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Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik

29.03.2019

#EUngleich: Depri ... was?

Das Maß der „materiellen Deprivation“ gibt einen Einblick in die Realität von Armut. Und dokumentiert eindrücklich das Ausmaß sozialer Ungleichheit zwischen Vilnius und Wien.

Bild: KW 14 Depri...was Titelbild von ales_kartal lizenziert unter Pixabay License

Bild: EUngleich_Verelendung durch Austeritätspolitik von FES

Bild: KW 14 Materielle Deprivation Wohlstandgewinne Ohne Rahmen von FES

Viele ost- und südeuropäische Länder weisen ein deutlich höheres Ausmaß an Verelendung – unter Fachleuten: materieller Deprivation – auf als der EU-Durchschnitt. Während Bulgarien, Rumänien und Polen von hohem Ausgangsniveau beachtliche Fortschritte bei der Armutsbekämpfung gemacht haben, verschlechterte sich die Lage in Griechenland, Italien, Zypern und Portugal jedoch bis 2015. Erst danach nahm das Elend wieder etwas ab. Die baltischen Länder haben den Rückschlag durch die Finanzkrise und Große Rezession 2008-2010 langsam überwunden.

Materielle Deprivation. Was ist das?

Materielle Deprivation ist ein in der EU-Statistik benutzter Indikator, der einem Haushalt dann zugeschrieben wird, wenn er unfähig ist, die notwendigen Ausgaben für mindestens drei der folgenden neun Leistungen aufzubringen:

  1. Hypotheken- oder Mietschulden oder Rechnungen für Versorgungsleistungen;
  2. angemessene Beheizung der Wohnung;
  3. unerwartete Ausgaben;
  4. regelmäßige fleisch- oder eiweißhaltige Mahlzeiten;
  5. Urlaubsreisen;
  6. Fernseher;
  7. Waschkessel;
  8. Auto;
  9. Telefon.

Die statistisch definierte Armut bezeichnet ein Einkommen, das unter 60% des mittleren Einkommens beträgt. Ein relativ abstrakter, unmittelbar kaum nachvollziehbarer Wert.. Die Vorstellung, auf Fernseher, Auto und Telefon verzichten zu müssen – eine mögliche Konstellation materieller Deprivation – vermittelt dagegen ein weit eingängigeres Bild der konkreten Mangellage.

Während die Quote der von materieller Deprivation betroffenen Haushalte im EU-Durchschnitt bei unter 20 Prozent liegt, ist sie den Ländern der östlichen Peripherie und teilweise auch in den Mittelmeeranrainern deutlich höher. Die Krise von 2008/2009 hat die Verelendung in vielen Ländern, vor allem im Süden, aber auch im Baltikum deutlich ansteigen lassen. In einigen osteuropäischen Ländern hat sie dagegen fast kontinuierlich abgenommen – auch während der Krise. Dies gilt etwa für Polen, Rumänien, die Slowakei und Bulgarien. Eine klare Botschaft in Richtung jener Euroskeptiker, die übersehen, dass die EU-Integration durchaus Wohlstand bringen kann.

Austerität und ihre Folgen

Während die baltischen Länder ab 2010 wieder wachsenden Wohlstand aufweisen, nahm die Verelendung in von EU Austeritätsprogrammen betroffenen Ländern stark zu. In Griechenland –  dem schlimmsten Fall –  verdoppelte sich die Quote der materiellen Deprivation nahezu auf 40,7% 2015 (von 21,8% im Jahr 2008), um danach im Zuge der Lockerung der Austeritätspolitik wieder leicht abzusinken. Angesichts dieser sozialen Katastrophen kann die Europakritik von rechts und links und der Wunsch, nationale Entwicklungen unter nationale Kontrolle zu bringen, nicht überraschen.

Neben den unmittelbaren Folgen der Verelendung für die betroffenen Individuen zählen erhöhte Auswanderung und politische Unruhe zu den Folgen der materiellen Deprivation. So haben sich die Parteiensysteme in Griechenland, Italien und Spanien massiv verändert und wenig stabile Regierungen hervorgebracht. Eine politische Entwicklung, die die Chancen auf wirtschaftliche und soziale Regeneration nicht gerade verbessert hat.

Ungleichheit in Europa

Nur noch wenige Wochen bis zur Europawahl am 26. Mai, und die Union steckt tief in der Krise. 75 Prozent aller Deutschen stimmen laut einer FES Studie derweil der Aussage zu, die meisten Probleme der EU seien auf soziale und wirtschaftliche Unterschiede zwischen ihren Mitgliedsstaaten zurückzuführen. Doch wie gravierend ist die Ungleichheit zwischen Stockholm und Athen, zwischen Dublin und Bukarest wirklich? Eine Frage, der wir in den kommenden Wochen nachgehen wollen. Verfolgen Sie uns dabei auch auf Twitter und Facebook.


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