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Dienstag, 22.06.21 18:00 bis Dienstag, 22.06.21 20:00 - +++ ONLINE +++

Wie transformiert die Digitalisierung den Kulturbetrieb?


Terminexport im ICS-Format

Die Digitalisierung verändert unsere Art, zu arbeiten, kommunizieren, konsumieren, denken und zu handeln. Sie hat Einfluss auf das persönliche Leben, auf gesellschaftliche Organisation und ist damit ein kultureller Prozess von höchster Bedeutung. Gleichzeitig wirkt sie sich auch auf die Kultur im engeren Sinne aus.

Rückblick: Wie transfomiert die Digitalisierung den Kulturbetrieb?

Kultur nur im Theater, Museum oder Konzertsaal? Längst nicht mehr! Durch das Internet und die dazugehörigen Plattformen und Portale sind neue Räume entstanden, in denen die Beziehung zwischen Kulturproduzent_in und Kulturkonsument_in neu definiert werden kann. Doch nicht nur Kultur im digitalen Raum verändert sich, auch der analoge Museums- oder Theaterbesuch ist im Wandel: Durch interaktive Bildschirme, Augmented Reality oder QR-Codes und andere digitale Formate werden ganz neue Formen der Vermittlung und Präsentation möglich. Für Kultureinrichtungen bedeutet der technologische Fortschritt neue Erwartungshaltungen und Transformationserfordernisse. Es erscheint wie ein Drahtseilakt zwischen der Chance, neues Publikum zu gewinnen und der Gefahr, Besucher_innen zu verlieren, die an alten Rezeptionsgewohnheiten festhalten wollen. Wie muss Kulturpolitik programmatisch und strukturell angepasst werden, um diese Entwicklungen aufzunehmen, ohne dass der Anspruch einer „Kultur für alle“ durch technologische Schwellen beschädigt wird? In wieweit transformiert sich der Kulturbetrieb bereits jetzt? Welche Herausforderungen ergeben sich derzeit? Diese Fragen diskutierte der kulturpolitische Reporter  Peter Grabowski als Moderator der dritten Diskussionsrunde der Kultur-Veranstaltungsreihe der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Den Auftakt der Veranstaltung machte der Bundestagsabgeordnete Helge Lindh mit einem Video-Grußwort. Lindh, Mitglied im Ausschuss für Kultur und Medien, beschrieb drei Anwendungsformen von Digitalisierung und Digitalität, von der eine, „vielleicht die meist gebrauchte, die Digitalität tatsächlich nicht mehr als das rein Technologische begreift, sondern als den Raum der sozialen und kulturellen Praktiken.“ Das sei, so Lindh, wohlmöglich auch das Entscheidende für Kultur. „Da spricht man über die Produktion und Ästhetik, aber auch über Vermittlung, über Arbeitsweisen und über Kommunikation. Über Arbeitsweisen von Kulturschaffenden, über Kultureinrichtungen, darüber wie Kulturpolitik funktioniert.“ Es gehe also um weit mehr als darum, Sammlungen zu digitalisieren. Angela Richter schloss sich Lindhs Einschätzung in ihrem Impulsvortrag uneingeschränkt an. Für die Theaterregisseurin, bekannt für das multimediale Projekt „Supernerds“, sei das reine Abfilmen von Theater und das Streamen nicht das, was sie sich für die Interaktion zwischen Digitalität und Theater wünsche. Theater sei abgefilmt nicht länger in seinem Wesenskern erkennbar und würde unsichtbar. Denn: „Theater ist das, was sich im Raum abspielt“, stellte Richter, die seit 20 Jahren im In- und Ausland inszeniert, heraus und ergänzte, der Transport von Emotionen sei über das Abfilmen nicht gewährleistet.

Die Kulturmanagerin Jenni Müller, ehemalige Projektleiterin von DigiTrans beim Dortmunder U, schloss sich den Äußerungen Richters an. „Ein Livestream oder ein digitales Archiv ist kein digitales Angebot.“ Digitalisierung im Kulturbereich sei als Prozess zu verstehen, welcher Kultureinrichtungen digitaler gestaltet, pointierte Müller in Diskussionsrunde. Das könnten laut Müller beispielsweise Roboter sein, die durch die Ausstellung fahren. In der Digitalität würden die bisher getrennten Leben des Analogen und des Digitalen zusammengeführt. Dafür benötige es entsprechender Kompetenzen der Künstler_innen und Kulturmacher_innen über die bisherigen Formen der kulturellen Produktion hinaus, erklärte Jasmin Vogel, Vorständin des Kulturforum Witten. „Die neuen Formen der Produktion verändern die Inhalte und vielleicht auch die Menschen, die teilnehmen und kreieren. Dadurch verändert sich wiederum der kulturelle Kontext, in welchem wir entwickeln“, führte Vogel aus. Die Corona-Krise hätte für diese Art der Veränderung nicht gereicht, bemerkte Vogel: „Wir haben es in der Zeit nicht geschafft, neue kulturelle Formen mit dem Mut zum Risiko an den Start zu bringen.“

Moderator Grabowski gab die Kompetenzfrage weiter an Richter und formulierte provokativ: „Verfügen deine Kolleg_innen über das reine Abfilmen hinaus, nicht über die Kompetenz, das Theatrale ins Digitale zu erweitern?“ Richter betrieb daraufhin zunächst Ehrenrettung für ihre Kolleg_innen und schilderte, es liege vielmehr am mangelnden Interesse und an fehlender Fantasie, wie diese digitalen neuen Produktionsformen aussehen könnten. Technisches Knowhow sei hier weniger gefragt als Ehrgeiz und Offenheit gegenüber der digitalen Transformation. Für die technische Umsetzung könne man sich dann an die nötigen Fachkräfte wenden. Das Problem: „Will man im Theater etwas Neues ausprobieren, wird man oft abgespeist mit den Worten ‚am Theater ist das nun mal so‘, - man geht keine Risiken ein, man verlässt sich auf das Bewährte, da die Gesetzmäßigkeiten bisher so funktioniert haben“, kritisierte Richter. „Gelingt es dem Kulturbetrieb also nicht oder nicht gut, sich neue Produktionsformen vorzustellen im Rahmen der Möglichkeiten, die das digitale bietet?“, wollte Grabowski von Müller wissen. „Im Bewusstsein sind wir nicht so digital, wie wir es gerne wären“, bedauerte sie. Ihr Schlüsselerlebnis hierzu war, so erzählte Müller, als sie im Rahmen eines Projekts digitale Strategien entwerfen wollte, um das Arbeiten zu erleichtern. „Letztlich wurde dieses Ziel über Bord geworfen, weil die Kompetenz der Mitarbeiter_innen zur Verwirklichung dieser digitalen Strategien nicht vorhanden war.“ So entwickelte Müller stattdessen einen Leitfaden für Kultureinrichtungen, der es Mitarbeiter_innen von Kultureinrichtungen ermöglichen sollte, überhaupt digital arbeiten zu können. Vogel ergänzte, der Kulturbetrieb müsse sich mit den bestehenden Leuten verändern, inklusive der inneren Haltung. Ein „Mindshift“ wäre erforderlich, Risiken müssten eingegangen und neues ausprobiert werden. Richter führte dazu aus, dass sich das Theater aufgrund ausgeprägter hierarchischer Strukturen durchaus gegen Veränderungen und Innovationen wehre. Um diese Strukturen im Theater zu ändern, erfordere es mehr als nur Lippenbekenntnisse. Dies beinhalte einen langen andauernden Prozess, so Richter, der aber nötig sei, „je früher desto besser“.

Noch gäbe es keine beispielhafte digitale Innovation im Kulturbetrieb, vermerkte Müller auf Grabowskis Nachfrage. Der Austausch über technologische Möglichkeiten und darüber, welche Angebote angenommen würden und welche nicht, seien erste Schritte, bewertete Müller den aktuellen Stand. Alles was danach käme, würde andauern und brauche Zeit, finanzielle Mittel und engagierte Menschen. Dem schloss sich Vogel an: „Es gibt viele Beispiele, wo im Diskurs schon viel passiert.“ Der nächste große Fortschritt wäre tatsächlich ein neues Mindset, wie Mitarbeiter_innen kommunizierten und arbeiteten, spann Vogel den Bogen zu den Gedanken Richters. Man müsse sich selbst als Institution zur Disposition stellen, forderte auch sie. Dann ergebe sich Digitalität auf einem anderen Level.

Im Anschluss wollte Grabowski von den Diskutant_innen wissen, ob der Transformationsbegriff nicht eine fehleingesetzte Krücke sei, weil es keinen besseren Begriff gäbe, da der Ausdruck nur einen Übergang von Zustand A in Zustand B definiere. Schließlich sei Digitalisierung ein permanenter Veränderungsprozess, „kein statischer, sondern ein fluider“. Richter schloss sich Grabowskis These an: „Die Realität ist immer in Bewegung. Es wäre hilfreich, diese Fluidität zu erkennen und zu lernen, mit ihr umzugehen.“ Auf Grabowskis anschließende Frage, ob wir schon zu lange in Übergängen von statischen Zuständen und fixen Situationen dächten, äußerte Müller bedacht, statische Zustände seien diejenigen, die uns aufweckten und antrieben zu verändern. Ihres Erachtens gehe es eher um ein Umdenken oder eine Erweiterung des Denkens, als um ein Mindshift. Müller erklärte hierzu: „Wir brauchen einen permanenten Erweiterungsprozess in die richtige Richtung. Es ist unser Ziel, vom statischen Zustand in einen zu gelangen, der uns unterstützt, digitale Kompetenzen zu erlernen, umzuwandeln und anzuwenden.“ Digitalisierung sei demnach keine Transformationsstrategie, aber ein Treiber für den Kulturbetrieb, fasste Grabowski zusammen. Vogel trug nach, dafür dürfe man den Erfolg in der Kulturbranche nicht an Besucherzahlen oder Abonnenten messen. Es bedürfe anderer Formen der Wirksamkeitsmessung als der bisherigen und auch mehr öffentlicher Investitionen. Dr. Fritz Behrens, Staatsminister a.D. und Präsident der Kulturstiftung NRW, vermerkte in seinem Schlusswort, dass in der bisherigen Entwicklung hin zu einer digitalen und digitalisierten Kulturbranche noch Luft nach oben sei. Dennoch sei der Anfang gemacht und nun müsse man eben am Ball bleiben.

Text: Sonja D’Agostino

Redaktion: Landesbüro NRW der Friedrich-Ebert-Stiftung

Arbeitseinheit: Landesbüro NRW | Forum Kultur und Kunst in NRW

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