Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung

14.05.2018

Karl Marx, sein Haus in Trier und der "Ritter vom edelmüthigen Bewußtsein"

Alle kennen Karl Marx, doch kaum jemand hat von seiner polemischen, bösen und witzigen Satire gegen den „Ritter vom edelmüthigen Bewußtsein“ gehört. Die kleine Broschüre von 1853 ist Teil der Büchersammlung des Karl-Marx-Hauses in Trier, die mittlerweile in die Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung nach Bonn umgezogen ist.

 

Bild: Marx und der Ritter vom edelmüthigen Bewußtsein von Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung lizenziert unter Copyright: Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftumng

Hinter dem „Ritter“ verbirgt sich ein heute wenig bekannter Herr namens August Willich, mit dem Marx einen recht heftigen Richtungsstreit auszufechten hatte. Willich, um 1850 wie Marx Mitglied des "Bundes der Kommunisten" im Londoner Exil, war der wichtigste Vertreter eines radikalen Flügels dieser Organisation. Aufgrund politischer Differenzen gerieten beide Exilanten derart in Streit, dass Willich Marx mit öffentlichen Verleumdungen überzog und schließlich gar zu einem Duell forderte. So jedenfalls Wilhelm Liebknecht, der weiter berichtete, dass Marx sich beim Duell vertreten ließ und auf diese Weise mit heiler Haut davonkam.

Der Richtungsstreit führte schließlich zur Spaltung des Bundes. Willich emigrierte 1853 in die USA, während Marx im selben Jahr die Schmähschrift vom „Ritter vom edelmüthigen Bewußtsein“ publizierte. Mit der vollen Wucht seiner literarischen Formulierungskunst ließ er darin kein gutes Haar an seinem Erzfeind. Wenn Sie Spaß an gelungener Polemik haben, können Sie den Text auch ohne viel Wissen um die Zusammenhänge mit großem Gewinn lesen. Sie finden ihn hier.

Die kleine, sehr seltene Broschüre ist Teil des Buchbestandes der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung. Diese und viele andere wertvolle und seltene Erstausgaben von Karl Marx, Friedrich Engels und den frühen Kommunisten, Sozialisten und Anarchisten gehen zurück auf die Büchersammlung des Karl-Marx-Hauses in Trier.

Kurze Geschichte des Karl-Marx-Hauses in Trier und seiner Bibliothek

Im Jahr1928 erwarb die SPD das Geburtshaus von Karl Marx in Trier, um daraus eine Gedenkstätte für den großen Vordenker der Arbeiterbewegung zu machen. Die Bibliothekare der reichen SPD-Parteibibliothek in Berlin wählten hierzu exquisite Einzelstücke aus ihrem Bestand aus, die den Grundstock für eine Spezialbibliothek in der Gedenkstätte bilden sollten. Zur Eröffnung des geplanten „Hauses der Arbeiterschaft“ kam es nicht mehr. 1933 hatten die Nationalsozialisten die Macht übernommen. An eine öffentliche Einrichtung zu Ehren von Karl Marx war nicht mehr zu denken.

Ab 1946 wurde ein Neuanfang gewagt. Das „Internationale Komitee für den Wiederaufbau des Geburtshauses von Karl Marx und des Karl-Marx-Museums in Trier“ sammelte und kaufte Bücher von Marx, Engels und weiteren Autoren aus deren politischem Umfeld. Zu Marx‘ 150. Geburtstag (1968) übergab Willy Brandt, der damalige SPD-Vorsitzende und amtierende Außenminister, die Gedenkstätte und die Bücher in die Obhut der Friedrich-Ebert-Stiftung. Das Karl-Marx-Haus in Trier mit Bibliothek und Studienzentrum bestand in dieser Form bis Anfang der 2000er Jahre. 2009 wurde der wertvolle Buchbestand in die große wissenschaftliche Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn integriert. In Trier verblieb das Museum Karl-Marx-Haus, in dem just zum 200. Geburtstag des Namensgebers eine neue Daueraustellung eröffnet wurde.

Eine kleine Auswahl wertvoller Sammlungen des Karl-Marx-Hauses

Die Schenkung des Nachlasses von Roland Daniels machte den Anfang der wertvollen Büchersammlung. Roland Daniels war Mediziner in Köln, Mitglied im „Bund der Kommunisten“ und intimer Freund von Karl Marx. Sein Nachlass enthält u.a. einen Band handschriftlicher Gedichte vom 18-jährigen Marx an seinen Vater und eine Gedichtsammlung von Karl Marx an seine Braut Jenny von Westphalen aus dem Jahr 1837.

Es folgte die Adams-Collection. Frederick Baldwin Adams jr. war Leiter der John-Pierpont-Morgan-Library in New York und bibliophiler Büchersammler. Die Sammlung enthält knapp 1000 Titel, darunter 40 Ausgaben des „Manifest der Kommunistischen Partei“ einschließlich der Erstausgabe, eine „Kapital“-Ausgabe mit persönlichen Widmungen von Marx und Engels, Erst- und Originalausgaben mit handschriftlichen Anmerkungen von Saint-Simon, Fourier, Owen, Weitling etc.

Erworben wurde darüber hinaus die Erstausgabe der „Heiligen Familie“ und ein vollständiges Original der „Neuen Rheinischen Zeitung“ aus der Sammlung von Ludwig Rosenberger, einem Geschäftsmann mit deutsch-jüdischen Wurzeln aus Chicago.

Als letzte große Schenkung mit knapp 20000 Bänden wurde die Privatbibliothek des Historikers und Marx/Engels-Bibliografen Bert Andréas in den Bestand integriert.  Sie enthält nahezu alle wichtigen Quellen zur Geschichte der europäischen Arbeiterbewegung und des Sozialismus des 19. Jahrhunderts. Besondere Schwerpunkte sind gedruckten Raritäten aus dem europäischen Vormärz und fast alle Erst- und Originalausgaben von Karl Marx und Friedrich Engels, speziell vom „Kommunistischen Manifest“.

Unseren „Ritter vom edelmüthigen Bewußtsein“ aus dem Jahr 1853 verschlug es zusammen mit einigen anderen extrem seltenen Schriften über eine Versteigerung bei Sotheby’s von London nach Trier.

Das Schlusswort gebührt Marx aus seiner Streitschrift:

"Hiermit schließt die süßklingende, wunderliche, hochtrabende, unerhörte, wahrhafte und abentheuerliche Geschichte des weltbekannten Ritters vom edelmüthigen Bewußtsein."

Zum Weiterlesen:

Der vollständige Text zum „Ritter vom edelmüthigen Bewusstsein“

Informationen zum Museum Karl-Marx in Trier

Transkribierte und faksimilierte Ausgabe des „Weltgericht : Dichtungen aus dem Jahre 1837“

Vollständige Erstausgabe „Die heilige Familie, oder Kritik der Kritischen Kritik“ von Marx und Engels

Der ausführliche Artikel zur Sammlungsgeschichte von Rüdiger Zimmermann: „Die Bibliothek der FES übernimmt die komplette Bibliothek der Karl-Marx-Hauses.“

 


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