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19.06.2018

#Bildungsurlaub = Malkurs in der Toskana? Oder wichtiges Instrument zur beruflichen, kulturellen und politischen Weiterbildung?

Bild: von BayernForum

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Automatisierung, Digitalisierung und Strukturwandel sind die Schlagworte der Wirtschaft des 21. Jahrhunderts. Es lässt sich darüber streiten in welchem Ausmaß und in welcher Form diese Entwicklungen die Arbeitswelt beeinflussen, aber Fakt ist: Die Digitalisierung hat Einfluss auf fast alle Berufsprofile und setzt Betriebe und ihre Beschäftigten unter Veränderungsdruck.

Wie also auf diese Entwicklungen reagieren? Wie können Arbeitnehmer_innen auf die beruflichen Veränderungsprozesse vorbereitet werden?

Berufsbegleitender Weiterbildung kommt hier eine Schlüsselrolle zu: Den möglichen Ansätzen und Konzepten von Qualifizierungsmaßnahmen widmete sich am 5. Juni ein Fachgespräch mit Doris Rauscher (MdL, sozial- und familienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion) und Linda Schneider (ver.di Bayern, stv. Landesbezirksleiterin) sowie weiteren Vertreter_innen von Gewerkschaften und Betriebsräten.

Beide Impulsgeberinnen stellten fest, dass die Digitalisierung nicht nur die Produktionsstruktur der Unternehmen, sondern auch die Arbeitnehmer_innen vor Herausforderungen stelle. Neben inhaltlichem und beruflichem Fachwissen, rücken digitale und mediale Kompetenzen immer weiter in das zentrale Aufgabenfeld (Beispiel Datenschutzgrundverordnung). „Ein Unternehmen ist immer nur so gut wie seine Mitarbeiter_innen", meint Doris Rauscher. Wenn das berufliche Wissen nicht ergänzt wird, steht man schnell vor rechtlichen und entwicklungstechnischen Umsetzungsproblemen.

Erfolgreiches Wirtschaften braucht also berufliche Weiterbildung. Im Gegensatz zu fast allen anderen Bundesländern gibt es in Bayern (und Sachsen) kein Bildungsfreistellungsgesetz. Die Diskussion darum ist keine Neue, erlebt aber durch den aktuellen Veränderungsdruck eine neue Relevanz. Um dem Weiterbildungsbedarf gerecht zu werden, braucht es mehr Angebote, Bildungsträger und Gelder. Arbeitnehmer_innen hätten dann beispielsweise ein Guthaben von zehn Tagen, das sie innerhalb von zwei Jahren für Weiterbildungsangebote nutzen können.

Als Vorbilder fungieren dabei Österreich, Frankreich und die Schweiz, wo Bildungskarenz, ein verbindliches Recht auf Weiterbildung sowie ein Modell des Chancenkontos zur Erwerbstätigkeit, dazugehören.

Realität ist leider allzu oft, dass gering qualifizierte Erwerbstätige auch schlechteren Zugang zu Weiterbildung haben. Gut Ausgebildete haben dagegen oftmals auch gute Möglichkeiten sich weiter zu entwickeln.
Durch Weiterqualifizierung von gering qualifizierten Erwerbstätigen, kann der Gefahr der Erwerbslosigkeit sowie der eingeschränkten sozialen Mobilität entgegengewirkt werden. Zudem könnte durch Weiterbildung auch älteren Erwerbstätigen neue berufliche Entwicklungschancen ermöglicht werden.

Das fehlende Wissen um Bildungsfreistellung und Erwachsenenbildungsförderung wird in der Diskussion von den Gewerkschaftsvertreter_innen mehrmals als große Herausforderung thematisiert. Denn wer nicht um seine Rechte weiß, kann sie auch nicht nutzen. Auch Stress am Arbeitsplatz und innerbetrieblicher Druck werden als Probleme genannt, um Weiterbildung für Arbeitnehmer_innen attraktiv und nutzbar zu machen. Als Lösungsidee könnte hierbei der Ausbau einer Bildungsberatung, in Betrieben und darüber hinaus, Abhilfe schaffen. Mithilfe dieses Ansatzes könnten Unternehmen, Arbeitgeber_innen und Arbeitnehmer_innen über ihre Rechte und Möglichkeiten hinsichtlich Weiterqualifizierungsmaßnahmen aufgeklärt werden. Außerdem könnte besser qualifizierte Arbeitnehmer_innen der innerbetriebliche Stress minimiert werden.

Doris Rauscher und Linda Schneider betonen zudem, dass es mit beruflicher Weiterbildung allein nicht getan ist. Auch aus den Reihen der Gewerkschaftsvertreter_innen wird der Wunsch nach ganzheitlicher Erwachsenenbildung, also auch kultureller und politischer Weiterbildung, formuliert. Damit könnte zu einem gesellschaftlich verantwortungsvollen Bewusstsein und einer demokratischen Kultur beigetragen werden.

Denn nicht nur die Digitalisierung macht die Notwendigkeit von Weiterbildung deutlich. Auch Politikverdrossenheit, Vertrauensverlust in das demokratische System und die Wahlerfolge von Rechtspopulisten machen den Bedarf nach Erwachsenenbildung deutlich.

Bildung ist ein wertvoller Rohstoff, der unbedingt erhalten und gefördert werden muss. Lernen kann und darf nicht mit der Schule oder dem Abschluss einer Berufsausbildung enden. „Ohne Weiterbildung keine Ausbildung", fordert Linda Schneider. Lernen muss am Arbeitsplatz weitergehen. Gut qualifizierte Arbeitnehmer_innen bringen einem Unternehmen durch neue Ideen und Innovationen viele Vorteile ein.

Wenn Bayern und auch Deutschland ihre wirtschaftliche Stärke und demokratische Gesellschaft beibehalten und stäken wollen, sollten ernsthafte Konzepte zur Investition in die Arbeitnehmer_innen diskutiert und umgesetzt werden. „Lebenslanges Lernen" ist hier das Schlagwort!

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