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12.04.2018

Afghanistan – Sammelabschiebungen oder Anschläge?

Bild: von BayernForum

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Can't relax in Afghanistan. Wie sicher ist sicher?

Die mediale Berichterstattung über das Land Afghanistan beschränkt sich meist auf die Aspekte der Sammelabschiebungen oder Terroranschläge. Im Gespräch mit Mirco Günther, Natascha Kohnen, Friederike Stahlmann und Abdul Ghafoor wird aber deutlich, dass zur Einschätzung der Lage in einem durch kriegerische Auseinandersetzungen geprägten Land mehr gehört als nur die Anzahl terroristischer Anschläge.

Mirco Günther, der Büroleiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Afghanistan, und Abdul Ghafoor, Rückkehrer und Gründer der Organisation "Afghanistan Migrants Advice & Support" berichten aus erster Hand, dass die Faktoren Wirtschaftslage, politische Situation und Militäreinsätze, unbedingt berücksichtigt werden müssen, um eine umfassende Beurteilung der Lage in Afghanistan treffen zu können. Nur innerhalb dieses Rahmens kann eine Einschätzung vorgenommen werden mit welchen Rahmenbedingungen Rückkehrer in Afghanistan konfrontiert sind und welche Perspektiven das ressourcenreiche Land und seine zum Großteil junge Bevölkerung hat. Dabei muss immer berücksichtigt werden, dass konkrete und nachprüfbare Lageberichte und Zahlen, aufgrund des fehlenden Zugangs und Wissen über Zustände in provinzialen Bereichen des Landes, nur Schätzwerte darstellen.

Seit 2002 befindet sich die Friedrich-Ebert-Stiftung in Afghanistan vor Ort, um sich innerhalb der Bereiche der sozialen Gerechtigkeit, der Nachwuchsförderung, der Flucht und Migration sowie dem Frieden und der Sicherheit im Land einzusetzen. Seit dem Ende der ISAF-Mission ist aber ein zunehmender Rückzug der zivilen Akteure zu beobachten. Die Verantwortung für die eigene Sicherheit steht der Verantwortung für die Zivilgesellschaft gegenüber. Auch für Investitionsprojekte ist die  "Unsicherheit" in Afghanistan der größte Faktor für einen Abbruch.

Vor allem das Leben in der Hauptstadt Kabul entwickelt sich zu einem anonymen Leben hinter Betonmauern und die Stadt zählt daher zu den gefährlichsten Orten auf der Welt. Denn laut UN ist Afghanistan momentan ein Land im Krieg und kein Postkonfliktland mehr: In 30 von 34 Provinzen des Landes herrschen kriegerische Auseinandersetzungen, 40% des Landes befinden sich nicht unter der Kontrolle der Regierung und mit über 20 Akteuren hat der Staat Afghanistan militärische Konflikte. Neben regionalen Kräften tragen zusätzlich auch noch globale Akteure ihre Konflikte auf dem Rücken Afghanistans aus. Die dramatische Sicherheitslage, als alle Lebensbereiche umfassende Problematik, macht Staatlichkeit, ein Wirtschaftswachstum, ein umfassendes Bildungs- und Gesundheitswesen und eine stabile Zivilgesellschaft zu einer fast unmöglichen Aufgabe.

Vor allem seit dem Anschlag auf die deutsche Botschaft in Afghanistan im Mai 2017 ist der Arbeitsalltag für die zivilen Akteure und die Ausbildungs- und Beratungsmission der Bundeswehr stark beeinträchtigt. Speziell für Rückkehrer ist diese Tatsache problematisch, da sie von der afghanischen Regierung neben einer zweiwöchigen Unterkunft und geringer finanzieller Mittel keine weiterführende Unterstützung erhalten. Darüber hinaus sind diese aufgrund der fehlenden Zugehörigkeit zu Netzwerken, dem sozialen Ausschluss mit Gefahren wie der Schutzsklaverei, wirtschaftlicher Not und Entführungen konfrontiert.

Ein Ende des Militäreinsatzes würde dahingehend nur noch eine weitere Verschlechterung der Lage mit sich bringen. Nach Aussage des afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani könnte nach einem Abzug der internationalen Truppen, der Staat die Stadt Kabul nicht mehr als sechs Monate halten. Das verdeutlicht das Dilemma der Militäreinsätze: Einerseits bringen sie Kriegsverbrechen mit sich, andererseits ermöglichen erst sie die humanitäre Hilfe.

Das macht ersichtlich, dass die zwar abnehmende aber bis dato noch existierende internationale Unterstützung der letzte Anker ist der Afghanistan vor einem endgültigen Kontrollverlust über sein Land bewahrt.

Sofern es Afghanistan schafft aus dem Strudel von Gewalt und Korruption herauszukommen und seine volle Staatlichkeit und Kontrolle wiedererlangt, könnten die großen Rohstoffreserven und die alternativen Energien ein aussichtsreiches Wirtschaftswesen für die junge Bevölkerung versprechen. Bis dahin heißt es "strategische Geduld" (Mirco Günther) zu haben!

Der Artikel fasst die Inhalte der beiden Veranstaltungen "Hintergrundgespräch mit Mirco Günther und Natascha Kohnen" sowie "Can't relax in Afghanistan. Wie sicher ist sicher?" zusammen.

Text: Anja Dondl

 

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