Netzwerk Demokratie/Geschichte 2018/19

Kurzinfo

2018 jährt sich die November­revolution zum 100. Mal. Sie bedeutete nicht nur das Ende des Ersten Weltkriegs, sondern auch den Beginn der ersten Demokratie in Deutschland. Dieser Blog begleitet Jubilä­umsvorbereitungen mit dem Aufbau eines Netzwerks De­mokratie/Geschichte 2018/19.


04.01.2019

"Die europäischen Demokratien vor der Gefahr der Diktaturen (1919-1939). Prozesse demokratischer Kritik und Reflexion in den europäischen Öffentlichkeiten"

Call for Papers für eine Tagung der Forschungsgruppe "Mondes germaniques et nord-européens", Université de Strasbourg; in Zusammenarbeit mit den Universitäten Reims, Metz, Augsburg, und dem Deutschen Historischen Institut (Paris), 17.06.2019 - 19.06.2019, Strasbourg

Die internationale Tagung wird von der Forschungsgruppe EA 1341 Mondes germaniques et nord-européens der Université de Strasbourg organisiert und ist Teil eines zweijährigen Fortbildungs- und Forschungsprogramms des Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l‘Allemagne (CIERA) zum Thema: „Welche Demokratie(n)? Reflexionen über die Krise, Modernisierung und Grenzen der Demokratie in Deutschland, Frankreich, England und Mitteleuropa zwischen 1919 und 1939“. Die Gestaltung des Programms erfolgt in Zusammenarbeit mit der Université de Reims Champagne-Ardenne (CIRLEP), der Université de Lorraine (CEGIL), der Université de Strasbourg (EA 1341), dem Pariser Deutschen Historischen Institut und der Universität Augsburg. Es wird durch das CIERA und die Forschungsgruppen der jeweiligen Universitäten finanziert.

Die Tagung widmet sich der folgenden Thematik:
Anfang der 1920er Jahre hatte sich in Europa nach jahrhundertelangem erbittertem Kampf das demokratische Denken durchgesetzt. Während das politische System Großbritanniens eine parlamentarische Demokratie darstellte, basierte die Idee der Republik in Frankreich und Deutschland, aber beispielsweise auch in der Tschechoslowakei und in Polen auf der Erklärung der Menschenrechte und sah für alle im Parlament vertretenen politischen Bewegungen die Möglichkeit einer aktiven Mitwirkung am politischen Geschehen vor.

Diese demokratischen Dispositive waren jedoch unter äußerst vielfältigen Bedingungen entstanden und wurzelten in grundverschiedenen Erfahrungen und Programmen: Die Siegermacht Frankreich hatte bereits im 19. Jahrhundert erste republikanische Erfahrungen sammeln können; dem unterlegenen Deutschland hingegen war 1918 diese politische Organisation vollkommen fremd. In den jungen Republiken Polens und der Tschechoslowakei schließlich ging es in erster Linie darum, einen Staat und eine Nation aufzubauen.

Die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg waren in ganz Europa besonders entbehrungsreich. Soziale und wirtschaftliche Probleme, institutionelle Herausforderungen, eine große politische Instabilität und komplexe internationale Beziehungen führten in allen republikanischen Staaten zu einer grundsätzlichen Infragestellung der demokratischen Ordnung; die Republik wurde öfters ohne Umschweife für alle Probleme verantwortlich gemacht, mit denen die Bevölkerung konfrontiert war.

Die Tagung soll die Frage stellen, wie die jeweiligen europäischen parlamentarischen Demokratien den heftigen Angriffen von links wie rechts die Stirn bieten konnten. Welche Versuche unternahmen sie, um auf politischer, intellektueller, institutioneller und ökonomischer Ebene die zahlreichen sie erschütternden Krisen zu bewältigen, die von den meisten zeitgenössischen Beobachtern als Produkt des demokratischen Systems selber verstanden und dargestellt wurden? Inwiefern griff in diesem Sinn das demokratische Denken paradoxerweise auf Teile eines autoritären Diskurses zurück, inwiefern wandelte es sich in diesem Zusammenhang bzw. entfremdete es sich selbst?
Obwohl das demokratische Denken in jeweils unterschiedlichen nationalen Zusammenhängen umgesetzt wurde, ist es auch Bestandteil einer gemeinsamen transnationalen Geschichte, die sich beispielsweise 1848 zu erkennen gab, als alle Akteure des politischen Lebens mit höchster Aufmerksamkeit das Geschehen im gesamten europäischen Raum beobachteten. 1936 stellte Frankreich gegen die rechten Kräfte eine ‚Front populaire‘ (Volksfront) auf, weil es in den Nachbarländern Deutschland und Italien die Errichtung diktatorialer Regimes mitverfolgt hatte. Es soll also auch die Frage gestellt werden, ob und inwiefern das politische Geschehen in ganz Europa das demokratische Denken in den einzelnen Ländern beeinflusste oder prägte. Es würde sich etwa anbieten, die internationale Verflechtung der politischen und organisatorischen Reflexionen und Diskussionen über die Diktaturen zu untersuchen.

Diese Fragen sollen transdisziplinär behandelt und dabei Öffentlichkeit als eine diskursive Arena, das heißt sowohl als nationaler als auch als transnationaler Raum des Austausches und der Konfrontation von Ideen verstanden werden. Antworten suchen wir insbesondere anhand der Massenmedien (vor allem der Presse, aber auch des Rundfunks und des Films, die in den 1920er und 1930er Jahren immer aktiver an der Meinungsbildung beteiligt waren), des wissenschaftlichen Diskurses, der Literatur (hier denken wir an André Malraux, Heinrich und Thomas Mann, Kurt Tucholsky oder auch Karel Čapek), und der Künste. Wir wollen die Eigenschaften des demokratischen Diskurses in den verschiedenen nationalen und transnationalen Öffentlichkeiten befragen und die Rolle der Medien und Massenmedien in deren Gestaltung untersuchen.

Zur Einführung in das Thema sollen die historischen Bedingungen des Entstehens oder der Bestätigung der jeweiligen europäischen Republiken dargelegt und die Leitlinien der Debatten und Reflexionen um das Verhältnis von Demokratie und Diktatur vorgestellt werden (z.B. Begriff der Führerdemokratie; Volk und Masse; Natur, Funktion und Grenzen des Parlamentarismus).
In einem zweiten Schritt soll die Problematik anhand eines möglichst breiten Korpus sowie verschiedener Fallbeispiele behandelt werden, die als Vektoren des demokratischen Diskurses und als Bestandteile der nationalen bzw. transnationalen Öffentlichkeit verstanden werden sollen.

- Medien; Diskurse der Geistes- und Sozialwissenschaften
-Kunst, Musik und Literatur
-Film und Theater
Unsere Tagung richtet sich sowohl an erfahrene als auch an Nachwuchswissenschaftler oder Doktoranden. Vorschläge (Titel und ein Abstract von maximal einer Seite) auf deutsch, französisch und gegebenenfalls auch auf englisch bis zum 31. Januar 2019 an Pascal Fagot (pfagot@unistra.fr) und Christian Jacques (cjacques@unistra.fr) erbeten.

Bewerbungsschluss: 31.01.2019

Kontakt

Pascal Fagot

Université de Strasbourg

pfagot@unistra.fr

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Referat Public History, Netzwerk Demokratie/Geschichte 2018/19

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