Landesbüro Mecklenburg-Vorpommern

09.10.2019

„Demokratie lebt von Demokraten“

Markus Meckel, Mitbegründer der SDP, im Interview zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution in der DDR und welche Rolle Mecklenburg in diesem Prozess spielte.

Bild: Markus Meckel - Copyright: Emanuela Danielewicz


Herbst 1989. Was ist die wichtigste Botschaft der Friedlichen Revolution?
MARKUS MECKEL: Hier sind Menschen aufgestanden, die sich sagten: „So geht es nicht weiter.“ Die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen, sich einzumischen. Das ist die wichtigste Botschaft von 1989. Demokratie lebt von Demokraten. Damals wie heute.


Sie sagen: „Der Weg in die Einheit war der aufrechte Gang der Ostdeutschen.“
Am Runden Tisch sind die Bedingungen für die freie Wahl ausgehandelt worden. Eine frei gewählte Regierung hat die Verhandlungen mit der Bundesregierung und den Alliierten geführt. Auf dieser Grundlage wurde der Beitritt beschlossen.

Ja, das war – institutionell gesehen – der aufrechte Gang der DDR-Bürger in die Deutsche Einheit. Und das sollten wir mit Selbstbewusstsein betrachten.


Sie lebten von 1980 bis 1988 in Vipperow. Wann haben Sie gemerkt, dass sich auch in Mecklenburg politisch etwas tut?
Wir haben uns schon 1981 dafür eingesetzt, dass es einen Friedensbeauftragten der Evangelischen Kirche gibt. Daraus wurde nichts, trotzdem wurde dann bald die „Arbeitsgruppe Frieden“ gegründet, in der sich Vertretern der verschiedenen emanzipatorischen Gruppen trafen und den Kontakt mit der Kirche hielten.

Es war der erste Versuch von Vernetzung von Opposition, wie wir heute sagen würden. Hier wurde sich ausgetauscht, sind Thesenpapiere entstanden, wurden Strategien entwickelt. Da war Mecklenburg wirklich weit vorne.


Mit wem kamen Sie damals noch zusammen?
Diese Vernetzung der Gruppen war wichtig. Schon bald gab es die DDR-weite Delegiertentreffen. Das erste fand 1983 in Berlin statt, dann 1984 in Thüringen und 1985 haben wir im März nach Schwerin eingeladen. Nicht nur Friedensgruppen, sondern zum Beispiel auch Vertreter von Ökologie-, Frauen- und Menschenrechtsgruppen. Es wurde ein Fortsetzungsausschuss gegründet, um besser handlungsfähig zu sein und mit den Kirchenleitungen verhandeln zu können.


Das war Oppositionsarbeit.
Damals nannten wir es nicht so, aber faktisch war es das. Auch hier hat Mecklenburg eine wichtige Rolle gespielt.


Und zu Hause in Ihrem Pfarramt?
In jedem Sommer luden wir von 1982 nach Vipperow und in die umliegenden Dörfer zu einem sogenannten Mobilen Friedensseminar im Osten Mecklenburgs ein. Es kamen immer so 60 bis 120 Leute aus der ganzen DDR, aber auch aus dem Ausland. Heute würde man sagen, es waren Seminare der politischen Bildung, zu verschiedenen Fragen an verschiedenen Orten.

Man lernte sich DDR-weit besser kennen, hatte mal mehr Zeit zum Gespräch und zur Durchdringung der Themen, konnte Absprachen treffen. Auch das war eine Vorarbeit für das, was '89 geschehen ist.


Noch vor der friedlichen Revolution haben Sie im Oktober 1989 – gemeinsam mit Martin Gutzeit – die Sozialdemokratische Partei der DDR gegründet. Wie kam es dazu?
Die kirchlichen Treffen dienten dem Dialog, der Vergewisserung, dem gemeinsamen Suchen und trugen zur Ermutigung bei, auch einmal persönlich „Nein“ zu sagen, nicht alles mitzumachen. In der Gemeinschaft nachzudenken. Einen offenen Diskurs zu haben.

Ab '87/ '88 wuchs durch die Politik Gorbatschows die Hoffnung, dass sich vielleicht doch etwas ändern ließe.

Bis dahin hatte ich nicht damit gerechnet, jemals in Freiheit und Demokratie zu leben. Es ging eher darum, sich morgens noch im Spiegel ansehen zu können, oder, wie Vaclav Havel geschrieben hat, „in der Wahrheit“ zu leben. Nun dachten wir daran, wie etwas verändert werden kann. Das aber musste dann außerhalb der Kirche organisiert werden.

Wir brauchten neue Strukturen der Opposition.


Was wollten Sie mit der Gründung erreichen?

Wir wollten eine Partei gründen und setzten damit ein Fanal für eine ganz andere Zukunft: Die Diktatur muss aufhören, wir wollten eine parlamentarische Demokratie. Wir stellten also die Machtfrage, auch wenn es ein bisschen absurd klingt, dass zwei evangelische Pfarrer daherkamen und einen Systemwechsel forderten.



Und weshalb eine sozialdemokratische Partei?
Wir hätten ja jede Partei gründen können. Doch Martin Gutzeit machte diesen Vorschlag – und er leuchtete mir sofort ein. Wir stellten uns damit in eine alte Tradition. Die Sozialdemokratie ist die älteste deutsche Partei, durch welche im 19. Jahrhundert Unterdrückte zu einem politischen Subjekt wurden. Und genau das wollten wir.

Auch in der DDR galt es, aus Untertanen Bürger zu machen, Menschen, die zum Subjekt von Politik werden und sich ermächtigen, sich einzumischen in eigener Sache.


Es gab aber noch weitere Gründe.
Zwei sogar. Einer war: der internationale Kontext. Die Sozialdemokratie war eben nicht nur eine nationale Veranstaltung, sondern auch eine globale und internationale. Ich denke an den Nord-Süd-Bericht Willy Brandts, den er mit einer Arbeitsgruppe für die UNO gemacht hatte. Oder an Olof Palme, den schwedischen Ministerpräsidenten, der für eine Politik der „gemeinsamen Sicherheit“ stand, in der Sicherheit nicht gegeneinander errüstet, sondern miteinander vereinbart wird. Das waren Kategorien, die zum Ende des Kalten Krieges führten. Und dann eben Gro Harlem Brundtland, die norwegische Sozialdemokratin als Ministerpräsidentin, die mit einer internationalen Arbeitsgruppe einen UN-Bericht über nachhaltige Entwicklung verfasst hatte. Also alles Grundfragen, die uns ja auch heute noch beschäftigen.

In diesem internationalen Kontext wollten wir aus der Provinzialität der DDR herauskommen.


Und der zweite Punkt?

Der zielte gegen die SED. Wer eine sozialdemokratische Partei gründete, der machte die Zwangsvereinigung von 1946 rückgängig und zog gewissermaßen die Hand aus dem Händedruck, dem Parteiabzeichen der SED. Das ging für die SED an die Wurzeln ihres Selbstverständnisses.



Sie waren, so wird gesagt, gegen die Aufnahme ehemaliger SED-Mitglieder in die SDP. Stimmt das überhaupt?
Das trifft nicht zu. Es gab im Januar 1990 einen Vorstandsbeschluss, in dem wir festlegten, dass der Eintritt in die SDP über die Ortsvereine geht. Dort sollten die Kandidaten ihre politische Biographie offenlegen, damit der Ortsverein entscheiden konnte. Vor Ort kannte man sich, vor Ort konnte man das besser einschätzen.

Es war ja durchaus so, dass mancher aus einer Blockpartei viel schärfer war als ein SED-Mitglied. Das wollten wir berücksichtigen. Nur für die Zeit von Februar bis Juni 1990 gab es ein Moratorium für die Aufnahme früherer SED-Mitglieder, weil die CDU – vom Westen gesteuert – uns mit schlimmsten Denunziationen überzog, als wäre SPD=PDS. So setzte man Willy Brandt mit Erich Honecker gleich.

Das war die erste wirklich üble Erfahrung mit der „Meinungsfreiheit“ des Westens, in der auch solches Denunzieren ungestraft möglich war.


Die Geschichte der SDP war nur eine kurze Episode, vom 7. Oktober 1989 bis 27. September 1990. War es eine Erfolgsgeschichte?
Das würde ich so sagen, ja. Wenn wir uns dieses Jahr anschauen, waren die Sozialdemokraten die einzige Kraft, die sowohl in der Friedlichen Revolution als auch im Prozess der Deutschen Einheit eine wichtige Rolle gespielt haben. Die Blockparteien wie die CDU saßen noch am Runden Tisch an der Seite der SED und spielten in der Revolution keine Rolle. Die Freunde aus der Opposition konnten nach der freien Wahl kaum noch Politik gestalten.


30 Jahre friedliche Revolution heißt auch 30 Jahre Aufarbeitung.
Uns war von Anfang an bewusst, dass wir diese Aufgabe angehen müssen. Die Aufarbeitung begann am Runden Tisch und wurde auch in der frei gewählten Volkskammer vorangebracht. Dort haben wir auch die Offenlegung, den Zugang zu den Stasi-Akten durchgesetzt. Das war ein großer Erfolg.


Und wie lautet heute die Herausforderung?

Aufarbeitung muss immer wieder neu beginnen. Mit jeder neuen Generation. Die Leute wissen generell wenig über das 20. Jahrhundert. Das halte ich für sehr problematisch, denn wenn wir nicht wissen, wo wir herkommen, fällt es auch schwer, klare Kriterien für die Gestaltung der Zukunft zu finden.


Interview: Frederic Werner

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Zur Person:

  • Markus Meckel, geboren 1952 in Müncheberg (Brandenburg), studierte Theologie und wurde Pfarrer. In den 80er-Jahren koordinierte er Friedensgruppen und gründete 1989 – gemeinsam mit dem Theologen Martin Gutzeit – die Sozialdemokratsiche Partei der DDR (SDP). Im April 1990 wurde er zum Außenminister der letzten DDR-Regierung berufen.
     
  • Von 1990 bis 2009 gehörte er der SPD-Fraktion im Bundestag an. Meckel ist Vorsitzender des Stiftungsrates in der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und Mitglied des Beirats der Stasi-Unterlagenbehörde BStU.



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