BayernForum

06.06.2016

Wege aus der Armut

Bild: v.l.n.r.: Christian Woltering, Karin Lohr, Doris Rauscher; Bild: BayernForum

Vorstellung des Armutsberichts und Fishbowl-Diskussion

München, 6. Juni 2016. "Wir müssen reden…" - so startete der Vortrag von Christian Woltering, Hauptreferent des Paritätischen Gesamtverbands. Er präsentierte den Status Quo zum Thema Armut in Deutschland und Bayern, die anschließende Diskussion verlief dem Thema gemäß entlang erfolgversprechender ‚Wege aus der Armut'.

Besonders fielen zwei Umstände auf, so Woltering: Während das Brutto-Inlandsprodukt steige, nehme auch die Armut weiter zu. Vor diesem Hintergrund könne also nicht die Rede davon sein, dass sich wachsender Wohlstand einer Bevölkerungsgruppe auch für Ärmere auszahle. Zweitens: Während Hartz IV-Quote und Arbeitslosenquote sinken, steigt gleichzeitig die Armutsquote an. Dies bedeute also: Arbeit allein kann vor Armut nicht mehr schützen.
Dem relativen Armutsbegriff folgend seien etwa 14,8 % der Menschen in Bayern arm, 2014 hätten doppelt so viele Menschen die Grundsicherung bezogen als noch 11 Jahre zuvor. Auch im reichen Bayern seien 33,1 % der Alleinerziehenden arm, fast ein Drittel aller niedrig Qualifizierten ebenso.
Wege aus der Armut, so Woltering, sollten daher an Instrumenten der Umverteilung ansetzen. Denn was Politik auch anpacke - klar sei: "Armutsbekämpfung kostet Geld". Hiermit sei offen und konsequent umzugehen. Im Raum stünden nach wie vor: Einkommenssteuerreform, Wiedereinführung der Vermögenssteuer, Reform der Erbschaftssteuer und Angleichung der Besteuerung von Kapital und Arbeit.

Die Menschen hinter den Zahlen (und ihre Wege aus der Armut) fokussierte die Diskussion im Anschluss. Dass Menschen am Existenzminimum leben, sei ihnen nicht immer auf den ersten Blick auch anzusehen, so Doris Rauscher, MdL und Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Bisweilen werde wahrlich darum gekämpft, finanzielle und soziale Probleme vor anderen zu verbergen, auch vor den eigenen Kindern. Wenige Tage zuvor hatte die Bundesagentur für Arbeit mitgeteilt, dass 6,5% der Kinder in Bayern von Armut betroffen seien. Mit den Menschen, die Ihre Armut eingestanden haben, arbeitet Karin Lohr zusammen. Der Geschäftsführerin der Straßenzeitung BISS gelingt es, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten: "Wir sind gemeinnützig und mildtätig. Wir leisten Hilfe auf ganz grundlegende Art und kommen beispielsweise für Zahnersatz auf. Insbesondere setzt BISS auf Arbeit als Schlüssel zur Integration und schafft für Verkäufer, die auf dem Arbeitsmarkt keine Chancen haben, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze." Wege aus der Armut seien so vielschichtig wie die Wege in die Armut selbst, gab Rauscher daraufhin zu bedenken. Politik müsse auch dort anpacken, wo Menschen noch nicht in Armut leben - beim Ausbau öffentlicher Beschäftigung etwa und bei beruflicher Weiterbildung. Hier sei auf Bundesebene vieles erkannt worden, wovor die Staatsregierung noch die Augen verschließe. Auf den Hinweis von Christian Woltering hin, auch ein Wohngemeinnützigkeitsgesetz habe bis in die 90er Jahre bestanden, antwortete Rauscher, die SPD-Fraktion habe eben noch die Gründung einer staatlichen Wohnungsbaugesellschaft gefordert. Anfang Juni sei der Antrag dann von Seiten der bayerischen Regierungsfraktion abgelehnt worden.
Im Rahmen einer Fishbowl-Diskussion, moderiert von Vera Cornette (u.a. BR), förderte der Kreis der Teilnehmenden schließlich konträre Ansichten zutage. Vertreter_innen von Paritätischem, Caritas, Kolping, Gewerkschaften und Arbeitsagenturen diskutierten etwa die Rolle der Arbeitsagenturen als Hilfestellung und auch 1-Euro-Jobs wurden nach wie vor zwiespältig beurteilt. Gebraucht würden einerseits langfristige Lösungsansätze. Diese sollten jedoch möglichst unmittelbar auch für effektive Verbesserungen bei den Betroffenen sorgen. Die Idee einer Kindergrundsicherung zum besseren Schutz für Kinder und Alleinerziehende stieß dabei auf das größte Interesse.

In Kooperation mit dem Paritätischen in Bayern.

Weitere Informationen zur Veranstaltung

Die Präsentation von Christian Woltering als PDF-Datei können Sie hier herunterladen.

Arbeitseinheit: BayernForum


 

Herzog-Wilhelm-Str. 1
80331 München

(089) 51 55 52-40
(089) 51 55 52-44

E-Mail-Kontakt


Ähnliche Beiträge

10.07.2019

Veranstaltungen zum NSU-Prozess und Ausstellung "Die Opfer des NSU"

weitere Informationen

25.06.2019

Ausstellung und Gesprächstermine mit der Fotografin Lena Engel: NullAchtNeun

weitere Informationen

13.05.2019

Veranstaltungsreihe: Born to be free

weitere Informationen
nach oben