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Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern

28.03.2022

Franz Müntefering: "Man muss es besser machen!"

Wir sprachen mit SPD-Urgestein Franz Müntefering. Ihm ist wichtig zu verstehen, dass Verhandlung und Kompromissfindung das Wesen demokratischer Politik sind. Nicht nur wissen, wie es geht, sondern es tatsächlich tun.

Bedrohlich sind Klimawandel und Atomkrieg gleichermaßen. Antworten darauf müssen international sein.

Das Interview wurde vor dem Ukraine-Krieg im Rahmen einer FES-Veranstaltung geführt.

 

Sprechen wir über Gerechtigkeit, genauer: über einen Aspekt von Gerechtigkeit - die Generationengerechtigkeit. Was verstehen Sie darunter?
Franz Müntefering: Gerechtigkeit muss für die Generationen gelten, die jetzt leben, aber auch für jene, die nachkommen. Es gibt eine Mitverantwortung, in die Zukunft zu blicken. Das ist das Wichtigste. Generationengerechtigkeit kann sich nicht erschöpfen im Verteilen, sondern sie setzt vor allem eine Befähigungsgerechtigkeit voraus. Das heißt: Die Chancen - zum Beispiel - auf Bildung und Ausbildung, die müssen erstmal garantiert sein. 


Wie kann das gelingen?
Gerechtigkeit muss gemeinsam erarbeitet werden. Demokratie ist auch eine Lebensform - und da geht es eben nicht nur um das, was der Staat, sondern auch, was der Einzelne, vor allem: was die Gesellschaft tun kann. 


Was man gemeinsam tun kann. Nehmen wir Fridays für Future. Wie blicken Sie auf die Proteste der Jugend?
Die Forderungen sind richtig. Aber sind sie auch durchsetzbar? Meine Empfehlung ist immer: Geht in die Parteien oder gründet selbst eine Partei und sorgt dafür, dass etwas umgesetzt wird. Wichtig ist, wenn man politisch was will, dass man nicht stehen bleibt. Das Arbeiterlied „Die Gedanken sind frei“ ist zwar ein schönes Lied, aber nur die halbe Wahrheit. Es reicht nicht, es besser zu wissen. Man muss es besser machen! Und deshalb muss man sich engagieren. 


Was bedeutet das für die jungen Leute von heute?
Die, die jetzt jung sind, die können nicht in 30 Jahren ihren Enkeln sagen, wir haben es besser gewusst, aber die Alten haben es nicht gemacht. Sondern sie müssen sich jetzt engagieren. Aber in der Sache haben sie natürlich Recht. Und zwar mit höchster Dringlichkeitsstufe. Es gibt allerdings auch eine Menge Ältere, die sich engagieren. Es gibt eine Chance. 

 

Bei Fridays for Future schwingt oft der Vorwurf mit, dass man früher mehr hätte machen müssen. 
Der Kampf gegen den Hunger und die Angst vor Atomwaffenkrieg waren dominanter, ja.  Man kann sich etwas für die Zukunft vornehmen. Das Wichtigste: dass man seine Ziele international angeht.


Haben Sie ein Beispiel?
Ein Prozent der Weltbevölkerung sind Deutsche. Wir verursachen drei oder vier Prozent der gesamten Umweltbelastung. Das heißt: Selbst wenn wir picobello sauber sind, kann dadurch die Welt nicht gerettet werden. Das müssen wir zusammen hinkriegen. Wir müssen miteinander sprechen, Vereinbarungen treffen. Es gibt ja einige Beschlüsse. Paris, aber auch andere. In den 1970er- und 80er-Jahren hat man angefangen, sich mit Umwelt- und Klimathemen zu beschäftigen. Es ist also nicht so, als ob gar nichts passiert wäre. Einiges ist verbessert worden, aber eben nicht genug. Und nicht abgestimmt genug.


Wie kann das künftig gelingen?
Es ist nicht nur eine Frage des guten Willens. Wenn du in Brasilien einen Präsidenten hast, der Wälder abbrennen lässt: Da entsteht eine Katastrophe - und die kannst du gar nicht durch einen Beschluss in Deutschland reparieren. Deshalb ist es ganz wichtig, so wie bei der Pandemie übrigens auch, dass wir Probleme international lösen. 


Setzt die Jugend eigentlich die richtigen Prioritäten? Oder haben wir - nehmen wir z.B. Atomwaffen - nicht auch andere politische Probleme als „nur“ den Klimawandel?
Es gibt gewisse Unterschiede. Wir Jungen waren damals gegen Helmut Schmidt, als es um den Nato-Doppelbeschluss ging. Er hatte aber Recht. Schmidts Kalkulation war, dass Atombomben saugefährlich sind. Das kann nur gut gehen, wenn derjenige, der die Atombombe schmeißt, weiß: Ich schmeiß als Erster, aber der massiven Antwort werde ich nicht entkommen können.


Und der Unterschied zum Klimaschutz…?
Beim Klimaschutz ist das Problem, dass alle wissen: Da wird es keinen Knall geben und die Erde ist kaputt. Das geht Schritt für Schritt. Stärker noch als wir sind die Menschen im Zentrum von Afrika betroffen. Im Moment sind 60 Millionen auf der Flucht. Menschen, die vor allem vor den Auswirkungen des Klimawandels fliehen.


Klimawandel. Haben alle die Brisanz erkannt?
Wir tun immer so, als wäre Ökologie eine abgeleitete Größe von Ökonomie. Ist sie aber nicht. Wenn es wirklich zu einer Klimakatastrophe kommt, dann wird auch die Wirtschaft an vielen Stellen nicht mehr funktionieren. Und dann wird die Welt im Chaos sein. Das ist das Dilemma, in dem wir stecken. Gute Ökologie ist die Bedingung für dauerhaft gute Ökonomie. Und so müssen wir handeln.


Und es ist nicht das einzige…
Als ich zehn Jahre alt war, 1950, lernte man in der Schule, es gibt zwei Milliarden Menschen auf der Welt. Heute sind es ungefähr 8 bis 8,5 Milliarden. Und die Frage, die wir beantworten müssen, lautet: Kann man 2050 oder 2060 zehn bis elf Milliarden Menschen ernähren - und bleibt es dabei friedlich? 


Wenn Sie vor einer Gruppe engagierter Jugendlicher stehen, was sagen Sie? 
Ihr könnt die Parteien ruhig fordern. Gerade beim Thema Klimaschutz. National angehen, international umsetzen: So heißt das Ziel. Dann nochmal: Allein kann man die Welt nicht retten. Gemeinsam haben wir eine Chance. 


Aber was kann jeder Einzelne tun?
Jeder kann einen Beitrag leisten. Wie viel Strom verbrauche ich? Muss ich jeden Tag mit dem Auto fahren? Solche Fragen kann sich jeder stellen.


Gibt es eigentlich etwas, das Sie im Rückblick anders gemacht hätten in ihrem politischen Leben?
Nein. Eine wichtige Entscheidung war, dass ich mit 25 in die SPD gegangen bin. Ich komme aus einem konservativen Elternhaus und wollte 1965, dass die SPD die Bundestagswahl gewinnt. Hat sie aber nicht. Ich habe auch dem Bundeskanzler geschrieben und der Regierung und dem Bürgermeister, dass alles falsch ist und was man alles machen muss. Ich war also - ein Schlaumeier. Wie man halt ist in der Altersklasse. Irgendwann in dem Jahr habe ich kapiert: Du darfst nicht nur wissen, wie es geht, du musst es machen. Also bin ich in die Partei gegangen. 


Und wie war’s zu Beginn?
Wenn du dann das erste Mal in den Ortsverein kommst, dann sitzen da 20 Leute - und denen habe ich die Welt erklärt. Und dann sagten die: Nein. Was macht man dann? Verhandeln. Erklären. Kompromisse machen. Du lernst, dass Politik ein ewiges Bemühen ist, vernünftige Positionen einzubringen und die auch umzusetzen. Wir wollen ja Demokatie, keine Diktatur. Man lernt auch: Nicht jeder Kompromiss ist gut. Aber es gibt welche, die sind sogar besser als Parteitagsbeschlüsse.

 

Wir danken für das Gespräch. 
 

 

Bild: Franz Müntefering: "Man muss es besser machen!"


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