Vivien Hinz, ehemalige Stipendiatin und jetzt hauptamtliche Mitarbeiterin bei ArbeiterKind.de
Besonderheiten von jungen Studierenden und StipendiatInnen nicht-akademischer Herkunft
Als erste Akademikerin meiner Familie, ehemalige Stipendiatin der Friedrich-Ebert-Stiftung und mittlerweile hauptamtliche Mitarbeiterin bei ArbeiterKind.de habe ich das Glück, bezüglich des Themas „Studierende und StipendiatInnen nicht-akademischer Herkunft“ aus einem großen Fundus an persönlichen Erfahrungen schöpfen zu können. So möchte ich im Folgenden auf die Hürden von Kindern und Jugendlichen mit nicht-akademischem Hintergrund auf ihrem Bildungsweg eingehen. Daraus folgt die für die Begabtenförderung wichtige Frage, wie talentierte Studierende aus nicht-akademischen Elternhäusern gezielt durch die Vergabe von Stipendien unterstützt und auf ihrem Weg durch ein Studium begleitet und gefördert werden können. Meine beruflichen Erfahrungen zeigen, dass es der Zielgruppe hauptsächlich an zwei Ressourcen mangelt: dies ist einerseits die oftmals fehlende Unterstützung von Seiten der Eltern und zum zweiten das Informationsdefizit über individuelle (Weiterbildungs-)Möglichkeiten. Hier stellen sich vorab zwei Fragen: gibt es Parallelen in den Lebensläufen von Nicht-Akademikerkindern und sind deren Hürden auf dem Weg zu akademischer Bildung tatsächlich höher als jene, mit denen sich Akademikerkinder konfrontiert sehen?
Die Basis meiner Ausführungen bilden folgende Befunde. Aktuell studieren von 100 Akademiker-Kindern 71. Dagegen nehmen von 100 Kindern aus einem Elternhaus ohne akademischen Hintergrund nur 24 ein Studium auf, obwohl doppelt so viele das Abitur erreichen.[1] Dabei geht viel Potential verloren, zum einen für die schon jetzt unter enormem Fachkräftemangel leidende Wirtschaft und zum anderen für die Gesellschaft im Ganzen. Laut einer aktuellen OECD-Studie entschlossen sich 2007 „43% der Schülerinnen und Schüler für eine Fortsetzung ihrer schulischen Laufbahn in einer allgemeinbildenden Schule der Sekundarstufe II, während 57% in die Berufsbildung wechselten. Wie in anderen Ländern mit starkem dualen Ausbildungssystem sind die Abschlussquoten im Tertiärbereich in Deutschland niedrig, sie liegen bei 23% einer Jahrgangskohorte, gegenüber einem OECD-Durchschnitt von 39%“.[2]
Alles neu: Wo komm' ich her? Wo will ich hin?
Um die Besonderheiten der Zielgruppe „Nicht-Akademikerkinder“ zu verstehen, müssen wir deren Lebenswirklichkeit genauer betrachten. Jugendliche sind unsicher, was ihre Person und ihre Rolle in der Gesellschaft angeht. Bei Jugendlichen aus Nicht-Akademikerfamilien kann sich dieses Gefühl der Unzugehörigkeit bis ins Studium und auch in die Rolle als StipendiatIn hinein ziehen. Gleichzeitig, so berichten die Betroffenen, die sich an ArbeiterKind.de wenden , entfremden sie sich mit steigender akademischer Bildung mehr und mehr von ihren Familien, haben weniger gemeinsame Gesprächsthemen, nicht selten stellen Familienmitglieder ihren eigenen Werdegang in Frage, den sie im Vergleich zu einer Hochschulkarriere herabgewürdigt sehen[3]. Die Eltern der betreffenden Jugendlichen denken häufig, nicht mit ihren Kindern mithalten zu können und reagieren deshalb abweisend oder desinteressiert, was das Gefühl der Kinder, nirgendwo dazu zu gehören, noch verstärkt. Auch äußern die Eltern der betreffenden Jugendlichen vielfach eine Angst vor dem möglichen Scheitern des Kindes. Um sich selbst sowie ihr Kind vor eventuellen Enttäuschungen wie Studienabbruch oder Arbeitslosigkeit zu bewahren, raten sie häufig dazu, „nicht zu hoch zu greifen“ was die beruflichen Perspektiven angeht sondern besser eine scheinbar sichere Option vorzuziehen, die für viele Nicht-Akademikereltern „Berufsausbildung“ heißt. In zahlreichen Fällen bedeutet dies konkret, dass wenig Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder gesetzt und diesen bewusst oder unbewusst signalisiert wird, sie gehörten nicht an eine Hochschule.
Weitere Schwierigkeiten sind die typischen Ängste von Studierenden, in Prüfungen zu versagen, der Doppelbelastung von Studium und parallelem Jobben nicht gewachsen zu sein sowie allgemein der Zweifel, den Universitätsabschluss zu erreichen. Diese treten so oder in ähnlicher Form bei fast allen Studierenden gelegentlich auf. Bei Nicht-Akademikerkindern können sie aber derart groß werden, dass sie eine echte Blockade auf dem persönlichen Lebensweg darstellen können. Selbst über das im besten Fall erfolgreich abgeschlossene Studium hinaus bestehen diese Ängste oft weiter, beispielsweise in Bezug darauf, wie sich diese jungen Akademiker bei der Jobsuche „verkaufen“. Ganz besonders auch im Bewerbungsprozess um ein Stipendium kommen häufig Zweifel auf, die innere Fragen wie „Hab ich das überhaupt verdient?“, „Bin ich wirklich gut genug?“ und „Darf ich das auch annehmen?“ hervorrufen. Durch das oft mangelnde Selbstverständnis in Bezug auf die eigenen Wünsche, Lebenspläne und Fähigkeiten werden beispielsweise Unterstützung in Form von BAföG oder eines Stipendiums oftmals nicht eingefordert, beziehungsweise nicht in Erwägung gezogen, im schlechtesten Fall sind sie jedoch den betreffenden Jugendlichen gar nicht bekannt, obwohl diese Fördermaßnahmen die Studiensituation um ein vielfaches entspannen und die Chance auf einen zügigen Studienabschluss enorm vergrößern würden.
Selbstzweifel: Reicht das, was ich bin?
So stellen die Hochschulforscher der Universität Konstanz, Tino und Holger Bargel fest: „Studierende aus bildungsfernen Familien benötigen besondere Unterstützung, finanziell wie ideell. Paradoxerweise werden jedoch gerade sie seltener gefördert als andere (…) Und auch die bereits existierende Begabtenförderung nimmt sich nicht vorrangig der Bedürftigen an: 71 Prozent der Geförderten stammen aus Akademikerfamilien. Das werde in der Öffentlichkeit oft damit begründet, dass Arbeiterkinder schlechtere Leistungen bringen, so die Studie. Dabei stellen die Konstanzer Experten klar: Es gibt keinen wissenschaftlichen Befund, der diese These stützt“.[4] Dies ist auch die Erfahrung aus der Praxis von drei Jahren ArbeiterKind.de. Viele der Kinder und Jugendlichen aus Nicht-Akademikerfamilien, die sich an uns wenden, gehören mit zu den Besten ihres Jahrgangs und bestehen das Abitur mit einer Eins oder einer Zwei vor dem Komma. Dennoch wiegt diese Note selten die tief verwurzelten Selbstzweifel an den eigenen Fähigkeiten auf. Darauf angesprochen meinen einige der Jugendlichen, dass sie zwar stolz auf ihre Abiturnote seien, sie aber denken, dass ein Universitätsstudium mit den Anforderungen die das Abitur an SchülerInnen stellt, nicht vergleichbar wäre. Sie machen sich Sorgen, dass ihre Begabung nicht für ein Hochschulstudium ausreichen könnte. Die Angst vor dem Unbekannten, die Unwissenheit, was sie im Studium konkret erwartet, sowohl was die fachlichen als auch die sozialen Kompetenzen betrifft, kann derartige Hürden aufbauen, dass die Jugendlichen sich am Ende gegen ein Hochschulstudium entscheiden aus Angst zu versagen. Dies führt dazu, dass weniger Nicht-Akademikerkinder den Weg an die Uni einschlagen als es bei den Akademikerkindern der Fall ist[5]. Die Erfahrung zeigt, dass Akademikereltern ihren Kindern explizit oder implizit vermitteln, dass ein Studium auf alle Fälle eine gute Option für den beruflichen Lebensweg darstellt und dieser auch bei eventuell nicht ganz so tollen Noten in Erwägung gezogen werden sollte. Den Eltern ohne akademische Ausbildung fehlt in der Regel ein Netzwerk an Bekannten, die dieses Informationsdefizit auf Seiten der Eltern beheben könnten. Es kommt deshalb durchaus vor, dass die Eltern sich offen gegen ein Studium der Kinder aussprechen, was verschiedene Gründe haben kann. Beispielsweise führen fehlende Informationen über Finanzierungsmöglichkeiten durch BAföG und Stipendien zu einer erhöhten Angst vor Verschuldung der Kinder[6].
Vier Hürden
Flucht
Als Ergebnis meiner Studie im Rahmen der Bachelorarbeit lassen sich vier Phänomene herausstellen, die viele Kinder und Jugendliche mit nicht-akademischem Hintergrund auf dem Weg zu akademischer Bildung hemmen können: das erste Phänomen bezeichne ich als „Flucht“[7]. Wie bereits erwähnt kommt beinahe jeder Studierende einmal an einen Punkt, an dem es nicht richtig läuft mit dem Studium, die Motivation nachlässt, eine Prüfung nicht bestanden wurde oder ein wissenschaftliches Thema einfach unmöglich zu bewältigen scheint. Bei Jugendlichen aus nicht-akademischem Elternhaus weiten sich diese völlig normalen Probleme oftmals zu einer Krise aus, die diese selbst als derartig existenzbedrohend wahrnehmen, dass sie dazu tendieren, sich passiv zu verhalten, sich zurück zu ziehen, die Probleme zu erdulden, oftmals versuchen, diese auszusitzen und im schlimmsten Fall drastische Konsequenzen wie den Studienabbruch herbei führen, anstatt in die Offensive zu gehen, sich Hilfe zu holen, in die Fachstudienberatung zu gehen und eine Lösung für das jeweilige Problem zu suchen. Studierende nicht-akademischer Herkunft reagieren selten selbstbestimmt auf Krisen, indem sie diese angehen, sondern sie finden sich damit ab und flüchten, anstatt sich der Situation zu stellen und sich jemandem anzuvertrauen, um Unterstützung zu bitten.
Mangel
Das zweite Phänomen bezeichne ich als „Mangel“[8], wobei hier der Mangel an diversen Ressourcen gemeint ist. Diesen Mangelzustand auszugleichen bedeutet für die betreffenden Jugendlichen einen immensen organisatorischen, zeitlichen und psychischen Aufwand. Die dafür aufgebrachte Energie fehlt für die Bewältigung der eigentlich anstehenden Aufgabe: die erfolgreiche Bewältigung der Studienanforderungen. Die auszugleichenden Mangelfaktoren bestehen einerseits in tatsächlichen Mängeln, beispielsweise wenn es um technische Fähigkeiten wie die im Umgang mit Computer und Internet geht. Andererseits fehlt es auch einfach an dem nötigen Selbstverständnis und dem Mut, mit Konkurrenzsituationen, beispielsweise bei der Behauptung um einen Platz im gewünschten Seminar und das Einfordern von Sprechstunden beim für eine Prüfung zuständigen Professor. Nicht-Akademikerkinder neigen leider dazu, die Mängel als gegeben hinzunehmen oder aber doppelt soviel Energie als Andere zu investieren, zum Beispiel indem sie denken, alles allein schaffen zu müssen, wo sich das Kind eines Akademikers selbstbewusst um Hilfe bemüht, indem es sich Tipps von älteren Kommilitonen oder Feedback vom Professor holt.
Transparenz
Das dritte Phänomen hängt eng mit den zuvor beschriebenen Faktoren zusammen: ich nenne es „Transparenz“[9]. Studierende aus nicht-akademischen Elternhäusern haben oftmals das Gefühl, alle anderen wüssten bereits über die Hintergründe des Studentenalltags Bescheid, kennen die Codes, wüssten, wie man sich mit wissenschaftlichem Personal unterhält. Dennoch oder gerade deshalb hegen sie den dringenden Wunsch nach Transparenz, was sich sowohl auf Strukturen als auch auf die damit verbundenen sozialen Gegebenheiten bezieht. Die Realität des Hochschulalltags ist durch den Zugang zu Informationen geprägt, die allerdings nicht strukturiert zur Verfügung stehen, sondern oftmals subtil vermittelt werden. Da aber zwischen den Akteuren, die diese Informationen vermitteln, und den Studierenden aus nicht-akademischen Familien allerdings eine große soziale Distanz besteht, gelangen letztere oft nicht im selben Maße an diese Informationen wie beispielsweise Akademikerkinder. Diese bringen Informationen entweder bereits von zu Hause mit oder wissen, wie sie an diese herankommen. Beispiele hierfür sind Literaturrecherche, Auslandssemester und das Einfordern von Betreuung seitens einer Professorin/eines Professors.
Abhängigkeit
Als letztes Phänomen möchte ich „Abhängigkeit“[10] nennen, denn das Resultat aus den zuvor genannten Faktoren bedeutet real existierende Abhängigkeit von Entscheidungen Dritter und von den gegebenen Voraussetzungen - seien sie sozialer, ökonomischer oder struktureller Natur. Ein Gefühl der Selbstbestimmtheit wird unmöglich, wenn die Voraussetzungen, unter welchen man studiert und mehr noch, lebt, als gegeben und unabänderlich wahrgenommen werden. Diese anfängliche Abhängigkeit führt zu einer Art Teufelskreis, der dazu führt, dass entweder aus Gewohnheit, aus einem Habitus heraus, der Darstellung des Gegenübers sowie dem Anerkennen von Autoritäten heraus sich diese Studierenden immer wieder in Abhängigkeiten begeben, auch zu einem Zeitpunkt, an dem mehr Autonomie im Handeln möglich wäre. Als Resultat ist häufig zu beobachten, dass sich die/der Studierende selten frei und unabhängig in Bezug auf seinen Studienalltag fühlt und dementsprechend auch selten frei und selbstbestimmt sein Studium gestaltet, sondern sich weiter an den Vorgaben aus den Abhängigkeiten orientiert.
MentorInnen sollten die Hürden und Hemmnisse der Jugendlichen auf dem Weg zu akademischer Bildung kennen. Das Verständnis dieser allgemeinen Hintergründe ist entscheidend dafür, den Jugendlichen als Begleiter zur Seite zu stehen und ihnen zu signalisieren, dass sie vertrauen können. Als sehr effektiv hat sich die Betreuung durch MentorInnen, die von den Jugendlichen als glaubwürdige Vorbilder akzeptiert werden können, entweder weil sie selbst einem Nicht-Akademikerhaushalt entspringen, mit dem Thema vertraut sind oder einen Zugang zur Lebenswirklichkeit ihrer Mentees entwickelt haben. Diese MentorInnen sollten den Jugendlichen hauptsächlich Optionen aufzeigen ohne sie dabei zu bevormunden. Die Aufgabe der MentorInnen besteht vorrangig darin, die Entscheidungsprozesse der Jugendlichen mit konstruktivem Feedback zu begleiten und die Jugendlichen in jedweder Form und unabhängig von der letztendlichen Entscheidung zu unterstützen und sie zu ermutigen, den von ihnen gewählten Weg selbstbewusst zu gehen.
[1] Vgl.19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, S.11 URL: http://www.studentenwerke.de/main/default.asp?id=02401
[2] Hoeckel, K./ Schwartz, R. (2010) Lernen für die Arbeitswelt. OECD-Studie zur Berufsbildung – Deutschland, S.9.
[3] Vgl. Hoff A. (2009): Verein hilft Arbeiterkindern zu studieren. URL:http://bildungsklick.de/a/70172/verein-hilft-arbeiterkindern-zu-studieren/
[4] Böckler-Impuls 7/2010, S.5 URL: http://www.boeckler.de/pdf/impuls_2010_07_gesamt.pdf
[5] Vgl.19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, S.11 URL: http://www.studentenwerke.de/main/default.asp?id=02401
[6] Vgl. Wernicke J. (2008): Mehr Arbeiterkinder an die Uni. URL: http://www.studis-online.de/HoPo/art-759-arbeiterkind.php
[7] Hinz, V. (2010): Bachelorarbeit: „Möglichkeiten und Grenzen der akademischen Bildungsförderung von Nicht-Akademikerkindern am Beispiel von ArbeiterKind.de“, S.20 ff.
[8] Ebd. S.24 ff.
[9] Ebd. S. 29 f.
[10] Ebd. S. 30 ff.


