02.11.2020

Wer Kultur mit Freizeit gleichsetzt, zerstört die Fundamente der offenen Gesellschaft

Die coronabedingten Schließungen von Kulturorten wird deren Bedeutung nicht gerecht. Ein Kommentar von Dr. Carsten Brosda, Kultursenator Hamburg.

Bild: von picture alliance/dpa | Daniel Karmann Sitzreihen, die wegen der Hygienevorschriften zum Coronavirus nicht besetzt werden dürfen, sind im Programmkino "Casablanca" vor Beginn einer der letzten Vorführungen vor dem neuen Teil-Lockdown mit einer Kordel gesperrt. Bund und Länder haben ab dem kommenden Montag einen Teil-Lockdown beschlossen, Kinos werden geschlossen.

Bitte kein Vertun: Die aktuellen Corona-Infektionen sind dramatisch. Sie erzwingen weitere Einschnitte ins gesellschaftliche Leben. Sie machen bittere Entscheidungen notwendig. Deswegen ist in der Sache nichts gegen die Stoßrichtung der Beschlüsse zu deutlich verschärftem Kontaktbeschränkungen einzuwenden. Aber die Form der Begründung und die Einbettung der erforderlichen Maßnahmen richten schweren Schaden an. Sie drohen, dringend notwendiges Vertrauen zu zerstören.

Der bezeichnendste Moment der Pressekonferenz, in der Angela Merkel, Michael Müller und Markus Söder die Beschlüsse von Bund und Ländern zur Eindämmung der Corona-Pandemie in der vergangenen Woche vorgestellt haben, kam direkt nach den einführenden Statements. Die erste Frage richtete sich auf Gottesdienste und warum sie weiter erlaubt seien. Gute Frage! Die Kanzlerin suchte nach einer Antwort und fand diese: "So wie wir versucht haben, zum Beispiel alle Geschäfte offen zu lassen, erschien es uns nicht angemessen und vergleichbar, Gottesdienste zu verbieten." Und Markus Söder sekundierte, dass man angesichts des Schutzes der Versammlungs- und der Religionsfreiheit hier besonders zurückhaltend sein müsse.

Das ist nur ein Beispiel für Entscheidungen, die im Kleinen nachvollziehbar sind und doch im größeren Rahmen drängende Fragen aufwerfen. Schließlich wird im gleichen Beschluss die Freiheit von Kunst und Kultur recht umstandslos de facto ausgesetzt – wenn auch zunächst nur zeitweilig für die kommenden vier Wochen. Zwischen Kunst und Kirche wird diese politische Differenzierung mittlerweile intensiv reflektiert, wie sich am Sonntag in einem spontanen "Gottesdienst der Künste" im Hamburger Thalia Theater erleben ließ, bei dem der Pastor der St.-Pauli-Kirche die Predigt hielt und die Landesbischöfin den Segen sprach.

Dieses Signal der Gemeinsamkeit zwischen Kultus und Kultur ist wichtig: In säkularen Gesellschaften suchen Bürgerinnen und Bürger schließlich längst nicht mehr nur in Kirchen, Moscheen oder Synagogen nach Sinn und Trost, sondern vielfach auch in jenen Kulturorten, die jetzt im November wieder geschlossen sind. Nicht wenige finden Sinn am Samstagabend in der Theaterpremiere oder am Donnerstagabend in einem neuen Kinofilm – und sie schaffen hier ebenso viele Anlässe, über Wohl und Wehe unserer Gesellschaft nachzudenken und zu diskutieren, wie diejenigen, die dies am Sonntagvormittag in einem Gotteshaus tun.

Es wirft einen Schlagschatten auf die Corona-Beschlüsse und ihre Akzeptanz, dass diese Differenzierung nicht einmal thematisiert wird. Ihnen fehlt leider jede Mühe, zu begründen, warum Vergleichbares nicht vergleichbar behandelt wird. Der Maßstab für den Gottesdienst wäre dann nämlich das Theater. Und die Öffnung der Geschäfte müsste Konsequenzen für die Betrachtung der Museen haben, in denen ja ebenfalls keine Veranstaltungen stattfinden, sondern ein Laufpublikum mit klugen Hygienekonzepten auf Abstand gehalten werden kann.

Vertrauen in Gefahr

Diese Unwuchten müssen alle in Sorge versetzen, die das Virus effektiv bekämpfen wollen. Durch sie droht der Staat jenes Vertrauen zu verspielen, das wir gesellschaftlich unbedingt brauchen, um durch die kommenden Monate zu kommen. Die ungläubigen Reaktionen gerade aus der Kultur zeigen das deutlich. Hier sind in den vergangenen Monaten enorme Anstrengungen unternommen worden, um Kinos, Theater, Konzertsäle und Museen zu sicheren Orten zu machen, an denen zumindest kein nachweisliches Infektionsgeschehen seinen Ausgang genommen hat. Und diese Orte bleiben sicher. Nicht zu Unrecht verweisen Virologen bis heute darauf, dass sie eine Infektion in Theater- und Konzertsälen für nahezu ausgeschlossen halten.ig mit dem Risiko des Aufenthaltes an diesen sehr kontrollierten, auf Abstands- und Hygieneregeln bedachten Institutionen zu tun, aber sehr viel damit, dass Mediziner raten, insgesamt und generalisiert Kontakte und Bewegungen einzuschränken. Dies müsse sowohl im öffentlichen als auch im privaten Raum geschehen, um die Welle der Neuinfektionen zu brechen. Dabei werden auch Entscheidungen richtig, die sich falsch anfühlen, weil sie Grundrechte wie die Kunstfreiheit einschränken.

Es wird allerdings schwierig, diese Entscheidungen zu begründen, wenn es letztlich so wirkt, als stünden hinter ihnen nicht nur Evidenzen, sondern auch politische Wertungsentscheidungen. Der Eindruck, dass dem Staat die Religion wichtiger sei als Kultur, ist verheerend. Und dass ich mir auch in den kommenden Wochen weiter Socken in einem vollen Kaufhaus kaufen darf, mich aber nicht mit der Weltdeutung der Kunst in einem Museum auseinandersetzen kann, ist mindestens erklärungsbedürftig. Dass die Bürgerrolle weit über Arbeiten und Einkaufen hinausgeht, wird hier nicht ausreichend berücksichtigt.

Die Rolle und Bedeutung der Kultur

Vor der Debatte über diese impliziten Wertungen dürfen wir uns gesellschaftlich nicht drücken, wenn wir es gemeinsam durch diese schwere Zeit schaffen wollen. Man kann sie auch nicht dadurch umgehen, dass die Kultur gar nicht erst als eigene Dimension angesprochen, sondern grundsätzlich der Freizeitgestaltung untergeordnet wird. Das ist ein Kategorienfehler von einer Dimension, wie ich sie einer aufgeklärten Gesellschaft nicht zugetraut hätte.

Denn wer Kultur mit Unterhaltung und Zerstreuung gleichsetzt, zerstört jene Fundamente, auf die demokratische offene Gesellschaften gegründet sind. Wer in der Kunst bloß überflüssige Erbauung sieht, auf die man ruhig mal verzichten könne, der gefährdet jene Erkenntnis, die der Verfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde uns hinterlassen hat: "Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." Diese Voraussetzungen liegen natürlich auch in Religion und Tradition. Sie liegen aber nicht erst im 21. Jahrhundert ebenso in den kulturellen Deutungsangeboten und künstlerischen Interventionen, deren Freiheit unsere Verfassung in Artikel 5 beinahe unkonditioniert schützt. Wer diese fundamentale Relevanz als Freizeitverhalten mit Fitnessstudios, Spielbanken und Bordellen in eine Reihe stellt, muss sich vorwerfen lassen, allzu leichtfertig all das zu diskreditieren, was unsere Demokratie ausmacht.

Dass die besondere, auch verfassungsrechtlich geschützte Rolle der Kultur trotz ihrer gravierenden Beeinträchtigung in den jüngsten Corona-Beschlüssen aber nicht einmal benannt wird, mag man vielleicht entschuldigend auf die Hektik der Umstände und die Dringlichkeit der Situation schieben. Aber es drängt sich eben doch der Verdacht auf, dass gerade das Unpolierte und Dringliche hier die eigentliche Denke entkleidet. Und genau die Sorge der Künstlerinnen und Kreativen, dass es so sein könnte, ist brandgefährlich. Denn der Staat braucht gerade jetzt das Verständnis für die beschlossenen Maßnahmen – und das Vertrauen, dass hier mit Augenmaß das Notwendige entschieden wird.

Auch wer – wie ich – die Beschränkungen zwar für unfassbar bitter, im Kern aber eben auch für richtig und in der Ausgestaltung vielleicht sogar für noch nicht konsequent genug hält, kommt nicht umhin, sich noch einmal grundlegend um ihre Begründung und Einbettung zu kümmern. Wenn wir Kontakte beschränken, aber Schulen offen halten wollen, dann müssen wir konsequent an alle Frequenztreiber im gesellschaftlichen Leben ran.

Der Beschluss der Ministerpräsidenten und der Bundeskanzlerin hat neben dem Willen zur solidarischen Bekämpfung des Virus leider auch deutlich gemacht, wie weit wir noch davon entfernt sind, die Kultur in ihrer gesellschaftlichen Kraft wahrzunehmen und wertzuschätzen. Er ist daher auch ein Weckruf für alle, denen die freie Kultur unserer Gesellschaft am Herzen liegt. Es geht nicht darum, verzweifelt und gekränkt gegen das unbestreitbar Notwendige anzurennen. Das Virus diktiert uns Bedingungen, die sich niemand ausgedacht hat. Aber wer die Kultur notgedrungen derartigen Härten aussetzen muss, der muss ihre Besonderheiten benennen und beschreiben können.

Künstler_innen, Kreative und Kulturpolitik müssen sich organisieren und stärker zusammenarbeiten als bisher.

Damit das endlich geschieht, müssen wir hinein in die gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Rolle und Bedeutung der Kultur, über den Wert der spekulativen Ausdeutung von Alternativen zum Status quo, über die Kraft ästhetisch-expressiver Zuspitzung und erst recht über die Subversion der Unterhaltung. Künstlerinnen, Kreative und Kulturpolitik müssen sich organisieren und stärker zusammenarbeiten als bisher. Gemeinsam müssen wir das Wissen über die gesellschaftliche Relevanz und wirtschaftliche Potenz der Kultur so gründlich zur Selbstverständlichkeit machen, dass niemand mehr daran vorbeikommt. Und zwar nicht aus Eigeninteresse, sondern weil wir eben jene notwendigen Voraussetzungen sichern müssen, auf denen unser freiheitlicher und säkularisierter Staat – und damit auch unsere offene, vielfältige und demokratische Gesellschaft – gegründet ist. Und weil wir die Stimmen von Künstlerinnen und Kreativen hören müssen in den Debatten, die gesellschaftlich vor uns liegen.

Wir müssen die Grundlage dafür schaffen, dass Regierungschefs in unserem Land künftig zweimal zögern, bevor sie Beschränkungen von Kunst und Kultur für "angemessen und vergleichbar" halten. Das heißt nicht, dass das in einer pandemischen Ausnahmesituation wie der aktuellen nicht passieren kann. Und es heißt erst recht nicht, dass Beschränkungen jetzt nicht angemessen und vergleichbar wären. Aber es heißt, dass wir darauf vertrauen können müssen, dass die staatliche Exekutive weiß, was sie da tut. Dass sie die kulturellen Voraussetzungen, auf denen unsere Gesellschaft beruht, zumindest nicht politisch beschädigt. Und dass wir gesellschaftlich reflektieren, welchen Wert eine kulturelle Öffentlichkeit für unser freiheitliches Zusammenleben besitzt. Nur so kann es gelingen, dass die aktuellen Einschränkungen für die Kultur eine Ausnahme bleiben und nicht zum Zustand werden.

Autor:

Dr. Carsten Brosda ist Senator für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg und Vorsitzender des Kulturforums der Sozialdemokratie.


Der Beitrag erschien im Original unter dem Titel "Hier geht mehr verloren als eine Art der Freizeitgestaltung" bei Zeit.de.

Arbeitseinheit: Forum Berlin


  • Kontakt

    Forum Berlin

    Leitung

    Felix Eikenberg

    Kontakt

    Hiroshimastraße 17
    10785 Berlin

    030/ 269 35 7307

    030/ 269 35 9240

    E-Mail-Kontakt

    Lage und Anfahrt

  • Team

    Zum Forum Berlin gehören:

    • die bundespolitischen Arbeitsbereiche, u.a. Kulturpolitik, Deutsche Einheit und Rechtsextremismus,
    • landes- und kommunalpolitische Arbeitsbereiche mit BerlinPolitik
    • sowie der Bereich empirische Sozialforschung.

    Wir freuen uns, wenn Sie mit uns in den Austausch treten.

    weiter

nach oben