine Wiedervereinigung. Aber nur neun Prozent haben geglaubt, dass das in ihren eigenen Lebenszeiten passiert.

Das heißt, die Westdeutschen hatten sich komplett arrangiert mit ihrer Zweistaatenlösung. Wenn die Bundesbürger über die Bundesrepublik geredet haben, dann haben sie immer Deutschland gesagt. Also für die Westdeutschen war Westdeutschland Deutschland und die DDR war DDR. 

Als dann die Wende passiert ist, saßen die Westdeutschen da und hatten keinen Schimmer, was sie jetzt als nächstes machen könnten.

Es gab keinen Plan in den Ministerien und es gab auch keinen Plan bei den Ökonomen. Und man muss sagen, dass in Wahrheit die ganze Dynamik nicht aus dem Westen, sondern aus dem Osten kam. 


Die Ostdeutschen haben entschieden, dass es eine Wiedervereinigung geben soll. Und sie haben damit richtig entschieden. Es war eine ostdeutsche Initiative. Und das kann man auch sehen an den Bildern von damals. Demonstrationen für die Einheit gab es nur im Osten. In gesamt Westdeutschland gab es nicht eine einzige Demonstration für die Einheit oder die Währungsunion. Das waren alles ostdeutsche Ideen. Und was eben auch oft vergessen wird, ist, dass die Volkskammer den Beitritt nach Artikel 23 GG beschlossen hat.

Und so ist ganz klar, dass es sich nicht um eine Übernahme handelte, sondern um eine freiwillige Entscheidung der Ostdeutschen. 


Was hätte im Einigungsprozess gänzlich anders laufen sollen oder müssen? 

Aus meiner Sicht nichts. Der Einigungsprozess war ein großer Erfolg und da ist in der Substanz nichts falsch gemacht worden. Man muss sich ja klar machen, das war ein historisches Experiment, so was hat es ja noch nie gegeben, dass sich zwei Länder wiedervereinigen und vor allem ein Land, das mal Industrieland gewesen ist. Die DDR war ja vor dem zweiten Weltkrieg eigentlich der Teil von Deutschland, der am stärksten industrialisiert gewesen war. Dann wurde dieses kapitalistisch industrialisierte Land zum Kommunismus gezwungen. Und dann 1989/90 das ganze wieder zurück. Ein Industrieland, das kommunistisch war, wird jetzt wieder kapitalistisch. Und in dieser Zeit ist eigentlich alles richtig gemacht worden. 

Und trotzdem: man macht sich im Rückblick gar nicht klar genug, wie hart die Zeit für viele Ostdeutsche damals war. Es gibt eine Zahl von 1993, die besagt, dass damals nur noch 30 Prozent aller DDR-Bürger den gleichen Job hatten wie vor der Wende. Das heißt, 70 Prozent mussten sich komplett umorientieren. Das ist beispiellos. Und natürlich sind viele dann auch arbeitslos geworden oder waren in Kurzarbeit oder wurden frühzeitig verrentet. 1,7 Millionen - das muss man sich auch klar machen - sind nach Westdeutschland umgezogen, weil es in Ostdeutschland gar keine Chancen mehr für sie gab. 500.000 haben im Osten gewohnt und im Westen gearbeitet, das waren also Pendler.

Und obwohl es so hart war, war es kein Misserfolg. Das wird glaube ich immer durcheinandergebracht. Weil man sich ja einfach angucken muss, wie die Lage der Wirtschaft der DDR 1989 war. Dass eine war, das weiß ja jeder, dass die Fabriken weitgehend verschlissen und ruiniert und zum Teil auch extrem mit Schwermetallen belastet waren.

Aber das Hauptproblem war ein anderes, nämlich dass die DDR 1989 nur alte Branchen hatte. Also die DDR hatte 1989 mehr oder minder die gleichen Branchen, die man 1945 auch schon hatte.


Also Textil, Möbel, einfache Konsumgeräte, Stahl, Werften, das waren jetzt aber genau die Branchen, die in der Bundesrepublik schon Anfang der 70er Jahre alle zusammengebrochen waren, weil man sich gegen die Konkurrenz auf den Weltmärkten nicht mehr wehren konnte. In Westdeutschland war das dann schon 1990 so, dass es keine Textilindustrie mehr gab, sondern dass die T-Shirts eben in Bangladesch hergestellt wurden und es wäre unmöglich gewesen, jetzt die Textilindustrie in der DDR zu retten. Das war schlicht nicht möglich. Sondern all diese alten Branchen sind dann eben auch in der DDR verloren gegangen. Aber da waren ja alle Industriearbeiter beschäftigt. 

Was der Treuhand dann doch gelungen ist, dass heute auf dem Gebiet der DDR, mehr Industrieprodukte hergestellt werden als zu DDR-Zeiten. Es ist also nicht wahr, dass die Ex-DDR deindustrialisiert worden wäre. Es ist immer noch ein Industriestandort.
Aber diese vielen Industriewaren, die immer noch in Ostdeutschland hergestellt werden, werden  mit viel weniger Arbeitskräften hergestellt, weil die Produktivität in Ostdeutschland ungefähr genauso hoch wie in Westdeutschland ist. 


Es gab Fehler, die sind aber nicht in der Einigungsphase entstanden. Der Hauptfehler aus meiner Sicht, ist die Einigung von Hartz IV. Die DDR hatte einen so starken strukturellen Wandel, dass es gar nicht zu vermeiden war, dass einige Menschen auf Dauer arbeitslos bleiben, also langzeitarbeitslos sind.

Hartz IV war aber ein Bestrafungsprogramm für Langzeitarbeitslose. Und die meisten dieser Langzeitarbeitslosen wohnten im Osten. Und das hätte man niemals machen dürfen. Sondern wenn klar ist, dass es strukturelle Arbeitslosigkeit gibt, einfach weil man diesen Strukturwandel hat, der historische Gründe hat, für die niemand was kann, hätte man dafür sorgen müssen, dass man die Menschen, die dann die Opfer dieses Strukturwandels sind richtig absichert.

Stattdessen hat man sie dann mit Hartz IV bestraft und das war aus meiner Sicht der größte Fehler. 


Inwieweit wird die DDR heute anders als 1990 betrachtet oder gar verklärt? 

Ich glaube, was viele DDR Bürger im Rückblick wahrnehmen ist, dass die DDR zwar eine Diktatur war und es keine Freiheit gab und dass man da eigentlich auch arm war und sich viele Konsumgüter gar nicht leisten konnte. Aber dass es natürlich eine Sache gab, die im Westen nur spärlich vorhanden ist und das ist Sicherheit. Jeder hatte einen Job und jeder hatte Einkommen. Dieses Einkommen war nicht unbedingt hoch und es gab nicht immer Erdbeeren, aber man hatte ein Einkommen, man hatte einen Job und man hatte in gewisser Weise auch eine Anerkennung. Man war sozusagen ein Teil dieser gesamten Gemeinschaft.

Genau das fehlte im Westen. Man hat sehr viel höhere Löhne, man hat natürlich Freiheit, was unendlich viel wert ist. Aber was man nicht hat, ist diese absolute Sicherheit, dass man eben irgendwie mit einem Job und irgendwie mit einem normalen Einkommen versorgt wird.

Und diese Art von Sicherheit, die wird natürlich gerade von Ostdeutschen, die das dann 40 Jahre hatten, sehr stark vermisst. Und jetzt wo man die Freiheit und die Konsumgüter und den höheren Lohn hat, vermisst man und sehnt man sich genau nach dieser Sicherheit, die fehlt. Und dann vergisst man so die restlichen etwas negativen Dinge an der DDR ziemlich schnell. 


Wirtschaft und Infrastruktur stehen in Ostdeutschland an vielen Stellen besser denn je da. Woher kommt diese Unzufriedenheit? 

Ich glaube, was die DDR-Bürger tatsächlich erlebt haben, und das darf man nicht kleinreden, ist eine tiefe Kränkung. Plötzlich waren überall Westdeutsche am Ruder. Es gab einen kompletten Austausch der Eliten, und ganz oft haben Ostdeutsche auch die Erfahrung machen müssen, dass Berufsabschlüsse, die sie hatten, Posten, die sie hatten, plötzlich nichts mehr galten. Auch da, wo das eigentlich unproblematisch gewesen wäre, Ostdeutsche weiter zu beschäftigen, z.B. in den Universitäten, rückten plötzlich Westdeutsche an.

Und diese Westdeutsche, die dann überall das Sagen hatten, haben sich manchmal auch ziemlich unangemessen benommen. Nämlich so, als wüssten sie alles besser und als hätten sie die Marktwirtschaft und den Kapitalismus persönlich erfunden. Und dafür wurde dann auch ein Begriff geprägt, der eigentlich sehr lustig und sehr gut war, nämlich Besserwessi.


Der hat es genau auf den Punkt gebracht, nämlich dieser Besserwissertum der Westdeutschen. Das ist dann auch schwer zu verarbeiten. Man ist arbeitslos, man muss sich umorientieren und dann hat man immer noch diese doofen Westdeutschen, die privilegiert sind, weil sie ja diese ganzen Umbrüche nicht mitmachen mussten. 

Allerdings muss man auch da sagen, dass es zu diesem Elitenaustausch, der stattgefunden hat, in Wahrheit keine Alternative gab.


Denn wenn man jetzt nicht überall Westdeutsche hingesetzt hätte, dann hätten ja die SED Bonzen weiterregiert. Dass das jetzt nicht eine hypothetische Annahme ist, kann man ja an Ländern wie Tschechien oder Bulgarien sehen. Dort haben sich die kommunistischen Eliten bereichert und stellen heute immer noch faktisch die Regierung. 


Desaster oder Volksgeschichte - wie bewerten Sie die ökonomische Entwicklung Gesamtdeutschlands nach 1990? 

Das größte Problem, wenn man jetzt Gesamtdeutschland ab 1990 anguckt, ist eine Institution gewesen, die kein Mensch auf dem Schirm hat. Die Bundesbank ist damals in Panik geraten, die dachten: Ach, jetzt kommt eine Inflation. Und dann hat die Bundesbank völlig falsch ab 1990 die Zinsen dramatisch hochgesetzt.

Jetzt glauben manche Leute: Ach Zinsen, das ist nicht so wichtig. Aber wenn die Zinsen hochgehen dann können ja keine Kredite mehr vergeben werden, aber Kredite sind Bedingung dafür, dass die Wirtschaft wachsen kann.

Und dann hat die Bundesbank im Alleingang ab 1992 den Einheitsboom abgewürgt. Also dass so viele Menschen arbeitslos waren, in der DDR, das war nicht die Schuld der Treuhand, sondern die Schuld der Bundesbank. Das wird aber nie gesehen.


Das Problem war, wenn Zinsen nur in Deutschland hoch gehen, dass dann gleichzeitig auch die Mark teurer wurde auf den Weltmärkten: Anders gesagt, der Kurs, der Devisenkurs der Mark ging nach oben, weil Anleger aus der gesamten Welt dann ihr Geld nach Deutschland geschafft haben, um hier von diesen hohen Zinsen zu profitieren. Das wiederum hat dazu geführt, dass die Exportwirtschaft im Westen enorme Probleme hatte.

Und dann entstand eine Situation, wo plötzlich diskutiert wurde: Ach, Deutschland ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Der kranke Mann Europas. Die Arbeiter sind alle faul. Und dann begann diese Diskussion, die letztlich zur Agenda 2010 geführt hat, also dazu, dass man die Hilfen für die Arbeitslosen gesenkt hat, dass man Minijobs als Nebenerwerb, Leiharbeit, Werkverträge eingeführt hat, dass man also den Druck auf die Löhne extrem erhöht hat.


Und das alles haben wir letztlich eigentlich der Bundesbank zu verdanken. Es ist aus meiner Sicht bedauerlich, dass diese Art von Wirtschaftsgeschichte in Deutschland gar nicht bekannt ist. 


Inwieweit ist das realistisch, dass die Unterschiede in Ost und West abflauen und das Land "richtig" zusammenwächst? 

Das wird passieren. Das ist immer eine Frage der Zeit. Man sieht das ja jetzt schon. Viele Leute aus dem Osten sind in den Westen gegangen. Umgekehrt sind viele Leute aus dem Westen in den Osten gegangen. Es ist überhaupt ziemlich unklar, wer jetzt eigentlich Ostdeutsch ist und wer nicht. Muss ich ja nur mich selber nehmen: Mein Vater war aus dem Osten, aus Magdeburg, ich bin in Hamburg aufgewachsen. Aber meine gesamte väterliche Verwandtschaft lebt im Osten und jetzt wohne ich in Ostberlin. Bin ich jetzt Ostdeutsche? 

Und es entstehen neue gemeinsame Themen. Ein Thema, das wir gerade haben ist Corona. Corona ist für Ostdeutsche genauso wichtig wie für Westdeutsche. Das ist ein gesamtdeutsches Problem, das auch gesamtdeutsch gelöst wird. Und ich glaube, dass diese Art von Themen, die alle betreffen und wo natürlich auch alle mitreden, dass die im Laufe der Zeit auch stärker werden und die Geschichte überdecken.
 



FES MV/ Sept.2020

Ulrike Herrmann arbeitet als Wirtschaftskorrespondentin bei der „tageszeitung“(taz). Zudem ist sie regelmäßiger Gast im Radio und im Fernsehen. Herrmann hat an der FU Berlin Geschichte und Philosophie studiert.

Ilko-Sascha Kowalczuk: "Ein kultureller Phantomschmerz, unter dem die ostdeutsche Gesellschaft bis heute leidet"

Ilko-Sascha Kowalczuk: "Ein kultureller Phantomschmerz, unter dem die ostdeutsche Gesellschaft bis heute leidet"

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk im Gespräch mit der FES MV


Inwieweit kann die deutsche Einheit als Übernahme der DDR bezeichnet werden, aus Ihrer Sicht? 

Die DDR ist nicht übernommen worden, weil die DDR als Parteiendiktatur, als kommunistischer Staat mit der Revolution von 1989 in den Orkus der Geschichte verabschiedet wurde. Im Jahre 1990 haben sich dann zivilgesellschaftliche Strukturen angefangen herauszubilden. Die gesamte Gesellschaft, das gesamte staatliche Gefüge hat sich verändert. Und im Zuge der deutschen Einheit, des Transformationsprozesses in den frühen 1990er Jahren kam es sowohl zu der Übergabe, als auch zur Übernahme. 

Und die Übernahme bezieht sich vor allen Dingen auf die Wirtschaft, auf materielle Dinge, die dann in ganz verschiedenen Prozessen in neue Eigentümerhände kamen. Das kann man sich ganz einfach statistisch anschauen. 87 Prozent der von der Treuhand veräußerten Betriebe ging in nicht ostdeutsche Hände. Und das kann man schon ohne dass man das politisch wertet als eine Übernahme bezeichnen. 

Natürlich ist der Begriff Übernahme durchaus auch politisch aufgeladen. Aber zu dem ganzen Prozess gehört dazu, dass es eine freie demokratische Wahl am 18. März 1990 gab. Und bei dieser Wahl haben 75 Prozent der ostdeutschen Wählerinnen ganz klar gesagt: „Wir wollen so schnell, wie es irgendwie geht, die D-Mark. So schnell wie es irgendwie geht zum Geltungsbereich des Grundgesetzes dazugehören.“ 


Was hätte im Einigungsprozess gänzlich anders laufen sollen oder müssen? 

Diese Frage ist keine wirklich historische Frage. Historiker sind solche rückwärtsgewandten Propheten, die immer irgendwie wissen sollen, wie man das im Nachhinein hätte besser machen können. Also müssen wir uns in die historische Situation von 1990 zurückversetzen. Es gab eine unglaubliche dynamische Entwicklung. Und zwar nicht nur in der DDR, sondern in halb Europa, vor allem im früheren kommunistischen Europa. Die Straße trieb die Politik in den hohen Palästen vor sich her. Und es gab keine Handbücher, wie man die Prozesse, die dort anstanden, steuern könnte. Und vor dem Hintergrund muss man erstmal festhalten, dass die deutsche Einheit auf einem hohem erstaunlich Niveau geleistet worden ist. 

Aber natürlich gab es auch eine ganze Menge Fehler, Dinge, die man aus heutiger Sicht kritisch sehen kann und die auch schon damals kritisch gesehen worden sind. Aus meiner Sicht ist vielleicht das problematischste, was passiert ist, dass mit dem 1. Juli 1990, dem Tag der Währungsunion, im Osten, als sich für alle Menschen dort alles änderte, sich im Westen für die Menschen gar nichts änderte. Und dadurch kam es damals zu einem, gar nicht so offenkundigen, aber doch sich immer stärker entwickelnden Kultur-Clash. 

Wenn sich in einem kleineren Teil alles ändert und im größeren, dem nun bestimmenden Teil und auch dem gewollt bestimmenden Teil, sich gar nichts ändert, dann kommt es zu Anpassungsprozessen, die schmerzhaft sind. Viele Menschen haben Jobs verloren und man muss sagen: Jobs zu verlieren ist eine tragische Sache. Man kann ihnen Jobs zurückgeben. Was man ihnen nicht zurückgeben kann, sind ihre früheren kulturellen Positionen, die sie eingenommen haben. Und das ist gewisser Weise der Phantomschmerz, unter dem die ostdeutsche Gesellschaft bis heute leidet. Nämlich die Veränderung der politischen und gesamten gesellschaftlichen Kultur. Und das hat, glaube ich, in der Dramatik auch keiner gewusst. Die ganzen Ausmaße sind auch viel zu wenig diskutiert worden. Bis zum heutigen Tage erleben wir das:

Wer den Transformationsprozess kritisiert, wer einen kritischen Blick auf die Einheit wirft, der gilt insgeheim irgendwie immer noch gleich als ein Apologet der SED Diktatur. Und wir müssen zunächst erstmal aus diesem Teufelskreislauf rauskommen. Man verteidigt die DDR nicht, indem man kritisch auf den Wiedervereinigungsprozess schaut. 


Inwieweit wird die DDR heute anders als 1990 betrachtet oder gar verklärt?

Menschen neigen generell dazu, je weiter sie sich von bestimmten auch eigenen biografischen Punkten entfernen, diese Punkte zu beschönigen. Das berühmteste Beispiel dafür sind immer noch die Landser-Gespräche. Wenn Sie sich Leute anhören, wie sie über ihre Schützengräbenerfahrungen aus dem ersten und zweiten Weltkrieg reden. Wie Leute aus Söldnertruppen über ihre Kampfeinsätze reden, dann werden Sie immer ganz viel von Kameradschaft, von: „Wir waren eine eingeschworene Truppe“ und so weiter und so fort hören. Und die eigentlich problematischen Dinge, der Krieg, Mord und Todschlag, der fällt in diesen Erzählungen ganz häufig hinten runter. Und warum fällt der hinten runter? Natürlich aus einem Selbsterhaltungstrieb. Weil das, was man dort erlebt hat, kann man sich einfach nicht ständig vergegenwärtigen, um irgendwie gewissermaßen halbwegs weiter durchs Leben torkeln zu können. Und wir wissen, dass gerade die ganzen Männergenerationen vom ersten und zweiten Weltkrieg alle Schwierigkeiten hatten, in einen normalen zivilen Alltag zurückzukommen.

Und wenn wir das jetzt umlegen auf andere historische Erfahrungen, dann kann man das zwar auch nicht in dieser Brutalität, aber dennoch irgendwie ganz ähnlich sehen. Die Menschen wussten 1989, 90 so irgendwie, wie sie sich durch das Regime bewegen können. Dann fiel das. Und zwar, es fiel, weil sich eine kleine Minderheit gegen das Regime engagierte. Und sei es, weil sie nun geflüchtet sind, sei es, weil sie demonstrierten, die große Masse, die stand hinter der Gardine und wartete ab. Das ist auch ganz normal, in allen historischen Prozessen, in allen Revolutionen.

Revolutionen sind immer nur Angelegenheiten der kleinen Minderheiten, die gegen eine kleine Minderheit einer Herrschaftsclique kämpft. Und die Masse dazwischen wartet ab.


Und nun siegte die Revolution. Es änderte sich alles. Und vieles änderte sich so, wie die Menschen es erwartet hatten und ganz vieles aber eben auch nicht so, wie sie es erwartet hatten. Und in einem solchen Rückblick erscheint dann das, was man früher kannte, wo man sich zurechtfand, vertraut. Und das Vertraute strahlt einem auch immer eine gewisse Wärme aus. Wissen Sie, wenn Leute 20 Jahre im Gefängnis gesessen haben und die kommen raus, dann haben die Angst, wieder in die ganz normale, freie Gesellschaft entlassen zu werden. Das ist schon in der Bibel beschrieben worden. Sozusagen die Sehnsucht nach dem Alten und die Angst vor dem Marsch durch die Wüste. Das sind alles uralte Geschichten. 

Und das können wir eben auch jetzt erkennen im Rückblick auf die DDR. Für viele Menschen wird die DDR im Rückblick immer kuscheliger, immer vertrauter. Man wusste, wie man sich bewegt. In 50 Jahren wird man auf die Zeit jetzt höchstwahrscheinlich auch weitaus wärmer zurück schauen, als sie uns jetzt selbst gerade erscheint. 


Wirtschaft und Infrastruktur stehen in Ostdeutschland besser da, denn je. Woher kommt aber diese latente Unzufriedenheit in einem Teil der Bevölkerung in Ostdeutschland? 

Je stärker die Integration mit sozialstatistischen Daten, wie der Rückgang der Arbeitslosigkeit gezeigt werden könnte, umso größer wurde der Entfremdungsprozess von diesem System. Und zugleich haben wir noch ein anderes Phänomen zu beobachten, das wir eigentlich seit 25 Jahren fast kontinuierlich beobachten können: Dass mindestens zwei Drittel, gegenwärtig sind es 80 Prozent der Ostdeutschen, sagen: ihnen persönlich geht es materiell gut. Und wenn man sie dann fragt: „Und wie geht es Ostdeutschland?“ Dann sagen auch zwei Drittel: „Das ist sozusagen eine Zweiklassengesellschaft. Ostdeutschland ist abgehängt.“ und so weiter und so fort. Wie kann man das erklären?

Meines Erachtens eben nicht mit Wirtschaftsdaten oder Sozialstatistiken. Die bringen uns da nicht weiter.

Sondern ich glaube, das sind alles Phänomene eines kulturellen Phantomschmerzes, den die Menschen dort fühlen. Die fühlen sich kulturell abgehangen. Mit ihren Biografien nicht ernst genommen. Sie trauern auch kulturellen Positionen, die sie in der Arbeitsgesellschaft DDR eingenommen hatten hinterher.


Was heißt das? Die Arbeitsgesellschaft DDR war mehr, als die westliche Arbeitsgesellschaft. Arbeit stand im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Etwas, was ich ja im Westen an den 70er Jahren anfing, aufzulösen. Im Osten war das bis 1989 eben anders. Um Arbeit gruppierte sich alles. Die Kinderbetreuung, die Urlaubsfragen, das soziale Leben, das kulturelle Leben, Theater, Sportvereine, alles was man sich irgendwie denken könnte, Freundschaften. Die meisten Ehen sind sozusagen in diesem Bereich angebahnt worden. Und das brach alles mehr oder weniger über Nacht im ersten Halbjahr 1990 zusammen. Das erklärt auch diese ganz anders geartete Wirtschaftsstruktur im Osten. Dass eben zu jedem Betrieb auch eine Kinderkrippe dazuzählte oder ein Theater oder eine Schwimmbahn oder was auch immer. Und das hat gewissermaßen den Menschen, das hat ihren sozialen Status und ihren kulturellen Status ausgemacht und das brach weg. Und da gab es keinen Ersatz dafür.

Die meisten Menschen fielen in eine Leere, die sie damals und heute auch gar nicht so klar benennen könnten. Dieser kulturelle Phantomschmerz, über den wir in der Öffentlichkeit kaum diskutieren, weil es den meisten westlichen Analytikern und Beobachtern und Politikern gar nicht bewusst ist. 

Und auch den meisten Ostlern ist das ebenfalls gar nicht mehr so bewusst. Und hinzu kommen noch zwei andere Dinge: Die globale Entwicklung, die die Menschen verunsichert hat. Das eine war die große Bankenkrise 2008, die gewissermaßen das herrschende Paradigma über die Stabilität des Westens komplett über Nacht infrage stellte. Und das zweite ist, dass viele Menschen, gerade im Osten, aber nicht nur im Osten, weltweit durch die Migrationsbewegung völlig verunsichert worden sind und nicht wissen, wie sie damit umgehen können; sich in ihrem eigenen Status erneut bedroht sehen. Und diese Bedrohung ist im Osten eine doppelte.

Man hat im Osten gewissermaßen in ihrer Wahrnehmung erst das eine genommen, das war nichts mehr wert. Und nun kommt schon wieder etwas, was alles in Frage stellt. Ganz zu schweigen davon, dass man ihnen auch die lieb gewonnene D-Mark zwischendurch weggenommen hat. Das wird immer so weggespielt, aber das war für viele Ostdeutsche ein Schock.


Sie haben sich Jahre, Jahrzehnte auf die D-Mark gefreut und dann war die auf einmal weg und nannte sich Euro. Es hört sich so ein bisschen lächerlich an, gerade für Eliten, aber für viele Menschen war das durchaus nicht so einfach zu verkraften. Das waren mehrere Schockerlebnisse, die eben teilweise dramatische Auswirkungen haben.


Desaster oder Erfolgsgeschichte. Wie bewerten Sie die ökonomische Entwicklung Gesamtdeutschlands nach 1990? 

Deutschland zählt zu den sozial stabilsten Volkswirtschaften auf dieser Welt. Mit einer unglaublich hohen sozialen Absicherung. Mit einer unglaublich leistungsstarken Wirtschaft. Abgesehen vielleicht von unseren Nachbarn im Norden und vielleicht den BeNeLux-Staaten. Fast alle Länder der Welt würden gerne mit dem sozialen Status Deutschlands tauschen. Vor allen Dingen die Menschen.

Und auch angesichts dieses doch sehr hohen Niveaus, auf dem wir diskutieren, dieser unglaublichen Fallhöhe, auf der wir uns bewegen, die fast kein anderes Land dieser Welt hat und schon gar nicht ein so großes Land, ist für mich immer wieder erstaunlich, auf was für einer, sozusagen, auf was für einem niedrigen Niveau wir glauben, in der Öffentlichkeit über unsere Probleme jammern zu müssen. Im Vergleich zum Rest der Welt sind das doch alles irgendwie Mickymaus Probleme.


Inwieweit ist das realistisch, dass die Unterschiede in Ost und West abflauen und dass das Land richtig zusammenwächst? 

Da sind wir ja mittendrin in einer Diskussion, die meines Erachtens weitaus komplizierter ist, als es Ihre Frage nahelegt. Denn wir müssen uns nach 30 Jahren deutscher Einheit erstens Fragen: Wie lange wollen wir immer noch über diese Einheit sprechen? 1870, 1871, als Bismarck die deutsche Einheit zustande gebracht hat, da gab es natürlich auch Gegenbewegungen, aber 30 Jahre später hat das irgendwie gar keiner mehr infrage gestellt. Bei uns wird das irgendwie immer noch so mit so einem Unterton infrage gestellt, das finde ich ein bisschen lächerlich. Wir sollten es einfach als ein Faktum annehmen.

Und wenn wir es als ein Faktum angenommen haben, dann sollten wir uns auch davon verabschieden, dass alle irgendwie gleich sein müssen. Die Kraft liegt in der Diversität, das wissen wir auf vielen Gebieten. Das ist auch in einer Gesellschaft so. Eine Gesellschaft entwickelt sich durch die inhärenten Widersprüche weiter, durch den Widerspruch, den man auch öffentlich artikuliert. Und es kann nicht mehr darum gehen, dass der Osten genauso wird, wie der Westen. Warum? Weil es nämlich erstmal voraussetzen würde, dass es den Osten überhaupt gibt.

Der Osten und die Ostdeutschen, das sind homogenisierende Begriffe, die so tun, als wenn zwischen Kap Arkona und Suhl alles gleich wäre. Es gibt da ganz unterschiedliche Erfahrungsräume vor 1989, nach 1989. Das Dorf in der Nähe von Schwerin hat wahrscheinlich viel größere Ähnlichkeiten mit Dörfern in Schleswig-Holstein, als mit Berlin oder Leipzig. Aber alles wird immer als Ostdeutschland sozusagen subsummiert.


Wir sollten verstehen, warum es vielleicht sogar notwendig war, dass man diese Begriffe Ostdeutschland und Ostdeutsche nach 1990 benötigte. Man brauchte gewissermaßen auch so eine Art Legitimation für den Institutionstransfer. Und dafür musste man den Raum gewissermaßen homogenisieren. Davon sollten wir uns aber wirklich verabschieden und die ostdeutschen Länder als Teil des föderalen Systems der Bundesrepublik diskutieren und die Unterschiede innerhalb Deutschlands und innerhalb Europas nach anderen Kriterien markieren und diskutieren.

 

FES MV/ Sept.2020

Ilko-Sascha ist Historiker und Publizist. Er hat zahlreiche Bücher zur DDR-Geschichte veröffentlicht. Zuletzt erschien 2019 sein Buch „Die Übernahme. Wie Ostdeutschland Teil der Bundesrepublik wurde“.


(fes-mv/fw und tp; zuletzt 02.10.2020)

Diskussion online am 29. September

Ulrike Herrmann und Ilko-Sascha Kowalczuk im Live-Gespräch

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