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Wohin entwickelt sich unsere Gesellschaft?

11.09.2020

Ist die Krise ein Wendepunkt ? Wie Sprachbilder unseren Umgang mit der Pandemie prägen

Bild: von April Mediengruppe

Bild: von April Mediengruppe

Wenn wir auf gesellschaftlicher Ebene über etwas nachdenken, spielt die Sprache, mit der wir das tun, eine entscheidende Rolle. Von besonderer Bedeutung sind dabei Sprachbilder – oft als »Framing« bezeichnet –, mit denen das Vokabular und die Logik vertrauter und konkret erfahrbarer Lebensbereiche auf komplexe, abstrakte und schwer überschaubare Phänomene übertragen werden. Die Entscheidung für ein bestimmtes Sprachbild stellt dabei bestimmte Aspekte einer Situation in den Vordergrund und versteckt andere im Hintergrund und hat so einen entscheidenden Einfluss auf die Inhalte politischer und medialer Diskurse.

Die Pandemie als Krieg

Epidemien werden in vielen Sprachen bildhaft als »Krieg« dargestellt, in dem der Krankheitserreger der »Feind« ist. Auch in der politischen Rhetorik zur COVID-19-Pandemie lässt sich dieses Sprachbild beobachten. »Wir befinden uns im Krieg«, beschwor Frankreichs Präsident Macron seine Landsleute. Für den US-Präsidenten Trump war der »Kampf« gegen das Coronavirus »unser großer Krieg«, für den britischen Premierminister Johnson eine »Schlacht«. Das Coronavirus ist in diesem Szenario der »unsichtbare Feind« (Trump), der »tödliche Feind« (Johnson) auf dem »Vormarsch« (Macron), den man »besiegen« werde.

Entscheidend ist, dass nicht nur Wörter wie »Krieg«, »Feind« und »Sieg« auf die Pandemie übertragen werden, sondern auch die Logik der Kriegsführung. Trump bezeichnete sich als »Kriegspräsident« und verglich die Pandemie mit dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Zweiten Weltkriegs. Auch Boris Johnson sagte, sein Kabinett werde sich verhalten wie eine »Kriegsregierung«. In der Logik dieses Sprachbilds wurden die Pflegekräfte in den Krankenhäusern für Macron zu Soldat_innen, die einen »Kampf an vorderster Front« führen und dabei eine »patriotische Selbstaufopferung« demonstrieren, die er auch von der Bevölkerung erwarte.

Das Sprachbild geriet schnell in die Kritik. Adriano Iaria vom italienischen Roten Kreuz wies auf die erhöhte Zahl an Todesfällen durch COVID-19 bei Ärzt_innen und Pflegepersonal hin und warnte, dass diese gemäß der Kriegslogik als notwendige Opfer im Kampf gegen einen mächtigen Feind in Kauf genommen würden.[1] Die Kommunikationswissenschaftlerinnen Bec Sanderson und Dora Meade befürchteten, dass das Sprachbild des Krieges einem autoritären Denken Vorschub leisten und uns nahelegen könnte, uns als pflichtbewusste Befehlsempfänger_innen zu sehen und diejenigen, die sich ihren Pflichten entziehen, als Verräter_innen.[2]

Andererseits kann uns das Sprachbild des Krieges die Notwendigkeit gesellschaftlicher Solidarität und Ausdauer vermitteln, indem es dazu anregt, uns gegen den gemeinsamen »Feind« zusammenzuschließen und keine Anstrengung zu scheuen, um ihn zu »besiegen«.

Die Pandemie als Krise

Anders als in Frankreich, Großbritannien und den USA wird Kriegsmetaphorik in Deutschland – wohl aus historischen Gründen – nur zögerlich verwendet. Auch im Zuge der COVID-19-Pandemie finden sich nur selten explizite Bezüge auf dieses Sprachbild.[3] Stattdessen dominiert im politischen Diskurs das Sprachbild der »Krise«. Der allgegenwärtige Begriff der »Corona-Krise« setzt eine sprachliche Tradition fort, mit der in Deutschland bereits lange auf jede Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen reagiert wird: von der »Finanzkrise« und der »Eurokrise« über die »Flüchtlingskrise« bis hin zur »Klimakrise«.

Dass es sich dabei um ein Sprachbild handelt, ist auf den ersten Blick weniger offensichtlich als bei der Kriegsmetaphorik. Aber auch der Begriff der „Krise“ bringt eine sprachliche Logik mit sich, die uns eine auf diese Weise versprachlichte Situation auf eine bestimmte Weise sehen lässt.

Wenn wir etwas als »Krise« bezeichnen, stellen wir es als unvorhersehbar und unverschuldet dar: In eine Krise wird man unvermittelt »gestürzt« oder man »schlittert« hinein. Dann »steckt man in der Krise« wie in einer Falle und muss nach einem »Ausweg« oder einer »Lösung« suchen. Die Krise wird dabei grundsätzlich als zeitlich begrenzt betrachtet: Wir sprechen oft von einer »aktuellen« oder »derzeitigen« Krise. Natürlich kann sich die Krise »verschärfen« oder »sich zuspitzen«. Aber mit den richtigen Entscheidungen kann man ihr »trotzen«, sie »überwinden« oder wie ein Hindernis »bewältigen«, sie »meistern« oder wenigstens »überstehen« – auf jeden Fall aber aus ihr »herauskommen«. Und im Geiste des oft zitierten (falschen) Mythos, das chinesische Wort für »Krise« bestehe aus den Wörtern für »Gefahr« und »Chance«, reicht es nicht, zum Zustand vor der Krise zurückzufinden – nein, wir wollen »aus der Krise lernen« und »gestärkt aus ihr hervorgehen«.

In der Reihe Prüfstein Corona findet sich dieser Aspekt der Krisenmetapher vor allem in den Beiträgen aktiver Politiker_innen. Steffen Haake hofft, die »Krise« könne eine »Chance« für positive wirtschaftliche Entwicklungen und eine Konsolidierung des High-Tech-Standorts Ostfriesland sein. Sandra Scheeres ist der Meinung, die Krise habe bereits einen »ungeahnten Schub für das digitale Lernen« gebracht und würde »bleibende Fortschritte hinterlassen«. Sawsan Chebli sieht »eine neue Achtsamkeit gegenüber vulnerablen Gruppen unserer Gesellschaft«, Christian Hoßbach einen »schwierigen, aber erfolgreichen Aufbruch für ein erneuertes Sozialstaatsverständnis« und Ute Vogt ein »Aufleben« des politischen Diskurses. Man darf äußerst skeptisch sein, was diese Hoffnungen und angeblich schon eingetretenen positiven Nachwirkungen der – sich tatsächlich noch in vollem Gange befindlichen – COVID-19-Pandemie betrifft, aber entscheidend ist, dass sie sich eben nicht aus der Logik einer weltweiten, schwer kontrollierbaren und tödlichen Seuche ergeben, sondern aus der Logik des eben beschriebenen Sprachbilds von der »Krise«.

Nun ist es einerseits Aufgabe der Politik, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken, und das Sprachbild der Krise kann dazu beitragen, die Pandemie als vorübergehende Notlage zu denken, an der wir wachsen und aus der wir lernen können. Wenn uns die Krisenmetapher hilft, unseren Mut nicht zu verlieren, ist das zunächst positiv – auch wenn nicht erfüllte Hoffnungen später zu Enttäuschungen führen können. Andererseits ist es ebenso Aufgabe der Politik, einen realistischen Blick auf die Gegenwart zu bewahren, den das Sprachbild der Krise an vielen Stellen verstellt.

Erstens rückt das Sprachbild der Krise das Vorgehen gegen das Virus in den Hintergrund: Während in der Kriegsmetapher die Maßnahmen zur Unterbrechung von Infektionsketten eine Anstrengung sind, die wir gemeinsam im Kampf gegen den Feind Coronavirus unternehmen, ist das Virus in der Krisenmetapher der fast schon vergessene anfängliche Auslöser gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Krisenzustände. Dass die Politik lieber über die Zeit nach der Pandemie redet als darüber, wie sie einzudämmen wäre, ist eine Konsequenz daraus; ebenso die Tatsache, dass Menschen auf die Straße gehen um gegen selbstverständliche Hygienemaßnahmen zu demonstrieren.

Zweitens rückt die Krisenmetapher strukturelle gesellschaftliche Probleme in den Hintergrund: Eine Krise ist immer ein singuläres Ereignis, auf das mit eigens darauf zugeschnittenen Maßnahmen reagiert wird. Die Beiträge der Wissenschaftler_innen und Journalist_innen in dieser Artikelserie meiden tendenziell jedoch das Bild der Krise, um auf tieferliegende Missstände hinzuweisen, die durch die Pandemie (nicht die »Krise«) noch sichtbarer werden – etwa die bestehenden Ungleichheiten bei gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ressourcen, auf die Ferda Ataman hinweist, oder die ideologischen »Bruchstellen« im gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Jana Faus diagnostiziert.

Drittens gibt es für den von vielen Autor_innen beschworenen gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Logik der Krisenmetapher keinen Platz. Interessanterweise bezieht sich Faus in ihrer Diskussion über die schnell enttäuschte Hoffnung, die Gesellschaft würde durch »das Corona-Virus als gemeinsamen Feind von außen« zu neuem Zusammenhalt finden, dann auch auf die Kriegsmetapher, aus deren innerer Logik sich ein solcher Zusammenhalt ergibt.

Viertens verstellt die Krisenmetapher den Blick auf die entscheidende Frage, ob die Pandemie und ihre Auswirkungen tatsächlich zeitlich begrenzt sind und ob unsere Handlungen tatsächlich dazu beitragen, sie einzudämmen und abzufedern. Die Tatsache, dass wir uns seit Jahrzehnten in einer Krise nach und neben der anderen befinden, sollte uns nicht nur, wie Davide Brocchi fordert, zum Nachdenken über einen grundsätzlichen Systemwechsel anregen, sondern auch zum Nachdenken darüber, ob wir vielleicht im falschen Sprachbild feststecken.

Statt die Veränderungen in unserer Umwelt – die Zerbrechlichkeit unseres Wirtschaftssystems, den Klimawandel, Flüchtlingsbewegungen und Pandemien wie Corona – als krisenhafte Ausnahmesituationen zu sehen, müssen wir sie vielleicht als Normalzustand begreifen. Carsten Brosda möchte die Kunst als Quelle einer freiheitlichen und offenen Ordnung in einer Welt etablieren, die »im Chaos versinkt«, und stößt damit auf ein alternatives Sprachbild: Vielleicht befinden wir uns nicht in einer Krise, sondern im Chaos. Und aus dem Chaos können wir weder herausfinden noch können wir dauerhaft etwas daraus lernen. Wir können ihm nur jeden Tag aufs Neue ein kleines Stück vorübergehende Ordnung abtrotzen.

 

[1] Adriano Iaria (2020): We are not at ›war‹ with COVID-19: concerns from Italy’s ›frontline‹, in: Humanitarian Law & Policy, 9. April 2020;

 https://blogs.icrc.org/law-and-policy/2020/04/09/not-at-war-covid-19-italy/

[2] Bec Sanderson / Dora Meade (2020): Pandemic Response: Part 4; publicinterest.org.uk/part-4-metaphors/

[3] Ian Beacock (2020): Germany Gets It, in: The New Republic, 1. April 2020; https://newrepublic.com/article/157112/germany-gets-coronavirus

 

Über den Autor:

Anatol Stefanowitsch ist Professor für Sprachwissenschaft am Institut für Englische Philologie der Freien Universität Berlin. In seiner 2018 publizierten Streitschrift »Eine Frage der Moral« plädiert  er für den Gebrauch einer nicht diskriminierenden Sprache.

Twitter: @astefanowitsch

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Die Corona-Krise vertieft soziale Ungerechtigkeiten, im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt und zwischen den Geschlechtern und gesellschaftlichen Gruppen. Gleichzeitig ist der Ruf nach Solidarität zwischen den Generationen, aber auch grenzüberschreitend in aller Munde. Eine Gemengelage also, in der Missmut zunimmt und die Gesellschaft sich weiter zu spalten droht, zugleich aber auch Werte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität wieder wirkmächtiger werden können. In diesem Sinne ist die durch den Coronavirus ausgelöste Krise ein Prüfstein für den Willen, eine sozial und ökologisch gerechtere Zukunft zu gestalten. 


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