03.07.2018

Europäische Kulturpolitik: Kultur verbindet? Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Wie wollen wir angesichts steigender Abschottungstendenzen zukünftig in Europa zusammenleben? Und welchen Beitrag kann Kunst und Kultur dabei leisten?

Bild: Prof. Dr. Verena Metze-Mangold, Martin Pairet, Dr. Babette Winter, Klaus Dörr (v.l.n.r.), Bild von Jens Schicke

Bild: Alexandra Gruber und Filip Florian, Bild von Jens Schicke

Europa im Spannungsfeld - zwischen Jung und Alt, zwischen verwaisten Regionen und globalen Metropolen, zwischen Weltoffenheit und Angst vor dem Fremdem. Welche Rolle kann und muss Kultur(Politik) in diesem Kontext spielen? Diese und viele weitere Fragen wurden im Rahmen der 6. Kulturpolitischen Jahrestagung des Forums Berlin gestellt und in zwölf Lab's und zwei Plenumsdiskussionen diskutiert, weiter gedacht und mit Leben gefüllt. Der freie Journalist Alexander Wolf hat das Lab Neue Wirklichkeit Europa festgehalten.
 

Kultureller Kitt in einer gespaltenen Gesellschaft
 

„Seid umschlungen, Millionen!“, heißt es in der zweiten Strophe der „Ode an die Freude“ von Friedrich Schiller, in der Instrumentalversion die offizielle Hymne der Europäischen Union. Doch was genau ist das bindende Element, der Treibstoff, der die knapp 500 Millionen Einwohner_innen der Europäischen Union zusammenhält? „You cannot fall in love with the single market“, sagte Jaques Delors einst vor dem Europäischen Parlament und traf mit seiner Weitsicht einen Nerv, der auch heutzutage viele Europäer_innen umtreibt: Kann die Union mehr als nur die kühle Wirtschafts- und Währungsunion sein, die den Herzen der Menschen versperrt bleibt? Kann sie vielleicht gar Emotionen wecken, die eine gemeinsame europäische Identität herausbilden? Es gibt Hoffnung, jedoch zugleich auch Bedrohungen, wie die Gesprächspartner_innen in ihren Einschätzungen über die aktuelle Lage der Europäischen Union herausstellen. Optimistisch stimmen die jüngsten Erhebungen des Eurobarometers, das besonders jungen Europäer_innen eine wachsende Zustimmung zur Europäischen Union bescheinigt. Diese findet zunehmend Ausdruck in lebendigen Aktionsformaten wie „Pulse of Europe“, in denen ein junges, verbindliches Bekenntnis zur europäischen Einheit auf die Straßen Europas getragen wird. Gleichzeitig erleben wir eine Art „Roll-back“, der sich in populistischen, nationalistischen und zum Teil anti-europäischen Bewegungen und Parteien ausdrückt. Doch nicht nur auf politischer Ebene scheint es diese Dichotomie der Überzeugungen zu geben, auch in der Kulturbranche selbst zeigt sich eine Polarität zwischen einer neugierigen, weltoffenen Strömung und einer bewahrenden, an alten Traditionen festhaltenden Gruppe Kulturschaffender, hält der rumänische Autor Filip Florian fest. In Rumänien habe dieser Überzeugungskampf ein Maß angenommen, dass sich die Lager sogar feindselig gegenüberstehen. Die Identitätsfrage bewegt die Menschen in Europa also auf vielen Ebenen und formt ihre politische, kulturelle und alltägliche Lebenswirklichkeit.

 

Kultur wird politisch – neue Aktionsformate und kreative Denkräume
 

Martin Pairet, Network Manager der Non-Profit Organisation „European Alternatives“, möchte von dem starren Ansatz wegkommen, Europa lediglich als einen Verbund von Nationalstaaten zu denken. Für ihn und seine Organisation wird Europa dort lebendig, wo sich Menschen auf kommunaler Ebene bereits zusammenschließen und über neue Mitbestimmungs- und Partizipationsmöglichkeiten in der europäischen Politik nachdenken. Dies könne auf vielfältige Weise geschehen, zum Beispiel in Form von selbstorganisierten Festivals oder regionalen Arbeitsgruppen – „European Alternatives“ ist hier selbst mit gutem Beispiel vorangegangen und hat sich aus dem lebendigen Impuls eines Kunst- und Politikfestivals heraus konstituiert. Agile Aktionsformate wie diese erlauben neue Visionen für Europa zu denken, die nicht nur die intellektuelle, sondern auch die emotionale Ebene miteinbeziehen und erfreuen sich in jüngster Zeit wachsender Beliebtheit. Immer öfter sehen sich Kulturinstitutionen dazu aufgefordert, Diskussionen über das gesellschaftliche Zusammenleben anzuregen und in den Mittelpunkt ihrer künstlerischen Auseinandersetzung zu rücken. So verwundert es nicht, dass die Fusion von Kunst und Politik auch im Zentrum des internationalen Theaterfestivals „The future of Europe“ steht, das im Juni 2018 unter der Leitung von Klaus Dörr in Stuttgart stattfinden wird. Künstler_innen aus neun europäischen Ländern wollen sich in einem offenen Prozess der Frage widmen, wie wir zukünftig in Europa zusammenleben wollen. Kulturfestivals als Ideenschmiede für europäische Politik – für Klaus Dörr ein vielversprechendes Format.

„Wir schaffen so ergebnisoffene Räume, die keiner getakteten Agenda folgen und völlig frei im Experimentieren sind“

Durch die Verschmelzung kreativer Einflüsse und Hintergründe könnten Pfade und Potentiale entdeckt werden, die bisher unentdeckt blieben.

Doch auch in der Vernetzung unter jungen Europäer_innen liegen bislang noch ungenutzte Potentiale, wie eine engagierte Jugendarbeiterin aus dem Publikum anmerkt: „Bislang gibt es überwiegend bilaterale Jugendwerke. Statt z.B. neuen deutsch-französischen oder deutsch-polnischen, sollten wir europäische Jugendwerke fördern.“ Möglichst früh sollte der Samen der Begeisterung für die Idee Europa unter jungen Menschen verbreitet werden, um ein Gefühl der Gemeinschaft heranreifen zu lassen. Vor allem ein Förderungsprogramm für die Erlernung zusätzlicher Fremdsprachen könnte hier ein passendes Bindeglied für den interkulturellen Austausch sein. Einen weiteren Schritt in Richtung europäischer Verständigung möchte auch die „Transnational School of Politics“ gehen, die mit ihrem interdisziplinären Format und Teilnehmenden aus Politik und Kultur nach neuen, ansprechenden Narrativen für Europa suchen möchte.

 

Auf der Suche nach Narrativen
 

Identitätsstiftende Narrative für Europa müssen nicht zwingend neu erfunden werden, wie das Europäische Kulturerbejahr 2018 beweist. Das Gemeinschaftliche und Verbindende europäischer Kultur kann auch in Bestehendem gefunden werden, sofern es gewertschätzt und intergenerationell weiterverbreitet wird. Insbesondere historische Bauten tragen heute noch oftmals Spuren, die erkennen lassen, welchen Einfluss europäische Kulturen auf regionales Erbe gehabt haben. In dieser Verschmelzung von diversen europäischen Einflüssen liegt das Potential, Europa für die Menschen im Alltag erfahrbar zu machen und die historisch gewachsene Schicksals- und Wertegemeinschaft wieder in Erinnerung zu rufen. Für Staatssekretärin Dr. Babette Winter ist es daher ein zentrales Anliegen, den diversen und verbindenden Spirit von europäischem Kulturerbe zu betonen und aufzuzeigen, dass eine geteilte europäische Kultur regionale und nationale Identität keinesfalls verdrängen muss, sondern ergänzen und bereichern kann und warnt im Hinblick auf aktuelle Tendenzen sogleich:

„Die Herzen der Menschen sind bei ihren Erbestätten. Wir dürfen nicht zulassen, dass Nationalisten das Kulturerbe für ihre populistischen Interessen instrumentalisieren.“

 

Herausforderungen für die Kulturförderung
 

Die emotionale Bindungskraft von kulturellen Erbestätten wird auch von anderen anwesenden Kulturschaffenden anerkannt, jedoch sehen sie die oft aufwendigen Renovierungs- und Instandhaltungsmaßnahmen aufgrund der hohen anfallenden Kosten kritisch. Die ohnehin knappen Mittel für europäische Kulturpolitik könnten so an anderer, dringend benötigter Stelle fehlen. Vor allem geförderte Künstler_innen-programme in Form von Stipendien und Auslandsaufenthalten seien für den kreativen Schaffensprozess essentiell, betont Filip Florian, und sollten zukünftig weiter ausgebaut werden. Ferner dürften Fördergelder auch nicht nur in Projekte fließen, die einen gewissen Kommerz versprechen, sondern sollten auch der freien Kulturszene zugänglich sein.

Wesentliche Barrieren für die Zugänglichkeit von Fördergeldern sieht Klaus Dörr in den oftmals starren inhaltlichen und organisatorischen Anforderungen, denen sich die Antragsstellenden ausgesetzt sehen. Diese Hürden gelte es zu beseitigen, um die Förderung für einen möglichst großen Kreis Kulturschaffender zugänglich zu machen und eine gewisse Diversität der geförderten Projekte aufrecht zu erhalten. Neben der Vielfältigkeit von Kulturförderung ist es besonders wichtig, mit der Digitalisierung Schritt zu halten und die Zugänglichkeit von Kulturangeboten zu verbessern. Konkret bedeutet dies, Strukturen und Plattformen bereitzustellen, die den kulturellen Austausch und den Zugang zu künstlerischen Werken erleichtern, um dem neuen Rezeptionsverhalten des Publikums Rechnung zu tragen und möglichst viele Kulturbegeisterte zu erreichen.

Einen vielversprechenden Anfang macht hier das bis 2020 datierte Förderprogramm „Creative Europe“, das sich eine bessere Vernetzung unter Kulturschaffenden auf die Fahnen geschrieben hat.

 

Auch die Politik muss gestalten
 

Nicht nur auf kultureller, sondern auch auf politischer Ebene braucht es die vereinten Kräfte der europäischen Gemeinschaft, ist sich Prof. Dr. Metze-Mangold, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, sicher. Auch wenn die Union bei Zeiten zerstritten und handlungsunfähig erscheinen mag, dürfe dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Gemeinschaft auch beachtliche Erfolge erzielt worden sind. Wie die kürzlich verabschiedete Europäische Datenschutzrichtlinie beweise, könne Europa, wenn es zusammensteht, seine Interessen auch gegen Weltkonzerne wie Facebook durchsetzen. Aus Beispielen wie diesen müsse eine Governance erwachsen, die sich durch neues Selbstbewusstsein und klugen Handlungswillen auszeichne. Anderenfalls drohe die Politik zukünftig im Angesicht der rasant voranschreitenden Digitalisierung jeglichen Gestaltungsraum an die Global Player aus der freien Wirtschaft abzugeben, warnt Metze-Mangold. Hierfür muss der kühle Rationalismus vergangener Tage abgeschüttelt werden und konkreten Vorschlägen für eine europäische Sozialunion weichen. Wenn die Union es ernst meint mit europäischer Sozial- und Kulturpolitik, kann sie zukünftig ihr emotionales Bindungspotential und eine neue Begeisterungsfähigkeit unter den Europäer_innen entfachen, die endlich die Millionen umschließt, wie es sich schon Friedlich Schiller wünschte.
 

Die Gesamtdokumentation sowie das Programm der 6. Kulturpolitischen Jahrestagung finden Sie als PDF Download hier oder auf unserer Website. Dort finden Sie ebenso viele spannende Materialen und Links rund um die Tagung.

**Das historische Zentrum von Florenz wurde 1982 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Die Stadt ist bekannt für ihre Kultur, Renaissancekunst und Architektur und Monumente. Die Stadt beherbergt auch zahlreiche Museen und Kunstgalerien wie die Uffizien und den Palazzo Pitti und übt immer noch einen Einfluss in den Bereichen Kunst, Kultur und Politik aus.

Kontakt in der FES: Franziska Richter, Referentin für Kulturpolitik im Forum Berlin

 

Arbeitseinheit: Forum Berlin


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