SPRACHE
Menü
26.01.2021

Aus der Krise lernen

Zu neuen Balancen und Konzepten: der Blick auf den zweiten „Lockdown“ und die Zeit danach.

Ein Beitrag von Andreas Richter.

 

Bild: Andreas Richter von Mike Wolff

Bild: Die Besucherzählung des Kunsthaus Graz. Seit Jahresbeginn steht dieser auf 0. Auf Grund des coronabedingten Lockdowns sind Museen geschlossen. von picture alliance / Erwin Scheriau / EXPA / picturedesk.com | Erwin Scheriau

Kaum ein Ereignis der letzten Jahrzehnte hat das Leben derart geprägt wie die anhaltende Corona-Pandemie. Aus vielen Gründen ist das Kulturleben ganz besonders betroffen, auch wenn das nicht immer offensichtlich ist, und andere Bereiche entweder mehr im Fokus der Diskussion sind - oder auch schlicht die bessere Lobby haben. Gerade nun der zweite „Lockdown“ – und auch dieser ist für die Kultur kein leichter, sondern ein vollständiger - hat uns schwer getroffen, und das gleich in mehrerer Hinsicht:

Das Verbot jeglicher Veranstaltung im November kam sehr kurzfristig und sehr überraschend, nachdem gerade Konzerthäuser und Theater sich sehr viel Mühe gegeben hatten, Hygienekonzepte zu erstellen, die funktionierten. Es wurde ein erheblicher Aufwand betrieben, der auch Zeit und Geld gekostet hat, um Veranstaltungen maximal sicher durchzuführen. Auch haben Kulturveranstaltungen einen gewissen Vorlauf, wie Probenzeiten in Theatern, Anreise von Künstler_innen und nicht zuletzt den Kartenverkauf, so dass eine Reaktion innerhalb weniger Tage kaum möglich ist bzw. zu Verwerfungen führt. Was macht man mit Opernsänger_innen, die seit Wochen für eine Premiere proben, aber vertragsgemäß nur für die Vorstellungen bezahlt werden, die nun aber ausfallen? Was macht ein Orchester, das eine Tournee geplant, Hotels und Reisen bereits gebucht und bezahlt hat und nun auf den Verlusten sitzen bleibt? Wir geht man mit dem Frust des Publikums um, das in den letzten Monaten schon mehrmals Veranstaltungen gekauft und umgebucht hat, Gutscheine bekommen hat, die es jetzt nicht einlösen kann?

Wir sehen an den Besuchszahlen im September und Oktober, wie sehr das Publikum verunsichert worden ist, obwohl Theater und Konzertsäle als sehr sichere Orte gelten. Es wird keine leichte Aufgabe sein, nach dem Ende der Pandemie die Besucher_innen zurück zu gewinnen, gerade auch die Abonnent_innenzahlen zu halten, nachdem nun eine ganze Saison verloren ist.

Aber nicht nur die erneuten Absagen sind ein Problem, sondern auch die daraus resultierenden Einnahmeausfälle. Wobei man eben nicht nur die Künstler_innen, Sänger_innen, Maler_innen, Schriftsteller_innen  etc. im Blick haben muss, und nicht nur die Festangestellten an den Theatern sondern auch die vielen Selbständigen und kleinen und großen Dienstleister im Hintergrund, die viele freie Veranstaltungen erst möglich machen: Agenturen, Verlage, technisches Personal, Marketing und vieles mehr. Hier sind gerade Hunderttausende Menschen ohne Arbeit und ohne Einkommen. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie konstatiert für die Kultur- und Kreativwirtschaft im Prä-Corona-Jahr 2019 einen jährlichen Gesamtumsatz von 174,1 Milliarden Euro, eine Bruttowertschöpfung von 106 Milliarden Euro und eine Gesamtbeschäftigung von rund 1,8 Millionen Personen.

Spaltung in Festangestellte und Selbstständige wird verstärkt

Die besondere Situation der Finanzierung und der Arbeitsverhältnisse verschärft extrem die Spaltung in Festangestellte und Selbständige. Die einen gehen zum Teil bei 100% Aufstockung des Kurzarbeitergeldes gut bezahlt spazieren, die anderen können ihre Miete nicht mehr bezahlen, weil sie seit April keine Einnahmen mehr haben. Hier hat die Politik lange die Lage verkannt: der Hinweis auf Hartz IV wurde von vielen als Affront angesehen und der geplante Zuschuss für Soloselbständige von maximal 5000 € für 6 Monate ist viel zu gering.

Bisher hat die Politik zwar einiges Geld bewilligt, aber das Kulturleben nicht genug im Blick. Noch mehr schmerzte in der anfänglichen Kommunikation zum zweiten „Lockdown“ der Eindruck, dass Kultur unter „Freizeit“ oder „Unterhaltung“ subsumiert wird, neben Nagelstudios und Bordellen. Das hat man nach und nach korrigiert, auch das neue Infektionsschutzgesetz behandelt Kultur als eigenes Kapitel in der Abwägung mit dem Grundrecht der Kunstfreiheit – freilich wurde durch diese fragwürdige Kommunikation viel Porzellan zerschlagen.

Eine neue Strategie ist nötig

Nun sind all diese Fragen und Probleme ja erst der Anfang: was wir umgehend brauchen ist eine Strategie für die nächsten Monate und Jahre. Es braucht Planungssicherheit und klare Regeln für die Zeit, bis Veranstaltungen wieder ganz normal stattfinden können. Also einen Plan bis zum Sommer 2021 mit klaren Regeln dafür, wie kulturelle Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen weiter stattfinden können. Die Konzepte sind da und sie wurden auch im September und Oktober erfolgreich erprobt, nun braucht es klare Kriterien und Regeln für ihre Anwendung.

Aber auch die Folgewirkungen für die kommenden Jahre müssen bedacht werden. Es ist anzunehmen, dass die Gelder für Kultur insgesamt knapper werden: Für die nächsten Jahren werden gravierende Steuerausfälle, prognostiziert, die Mittelkürzungen gerade auf kommunaler Ebene zur Folge haben können. Sponsorengelder aus von Corona betroffen Branchen werden zurück gehen. Und nicht zuletzt werden viele Menschen weniger Geld für Eintrittskarten ausgeben können, so dass bei allen verschiedenen Quellen der Finanzierung von Kultur mit Rückgängen zu rechnen ist.

Große Institutionen sind in einer solchen Situation eher geschützt, da ihre Finanzierung durch Zuwendungsvereinbarungen, Tarifverträge etc. abgesichert ist. Aber die Folgen für selbständige Künstler_innen, für freie Produktionen oder Ensembles, für Tourneen und internationale Austauschprojekte sind unabsehbar und bedürfen neuer Modelle und Programme der Finanzierung. Besonderes Augenmerk sollte dem Nachwuchs gelten, denn junge Künstler_innen, werden es schwer haben, überhaupt eine Existenz aufzubauen. Es ist schon jetzt zu sehen, wie Agenturen sich verkleinern und diejenigen Künstler_innen von ihren Listen streichen, die am wenigsten Umsatz bringen. Ähnliches wird in anderen Kunstsparten wie Literatur oder Malerei stattfinden. Es wäre freilich fatal, eine ganze Generation an jungen Künstler_innen zu verlieren.

Aber auch die Kultur muss die momentane Schockstarre überwinden – sie sollte der Situation nicht mit Larmoyanz, sondern mit Kreativität begegnen. Viele, vor allem junge und freie Ensembles, versuchen mit besonderen Projekten auf die derzeitige Situation mit künstlerischen Mitteln zu reagieren. Systemrelevanz darf nicht nur behauptet, sondern muss auch erwiesen werden – indem Kunst aller Sparten gerade in der Pandemie versucht, die Menschen zu erreichen, mit diskursiven wie emotionalen Elementen,  mit Trost aber auch Ausdruck von Einsamkeit und Angst und natürlich der Hoffnung auf eine gesundere Welt im wörtlichen wie übertragenden Sinne.

Die Gefahr ist gerade groß, in alte Denkmuster zurück zu fallen: Was bedeuten die Erfahrungen von Pandemie für den Austausch, für Mobilität, für die Idee, Kultur als Brücke für Frieden und Völkerverständigung zu sehen? Wie verhindern wir einen Rückfall in Kleinstaaterei, ohne auf hemmungslose Globalisierung zu setzen? Wie schaffen wir es, eine neue Balance zwischen Weltoffenheit und lokaler Verwurzelung zu erreichen? Was kann Kunst leisten und welche Bedingungen braucht sie dafür?

Noch weiter in Zukunft geschaut: müssen wir nicht das Verhältnis von Kultur und Natur neu denken? Die Pandemie zeigt sowohl die Verwundbarkeit des Menschen durch die Natur als auch, dass wir ein Teil der Natur sind. Ist nicht die Pandemie eine Folge unseres fatalen Umgangs mit der Natur? Weitergedacht: Was lernen wir gerade über den Klimawandel, über Themen wie Ernährung und Gesundheit? Wie gelingt uns ein sorgfältiger und nachhaltiger Umgang mit den Ressourcen der Erde? Die Antwort liegt sicher in einer neuen Definition der Beziehung zwischen Natur und Kultur. In diesem Sinne könnte Kultur helfen, uns Menschen mit der Natur zu versöhnen. So wird Kultur in der Tat zum „Lebensmittel“, wie jüngst Bundespräsident Steinmeier es formuliert hat.

Was das stark fragmentierte Kulturleben auch braucht: seine Akteure müssen sich besser aufstellen und organisieren, müssen wirkungsmächtige Strukturen und Verbände aufbauen, damit Kultur den Platz in der Mitte der Gesellschaft einnehmen kann, den diese zu Recht von ihr erwartet.

 

Autor:

Andreas Richter ist Gründer von Cultural Consultings GmbH, zuvor war er Orchesterdirektor des DSO Berlin,  Intendant des Mahler Chamber Orchestra (MCO) sowie Leiter an der Komischen Oper Berlin (Konzertbereich).

Arbeitseinheit: Forum Berlin


  • Kontakt

    Forum Berlin

    Leitung

    Felix Eikenberg

    Kontakt

    Hiroshimastraße 17
    10785 Berlin

    030/ 269 35 7307

    030/ 269 35 9240

    E-Mail-Kontakt

    Lage und Anfahrt

  • Team

    Zum Forum Berlin gehören:

    • die bundespolitischen Arbeitsbereiche, u.a. Kulturpolitik, Deutsche Einheit und Rechtsextremismus,
    • landes- und kommunalpolitische Arbeitsbereiche mit BerlinPolitik
    • sowie der Bereich empirische Sozialforschung.

    Wir freuen uns, wenn Sie mit uns in den Austausch treten.

    weiter

nach oben