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Aussenpolitik- Politikinformation Osteuropa
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Georgien
- Gefahren für die Staatlichkeit
Bischof, Henrik: Georgien : Gefahren für die Staatlichkeit / Henrik Bischof. - Bonn : Friedrich-Ebert-Stiftung, Abt. Außenpolitikforschung, 1995. - 37 S. - (Studie zur Außenpolitikforschung ; 68) - ISSN 0938-9571 - ISBN 3-86077-417-4 Schlagworte: Politische Situation, Georgien, political situation, Georgia © Abdruck oder vergleichbare Verwendung von Arbeiten der Friedrich-Ebert-Stiftung ist (auch in Auszügen) nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung der FES gestattet. Inhalt
Abstract Georgia's Statehood Endangered This study describes the struggle for independence and the election victory of Georgia's national opposition led by Gamsahurdia in 1990, the part played by Moscow and Georgia's paramilitary militias in overthrowing President Gamsahurdia in 1991/92 as well as the return of Edward Shevardnadze to Georgia and his seizure of power. This is followed by a report on the civil war in West Georgia and Moscow's contribution towards stabilizing Shevardnadze's power in return for Georgia's CIS membership and the establishment of Russian military bases in Georgia. Further chapters deal with the wars of secession in South Ossetia and Abkhasia endangering Georgia's statehood. The part devoted to the solution of the conflict describes in detail the role played by Moscow as well as the UN and OSCE observer groups. Two more chapters are devoted to Georgia's economic situation up until
the introduction of a new national currency and Russia's part as a hegemonial
power in Transcaucasia. Georgien - Gefahren für die Staatlichkeit Bei der Bewertung der ethnischen Konflikte in Georgien wird im Westen
die Rolle Moskaus häufig unterschätzt. Man übersieht, daß
die maßgeblichen politischen Kräfte, die heute in Rußland
an der Macht sind, kaum die Bereitschaft zeigen, sich mit dem Zerfall
des russischen/sowjetischen Imperiums abzufinden. Georgien ist ein anschauliches
Beispiel dafür, wie Moskau - schon in der Zarenzeit und später
unter der Bolschewikenherrschaft - zur Sicherung seines Einflußgebietes
imperiale Methoden ("teile und herrsche") anwendet. Bei der
Lektüre der westlichen Berichterstattung über Georgiens Unabhängigkeitskampf
gegen Moskau fiel auf, daß die westlichen Medien - offenbar ausschließlich
auf die manipulierten russischen Quellen gestützt - stets den Vorwurf
wiederholten, Georgien versage den Abchasen und Osseten das Recht auf
Unabhängigkeit, das es selbst von Moskau fordert (vgl. Kölner
Stadt-Anzeiger, 7.2.91 und FAZ, 9.2.91). Die "Neue Zürcher Zeitung"
führte bis 1995 sogar eine regelrechte Kampagne gegen die "blutige
Diktatur" Schewardnadses (Ausgaben vom 26. Juni, 25. Juli und 10.
Oktober 1992, 9. Februar, 14., 19. und 28. Mai, 24. Juni, 29. Oktober
und 24. November 1993, 20. August 1994 und 26. Februar 1995). Tatsächlich beriefen sich sowohl Georgien als auch die Abchasen und Osseten auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Doch das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts wird zur Falle, wenn im Westen keine Klarheit darüber herrscht, ob es sich dabei um ein Gebietsprinzip oder ein ethnisches Prinzip handelt. Worauf bezieht sich das Selbstbestimmungsrecht? Auf ein traditionelles Verwaltungsgebiet oder eine homogene ethnische Gemeinschaft, unabhängig davon, in welcher Verwaltungseinheit sie lebt? Rußland wandte im Falle der Abchasen und Osseten bis 1995 das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts, seit 1995 das Prinzip der territorialen Integrität abwechselnd an. Darin liegen die Gefahren für die Staatlichkeit Georgiens. I. Vorgeschichte Die Georgier (georgisch: Karthweli; russisch: Grusinen) sind ein autochthones
Volk. Die karthwelischen Volksstämme (Adsharen, Chewsuren, Dshawachen,
Gudamakaren, Gurier, Imerier, Ingiloi, Kachetier, Kartaliner, Letshchumelier,
Meschier, Mochewi, Mtuilier, Pschawen, Ratshwelier, Tuschen) des Südkaukasus,
die sich im 6.-4. Jahrh. vor Chr. als Sklavenhalterstaaten (Kolchis und
Iberien) organisierten und im 1. Jahrh. vor Chr. Teil des Römischen
Reiches wurden, haben sich im Laufe der Zeit zu einer georgischen Nation
mit gemeinsamer Sprache und eigenständiger Kultur entwickelt. Nach
den Kämpfen zwischen Byzanz und Persien und den Aufständen der
Georgier gegen die Sassaniden (4.-6. Jahrh. nach Chr.) entstand 746 ein
Abchasisches Königreich, das im 7.-9. Jahrh. unter arabische Herrschaft
geriet. Nach der Befreiung von den Arabern im 10. Jahrh. bildeten sich drei
Feudalstaaten heraus: das Abchasische Fürstentum in Westgeorgien,
das Kachetische Fürstentum in Ostgeorgien sowie das Tao-Klardshetische
Fürstentum in Südwestgeorgien, dessen Herrscher Bagrat III.
(975-1014) die drei Fürstentümer zu einem Königreich vereinte.
Während der Verwüstungen durch die türkischen Seldschuken
zerfiel es jedoch erneut in einzelne Fürstentümer. Erst unter König David IV., dem Erbauer (1089-1125), kam es zur
Befreiung von den Seldschuken und erneuten Erstarkung der Zentralgewalt
des Königreichs Georgien. Es erreichte unter Georg III. (1156-1184)
und Königin Tamara (1184-1213) seine kulturelle Blütezeit und
höchste Machtentfaltung. Nach der Eroberung und Zerstörung Georgiens
durch die Mongolen (1235-1403) zerfiel es erneut in kleine Feudalstaaten,
darunter in drei Königtümer (Imeretien, Kachetien und Kartli),
die sich gegenseitig bekämpften. Erst im 18. Jahrh. gelang es König
Erekle, Kachetien und Kartli zu vereinigen. Das von den Türken und Persern bedrohte Königreich Georgien
stellte sich 1783 unter den Schutz der russischen Zarin Katharina der
Großen. 1801 annektierte Rußland (Zar Paul I.) Georgien und
später auch die westgeorgischen Fürstentümer (Mingrelien,
Imeretien, Abchasien). Georgien wurde eine russische Provinz, die georgische
Kirche 1811 der russischen Orthodoxie einverleibt. Im 19. Jahrh. entstand eine georgische Nationalbewegung, in der die
Sozialdemokraten (Menschewiken) die stärkste politische Kraft waren.
Die im Mai 1918 durch die Menschewiken-Regierung erklärte Unabhängigkeit
Georgiens wurde 1920 auch von Sowjetrußland anerkannt. Das Land
wurde zunächst von deutschen, britischen und türkischen Interventionstruppen
besetzt, im Februar 1921 von der Roten Armee erobert, in eine Sowjetrepublik
umgewandelt und 1922-1926 zusammen mit Armenien und Aserbaidschan in eine
Transkaukasische Föderative Sowjetrepublik zwangsvereinigt. Ab 1936
war Georgien eine Unionsrepublik der UdSSR, der in der Zeit von 1946-1957
auch ein Teil der Kabardino-Balkarischen ASSR der RSFSR zugeschlagen wurde.
Zwar durfte an der Spitze der georgischen orthodoxen Kirche seit 1944
erneut ein Patriarch (Katholikos) stehen, doch wurde die georgische Intelligenz,
vor allem unter Stalin und Breschnew, mit besonderer Härte verfolgt
und unterdrückt. II. Der Weg zur Unabhängigkeit Unter den Bewohnern der Transkaukasus-Republiken der UdSSR waren die
Georgier schon immer die stärksten Gegenspieler der Russen. Es war
Nationalstolz, der die Georgier 1956 - zur Zeit der Entstalinisierung
- veranlaßte, gegen die Entfernung eines Stalin-Denkmals in Tiflis
zu demonstrieren, wobei der eingesetzten Armee zahlreiche Demonstranten,
einschließlich Kinder (Pioniere), zum Opfer fielen. Das Ansinnen Moskaus, das Russische als offizielle Sprache in der Verfassung
der Georgischen SSR zu verankern, führte im April 1978 zu Massenprotesten
georgischer Studenten in Tiflis. Der damalige Erste Sekretär des
ZK der KP Georgiens, Eduard Schewardnadse (1972-1985), eilte nach
Moskau, um dem Kreml das Vorhaben auszureden. Zur Zeit der Perestrojka und Glasnost Gorbatschows (1985-1991) verstärkten
sich - vor allem ab Herbst 1988 - die nationalistischen Demonstrationen
in Georgien. Sie richteten sich vornehmlich gegen eine Russifizierung
Georgiens und forderten mehr Autonomie von Moskau. Truppen des sowjetischen
Innenministeriums (OMON) setzten am 9. April 1989 gegen eine Großkundgebung
in Tiflis chemische Kampfstoffe ein. 14 der 19 getöteten Demonstranten,
darunter 16 Frauen, wurden Opfer des Giftgas-Einsatzes. Gorbatschows Außenminister
Eduard Schewardnadse eilte nunmehr von Moskau nach Tiflis, um sich
als Vermittler in den Konflikt einzuschalten. Der Parteichef Georgiens,
Dshumber Patiaschwili (1985-1989), wurde durch den georgischen
KGB-Chef Giwi Gumbaridze abgelöst, die bekanntesten Oppositionsführer
wurden verhaftet, später jedoch wieder freigelassen. Zu den wichtigsten Organistionen der nationalen Opposition Georgiens
zählten in der 2. Hälfte der 80er Jahre: die im Oktober 1987
gegründete "Ilia Tschawtschawadse"-Gesellschaft (Swiad
Gamsahurdia,), die "Schota Rustaweli"-Gesellschaft (Akaki Bakradse,
Tengis Sigua), die "Merab Kostawa"-Gesellschaft (Washa Adamia),
die Gesellschaft "Heiliger Ilia der Rechtschaffene" (Swiad Gamsahurdia)
sowie die georgische Helsinki-Gruppe (Swiad Gamsahurdia). Hinzu kamen
radikal-nationalistische Parteien wie die Partei der Nationalen Gerechtigkeit
von Irakli Melaschwili, die Nationale Unabhängigkeitspartei von Irakli
Tsereteli, die National-Demokratische Partei von Gia Tschanturia, die
Nationale Christliche Partei von Irakli Schengelaia sowie die im Juni
1989 gegründete Georgische Volksfront unter Vorsitz von Nodar Natadse.
Als gemäßigte Parteien entstanden 1989 die wiedergegründete
Sozialdemokratische Partei von Guram Muhaidse (sie war 1893 aus "Mesami-Dasi"
hervorgegangen und hatte 1918-1921 die Regierung gebildet) sowie die Grüne
Bewegung, aus der im März 1990 die Grüne Partei von Surab Swania
hervorging. Im Frühjahr 1990 wurden auch die Nationale Liberal-Demokratische
Partei von Michail Naneischwili und der Bund der Freidemokraten von Georgi
Tschaindrawa gegründet. Anfang 1990 begann ein offener Machtkampf zwischen der nationalen
Opposition und den regierenden Kommunisten einerseits sowie innerhalb
der nationalen Oppositionsbewegung andererseits, der durch persönliche
Rivalitäten der Parteiführer gekennzeichnet war. Noch am 18.
November 1989 verabschiedete der Oberste Sowjet Georgiens Ergänzungen
zur Georgischen Verfassung, die das Primat des Rechts der Republik über
die Unionsgesetze und das Eigentum der Republik an ihren Naturressourcen
vorsahen. Am 9. März 1990 folgte ein Dekret über die "Garantien
zur Verteidigung der staatlichen Souveränität Georgiens".
Dabei wurden die Verträge mit der RSFSR vom 21. Mai 1921 und vom
12. März 1922 (über die Bildung der Föderation der Transkaukasischen
Republiken) sowie der Vertrag über die Bildung der UdSSR, soweit
sie Georgien betrafen, für ungesetzlich erklärt. Am 20. März
1990 beschloß der Oberste Sowjet, den Artikel über die führende
Rolle der KP Georgiens aus der Verfassung zu streichen. Die für den
25. März vorgesehenen Parlamentswahlen wurden auf Verlangen der Opposition
auf Herbst 1990 verschoben, um die Voraussetzungen für ein Mehrparteiensystem
zu schaffen. Die radikalen und gemäßigten Teile der nationalen Opposition
zerstritten sich über die Frage des Wahlboykotts. Am 8. März
1990 trafen sich sieben Parteien und Organisationen der radikalen Opposition
zu einer Konferenz, auf der ein Nationales Forum als Vertretung
der "unversöhnlichen Opposition" gewählt wurde. Sie
beschloß, einen Nationalkongreß als Alternativparlament
zum Obersten Sowjet zu schaffen und zu diesem Zweck eigene Wahlen durchzuführen.
Die radikale Opposition spaltete sich jedoch im Mai 1990, als vier Parteien
das Nationale Forum verließen und den Block "Runder Tisch"
gründeten. Ihr Führer Swiad Gamsahurdia änderte seine Taktik
und erklärte nunmehr seine Bereitschaft, an den Wahlen zum Obersten
Sowjet teilzunehmen und die Wahlen zum Nationalkongreß zu boykottieren.
Am Vorabend der Wahlen gab es Parteien, die entweder an den Wahlen zum
Obersten Sowjet oder zum parallelen Parlament, dem Nationalkongreß,
teilnahmen sowie Parteien, die sich an beiden Wahlen beteiligten. Zunächst fanden am 30. September 1990 die Wahlen zum Nationalkongreß
statt. Die Wahlbeteiligung lag knapp über 50%. Um die 200 Sitze bewarben
sich sechs Wahlblöcke: die National-Demokratische Partei, die Nationale
Unabhängigkeitspartei, das Wahlbündnis "Demokratisches
Georgien - Georgische Volkspartei", die Demokratische Fraktion der
KP Georgiens, die Bürgerliga Georgiens und die Nationale Partei.
Wahlsieger wurde die Nationale Unabhängigkeitspartei von Irakli Tsereteli
(mit 71 Sitzen), gefolgt von der National-Demokratischen Partei von Gia
Tschanturia (65 Sitze), dem Wahlbündnis "Demokratisches Georgien"
(37 Sitze) und der Demokratischen Fraktion der KP (11 Sitze). Die Wahlen zum Obersten Sowjet wurden am 28. Oktober 1990 auf
der Grundlage eines kombinierten Mehrheits- und Verhältniswahlrechts
durchgeführt. Es beteiligten sich 29 Parteien und Organisationen.
Elf weitere Parteien wurden nicht zugelassen. Wahlsieger wurde der Block
"Runder Tisch - Freies Georgien" von Swiad Gamsahurdia,
der mit 155 von 250 Parlamentssitzen die absolute Mehrheit errang. Diesem
Block gehörten sieben Organisationen an: die Georgische Helsinki-Gruppe,
die Gesellschaft "Heiliger Ilia der Rechtschaffene", die "Merab
Kostawa"-Gesellschaft, der Bund Georgischer Traditionalisten, der
Radikale Bund (eine Abspaltung der Volksfront), die Nationale Liberal-Demokratische
Partei und die Nationale Christliche Partei. Den zweiten Platz belegte
die Demokratische Fraktion der KP Georgiens mit 64 Sitzen, gefolgt von
der Volksfront (12), dem Block "Demokratisches Georgien" (vier)
sowie dem Block "Befreiung und ökonomische Erneuerung"
und der "Rustaweli"-Gesellschaft (je ein Sitz). Hinzu kamen
neun unabhängige Mandate. Die anderen Parteien schafften es nicht,
die 4%-Hürde zu überspringen. Damit übernahm die nationale Opposition auf demokratischem Wege
durch freie Wahlen die Macht in Georgien. Der neugewählte Oberste
Sowjet trat am 14. November 1990 zu seiner ersten Sitzung zusammen und
wählte Swiad Gamsahurdia (Helsinki-Gruppe) zum Parlamentsvorsitzenden.
Seine Stellvertreter wurden Akaki Asatiani (Bund der Georgischen Traditionalisten)
und Nemo Burhuladse (Radikaler Bund). Zum Ministerpräsidenten
der ersten nichtkommunistischen Regierung Georgiens wurde Tengis Sigua
("Rustaweli"-Gesellschaft) ernannt. Das Parlament verabschiedete
am 14. November 1990 ein Gesetz über eine Übergangsperiode
in der Republik Georgien, in dem es sich für die staatliche Unabhängigkeit
und gegen einen neuen von Gorbatschow geplanten Unionsvertrag aussprach.
Am 30. Januar 1991 lehnte das Parlament die Beteiligung Georgiens an dem
für den 31. März geplanten Referendum Gorbatschows über
die Beibehaltung der UdSSR im Rahmen eines neuen Unionsvertrages ab. Statt
dessen führte Georgien am 31. März 1991 ein eigenes Referendum
durch, wobei sich 99% der Wahlbeteiligten für die Wiederherstellung
der Staatlichkeit Georgiens aussprachen. Am 9. April 1991 folgte die Unabhängigkeitserklärung
Georgiens. Am 26. Mai 1991 fanden Präsidentschaftswahlen statt.
Swiad Gamsahurdia wurde mit 86% der Wählerstimmen zum Präsidenten
der Republik Georgien gewählt. Die Wahlbeteiligung lag bei 83,4%. III. Innenpolitische Kräfteverhältnisse Das Jahr 1991 unter der Präsidentschaft von Gamsahurdia war durch
innere Repression, Wirtschaftschaos und ethnische Konflikte mit Minderheiten
(Abchasen, Osseten) gekennzeichnet. Daß in Georgien anstelle
der kommunistischen Nomenklatura die antikommunistische Opposition an
die Macht gekommen war, mißfiel Moskau (unter Gorbatschow). Georgiens
Beharren auf Eigenstaatlichkeit wurde mit Wirtschaftsboykott bestraft.
Moskaus Unterstützung für die separatistischen Bewegungen gefährdete
die Staatlichkeit Georgiens und trug zur Destabilisierung der Macht Gamsahurdias
bei. An Moskaus Haltung änderte sich auch unter Präsident Jelzin
nichts, zumal Gamsahurdia es versäumt hatte, den Moskauer Putschversuch
vom August 1991 zu verurteilen und sich weigerte, Jelzins GUS beizutreten. Gleichzeitig verdarb Präsident Gamsahurdia es auch mit dem Westen,
da ihm die Erhaltung der staatlichen Einheit wichtiger erschien als die
Demokratie. Gamsahurdia ließ sich mit diktatorischen Vollmachten
ausstatten, verleumdete die Opposition und ließ seine politischen
Gegner verhaften. Es wurde ein zentralistisches Präfektensystem errichtet.
Gamsahurdia glaubte, auf der Grundlage der demokratischen Legitimation
ein Recht auf bewaffnete Gewaltanwendung zu haben. Die fortgesetzte Kritik
des Westens an seinem autoritären Regierungsstil trug zur Schwächung
seiner Position bei. Auf diese Weise geriet Georgien sowohl von seiten
Moskaus als auch des Westens in eine außenpolitische Isolation.
In dieser Situation wurde das Vertrauen der Anhänger und Wähler
Gamsahurdias schnell verspielt. Nach der Machtübernahme Gamsahurdias verschärfte sich der
Streit zwischen den Anhängern des Präsidenten und den Gruppen
der einstigen nationalen Opposition, die die Wahlen boykottiert hatten.
Der andauernde Konflikt zwischen dem Obersten Sowjet und dem Nationalkongreß,
der an Prestige eingebüßt hatte, wirkte sich destabilisierend
auf die innenpolitischen Kräfteverhältnisse aus. Beide Lager
verfügten über bewaffnete paramilitärische Truppen,
so z.B. die Mchedrioni (Reiter) von Dshaba Ioseliani,
der Nationalen Unabhängigkeitspartei nahestehend, die Legion "Weißer
Georgi" der "Merab Kostawa"-Gesellschaft oder die Georgischen
"Schewardeni" (Falken) von Elgudshi Tsiklauri. Hinzu
kam die von Gamsahurdia geschaffene Nationalgarde unter Leitung
von Tengis Kitowani. Die gegenseitigen Auseinandersetzungen dieser
Gruppen führten zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Erst im Sommer 1991 entwickelte sich eine vereinigte Opposition,
die ab September mit massiven Demonstrationen, Protesten und Rücktrittsforderungen
gegen das Gamsahurdia-Regime in Erscheinung trat. Im Parlament schloß
sich die gemäßigte Opposition - die Volksfront und der Wahlblock
"Demokratisches Georgien" - zu einem "Demokratischen
Zentrum" zusammen, dem sich auch außerparlamentarische
Gruppierungen wie der Bund der Freien Demokraten, die Nationale Liberal-Demokratische
Partei, die Republikanische Partei und die Christ-Demokratische Union
anschloß. Die Nationalgarde (15.000 Mann) spaltete sich.
Der größte Teil (unter Führung von Kitowani) lief
zur Opposition über. Im September 1991 trat Ministerpräsident
Tengis Sigua aus Protest gegen die Wirtschaftspolitik Gamsahurdias
zurück und stellte sich unter den Schutz der Nationalgarde Kitowanis.
Auch die Regierungskoalition zerbröckelte. Tedo Paataschwili
(Gesellschaft "Heiliger Ilia der Rechtschaffene") und Washa
Adamia ("Merab Kostawa"-Gesellschaft) wandten sich gegen
Gamsahurdia. Präsident Gamsahurdia reagierte auf die Forderungen der Opposition
(Rücktritt des Präsidenten, Neuwahlen für das Parlament)
mit einem Konfrontationskurs. Er ernannte Wissarion Guguschwili
zum neuen Ministerpräsidenten, schloß einen Kompromiß
mit dem georgischen KGB, setzte die Sondertruppen (OMON) des Innenministeriums
gegen die Demonstranten ein, verbot die KP Georgiens (einschließlich
ihrer 64 Abgeordneten) und ließ eine Reihe von Oppositionsführern
verhaften, darunter Nodar Natadse (Volksfront), Irakli Schengelaia (Christ-Demokratische
Union), Dshemal Mikeladse (KP), Gia Tschanturia (National-Demokratische
Partei) und Georgi Tschaindrawa (Bund der Freidemokraten). Schließlich
rief Gamsahurdia in Tiflis den Ausnahmezustand aus und bildete einen Nationalen
Sicherheitsrat. Um die Jahreswende 1991/92 trat der Machtkampf zwischen Präsident
und Opposition in eine entscheidende Phase. Die Opposition, unterstützt
von der Nationalgarde Kitowanis, der Studentenschaft und der gesamten
städtischen Intelligenz, die bereits den staatlichen Fernsehsender
und das Zentrum von Tiflis kontrollierten, griff nunmehr das Regierungsgebäude
an. Gamsahurdia verfügte nur noch auf dem Lande über eine breite
Anhängerschaft. Inzwischen schlug sich auch Parlamentspräsident
Akaki Asatiani (Bund der Georgischen Traditionalisten) auf die Seite der
Opposition. Für die bewaffnete Auseinandersetzung standen Gamsahurdia
der georgische KGB, die OMON-Truppen, die loyal gebliebenen Teile der
Nationalgarde unter Führung von Wachtang Kobalia sowie die Leibgarde
aus seiner westgeorgischen Heimat (Mingrelien) zur Verfügung. Nachdem
das Hilfsersuchen Gamsahurdias an die in Tiflis stationierte sowjetische/russische
Armee bei gleichzeitigem Angebot an Moskau, der GUS beizutreten, ungehört
geblieben war, gesellte sich auch der georgische KGB zur Opposition. Gamsahurdia
hatte sich in eine aussichtslose Lage hineinmanövriert. Bei der Erstürmung
des Präsidentenamtes gab es fast 100 Tote. Das Regierungsviertel
wurde zerstört. Am 6. Januar 1992 floh Gamsahurdia mit seinen
Anhängern ins Ausland. Dem bei der Machtübernahme so populären
Präsidenten Gamsahurdia wurde vorgeworfen, keine Systemänderung,
sondern lediglich eine Wachablösung herbeigeführt zu haben. Die siegreiche Opposition hatte bereits am 2. Januar 1992 Präsident
Gamsahurdia und seine Regierung für abgesetzt erklärt. Nach
ihrer Machtübernahme bildete sie zunächst einen siebenköpfigen
Militärrat mit Tengis Sigua, Tengis Kitowani
(Nationalgarde) und Dshaba Ioseliani ("Mchedrioni") an
der Spitze, der den Ausnahmezustand verhängte. Das Präfektensystem
wurde abgeschafft. Tengis Sigua bildete eine Übergangsregierung.
Ein von allen Oppositionsparteien gebildeter Konsultativrat sollte
Neuwahlen vorbereiten. Im Februar beschloß der Militärrat,
die georgische Verfassung von 1921 wiedereinzuführen. Da sich Georgien
nach wie vor in einer außenpolitischen Isolation befand und bestimmte
Kräfte in Moskau die instabile Lage in Georgien nutzten, um mit Hilfe
der Sezessionsbewegungen der Abchasen und Osseten Druck auf Tiflis auszuüben
und das Land zu einem prorussischen Kurs zu bewegen, einigten sich der
Militärrat und die Übergangsregierung auf eine Rückkehr
von Eduard Schewardnadse. Zwar wurde zuvor die Wiederherstellung
der Monarchie in Georgien erwogen (befürwortet von der National-Demokratischen
Partei von Gia Tschanturia, der Monarchistischen Partei von Temur Shorsholinni
und dem Bund der Georgischen Traditionalisten), doch war die Kontaktaufnahme
mit dem Oberhaupt der früheren Königsfamilie Georgiens, Prinz
Jorge Bagration de Muchrani, im spanischen Exil erfolglos. Als Alternative blieb nur die Übernahme der politischen Führung
durch Eduard Schewardnadse, dem nach Stalin bekanntesten Politiker
Georgiens. Gleich nach seinem Eintreffen in Tiflis im März 1992 gründete
der von Moskau und dem Westen gleichermaßen respektierte Politiker
zur Steigerung seiner Popularität mit seinen Ersparnissen (100.000
$) eine Stiftung für "Wiedergeburt und Demokratie". Schewardnadse
wurde zum Präsidenten eines neugeschaffenen 38köpfigen Staatsrates
berufen, der anstelle des Kosultativrates als Übergangsparlament
fungieren sollte. Das eigentliche Machtorgan war das Präsidium des
Staatsrates, dem neben Schewardnadse Tengis Sigua (Regierungschef) sowie
die Miliz-Führer Dshaba Ioseliani (Mchedrioni) und Tengis Kitowani
(Nationalgarde) angehörten. Das Problem Schewardnadses war, daß
er sich bei seinem Amtsantritt zum Aufbau des Staatsapparats nur auf zwei
Machtfaktoren stützen konnte: die ehemalige kommunistische Nomenklatura
beim Aufbau des Staatsapparats sowie die paramilitärischen Organisationen
von Kitowani und Ioseliani. Die beiden letzteren hatten zwar mit ihren
Milizen Gamsahurdia verjagt, doch arteten ihre bewaffneten Aktionen meist
zu Beutezügen aus. Sie schadeten damit dem Ansehen Schewardnadses
im Westen. So folgerte z.B. die "Neue Zürcher Zeitung",
daß Georgien unter Schewardnadse um vieles "undemokratischer"
sei als zur Zeit Gamsahurdias (NZZ, 25. Juli 1992, S. 1). Andererseits
hatte Schewardnadse zu einer Zeit, als die Anhänger Gamsahurdias
in Westgeorgien gemeinsam mit den Abchasen versuchten, die geplanten Neuwahlen
zu verhindern, eben nur diese beiden paramilitärischen Organisationen
(Nationalgarde und "Mchedrioni") zur Verfügung. Der abgesetzte Präsident Gamsahurdia floh zunächst
über Aserbaidschan nach Armenien. Erst am 16. Januar 1992 kehrte
er nach Westgeorgien (Mingrelien) zurück, das vom Gamsahurdia-Klan
unter Führung von Wachtang Kobalia kontrolliert wurde. Dabei
sollen zwischen Gamsahurdia, den Abchasen und Tschetschenien Verhandlungen
über die Gründung einer Mingrelo-Abchasischen Republik stattgefunden
haben. Die georgische Übergangsregierung entsandte Einheiten der
Nationalgarde und der paramilitärischen Organisation "Mchedrioni"
nach Westgeorgien, um den Widerstand der Gamsahurdisten zu brechen. Nach
schweren Kämpfen gelang es ihnen, die Hochburgen der Gamsahurdia-Anhänger,
die Stadt Sugdidi sowie die abchasische Hafenstadt am Schwarzen Meer,
Poti, zu besetzen. Gamsahurdia floh diesmal nach Tschetschenien, wo ihm
Präsident Dshohar Dudajew Exil gewährte. Seine Anhänger
in Westgeorgien gaben jedoch den Widerstand nicht auf. Obwohl sie das
Verhandlungsangebot Schewardnadses ausschlugen, hob der georgische Staatsrat
angesichts der bevorstehenden Wahlen im August 1992 den Ausnahmezustand
auf. Die Parlamentswahlen fanden am 11. Oktober 1992 statt. Gewählt
wurden 234 Abgeordnete, darunter 150 nach Parteienlisten und 84 nach dem
Mehrheitswahlrecht. Durch Direktwahl wurde gleichzeitig auch der Parlamentsvorsitzende
(Staatsoberhaupt) bestimmt. An den Wahlen beteiligten sich 47 Parteien,
darunter 15 in vier Wahlblöcken. Als einziger Kandidat für den
Posten des Parlamentsvorsitzenden erhielt Eduard Schewardnadse
95% der Wählerstimmen. Die Wahlbeteiligung lag bei 74%. Nach den
Wahlen konnten 225 der 234 Sitze im Parlament (einschließlich
des Sitzes des Parlamentsvorsitzenden) besetzt werden, darunter 150 über
Listen und 75 durch Direktwahl. In neun Wahlkreisen (in Abchasien, Südossetien
und Westgeorgien) konnten keine Wahlen stattfinden. Von den 47 Parteien gelangten 20 sowie vier Wahlblöcke
ins neue Parlament. Die meisten Sitze - 29 - gewann der Wahlblock "Mschwidoba"
(Friede), dem sieben Parteien angehörten: Demokratischer Bund (die
1991 verbotene KP), Gerechtigkeitspartei, Liga für wirtschaftliche
und soziale Wiedergeburt Georgiens, Agrarbund, Monarchistische Partei,
"Lem" (Vertretung der Swanen) und Bund für Wiedergeburt
der Adsharen. Der Wahlblock "11. Oktober", den die Volksfront,
die Republikanische Partei, die Christ-Demokratische Partei und die "Demokratische
Wahl für Georgien" (DAS) bildeten, errang 18 Sitze. Der Wahlblock
"Ertoba" (Einheit), bestehend aus der Nationalen Liberal-Demokratischen
Partei und der Partei für Frieden und Freiheit (Afghanistan-Veteranen),
erhielt 14 Sitze, der Block der Partei der Nationalen Einheit und des
Bundes der Bergbewohner einen Sitz. Hinzu kamen die National-Demokratische
Partei mit 12, die Grüne Partei mit 11, die Demokratische Partei
mit 10, die Charta-91 mit neun, die "Ilia Tschawtschawadse"-Gesellschaft
und der Bund der Georgischen Traditionalisten mit je sieben sowie die
"Merab Kostawa"-Gesellschaft mit fünf Sitzen. Über
weniger als fünf Mandate verfügten der Bund des Nationalen Einvernehmens
und der Wiedergeburt (4), die Sozialistische Arbeiterpartei (3), die Sozialdemokratische
Partei (2), der Bund der Sozialen Gerechtigkeit (2), die Gesellschaft
für die Wiedergeburt des Vaterlandes (1), die Partei der Völkerfreundschaft
und Gerechtigkeit (2), die Partei des Nationalstaatlichen Bundes (1),
der Radikal-Monarchistische Bund (1), der Bund der Getreideanbauer (1),
die Konstitutionell-Demokratische Partei (1), der Bund der Kinder Gottes
(2), der Radikale Bund (1) und die Nationale Unabhängigkeitspartei
(4). Außer Schewardnadse kamen auch Sigua, Ioseliani und Kitowani
als unabhängige Kandidaten ins Parlament. Ebenso wurden zahlreiche
Funktionäre der verbotenen KP Georgiens, darunter auch der frühere
Erste Sekretär Dshumber Patiaschwili, ins Parlament gewählt.
Insgesamt betrachtet, verfügten die Anhänger der Politik Schewardnadses
im Parlament über eine relativ breite Mehrheit. Das Parlament trat am 4. November 1992 zu seiner ersten Sitzung zusammen.
Der bisherige Ministerpräsident Tengis Sigua wurde mit der
Bildung der neuen Regierung beauftragt. Außerdem verabschiedete
das Parlament ein Gesetz über die Staatsmacht, das den Parlamentsvorsitzenden
Schewardnadse mit den Rechten eines Präsidenten ausstattete. Die
Bevölkerung Georgiens sah in Schewardnadse einen Hoffnungsschimmer,
einen stabilisierenden Faktor in einem Land, in dem 1993 durchweg Willkür
und Chaos herrschten, das Wirtschaftsleben und die Industrieproduktion
fast zum Stillstand gekommen waren, Abchasien sich durch Sezessionskrieg
von Tiflis trennte und die Gamsahurdisten in Westgeorgien wiedererstarkten.
Die reguläre Armee Georgiens befand sich noch im Aufbau und war daher
als Ordnungsmacht noch nicht einsatzfähig. Es fehlten Offiziere und
Ausrüstungen, einschließlich schwere Waffen. Zwar gestatteten
die internationalen Verträge über konventionelle Abrüstung
der georgischen Armee den Besitz von 220 Panzern, sie verfügte jedoch
nur über knapp 30 Panzer und vier Kampfflugzeuge, die wegen Treibstoffmangel
nicht einsatzfähig waren. Die Milizen von Kitowani und Ioseliani
(Nationalgarde und "Mchedrioni"), die Gamsahurdia aus dem Land
gejagt und Schewardnadse an die Macht gebracht hatten, beherrschten das
Land und entpuppten sich nunmehr zunehmend als destabilisierende Faktoren.
Sie setzten sich einerseits aus Anhängern eines romantischen Nationalismus
(meist Philosophiestudenten), die an der abchasischen Front ihr Leben
ließen, und andererseits mehrheitlich aus kriminellen Mafiosi zusammen,
die die Zivilbevölkerung terrorisierten, raubten und mordeten. Diese
Milizen stellten für Schewardnadse eine Belastung dar. Inmitten von
Bürger- und Sezessionskriegen sollten sie entmachtet bzw. ausgeschaltet
werden. Aufgelöst wurde jedoch offiziell zunächst die Nationalgarde.
Sie schloß sich teilweise den Gamsahurdisten in Westgeorgien bzw.
den Regierungstruppen an. Bis zum Herbst 1993 mußten die Regierungstruppen in Abchasien
und Westgeorgien laufend militärische Niederlagen einstecken. Die
Gamsahurdisten unter dem Kommando von Wachtang Kobalia eroberten
nacheinander die Städte Senaki, Abasha, Honi, Poti, Sugdidi, Hobi
und Samtredia und bedrohten die strategisch wichtige Stadt Kutaisi. Diese
auffallend raschen militärischen Erfolge der Gamsahurdisten wären
ohne russische Waffen und Offiziere sowie tschetschenische Freischärler
nicht vorstellbar gewesen. Dieser Hilfestellung war es zu verdanken, daß
Schewardnadse Abchasien verloren geben und einen für ihn demütigenden
Waffenstillstand hinnehmen mußte. Die letzten georgischen Truppen
verließen am 30. September 1993 Abchasien, gefolgt von Tausenden
georgischer Vertriebener, die nach Swanetien (in die Nordwestregion Georgiens)
flüchteten. Präsident Schewardnadse rief den Staatsnotstand aus und
bildete ein Staatsnotstandskomitee mit "Mchedrioni"-Milizführer
Dshaba Ioseliani an der Spitze. Die Regierung von Tengis Sigua war schon
im August 1993 zurückgetreten. Dann tat Schewardnadse den entscheidenden
Schritt: Georgien trat der GUS bei und sagte Moskau die langfristige Stationierung
russischer Truppen in Georgien zu. Daraufhin änderte sich das "Kriegsglück"
schlagartig. Rußland ließ seine Truppen an den für Tiflis
lebenswichtigen strategischen Punkten aufmarschieren und stellte den georgischen
Regierungstruppen Waffen und Munition zur Verfügung. Die Ukraine
hatte Georgien schon zuvor militärische Hilfe geleistet. Auf diese
Weise gelang es den georgischen Regierungstruppen und der "Mchedrioni"-Miliz
von Ioseliani in kurzer Zeit (bis Ende 1993), die Gamsahurdisten aus den
von ihnen kontrollierten Gebieten Westgeorgiens zu vertreiben. Für
den Tod von Ex-Präsident Swiad Gamsahurdia gibt es zwei Versionen:
durch Selbstmord am 31. Dezember 1993 in Westgeorgien bzw. nach Verletzung
am 5. Januar 1994 in Grosny (Tschetschenien). Damit festigte sich die
Machtposition Schewardnadses in Georgien. Er ließ den Staatsnotstand
bis zum 20. Januar 1994 verlängern und regierte mit Sondervollmachten.
Die seit seiner Rückkehr nach Georgien im März 1992 andauernden
Bemühungen Schewardnadses um nationale Versöhnung und wirtschaftlichen
Wiederaufbau, die durch den Krieg in Abchasien und Westgeorgien durchkreuzt
worden waren, bekamen 1994 neue Perspektiven. Schewardnadse blieb Staatsoberhaupt.
Die Regierungsgeschäfte übernahm der neue Ministerpräsident
Otar Patsatsia. Neuer Parlamentsvorsitzender wurde Wachtang Goguadse.
Noch im November 1993 schuf Schewardnadse eine eigene politische Plattform,
die Bürgerunion von Georgien. Im Mai 1994 folgte eine Deklaration
des nationalen Einvernehmens und der Einheit, unterzeichnet von der Bürgerunion,
den Gewerkschaften, der Liberal-Demokratischen Partei, der Volksfront,
der Grünen Bewegung, der Russisch-Georgischen Kulturgesellschaft
und der National-Demokratischen Partei. Trotzdem wurde im Laufe des Jahres 1994 deutlich, daß viele Georgier
Schewardnadse die Niederlage in Abchasien anlasteten und daß der
Beitritt Georgiens zur GUS sowie die russische Militärpräsenz
die Konfrontation in der georgischen Gesellschaft verstärkten. Die
Opposition gegen die Politik Schewardnadses begann sich neu zu
formieren. Bereits im Juli 1993 entstand ein neuer Block "Ilias
Gsa" (Ilias Pfad), der die Gesellschaft für die Wiedergeburt
des Vaterlandes von Mdinaradse, die Nationale Gerechtigkeitspartei von
Gamrikischwili, die Organisation "Simartle" (Gerechtigkeit)
von Kiknadse und "Hma Erisa" (Stimme der Nation) von Saluaschwili
vereinte. Gegen den GUS-Beitritt Georgiens stellten sich außerdem
fünf Oppositionsparteien: die Charta-91 unter Führung von Paataschwili,
der Bund Georgischer Traditionalisten (Asatiani), die "Merab Kostawa"-Gesellschaft
(Adamia), die "Ilia Tschawtschawadse"-Gesellschaft (Tscheidse)
und die Volksfront (Natadse). Im Parlament vertraten vor allem die Nationale Unabhängigkeitspartei
von Tsereteli und die "Merab Kostawa"-Gesellschaft die radikale
Opposition. Einer gemäßigten und vorsichtigen Oppositionslinie
folgten die National-Demokratische Partei unter Gia Tschanturia sowie
die Vereinigte Republikanische Partei, ein Zusammenschluß der Volksfront
und der Charta-91. Außerhalb des Parlaments machten sich die Anhänger
von Gamsahurdia bemerkbar. Im Parlament bildeten sich die ersten Fraktionen, darunter die "Tanhoba"
(Übereinkunft), "Samschoblo" (Mutterland) und das "Zentrum".
1994 entstanden auch neue politische Organisationen wie der Arbeiterbund
Georgiens unter Vorsitz von Wachtang Gabunia sowie die "Ilia"-Gesellschaft.
Die Demokratische Partei sowie die Gesellschaften "Lem" und
"Mamuli" schlossen sich zusammen und bildeten die Vereinigte
Agrarpartei unter Vorsitz von Roin Liparteliani. Die Sozialistische Arbeiterpartei,
die im Februar 1992 auf der Basis der verbotenen Kommunistischen Partei,
der "Stalin"-Gesellschaft und des Bundes der Kommunisten entstanden
war, nennt sich ab April 1994 Vereinigte Kommunistische Partei Georgiens
(unter Vorsitz des pensionierten Generals Panteleimon Giorgadse). Mitten
in der innenpolitischen Konsolidierungsphase (im Dezember 1994) wurde
das Land durch einen politischen Mord erschüttert, dem einer der
begabtesten Politiker Georgiens, der Vorsitzende der National-Demokratischen
Partei, Gia Tschanturia, zum Opfer fiel. Um die Jahreswende 1994/95
stand Georgien erneut am Rande eines Bürgerkrieges. Das Jahr 1995 stand im Zeichen der Konsolidierung der Macht Schewardnadses
durch Ausschaltung seiner politischen Rivalen, der Neuformierung der unversöhnlichen
Opposition, der Ausarbeitung einer neuen Verfassung und der Vorbereitungen
für Neuwahlen im November 1995. Zunächst ging Schewardnadse
gegen seine politischen Rivalen Tengis Sigua, Tengis Kitowani
und Boris Kakubawa (Befreiungsbund Abchasiens) vor, die die inzwischen
verbotene "Nationale Befreiungsfront" gegründet hatten.
Im Januar 1995 wurden Einheiten der verbotenen Nationalgarde, die sich
auf dem Weg nach Abchasien befanden, entwaffnet. Ihr Anführer Kitowani
wurde verhaftet. Verhaftet wurde auch Kakubawa, der für Terroranschläge
gegen die in Georgien stationierten russischen Truppen verantwortlich
gemacht wurde. Im Frühjahr 1995 fand eine Reihe von Prozessen gegen
Gamsahurdisten statt, die den Widerstand in Westgeorgien organisiert
hatten. Danach ging Schewardnadse gegen seinen bisherigen Verbündeten
im Machtkampf und zweitmächtigsten Mann in Georgien, den Führer
der "Mchedrioni"-Miliz Dshaba Ioseliani, vor. Auch diese
paramilitärische Organisation wurde entwaffnet. Ioseliani wandelte
die "Mchedrioni" in eine politische Partei um, die an
den geplanten Wahlen teilnehmen soll, und gründete die gesellschaftspolitische
Organisation "Archewnebi" (Wahlen). Neu organisierten sich vor den Wahlen auch die Anhänger Gamsahurdias,
Gruppierungen des früheren "Runden Tisches". Sie gründeten
die Georgische Swiad-Partei und das Oppositionsbündnis "Vereintes
Georgien". Teile dieses Bündnisses, die sog. "Fundamentalisten",
wollen die Wahlen boykottieren. Zur Neuordnung der politischen Kräfte
im Sommer 1995 ist auch die Spaltung der Monarchistischen Partei zu rechnen,
aus deren Reihen eine neue Liberal-Konservative Partei entstand. Der Bund
der Traditionalisten und die Liberal-Konstitutionelle Partei beschloß,
ein Wahlbündnis einzugehen. Die Nationale Unabhängigkeitspartei
von Tsereteli schuf die Wahlvereinigung "Unabhängiges Georgien".
Die Christ-Demokratische Union, deren Vorsitzender Irakli Schengelaia
zurücktrat (Nachfolger: Badri Matschawariani), gründete den
Block "Europäische Wahl". Die Vereinte Republikanische
Partei wählte Nodar Natadse (Volksfront) zum neuen Vorsitzenden.
Als neue Parteien entstanden im Sommer 1995 die Volkssozialistische Partei
unter Vorsitz von Giorgi Hatschapuridse, die Sozialistische Partei unter
Vorsitz von Wachtang Rtscheluischwili sowie die Frauenpartei Georgiens
unter Marina Abesadse. Neben der bestehenden Vereinigten Kommunistischen
Partei (Gorbatschowisten) und der "Stalin"-Partei etablierte
sich auch eine Kommunistische Partei Georgiens (Breschnewisten) unter
Vorsitz von Wano Tsiklauri. Die Wahlen für das Amt des Präsidenten und ein neues Parlament
sollen am 5. November 1995 stattfinden. 150 Abgeordnete des neuen Parlaments
sollen nach Parteilisten und 85 nach dem Mehrheitswahlrecht gewählt
werden. Die Wahlen werden auf der Grundlage der neuen Verfassung
durchgeführt, die am 24. August 1995 im Parlament mit 159 Stimmen
bei acht Gegenstimmen verabschiedet wurde. Laut Verfassung bildet Georgien
eine asymmetrische Föderation, wobei die künftige territoriale
Einteilung bis zur Wiedererlangung der georgischen Oberhoheit über
Südossetien und Abchasien offengelassen wird. Trotz des Attentatsversuchs
vom 29. August will Schewardnadse erneut für das Präsidentenamt
kandidieren. IV. Sezessionskriege In Georgien leben 5,5 Mill. Menschen, die mehr als 80 Nationalitäten
angehören. Rund 70% der Bevölkerung sind Georgier. Die größten
nationalen Minderheiten bilden anteilsmäßig die Armenier (8,1%),
Russen (6,3%), Aseri (5,7%), Osseten (3%), Griechen (1,8%), Abchasen (1,8%)
und Ukrainer (1%). Zu den kleineren Minderheitengruppen gehören die
ca. 3.000 Deutschen und Deutschstämmigen in Tiflis und Umgebung,
deren vorwiegend protestantische Vorfahren (etwa 30.000) im 19. Jahrh.
nach Georgien ausgewandert waren. Unruhe brach im Sommer 1991 unter den 450.000 Armeniern aus,
die vor allem in den Bezirken Ahalkalak, Ahaltsik und Bogdanowsk im Süden
Georgiens in geschlossenen Siedlungen leben. Als Präsident Gamsahurdia
das Präfektensystem einführte, fürchteten sie um ihre Selbstverwaltungsrechte
und ihre kulturelle Autonomie. Als 1992 der Sezessionskrieg in Abchasien
ausbrach, flüchteten die dort lebenden Armenier in großer Zahl
nach Rußland. Ähnliche Probleme mit der Zentralregierung in Tiflis hatte auch
die ebenfalls im Süden Georgiens lebende Minderheit der 250.000 Aseri,
die in den Bezirken Marneuli, Gardabani, Bolnisi und Dmanisi gegenüber
den Georgiern die Mehrheit bilden. Hauptstreitpunkt war der Beschluß
der georgischen Regierung, die Bergvölker aus Swanetien (im Norden
Georgiens) in die Wohngebiete der Aseri umzusiedeln. Ein noch ungelöstes Problem stellt die Rücksiedlung der moslemischen
Mescheten in ihre ursprüngliche Heimat im Süden Georgiens
an der türkischen Grenze dar. Stalin hatte 1944 rund 130.000 von
ihnen nach Sibirien und Usbekistan deportieren lassen. Inzwischen sind
es 300.000. Nach ihrer Rehabilitierung 1956 wollten die Mescheten in ihre
Heimat zurückkehren, wo jedoch inzwischen vor allem Bergvölker
und Armenier angesiedelt wurden. Tiflis ließ bislang nur die georgischsprachigen
Mescheten ins Land. Die turksprachigen Mescheten, die seit ihrer Vertreibung
aus Usbekistan 1989 in Kasachstan, Rußland (Sotschi) und Aserbaidschan
leben, warten noch immer auf ihre Repatriierung. Zu den turksprachigen
Mescheten gehören neben Turkmenen auch Kurden, von denen heute
etwa 40.000 in Georgien leben. In ihr Mutterland Griechenland wurden inzwischen
die rund 15.000 Griechen repatriiert, die vor dem Sezessionskrieg
in Abchasien (Suchumi) lebten. Auffallend war bisher, daß die Russen, seit Generationen
als zweitgrößte nationale Minderheit in Georgien lebend, sich
im Gegensatz zu den Russen im Baltikum, Moldawien oder in der Ukraine
nicht im Sinne der Moskauer Machtpolitik instrumentalisieren ließen.
So spielten bei der Durchsetzung der Machtinteressen Moskaus (sowohl unter
Gorbatschow als auch unter Jelzin) in Georgien nicht die Russen, sondern
die Osseten und Abchasen die Hauptrolle. Der Separatismus der Abchasen
und Osseten ließ sich leicht instrumentalisieren, obwohl sie in
Georgien über Gebietsautonomie, ein selbständiges Erziehungssystem
in ihrer Muttersprache (vom Kindergarten bis zur Universität) und
Kultureinrichtungen (z.B. Theater) verfügten. Seit Jahrhunderten zeichnete sich Georgien durch Toleranz, Mäßigung
und Gastfreundschaft aus, wo verfolgte Völker (Armenier, Juden, Kurden
und Griechen) Unterschlupf fanden. Heute sind dieser Toleranz durch die
Angst, die georgische Identität und Staatlichkeit zu verlieren, auch
gegenüber einem "sanften" Separatismus der Armenier, Aseri
oder Adsharen enge Grenzen gesetzt. Gerade das Beispiel Adsharien zeigt,
in welchem Maße in der Kaukasus-Region (von Tschetschenien bis Karabach)
heute die Bedeutung und das Ansehen von regionalen Führern zunimmt. 1. Adsharien Die Adsharen sind moslemische Georgier, die im Osmanischen Reich
(16.-18. Jahrh.) zum Islam konvertierten. Sie bilden daher keine ethnische,
sondern vielmehr eine religiöse Minderheit. 1936 schuf Stalin innerhalb
der Republik Georgien im Südwesten die Adsharische Autonome Republik.
Ihre 450.000 Bewohner sind mehrheitlich moslemische Georgier. Ihre Hauptstadt
ist Batumi an der Schwarzmeerküste. Der Gedanke einer adsharischen
Identität trat zur Zeit der Perestrojka Gorbatschows (ab 1988) in
den Vordergrund. Er manifestierte sich im Rahmen der neu gegründeten
"Adsharischen Volksfront zur Unterstützung der Perestrojka".
Auch die Kommunistische Partei Georgiens versuchte, als Verteidiger der
lokalen Interessen und der Autonomie der Adsharen aufzutreten. Demgegenüber
kündigte Swiad Gamsahurdia, nachdem er die georgischen Wahlen
im Oktober 1990 gewonnen hatte, die Absicht an, den autonomen Status der
Adsharen aufzuheben. Das führte zu Massendemonstrationen der Adsharen
in Batumi. Die Umstände eines Schußwechsels zwischen dem amtierenden
Vorsitzenden des adsharischen Obersten Sowjets, Aslan Abaschidse,
und seinem ersten Stellvertreter Nodar Imnadse im April 1991, bei dem
Imnadse ums Leben kam, blieben ungeklärt. Die für März
1991 geplanten Wahlen für den Obersten Sowjet Adshariens fanden erst
am 23. Juni 1991 statt. Nach den Wahlen verfügte keine der Parteien über eine absolute
Mehrheit im neuen Parlament Adshariens. Von den insgesamt 80 Parlamentssitzen
entfielen 32 auf den Wahlblock "Runder Tisch - Freies Georgien".
Die Kommunistische Partei und der Wahlblock "Adshara" (Republikanische
Partei und Volksfront) erhielten jeweils elf Sitze. Die "Rustaweli"-Gesellschaft
errang fünf, der Wahlblock "Ökonomische Erneuerung"
vier, die Allgeorgische Partei für Frieden und Freiheit (Afghanistan-Veteranen)
drei. Auf die Unabhängigen entfielen 13 Sitze. Zum Vorsitzenden des
Parlaments (Oberster Rat) wurde Aslan Abaschidse gewählt.
Damit begann der Aufstieg dieses Politikers zum mächtigsten
und einflußreichsten Führer Adshariens. Er war im wesentlichen
mit Hilfe des damaligen georgischen Präsidenten Gamsahurdia an die
Macht gekommen, da er sich für ein einheitliches föderatives
Georgien ausgesprochen hatte. Nach dem Sturz Gamsahurdias gründete
Abaschidse den Bund für die Nationale Erneuerung Adshariens, nahm
enge Kontakte zur Türkei auf und bezeichnete die in Adsharien stationierten
russischen Truppen als Garantie für die Stabilität, zumal ein
Drittel der Bevölkerung Adshariens Russen sind. Beim Ausbruch des
Sezessions- und Bürgerkrieges in Abchasien und Westgeorgien ließ
Abaschidse unter der adsharischen Bevölkerung Waffen verteilen. Er
gewährte den Gamsahurdisten keine Unterstützung, verhinderte
aber auch den Einmarsch der georgischen Milizen von Kitowani und Ioseliani
nach Adsharien. Abaschidse pflegte nicht nur zu den in Adsharien stationierten
russischen Truppen, sondern auch zu den Generälen in Moskau gute
Beziehungen. Der russische Verteidigungsminister Gratschow erklärte
bei seinem Besuch in Batumi im Februar 1993, daß Adsharien zur geopolitischen
Interessensphäre Rußlands gehöre. In Moskau wurde Aslan
Abaschidse zu der Zeit, als Schewardnadses Geheimdienstchef Igor Georgadse
angeblich Attentatspläne gegen den Präsidenten schmiedete, bereits
anstelle von Schewardnadse für das georgische Präsidentenamt
gehandelt. Moskau ließ Abaschidse erst fallen, nachdem Schewardnadse
in Sachen GUS-Beitritt und russische Truppenstationierung in Georgien
eingelenkt hatte. Dank seiner Wirtschaftspolitik gelang es Abaschidse jedoch, sich
in Adsharien einen starken Rückhalt zu verschaffen. Er erklärte
Adsharien zur freien Wirtschaftszone und entwickelte den Hafen von Batumi
zum bedeutenden Handelsumschlagplatz. Die Steuerhoheit der Regierung in
Tiflis erkannte er nicht an. Er übernahm die Kontrolle über
mehrere Banken und die georgische Schiffahrtsgesellschaft und ließ
in Adsharien u.a. 92 Straßen- und Eisenbahnbrücken, neun Sekundarschulen,
Tennisplätze und in Batumi ein Opernhaus bauen. Zahlreiche Ausländer
investierten in der Umgebung von Batumi, das für seine Erdölraffinerien
und Strände berühmt ist. Über seinen inzwischen diktatorischen
Regierungsstil wird man sich sicherlich hinwegsetzen, sollte es ihm gelingen,
den Bau einer Erdölpipeline von Aserbaidschan über Georgien
nach Batumi durchzusetzen. 2. Südossetien Anders als in Adsharien, dessen Autonomiebestrebungen die Staatlichkeit
Georgiens bislang nicht gefährdeten, entwickelte sich die Lage in
dem 1922 geschaffenen Südossetischen Autonomen Gebiet im Nordosten
Georgiens an der Grenze zu Rußland. Nach dem stalinschen Prinzip
"teile und herrsche" gehört nach wie vor eine Republik
Nordossetien zur Russischen Föderation. Die Osseten leiden unter
der Zweiteilung, und die Machtkämpfe gehen zu ihren Lasten, doch
Moskau kann auf diese Weise die Region besser kontrollieren. In Südossetien
leben 96.000 Menschen, darunter 64.000 Osseten und 28.000 Georgier, ferner
Russen (2,1%) und Armenier (1%). Insgesamt leben rund 160.000 Osseten
auf georgischem Territorium. Die Osseten sind russisch-orthodoxe Christen,
sprechen eine persische Sprache und betrachten sich als Nachfahren der
Alanen. Ossetien wurde vom Russischen Imperium im 18. Jahrh. im Kampf
gegen die Türken annektiert. Die Osseten, damals unter dem Joch der
moslemischen Kabardiner, empfanden die Annexion als Befreiung. Südossetien
ist nach georgischer Meinung kein historisch angestammtes Gebiet der Osseten,
sondern Heimat der Georgier. Nachdem die Osseten 1918-21 den Bolschewiken
bei der Eroberung Georgiens geholfen hatten, "schenkte" ihnen
die Sowjetmacht diese Region 1922 als neuen Siedlungsraum, ausgestattet
mit Gebietsautonomie. Ossetische Historiker vertreten dagegen die Meinung,
daß die Osseten in dem strittigen Gebiet seit dem 12. Jahrh. präsent
sind. Dabei stützen sie sich auf die Theorie, daß die Osseten
Nachfolger der Alanen sind, die ihrerseits als Nachkommen der Skythen
gelten. Kosta Chetagurow (1859-1906), Begründer der ossetischen Literatursprache,
gilt als das einzige gesamtnationale Symbol. Zur Zeit der Perestrojka Gorbatschows gründeten die Osseten in
Georgien die Volksfront "Adamon Nyhas" unter Vorsitz
von Alan Tschotschiew (einem Freistilringer), die die Sezession
von Georgien betrieb und die Vereinigung mit Nordossetien innerhalb der
Russischen Föderation forderte. Moskau nutzte die Sezessionsbestrebungen
der Osseten geschickt aus, um Georgien unter Druck zu setzen und zum Wohlverhalten
zu zwingen. Die ethnischen Unruhen zwischen Osseten und Georgiern begannen
im Herbst 1989, nachdem der südossetische Gebietssowjet beschlossen
hatte, das Südossetische Autonome Gebiet in eine Autonome Republik
umzuwandeln. Die Belagerung der südossetischen Hauptstadt Zchinwali
durch die nationalistische Opposition aus Tiflis forderte Tote und Verletzte.
Truppen des sowjetischen Innenministeriums verhüteten zunächst
Schlimmeres. Die Südosseten warfen Georgien Assimilierungspolitik
vor, obwohl sie über weitgehende Gebiets- und Kulturautonomie sowie
Selbstverwaltung verfügten, sogar auf Kosten der in ihrer Region
lebenden Georgier. 80% der Südosseten sprechen Ossetisch als Muttersprache,
während in Nordossetien, wo es keine einzige Schule mit Ossetisch
als Unterrichtssprache gibt, aufgrund der russischen Assimilierungspolitik
nur noch wenige Osseten ihre Sprache beherrschen. Am 20. September 1990 proklamierten die Südosseten eine Südossetische
Demokratische Sowjetrepublik, erklärten ihre Loslösung
von Georgien sowie ihren Anschluß an die UdSSR und riefen zum Boykott
der georgischen Parlamentswahlen sowie zur Beteiligung an Gorbatschows
Referendum zum neuen Unionsvertrag auf. Bis zur Durchführung von
Wahlen bestimmte der Oberste Sowjet Südossetiens Tores Kulumbegow
(Vertreter von "Adamon Nyhas") zum provisorischen Vorsitzenden.
Das neue georgische Parlament, in dem nunmehr die Nationalisten mit Swiad
Gamsahurdia an der Spitze die Mehrheit besaßen, hob am 11. Dezember
1990 den Autonomie-Status Südossetiens auf und erklärte die
am 9. Dezember 1990 in Südossetien durchgeführten Wahlen für
ungültig. Gewinner der Wahlen zum Obersten Sowjet Südossetiens
wurde die Volksfront "Adamon Nyhas". Von den 64 Parlamentssitzen
erhielt sie 20, ihr Koalitionspartner, der Jugendblock, 15. Parlamentsvorsitzender
wurde Tores Kulumbegow, sein Stellvertreter Alan Tschotschiew. Die Annullierung der Beschlüsse der Parlamente von Georgien und
Südossetien durch den Präsidenten der UdSSR, Gorbatschow, am
7. Januar 1991 blieb wirkungslos. Die georgischen Milizen von Kitowani
und Ioseliani drangen in das autonome Gebiet ein und zerstörten rund
100 ossetische Dörfer, während die Osseten die Häuser der
Georgier in der Gebietshauptstadt Zchinwali in Brand setzten. Zahlreiche
Osseten flohen nach Nordossetien, die vertriebenen Georgier nach Tiflis.
Die sowjetischen Ordnungskräfte sahen den Ereignissen tatenlos zu,
da sie keinen Befehl aus Moskau hatten, einzugreifen. Erst im April 1991
schickte Moskau zur Wiederherstellung der Ordnung Sondertruppen (OMON)
des Innenministeriums nach Südossetien, die die ossetische Seite
unterstützten. Die georgischen Milizen verließen Südossetien.
In Tiflis war man - das Beispiel Moldawiens vor Augen - der Meinung, daß
Moskau die ossetische Karte ausspielen wolle, um Georgien im Bestand der
UdSSR zu behalten. Doch dann trafen Gorbatschows Gegenspieler Gamsahurdia
(Georgien) und Jelzin (Russische Föderation) in Kasbeg zusammen und
vereinbarten, gemeinsame Polizeieinheiten zur Wiederherstellung der Ordnung
in Südossetien aufzustellen. Andere Interessen als die der Moskauer
Zentrale verfolgte die Russische Föderation (RSFSR), da auch in der
RSFSR Osseten (in Nordossetien) leben. Da Georgien nicht in der Lage war,
den Südossetien-Konflikt durch militärische Gewalt zu lösen,
klangen die Drohungen Gorbatschows plausibel: Sollte Georgien den neuen
Unionsvertrag nicht unterschreiben, so könne Südossetien der
UdSSR getrennt beitreten. Da beim Unionsreferendum vom 17. März 1991
Südossetien für die Erhaltung der UdSSR stimmte, blieb wenig
Hoffnung für eine friedliche Lösung des südossetischen
Konfliktes. So dauerten die Kämpfe zwischen Georgiern und Osseten im Laufe
des Jahres 1991 an. Das sowjetische Innenministerium entsandte zusätzliche
Truppen nach Südossetien. Als treibende Kraft hinter den Aktionen
Moskaus erwies sich Anatolij Lukjanow, Vorsitzender des Obersten Sowjets
der UdSSR. Die Georgier verhafteten den südossetischen Parlamentspräsidenten
Kulumbegow und stellten ihn in Tiflis vor Gericht, die Osseten entführten
den von Tiflis entsandten Polizeichef in Zchinwali. Zum neuen südossetischen
Parlamentspräsidenten wurde der Erste Sekretär des südossetischen
Gebietskomitees der KPdSU, Snaur Gasijew, gewählt.
Am 26. November 1991 erklärte das Parlament einseitig die Unabhängigkeit
Südossetiens, die 1993 von der Republik Nordossetien (innerhalb der
Russischen Föderation) anerkannt wurde, bekräftigte die Resolution
über den Anschluß an die Russische Föderation und verhängte
den Ausnahmezustand in Südossetien. Als Antwort darauf erließ
der georgische Präsident am 3. Dezember 1991 ein Dekret über
die Einverleibung Südossetiens in den georgischen Staat unter seinem
historischen Namen "Samachablo". Damit endete auch die Ära
der georgisch-sowjetischen Beziehungen (Gamsahurdia-Gorbatschow). Mit
dem Jahr 1992 begann die Ära der georgisch-russischen Beziehungen
(Schewardnadse-Jelzin) in Sachen Südossetien. Einer Verständigung über Südossetien zwischen den neuen
Machthabern in Tiflis und Moskau, Schewardnadse und Jelzin, standen auch
1992 noch eine Reihe von Faktoren im Wege. Die Kämpfe zwischen Georgiern
und Osseten wurden im ersten Halbjahr 1992 mit unverminderter Härte
weitergeführt. Zchinwali stand unter ständigem Beschuß
der Nationalgarde von Kitowani. Die georgische Wirtschafts- und Verkehrsblockade
gegen Südossetien blieb in Kraft. Die südossetischen Kämpfer
wurden durch russische und nordossetische "Freiwillige" sowie
die in Zchinwali stationierten Einheiten des sowjetischen/russischen Transkaukasischen
Militärbezirks unterstützt. Zwar hatte Schewardnadse die Freilassung
des in Tiflis inhaftierten südossetischen Parlamentspräsidenten
Kulumbegow veranlaßt, doch zählten dieser und der neue
Ministerpräsident Südossetiens, Oleg Tesijew, zu den
"Hardlinern" in der südossetischen politischen Führung,
die keine Bereitschaft zu Kompromissen zeigten. Der Versuch Schewardnadses,
im Mai 1992 mit Kulumbegow einen Waffenstillstand zu vereinbaren, scheiterte.
Hinzu kam, daß Teile der nationalistischen Opposition (Sigua, Kitowani),
die Schewardnadse an die Macht gebracht hatten, in Sachen Südossetien
nach wie vor einen "harten" Kurs verfolgten. In Rußland
standen Präsident Jelzin in der Südossetien-Politik Vizepräsident
Rutzkoj und Parlamentspräsident Chasbulatow, die den Anschluß
Südossetiens an Rußland forderten, als "Hardliner"
gegenüber. Erst im Juni 1992 beschloß der russische Sicherheitsrat,
angesichts der gespannten Lage im Nordkaukasus (Tschetschenien, Inguschetien,
Nordossetien) den Südossetien-Konflikt mit politischen Mitteln zu
lösen. Das Auftreten russischer Fallschirmjäger-Einheiten setzte
den Kämpfen zwischen Osseten und Georgiern ein Ende. Demzufolge war
es nun Moskau, das die Bedingungen in Südossetien diktierte. Dies
erklärt u. a., warum inzwischen die vertriebenen Südosseten
in ihre Siedlungen zurückkehren durften, nicht aber die Georgier.
Vor diesem Hintergrund unterzeichneten Schewardnadse und Jelzin am 24.
Juni 1992 in Sotschi ein "Abkommen über die Prinzipien einer
Lösung des Georgisch-Ossetischen Konfliktes". Zudem vereinbarten
die beiden Länder, ab 1. Juli 1992 diplomatische Beziehungen aufzunehmen.
Das Abkommen sah vor: Waffenstillstand ab 29. Juni, Abzug der in Südossetien
stationierten Einheiten (zwei Regimenter) der russischen Armee, Entflechtung
der Kriegsparteien durch die Schaffung eines Korridors (15 km), Entsendung
einer gemeinsamen Friedenstruppe und einer Beobachterkommission sowie
von Militärbeobachtern, Rückkehr der Flüchtlinge sowie
Aufhebung der Wirtschaftsblockade. Dieses von Moskau diktierte Abkommen
führte zwar zu einem Waffenstillstand, klammerte jedoch die Ursachen
des Konfliktes, vor allem die Frage des politischen Status Südossetiens,
aus. Rußland wie auch Westeuropa haben die territoriale Integrität
Georgiens anerkannt. Der georgische Verfassungsentwurf sah territoriale
Selbstverwaltung für Südossetien vor. Die alte Garde der "Hardliner"
in der politischen Führung Südossetiens (Kulumbegow, Tschotschijew
und Tesijew) wurde zwar im September 1993 abgelöst, doch auch die
neue Garde unter Führung des neuen südossetischen Parlamentsvorsitzenden
und Historikers Ludwig Tschibirow beharrte auf der Vereinigung
mit Nordossetien und der Zugehörigkeit zu Rußland. Dabei kann
sich Tschibirow auch ein vereintes Nord- und Südossetien außerhalb
der Russischen Föderation, jedoch als GUS-Mitglied, vorstellen. Eine
andere Gruppe in der südossetischen Führung besteht auf einer
unabhängigen "Republik Südossetien", weshalb auch
einige südossetische Anhänger dieser Richtung den Unabhängigkeitskampf
Dudajews in Tschetschenien unterstützen. Aufgrund des Abkommens zwischen Jelzin und Schewardnadse ist seit Juli
1992 eine knapp 1.500 Mann starke gemeinsame Friedenstruppe, bestehend
aus einem russischen Bataillon (700 Mann) sowie nord- und südossetischen
(470) und georgischen (320) Milizen, in Südossetien stationiert.
Außerdem wurden im April 1994 zusätzlich russische Truppen
zur Kontrolle der wichtigen Paßstraße zwischen Nord- und Südossetien
in das Gebiet verlegt. Die dreiseitige Friedenstruppe verfügt über
ein gemeinsames Kommando unter Leitung des russischen Generalmajors
Anatolij Merkuljew. Ferner gibt es eine regelmäßig tagende
gemeinsame Kontrollkommission, in der Rußland, Georgien sowie
Nord- und Südossetien vertreten sind. Sie trat am 1. November 1994
erstmals zusammen. Die ossetischen Milizen der dreiseitigen Friedenstruppe
werden von Rußland finanziert und ausgerüstet. Seit der Präsenz
der Friedenstruppe in Südossetien nahm hier die Kriminalität,
vor allem jedoch der Drogenhandel auf der Hauptschmuggelroute über
den Kaukasus, an dem die ossetische, georgische und russische Mafia zusammen
mit Angehörigen der Friedenstruppe beteiligt ist, erheblich zu. Im
Fühjahr 1995 schlugen russische Militärs die Auflösung
der ossetischen und georgischen Einheiten der dreiseitigen Friedenstruppe
vor. Nach ihrer Ansicht sollte Südossetien ausschließlich durch
die russische Armee sowie von Beobachtern der OSZE kontrolliert werden. Eine Mission der OSZE zur Beobachtung des georgisch-südossetischen
Konflikts gibt es seit Dezember 1992 in Tiflis. Zunächst gehörten
ihr 17 Personen an (darunter acht Militärbeobachter aus Österreich,
Ungarn, Frankreich, Tschechien, Polen, Irland, Deutschland und den Niederlanden)
unter Leitung des deutschen Diplomaten Hansjörg Eiff. Ihr ursprünglicher
Auftrag war, die Verhandlungen zwischen den Konfliktparteien mit dem Ziel
einer friedlichen politischen Regelung zu unterstützen. 1994 kam
es zur Erweiterung des Auftrages: Hilfestellung bei der Förderung
der Menschenrechte, dem Aufbau demokratischer Institutionen, der Erarbeitung
einer neuen Verfassung und eines Staatsbürgerschaftsgesetzes sowie
der Schaffung einer unabhängigen Justiz; Verbindung zu den UNO-Aktivitäten
in Abchasien; Beobachtung von Wahlen; Überwachung der Friedenstruppe
und des Waffenstillstandes in Südossetien. Im Rahmen des erweiterten
Auftrages ist seit 1994 auch das Warschauer Büro der OSZE für
demokratische Institutionen und Menschenrechte eingeschaltet. Inzwischen
wurde beschlossen, das Mandat der OSZE bis zum 30. September 1995 zu verlängern,
die Mission um zwei Mitglieder aufzustocken und eine Zweigstelle in Zchinwali
einzurichten. Neuer Missionsleiter wurde der deutsche Diplomat Dieter
Boden. Die bisher vorgelegten Pläne zur Konfliktlösung (sowohl
Rußlands als auch der OSZE) sehen eine weitergehende Autonomie für
Südossetien im Rahmen eines föderativen Georgien vor als die
georgischen Pläne. Die georgische Opposition lehnte mit einem Brief
vom Mai 1995 den OSZE-Plan über eine politische Autonomie Südossetiens
ab. Die Südosseten weigern sich nach wie vor, in irgendeiner Form
zu Georgien zu gehören. Beim Besuch des deutschen Generalsekretärs
der OSZE, Wilhelm Höynck, in Zchinwali im Sommer 1995 pochte die
südossetische Seite auf den Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts
der Völker (NZZ, 13. Juli 1995, S. 7). Die Einflußmöglichkeiten der OSZE in Südossetien sind
schon aus geopolitischen Gründen sehr begrenzt. Wichtigster Faktor
bei der Konfliktlösung ist die Großmacht Rußland. Einen
entscheidenden Fehler machte die OSZE womöglich, als sie bei den
Verhandlungen am 14. Juni 1994 in Wladikawkas die Legalität des Status
der "Friedenstruppe", die sich aus den kämpfenden Parteien
zusammensetzt, anerkannte. Wie diese "Friedenstruppe" - "Blauhelme"
aus Einheiten der Kriegsparteien anstatt aus Soldaten neutraler Länder
- zur Konfliktlösung unter OSZE-Regie beitragen kann, ist unergründlich.
Ähnlich gelagert sind die Probleme mit der "Friedenstruppe"
in Abchasien, wo die Konfliktlösung von der UNO überwacht wird. 3. Abchasien Die Abchasen, die sich selbst Apsua nennen, sind mehrheitlich sunnitische
Moslems. Eine Minderheit bekennt sich zum orthodoxen Christentum. Als
kaukasisches Volk gehören sie zur abchasisch-adygeischen Sprachgruppe.
Die abchasische Schrift wurde ab 1932 auf der Basis des Lateinischen,
ab 1938 des Georgischen und ab 1954 des Russischen geschrieben. Im 8.
Jahrh. (746) entstand als Feudalstaat das Abchasische Fürstentum,
zu dem auch Westgeorgien gehörte, und das sich im 10. Jahrh. mit
Kachetien und Tao-Klardschetien zu einem georgischen Königreich vereinte.
Im 15. Jahrh. zerfiel das georgische Königreich. Das Abchasische
Fürstentum wurde wieder selbständig. Im Kampf gegen die Türkenherrschaft
schloß es sich 1810 freiwillig Rußland an. Nach dem Einmarsch
der Roten Armee 1921 in Tiflis bekam Abchasien einen autonomen Status
innerhalb Georgiens. Nach den georgischen Aufständen gegen die Sowjetmacht
1924 trennte Moskau Abchasien von Tiflis und wertete seinen Status auf.
Von 1925 bis 1931 gab es eine Abchasische Sozialistische Sowjetrepublik.
1931 wurde der Status erneut herabgestuft zur Abchasischen Autonomen
Republik innerhalb Georgiens. In Abchasien (im Nordwesten Georgiens) lebten 1990 rund 530.000 Menschen,
darunter 240.000 Georgier (46%), 90.000 Abchasen (18%), Armenier (14,5%),
Russen (14%) sowie Griechen, Ukrainer, Juden und Kabardinier. Die Abchasen
ließen sich von Moskau stets leicht gegen georgische Unbotmäßigkeiten
instrumentalisieren. Nach der Verabschiedung der georgischen Verfassung
von 1978 fühlten sich die Abchasen kulturell diskriminiert, forderten
die Sezession von Georgien und den Anschluß an die Russische
Föderation (RSFSR). Zwar gab Moskau diesen Forderungen nicht nach,
doch gewährte man ihnen eine Reihe von Konzessionen, einschließlich
der Einrichtung einer eigenen Universität in der abchasischen Hauptstadt
Suchumi. Fast alle Führungsposten in Partei und Regierung sowie den
kulturellen Einrichtungen der autonomen Republik wurden durch die Minderheit
der Abchasen (knapp 18%) besetzt. Der georgischen Mehrheit (46%) erschien
das Leben in Abchasien zunehmend unerträglich. Während sich in Tiflis die georgischen Nationalisten um Gamsahurdia
sammelten und die Trennung Georgiens von der UdSSR forderten, entstand
zur Zeit der Perestrojka Gorbatschows (1985-1991) auch in Abchasien eine
nationalistische Volksfront ("Aidgylara"/Volksforum),
die die Sezession Abchasiens von Georgien anstrebte. Im Frühjahr
1989 begannen Massendemonstrationen der Abchasen, die im Rahmen eines
unabhängigen Georgien den angeblichen Verlust ihrer nationalen Identität
fürchteten. Die Zusammenstöße zwischen Abchasen und Georgiern
im Sommer 1989 in Abchasien forderten Todesopfer und zahlreiche Verletzte.
Die Vorgänge in Abchasien lösten auch die Massendemonstrationen
georgischer Nationalisten in Tiflis aus, die von den sowjetischen Sicherheitskräften
brutal (durch Giftgaseinsatz) beendet wurden. Es folgte ein Appell des
abchasischen Parteichefs Boris Adleiba und des abchasischen Volksdeputierten
der UdSSR, Wladislaw Ardsinba (Direktor des abchasischen Instituts
für Sprache, Literatur und Geschichte), an Gorbatschow, Abchasien
den Status einer unabhängigen Republik innerhalb der UdSSR zu gewähren.
Die Vermutung lag nahe, daß Moskau die Agitation der Abchasen ermutigte
und sie als Instrument gegen die georgischen Nationalisten um Gamsahurdia
einsetzte. Am 25. August 1990 erklärte der Oberste Sowjet der Abchasischen
ASSR die staatliche Souveränität der Abchasischen Sozialistischen
Sowjetrepublik und legte die abchasische Position zum Abschluß
eines Unionsvertrages fest. An der Sitzung nahmen nur 72 der 140 Abgeordneten
teil. Zwei Tage später erklärte der Oberste Sowjet Georgiens
die abchasische Deklaration für ungültig. Die Abchasen boykottierten
(ebenso wie die Südosseten) die georgischen Wahlen vom Oktober 1990.
Sie beteiligten sich am Referendum Gorbatschows im März 1991, nicht
aber an der Abstimmung über die Unabhängigkeit Georgiens. Während
die Kommunistische Partei Georgiens im Dezember 1990 die Beziehungen zu
Moskau abbrach, festigte die abchasische KP-Führung ihre Bindungen
zur KPdSU. Sie unterstützte auch den Moskauer Putschversuch im August
1991. Der Vorsitzende des Obersten Sowjets Abchasiens, Wladislaw Ardsinba,
war auch bereit, den Unionsvertrag Gorbatschows zu unterzeichnen. Nach dem gescheiterten Moskauer Putschversuch entspannten sich vorübergehend
die abchasisch-georgischen Beziehungen. Es kam zu einem Kompromiß
bezüglich der Wahlen für das abchasische Parlament am
22. September 1991. Die 65 Sitze im neuen Parlament wurden im voraus festgelegt:
28 Sitze für die Abchasen, 26 für die Georgier und 11 für
andere Nationalitäten. Die für die Georgier bestimmten Mandate
gewannen die Anhänger des "Runden Tisches" von Gamsahurdia.
Moskau und Tiflis stellten fest, daß es sich in Abchasien nicht
um einen ethnischen Konflikt, sondern um einen Machtkampf zwischen lokalen
Eliten handelte. Während am Ende des Machtkampfes in Tiflis um die
Jahreswende 1991/92 Präsident Gamsahurdia gestürzt wurde, geriet
Abchasien in eine Parlamentskrise, die schließlich zu einem
bewaffneten Konflikt führte. Die georgische Fraktion (Gamsahurdisten)
boykottierten die Parlamentssitzungen. Tiflis forderte Neuwahlen in Abchasien,
die nicht mehr von ethnischen Kriterien bestimmt werden sollten. Weitere
Streitpunkte waren: die Umbenennung der autonomen Republik, das Wüten
der "Mchedrioni"-Milizen in Suchumi und die Übergabe des
russischen Marinehafens Otschamtschira an der abchasischen Schwarzmeerküste
an Tiflis. Das abchasische Parlament spaltete sich in drei Fraktionen.
Die eine Richtung plädierte für die staatliche Eigenständigkeit,
die andere für ein Bündnis mit den Gamsahurdisten in Westgeorgien,
um die neuen Machthaber um Schewardnadse in Tiflis zu stürzen. Eine
dritte Richtung blieb der neuen Führung Georgiens treu. Das Verhältnis zwischen Abchasien und Georgien wurde in der Periode
1989-1992 durch externe Faktoren kompliziert. In Moskau tobte der Machtkampf
Gorbatschow-Jelzin, aus dem zwar Jelzin als Sieger hervorging, jedoch
auf Kosten der untergegangenen UdSSR. Gleichzeitig bildeten sich unter
den Völkern des Nordkaukasus - oft kurzlebige - Allianzen
mit dem Ziel, größere Autonomie zu erlangen. Als Modell galt
die Nordkaukasische (Berg-)Republik von 1921-1924. Als Alternative schlug
der georgische Präsident Gamsahurdia die Schaffung einer "Kaukasischen
Gemeinschaft" der Bergvölker unter georgischer Führung
vor, die vor allem vom tschetschenischen Präsidenten Dudajew unterstützt
wurde. Das persönliche Bündnis Gamsahurdia-Dudajew hatte
mehrere Gründe: Vor allem waren da die Osseten als gemeinsamer Feind
der Georgier sowie der Tschetschenen und Inguschen. Außerdem lehnten
beide den neuen Unionsvertrag Gorbatschows ab, fühlten sich aber
auch von Jelzin betrogen, nachdem sie ihn im Machtkampf gegen Gorbatschow
unterstützt hatten. Im Mittelpunkt des ersten Kongresses der Bergvölker
des Kaukasus im August 1989 stand die Forderung, den Status der kaukasischen
Verwaltungseinheiten auf die Ebene von Unionsrepubliken zu heben und eine
separate Kaukasische Föderale Republik zu gründen. Nur die Abchasen
stellten sich auf die Seite Moskaus. Als sie jedoch Ende 1991 merkten,
daß sie in ihrem Kampf gegen Georgien keine Unterstützung seitens
Moskau erwarten konnten, änderten sie ihre Haltung. Auf dem dritten
Kongreß der Bergvölker des Kaukasus im November 1991 in Suchumi
traten auch die Abchasen für die Schaffung einer Kaukasischen Föderation
ein. Auf diesem Kongreß wurde auch die Gründung der Konföderation
der Bergvölker des Kaukasus sowie die Aufstellung von bewaffneten
Einheiten beschlossen. Der abchasisch-georgische Krieg begann im Sommer 1992, nachdem
der Oberste Sowjet Abchasiens am 23. Juli 1992 die abchasische Verfassung
von 1925 an die Stelle der georgischen Verfassung von 1978 gesetzt
und damit die Unabhängigkeit Abchasiens erklärt hatte.
Eine Gegenerklärung Georgiens über die Ungültigkeit der
abchasischen Beschlüsse folgte am 25. Juli. Noch im Juni 1992 schufen
die Abchasen ein Komitee zur Nationalen Rettung. Es bahnte sich
ein Bündnis zwischen den Abchasen und dem abgesetzten georgischen
Präsidenten Gamsahurdia an mit dem Ziel, die georgischen Wahlen zur
Legitimierung der Macht Schewardnadses zu verhindern. Die georgische Bevölkerung
in Abchasien war zwischen den Anhängern Schewardnadses und Gamsahurdias
gespalten. Am 14. August 1992 besetzte die georgische Nationalgarde Kitowanis
die westgeorgische Stadt Sugdidi und am 18. August die abchasische Hauptstadt
Suchumi. Der abchasische Parlamentspräsident Ardsinba und seine Parlamentsfraktion
setzten sich in die Stadt Gudauta (Hochburg der Ardsinba-Anhänger)
ab. Die Kämpfe zwischen den abchasischen Milizen und der georgischen
Nationalgarde verursachten Flüchtligsströme von Armeniern, Russen
und Georgiern aus Abchasien. Ardsinba ersuchte die Konföderation
der Bergvölker des Kaukasus um Hilfe. Etwa 2.000 nordkaukasische
Freiwillige sowie Südosseten, abchasische Kosaken und Abchasen aus
der Türkei und den Nahostländern (wo ca. 500.000 Abchasen leben)
stellten sich als Kämpfer auf die Seite der Abchasen. Damit hatte
sich die militärische Lage zugunsten der Abchasen verändert. In dieser Situation trafen sich Jelzin, Schewardnadse und Ardsinba in
Moskau und unterzeichneten am 3. September 1992 eine Vereinbarung,
die die territoriale Integrität Georgiens garantierte, einen Waffenstillstand
und die Einsetzung einer Kontrollkommission sowie Neuwahlen in Abchasien
vorsah. Der künftige Status Abchasiens wurde dabei ausgeklammert.
Durch diese Vereinbarung hat sich Moskau eine Schlüsselrolle im abchasisch-georgischen
Konflikt gesichert. Es ging dabei jedoch nicht mehr um einen ethnischen
Konflikt, sondern um die Staatlichkeit Georgiens. Es zeigte sich, daß
für Moskau die Kontrolle Georgiens, vor allem aber der Region Abchasien
an der Schwarzmeerküste, wirtschaftliche und strategische Bedeutung
hat. Georgien war jedoch nach wie vor weder bereit, der GUS beizutreten
noch die Stationierung russischer Truppen in Georgien zuzulassen. Die
Folge war die Fortsetzung des Krieges ab Oktober 1992. Auf abchasischer
Seite kämpften nunmehr nicht nur die Freiwilligen der Nordkaukasus-Völker,
sondern auch Einheiten der russischen Armee. Moskau stellte den abchasischen
Milizen auch schwere Waffen zur Verfügung und schickte Kriegsschiffe
der Schwarzmeerflotte in die georgischen Küstengewässer. Die
russisch-georgischen Spannungen nahmen zu. Von einer neutralen russischen
Friedensmission im Sinne der geschlossenen Vereinbarung konnte keine Rede
mehr sein. Es wurde immer deutlicher, daß Moskau die ethnischen
Spannungen dazu benutzte, die Ereignisse im Süden der russischen
Grenze zu steuern. Die Stellungnahmen des russischen Parlamentsvorsitzenden
Chasbulatow und des Verteidigungsministers Gratschow ließen den
Schluß zu, daß das mehrheitlich konservative Parlament und
das russische Militär die abchasische Seite unterstützten. Sie
erklärten Abchasien zur "Schutzzone". Unter diesen "geschützten"
Bedingungen fiel es dem abchasischen Parlamentsvorsitzenden Wladislaw
Ardsinba leicht, 1992/93 eine separatistische Bewegung, gestützt
auf die abchasischen Klans in Gudauta und Otschamtschira, aufzubauen.
Im Juni 1993 forderte Moskau Georgien erstmals öffentlich auf, Abchasien
im Rahmen eines föderalen Systems eine "wirkliche" Autonomie
zu gewähren. Die direkte und indirekte Intervention Moskaus auf der Seite der Abchasen
führte dazu, daß die abchasischen Milizen bis zum Sommer 1993
ganz Abchasien - mit Ausnahme der Hauptstadt Suchumi - kontrollierten.
Angesichts der erniedrigenden Niederlagen sah sich Schewardnadse gezwungen,
einen neuen russischen Konfliktregelungsplan zu akzeptieren. Das am 27.
Juli 1993 in Sotschi unter starkem Druck Rußlands unterzeichnete
neue Waffenstillstandsabkommen zwischen Georgien, Abchasien und
Rußland sah u.a. den Rückzug der georgischen Truppen aus Abchasien,
die Rückkehr des abchasischen Parlaments nach Suchumi sowie die Einbeziehung
von UNO-Beobachtern vor. Nachdem die georgischen Truppen ihre schweren
Waffen und Raketen, den Vereinbarungen entsprechend, den russischen "Friedenstruppen"
abgeliefert hatten, brachen die Abchasen am 16. September das Waffenstillstandsabkommen
und eroberten mit militärischer Gewalt Suchumi. Die letzten georgischen
Truppen verließen am 30. September 1993 Abchasien, gefolgt von rund
250.000 georgischen Flüchtlingen sowie Tausenden von Armeniern und
Griechen. Die pro-georgische abchasische Regierung verlegte ihren Sitz
von Suchumi nach Tiflis. Damit hatte sich die Bevölkerung Abchasiens
innerhalb weniger Wochen um die Hälfte verringert. Es war allerdings
nicht das abchasische Volk, das diesen Kampf geführt hatte, vielmehr
waren es die mit Ardsinba verbündeten Klans im Norden Abchasiens.
Realistisch gesehen, hätten die 90.000 Abchasen ohne die Hilfe Moskaus
die 230.000 Georgier Abchasiens nicht besiegen können. Damit hat
Georgien nach Südossetien de facto auch Abchasien verloren. Daran
ändert sich auch nichts, wenn Moskau und das internationale Völkerrecht
die territoriale Integrität Georgiens formell anerkennen. Eine De-jure-Abspaltung
Abchasiens von Georgien kann sich Moskau vorerst nicht leisten, weil dies
ein Präzedenzfall für Rußland werden könnte. So könnten
z.B. die nordkaukasischen Völker versuchen, wie das Beispiel Tschetschenien
zeigt, ihre Abspaltung von Rußland mit Waffengewalt durchzusetzen.
Die Fälle Abchasien und Südossetien zeigen anschaulich, wie
Moskaus Politik gegenüber dem "nahen Ausland" ausformuliert
und gehandhabt wurde. Nachdem bis Ende 1993 nach Südossetien auch
Abchasien unter die Kontrolle der russischen "Friedenstruppen"
gebracht worden war, ging es Moskau nur noch darum, Schewardnadse, dessen
Lage im Kampf gegen die Gamsahurdisten in Westgeorgien aussichtslos schien,
zu "retten" und an der Macht zu halten. Der Preis dafür
war der georgische Beitritt zur GUS und die langfristige Stationierung
der russischen Armee in Georgien. Angesichts der Zweifel an der Bereitschaft und Fähigkeit Rußlands,
innerhalb der Grenzen der früheren UdSSR als "Vermittler"
oder "Friedensstifter" tätig zu werden, muß das bisherige
UNO-Engagement in Abchasien eher unbefriedigend erscheinen. Georgien
bemühte sich erfolglos um die Unterstützung der UNO und der
KSZE/OSZE bei der Auseinandersetzung mit den abchasischen Separatisten.
Georgien hat in den Augen westlicher Politiker eine geringere strategische
Bedeutung als Rußland. Es kann demnach in die neu aufgelegte russische
Einflußsphäre entlassen werden. Aus den Georgien-Beiträgen
westlicher Medien war der Vorwurf an Georgien herauszuhören, den
"unterdrückten" Abchasen nicht die Unabhängigkeit
gewähren zu wollen. Auf diese Weise wurde Rußland die rasche
Rückkehr in die Region erleichtert. Im Westen wurde allzu leichtfertig
übersehen, daß die Verletzung der Unversehrheit der territorialen
Grenzen eines OSZE-Staates (Georgien) durch eine nationale Minderheit
(Abchasen) mit tatkräftiger Unterstützung eines anderen OSZE-Mitgliedstaates
(Rußland) einen Präzedenzfall darstellt, der nicht nur die
Staatlichkeit Georgiens auf dem Territorium der untergegangenen UdSSR
gefährdet. Die internationale Staatengemeinschaft trat im Abchasien-Konflikt erstmals
im Herbst 1992 in Erscheinung. In Artikel 12 der Moskauer Vereinbarung
vom 3. September 1992 zwischen Georgien, Abchasien und Rußland
hieß es: "Die Seiten bitten die UNO und die KSZE um Unterstützung
für die oben dargelegten Regelungsgrundsätze und für deren
Realisierung einschließlich der Entsendung von Beobachtern und einer
Mission für die Feststellung der Fakten" (ITAR-TASS, 4.9.1992).
Vier Wochen später beklagte sich Georgien in einem Appell an UNO,
KSZE und NATO über das Eindringen militärischer Einheiten von
russischem Territorium aus nach Abchasien. Gleichzeitig bat Tiflis den
UN-Generalsekretär um die Einberufung einer Sitzung des Sicherheitsrats
über die Lage in Georgien. Beim Besuch der (ersten) UN-Beobachtergruppe
in Abchasien im Oktober 1992 wurde mitgeteilt, daß der Einsatz von
UN-Blauhelmen in Abchasien nicht in Frage komme. Statt dessen wolle man
ständige Beobachter entsenden. Angesichts der bedrohlichen Situation
in Abchasien bat Schewardnadse im Januar 1993 die UNO erneut offiziell
um die dringende Entsendung einer UNO-Friedenstruppe, da die im September
1992 geschlossene Vereinbarung praktisch außer Kraft sei. Statt
einer Friedenstruppe kam im April 1993 eine zweite UN-Beobachtergruppe
nach Abchasien, die Gudauta und Otschamtschira besuchte. Erst ein Jahr später, Anfang Juli 1993, beschloß der UN-Sicherheitsrat,
50 Militärbeobachter nach Georgien zu entsenden. Voraussetzung
dafür war der Abschluß eines Waffenstillstandsabkommens. Außerdem
soll die UNO vorgeschlagen haben, daß nach dem Abzug der georgischen
Truppen UN-Blauhelme den Waffenstillstand in Suchumi sichern sollen (FAZ,
26.7.93). Herausgekommen ist lediglich nach dem am 27. Juli 1993 unterzeichneten
Waffenstillstandsabkommen eine UNO-Zusage, die Zahl der UN-Beobachter
von 50 auf 100 bis 150 zu erhöhen. Die Entflechtung der abchasischen
und georgischen Truppen im August 1993 in Suchumi fand tatsächlich
in Anwesenheit einiger UN-Beobachter statt. Die Abchasen weigerten sich,
an der UN-Konferenz über eine politische Lösung des Konflikts
am 10. September 1993 in Genf teilzunehmen, die aufgrund der Resolution
Nr. 858 des UN-Sicherheitsrates vom 24. August 1993 stattfinden sollte.
Statt dessen starteten sie unter Verletzung des Waffenstillstandsabkommens
am 16. September eine militärische Offensive gegen Suchumi. Rußland
verletzte ebenfalls die Waffenstillstandsvereinbarung, da es seinen Verpflichtungen
als Garantiemacht des Waffenstillstands nicht nachkam. Der dramatische
Hilferuf Schewardnadses an den UN-Generalsekretär blieb ungehört.
Der UNO blieb nur noch die Aufgabe, die humanitäre Hilfe für
die mehr als 250.000 Flüchtlinge aus Abchasien zu organisieren. Die
Politik des abchasischen Separatistenführers Ardsinba, nur den nicht-georgischen
Flüchtlingen, vor allem Russen, die Rückkehr nach Abchasien
zu erlauben, wurde hingenommen. In den Häusern der vertriebenen Georgier
ließ Ardsinba Kosaken, Tschetschenen und Tscherkessen ansiedeln. Im Jahre 1994 handelte die UNO durchweg im Sinne der russischen Abchasien-Politik.
Am 4. April 1994 wurde in Moskau unter der Schirmherrschaft Rußlands,
der UNO und der KSZE zwischen Georgien und Abchasien ein Abkommen unterzeichnet,
das einen Waffenstillstand, die Rückkehr der rund 250.000 Flüchtlinge
und die Entsendung einer 2.500 Mann starken UNO-Friedenstruppe nach Abchasien
vorsah. Es erlaubte Abchasien, sich eine eigene Verfassung und Gesetzgebung
sowie Hymne und Staatsflagge zuzulegen. Die Oberhoheit Georgiens über
Abchasien fand in dem Abkommen keine Erwähnung. Die Abchasen werteten
dies als ersten Schritt in Richtung internationale Anerkennung und Unabhängigkeit.
UN-Generalsekretär Boutros Ghali erklärte in Moskau, daß
die UNO die von Rußland immer wieder verlangte Hegemonie über
sein früheres Territorium nicht akzeptiert, wohl aber eine russische
Mitwirkung an der Friedensoperation, wobei diese eine Minderheitsbeteiligung
bleiben soll (NZZ, 7.4.94). Drei Monate später akzeptierte die UNO
die russische Hegemonie über sein früheres Territorium. Am 14. Mai 1994 unterzeichneten Abchasien und Georgien in Moskau unter
der Schirmherrschaft Rußlands ein weiteres Abkommen über
die Entsendung einer 2.500 Mann starken GUS-Friedenstruppe, die
in Wirklichkeit aus drei Bataillonen der russischen Armee bestand. Sie
wurden ab Juni 1994 in einer 12-km-Sicherheitszone am Fluß Inguri
an der abchasisch-georgischen Grenze sowie in Kodori Gorge stationiert,
u.a. mit der Aufgabe, die Rückkehr der georgischen Flüchtlinge
in den abchasischen Bezirk Gali zu ermöglichen. Dem georgischen Wunsch,
die Friedenstruppe zur Sicherung der Rückkehr der Flüchtlinge
in ganz Abchasien zu verteilen, wurde nicht entsprochen. Die anderen GUS-Staaten
lehnten eine Beteiligung an der "Friedensmission" ab. Nur Tadschikistan
und Armenien boten die Entsendung jeweils einer Kompanie, Kasachstan und
Kirgistan von einigen Beobachtern an. Die GUS-Peacekeeping-Truppe (insgesamt
3.000 Mann), ausgerüstet mit schwerer Artillerie (122 mm) und Panzern
(T-72), richtete zunächst unter dem Kommando des Generalmajors Wasilij
Jakuschew drei Stützpunkte und 12 Beobachterposten entlang des Inguri-Flusses
ein. Die Kosten der Operation wurden mit 10 bis 11 Mrd. Rubel veranschlagt,
die zum Großteil von der UNO finanziert werden sollten (Isvestija,
23.6.94). Der UN-Sicherheitsrat billigte am 1. Juli 1994 nachträglich das
russische Vorgehen in Abchasien, nachdem Moskau mit der Blockade der US-Resolution
über Haiti gedroht hatte. Nur Tschechien äußerte Bedenken.
Außerdem beschloß der Sicherheitsrat, das Mandat der UN-Beobachtermission
in Georgien (UNOMIG) bis 21. Juli 1994 zu verlängern. Statt der genehmigten
55 Beobachter waren in dieser Zeit in Georgien kaum 40 im Einsatz. Im
übrigen sah die UN-Resolution Nr. 937 die Zusammenarbeit der UN-Beobachter
mit der russischen Friedenstruppe vor. Die US-Botschafterin bei der
UNO, Madeleine Albright, stellte bei ihrer Kaukasus-Reise fest, daß
sich die russische Friedenstruppe neutral verhält (ÖMZ, Nr.6/94).
Das Mandat der UNOMIG wurde ab 1. September 1994 um weitere sechs Monate
verlängert. Derart abgesichert, fiel es den Abchasen leicht, weitere Fakten der
Separation von Georgien zu schaffen, bevor überhaupt eine politische
Lösung des Konfliktes in Angriff genommen werden konnte. Sowohl der
Kommandeur der russischen Friedenstruppe, General Jakuschew, als auch
der Abchasen-Führer Ardsinba erklärten in Interviews, daß
Abchasien schon immer Teil Rußlands gewesen sei (Pravda,
21.10. und 2.11.94). Am 17. August 1994 unterzeichnete Abchasien in Kasan
einen Freundschaftsvertrag mit Tatarstan, der von Moskau nicht
für ungültig erklärt wurde. Im Rahmen dieses Freundschaftsvertrages
soll Tatarstan 1995 an Abchasien Waffen geliefert haben. Im Mai 1995 folgte
die Unterzeichnung eines Freundschaftsvertrages zwischen Abchasien und
der Republik Kabardino-Balkarien der Russischen Föderation. Abchasien war ein bevorzugtes Feriengebiet der UdSSR. Allein
das Politbüro der KPdSU besaß 5% der abchasischen Schwarzmeerküste,
die heute von Moskau als russisches Eigentum beansprucht wird. So war
es nicht verwunderlich, daß Rußland und die Abchasen kein
großes Interesse daran hatten, die Rückkehr der 250.000 georgischen
Flüchtlinge, wie von der UNO gefordert, zu ermöglichen.
Bis Ende 1994 durften gerade 40 Familien (200 Personen) in den Bezirk
Gali zurückkehren. Das Schicksal der georgischen Flüchtlinge
ist bis heute ungewiß. Weder die UNO, unter deren Ägide eine
grundsätzliche Einigung über die Repatriierung der Flüchtlinge
erzielt worden war, noch Rußland scheinen es mit den übernommenen
Verpflichtungen in dieser Frage ernstzunehmen (NZZ, 17.1.1995). Die Haltung
der russischen "Friedenstruppe" und der UNOMIG ließ sich
damit mit der Nichteinhaltung des Mandats der UNPROFOR in der serbisch
besetzten Krajina auf kroatischem Territorium in bezug auf die Rückkehr
von Flüchtlingen vergleichen. Als weiteren Schritt verabschiedeten die Abchasen am 26. November 1994
eine neue Verfassung, die ein Präsidialsystem vorsieht und
die Republik Abchasien zum souveränen Staat proklamiert. Zum
ersten Präsidenten der Republik wurde Wladislaw Ardsinba gewählt.
Rußland erkannte offiziell die Souveränitätserklärung
Abchasiens nicht an. Georgien weigerte sich, mit einer abchasischen Delegation,
die einen unabhängigen Staat vertritt - zunächst im Rahmen der
UNO -, zu verhandeln. Moskau verlängerte die Stationierung der russischen
Friedenstruppe in Abchasien bis zum 15. Mai 1995 und begann am 11. Dezember
1994 den Krieg in Tschetschenien. Das sog. "abchasische Bataillon"
(260 Mann) der Konföderation der Bergvölker des Kaukasus unter
der Führung des tschetschenischen Kommandeurs Schamil Bassajew kehrte
schon im August 1994 aus Abchasien nach Tschetschenien zurück. Im
Januar 1995 erklärte der Führer der georgischen Nationalgarde,
Tengis Kitowani, wenn Rußland sich in Tschetschenien eine
Invasion leisten dürfe, dann dürfe auch Georgien die abchasische
Region zurückerobern, und setzte seine Truppen in Richtung Abchasien
in Marsch. Dem anschließend verhafteten Kitowani wurden Verbindungen
zum tschetschenischen Präsidenten Dudajew vorgeworfen, während
der georgische Präsident die russische Invasion in Tschetschenien
begrüßte und rechtfertigte. Das pro-georgische Exilparlament
Abchasiens unter Vorsitz von Tamas Nadareischwili sowie die Exilregierung
von Surab Erkwania nahmen im Januar 1995 ihre Arbeit in Tiflis auf. In
einer Resolution des georgischen Parlaments vom Februar 1995 wurde das
abchasische Exilparlament als einzige legitime Macht Abchasiens anerkannt.
Der Vorsitzende des abchasischen Exilparlaments, Nadareischwili, erklärte:
"Um die territoriale Integrität Georgiens zu wahren, sind wir
bereit, wie Rußland in Tschetschenien vorzugehen" (INTERFAX,
2.2.95). Im März 1995 drangen etwa 600 abchasische Milizen in Gali ein und
richteten dort in Anwesenheit der untätigen UN-Militärbeobachter
und der russischen Friedenstruppe ein Massaker an Georgiern an.
Die russische Friedenstruppe stellte den abchasischen Milizen sogar Transportfahrzeuge
und Treibstoff zur Verfügung. Weder die russische Friedenstruppe
noch die UNOMIG konnten eine plausible Erklärung für ihre passive
Haltung abgeben. Das Projekt der Rückführung der Flüchtlinge
kam nach dem Massaker erst recht zum Stillstand. Auch auf dem GUS-Gipfel
am 26. Mai 1995 weigerte sich Moskau, seine Friedenstruppe in Abchasien
mit "Polizeifunktionen" auszustatten. Georgien verlangte zudem
den Abzug der armenischen Kompanie der Friedenstruppe, der Raubzüge
unter der georgischen Zivilbevölkerung vorgeworfen wurden. Trotzdem
wurde das Mandat der russischen Friedenstruppe bis Ende 1995 verlängert.
Auch der UN-Sicherheitsrat beschloß am 13. Mai 1995 (Resolution
Nr. 993), das Mandat der UN-Beobachtergruppe bis zum 12. Januar 1996 zu
verlängern. Die Mission bestand zu dieser Zeit aus 135 Mitgliedern
aus 23 Ländern. Währenddessen stagnierten die Verhandlungen über den
politischen Status Abchasiens und das Schicksal der georgischen Flüchtlinge,
die unter der Ägide der UNO im Februar 1995 in Genf stattfanden.
Die Vorstellungen über den politischen Status Abchasiens gingen
weit auseinander. Abchasien bestand auf einer Konföderation zwischen
zwei "gleichen" Staaten, Georgien auf abchasischer Autonomie
in einem föderativen System. Noch im Februar 1995 entstand
der Eindruck, daß die UNO - aus der Überlegung heraus,
daß Georgien den Krieg verloren habe - das von den Abchasen bevorzugte
Modell der Konföderation zwischen zwei souveränen Staaten bevorzugte
(ITAR-TASS, 14.2.95). Im Sommer 1995 plädierte dann der persönliche
Vertreter des UN-Generalsekretärs, Eduard Brunner, für einen
politischen Sonderstatus Abchasiens innerhalb eines geeinten Georgien
(INTERFAX, 18.7.95), der auch den Vorstellungen Schewardnadses entsprach.
Inzwischen haben sich - nach einer neuen Verhandlungsrunde im August 1995
in Moskau - die Positionen der Konfliktparteien weiter verhärtet.
Auch innerhalb der maßgeblichen politischen Kräfte in Abchasien,
Georgien und Rußland machten sich unterschiedliche Positionen bemerkbar. In Abchasien schienen sich zunächst die Anhänger eines
harten Kurses um Präsident Ardsinba durchgesetzt zu haben. Das abchasische
Parlament hat im August 1995 den von Georgien und Rußland unterstützten
Vorschlag eines abchasischen Sonderstatus innerhalb eines föderalen
Systems Georgiens abgelehnt. Aber auch die abchasischen "Hardliner"
sind gespalten: Einige wollen den Anschluß Abchasiens an die Russische
Föderation, andere ziehen eine unabhängige Republik Abchasien
vor. Die abchasische Gruppierung, die bereit war, den Autonomiestatus
innerhalb eines föderativen Georgien zu akzeptieren, trat in den
Hintergrund. Ardsinba versucht offenbar, zunächst die russischen
Parlaments- und Präsidentschaftswahlen sowie den Ausgang des Tschetschenien-Konfliktes
abzuwarten. Da sich Moskau zur Zeit von Ardsinba zunehmend distanziert,
könnte die abwartende Haltung Ardsinbas Abchasien möglicherweise
in eine Isolation führen. In Rußland gibt es sowohl im Parlament als auch unter den
Militärs Kräfte, die den Anschluß Abchasiens an die Russische
Föderation bzw. einer unabhängigen abchasischen Republik an
die GUS befürworten. Die Regierungsmannschaft Präsident Jelzins
hält aus verschiedenen Gründen jedoch an der territorialen Integrität
Georgiens und der Autonomie Abchasiens in einem föderativen Georgien
fest: Vor allem ist da das Interesse an Stabilität im Kaukasus und
Anerkennung der hegemonialen Rolle Moskaus durch Georgien. Hinzu kommt
der Krieg in Tschetschenien, den Rußland mit dem Hinweis auf das
Völkerrechtsprinzip der territorialen Integrität rechtfertigt.
Dieses Prinzip kann selbstverständlich auch Georgien in Anspruch
nehmen. In diesem Zusammenhang lösten die Bemerkungen des Vorsitzenden
des russischen Föderationsrates, Wladimir Schumejko, der den abchasischen
Separatisten Ardsinba mit dem tschetschenischen Separatisten Dudajew verglich,
heftigen Widerspruch sowohl in der Staatsduma als auch in Tatarstan aus
(ITAR-TASS, 14.7.95; INTERFAX, 17.7.95). In Georgien tritt Präsident Schewardnadse für eine
Verhandlungslösung ein, weshalb auch in der neuen georgischen Verfassung
der Status Abchasiens ausgeklammert ist. Der "Mchedrioni"-Führer
Ioseliani sowie das abchasische Exilparlament befürworten dagegen
(dem Beispiel der kroatischen Armee folgend) eine militärische Lösung
des Abchasien-Konflikts. V. Wirtschaftslage Eine Folge des georgischen Unabhängigkeitskampfes und der Trennung
Georgiens von der UdSSR in den Jahren 1990-91 war die Zerrüttung
der georgischen Volkswirtschaft. Die im Dezember 1990 von Moskau verordnete
Wirtschaftsblockade gegen Georgien führte zum rapiden Rückgang
der Produktion in Industrie und Landwirtschaft. Vor allem in Tiflis stieg
die Arbeitslosigkeit auf 40%. 1992 betrug die jährliche Inflationsrate
bereits 1.339%. Zwar hatte Georgien zuvor den Bedarf der UdSSR an Tee
(95%), Zitrusfrüchten, Wein und Mangan gedeckt. Auch wurden in Georgien
Teile der MIG-Kampfflugzeuge und der SU-25, Elektronik zu militärischen
Zwecken, Elektrolokomotiven, Computer, Lastwagen u.a. produziert. Doch
war die wirtschaftliche Abhängigkeit Georgiens von der UdSSR wesentlich
größer als umgekehrt. Die Versuche Gamsahurdias, die katastrophale
Lage in der Energieversorgung 1991/92 mit Hilfe Rußlands, Turkmenistans
und der Ukraine zu verbessern, blieben ohne Erfolg. Als Schewardnadse
1992 die Macht übernahm, befand sich das Land - belastet durch Sezessionskriege
in Südossetien und Abchasien, den Bürgerkrieg gegen die Gamsahurdisten
in Westgeorgien und die Spannungen im Verhältnis zu Rußland
- am Rande einer wirtschaftlichen Katastrophe. Da auch der Westen kein
Interesse an Georgien zeigte, schlidderte das Land geradewegs in eine
ökonomische Isolation. Schewardnadse mußte erkennen, daß,
um den Zerfall der georgischen Wirtschaft zu verhindern, an Rußland
und einem GUS-Beitritt kein Weg vorbeiführt. Obwohl Georgien in den ersten drei Jahren seiner Unabhängigkeit
der GUS nicht beigetreten war, blieb es eigenartigerweise trotzdem in
der Rubelzone. Die Moskauer Zentrale stellte jedoch Georgien nicht genügend
Rubel zur Verfügung. Zur Warenknappheit gesellte sich nunmehr auch
eine Geldknappheit. Die im April 1993 eingeführten Kupons
als Parallelwährung führten zu einer Hyperinflation. Erst 1994
gelang es, die Kupons gegenüber dem US-Dollar stabil zu halten. Die
monatliche Inflationsrate lag durchschnittlich bei 3%. Wann die neue georgische
Währung Lari eingeführt wird, steht noch nicht fest.
Geplant war dies für Herbst 1995. Erst 1995 zeichnete sich eine Verbesserung der Wirtschaftslage Georgiens,
zunächst vor allem im Dienstleistungsbereich, ab. Etwa die Hälfte
des Bruttoinlandsprodukts wird jedoch nach wie vor von der Schattenwirtschaft
erbracht. Die Privatisierung nahm Georgien frühzeitig (1992)
in Angriff. Bis 1995 wurden rund 2.200 Kleinbetriebe und über 600
große Betriebe privatisiert. Mit der Herausgabe von Privatisierungsscheinen
(Vouchers) im Sommer 1995 wurde der Privatisierungsprozeß fortgesetzt.
Die Privatisierung der Landwirtschaft erfolgte bereits im Januar
1992 durch die quasi zwangsweise Auflösung von Sowchosen und Kolchosen.
Doch die Landbevölkerung zeigte bislang wenig Initiative, zur privaten
Kleinbauernwirtschaft überzugehen. Das Problem der Energieversorgung
des Landes blieb ungelöst, da das Wasserkraftwerk Inguri und das
Wärmekraftwerk von Gardabani nach wie vor stillstehen. Der mit Hilfe Rußlands zustandegekommene Sieg der Abchasen
über Georgien zwang Tiflis zwar, der GUS beizutreten, doch
haben sich seitdem die Handels- und Wirtschaftsbeziehungen Georgiens zu
den GUS-Staaten nicht wesentlich verbessert. Über Georgiens Schulden
gegenüber Rußland in Höhe von 150 Mill. Dollar wurde im
Juni 1995 ein Umschuldungsabkommen vereinbart. Es sieht einen Zahlungsaufschub
bis 1998 vor. Außer gegenüber Rußland hat Georgien Schuldenrückzahlungsverpflichtungen
gegenüber den GUS-Staaten Armenien, Aserbaidschan, Kasachstan und
Turkmenistan. Die gesamten Auslandsschulden Georgiens belaufen
sich auf über 1 Mrd. $. Zu den weiteren Kreditgebern Georgiens zählen
Österreich, China, Iran und die Türkei. Erst 1995 zeigte sich der Internationale Währungsfonds (IMF) -
und damit auch der Westen - bereit, durch Kredite zur politischen
und wirtschaftlichen Stabilisierung Georgiens beizutragen. Der IMF gewährte
Georgien im Juni 1995 zur Stützung der Zahlungsbilanz einen Kredit
von 44 Mill. $. Die Weltbank stellte zur Modernisierung der Energiewirtschaft
sowie des Transport- und Gesundheitswesens 162 Mill. $ zur Verfügung.
Deutschland bewilligte im Februar 1995 insgesamt 50 Mill. DM zur Modernisierung
der georgischen Landwirtschaft und des Energiesektors. Georgien mißt der wirtschaftlichen Kooperation der Schwarzmeerländer
große Bedeutung bei, in deren Rahmen Tiflis neuerlich versucht,
Georgien als Transitweg für das Erdöl des Kaspischen Meeres
anzubieten. Georgien und die Türkei sind sich einig, das Erdöl
über die Pipeline Baku-Samgori-Batumi in die Türkei zu befördern.
Auch sieht Tiflis die Möglichkeit, das Erdöl von Batumi aus
per Schiff direkt nach Bulgarien, Italien, Spanien oder Rumänien
zu liefern. VI. Rußland als Hegemonialmacht Als Georgien im März 1990 seine Unabhängigkeit erklärte
und Gamsahurdia den Kampf für die Anerkennung von Georgiens Austritt
aus dem kommunistischen Imperium aufnahm, befand sich die Perestrojka
Gorbatschows bereits auf dem Rückzug. Moskau ging dazu über,
die an die Macht gekommenen nichtkommunistischen Regierungen in Georgien
und Armenien zu destabilisieren. Dabei wurde die bewährte Taktik
"teile und herrsche" angewandt. Auf den Konfrontationskurs Gamsahurdias
reagierte Moskau mit der Manipulierung der Südosseten im Konflikt
mit Tiflis. Gamsahurdia unterstützte dagegen die nationalen Bewegungen
der Völker des Nordkaukasus und baute enge Beziehungen zu Dudajew
in Tschetschenien auf. Moskau wandte abwechselnd je nach Interessenlage
das Prinzip des Selbstbestimmungsrechts und das Prinzip der Integrität
des Staatsterritoriums an. In Georgien unterstützte es das Recht
der Osseten und Abchasen auf Selbstbestimmung und Autonomie bzw. gar Unabhängigkeit,
im Falle Tschetschenien beharrte es auf dem Prinzip der territorialen
Integrität. Der damalige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse
widersetzte sich allen Versuchen Georgiens, auf der internationalen Ebene
eine eigenständige Rolle einzunehmen. Noch im Frühjahr 1992
machten die USA die Anerkennung der georgischen Unabhängigkeit von
Garantien für die Presse- und Religionsfreiheit sowie der Durchführung
einer Bodenreform abhängig, obwohl Washington zu dieser Zeit schon
längst zu allen anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion diplomatische
Beziehungen aufgenommen hatte (SZ, 10.9.91 und 16.3.92). Für Georgien,
das nicht über demokratische Traditionen verfügt, galt jedoch
das Primat der staatlichen Einheit vor Demokratie. Die Hoffnung der Georgier,
daß diese Frage mit Boris Jelzin und der allgemeinen Demokratisierung
Rußlands gelöst werden könnte, wurde nicht erfüllt.
Auch für Jelzins Rußland blieb die Schlüsselfrage in den
georgisch-russischen Beziehungen, wie lange sich Gamsahurdia an der Macht
halten könne. Auch nach der Machtübernahme Schewardnadses 1992 in Georgien trat
keine Verbesserung in den russisch-georgischen Beziehungen ein. Strittige
Fragen waren der Abzug der in Georgien stationierten Truppen des Transkaukasischen
Militärbezirks, die georgischen Überfälle auf russische
Militärdepots und das seismographische Labor des russischen Verteidigungsministeriums
in Eschery (Abchasien) sowie die Überlassung der russischen Militärtechnik
an Georgien. Rund 20.000 russische Soldaten waren in Georgien, die meisten
von ihnen in Abchasien, stationiert. Rußland überließ
Georgien 109 Panzer, 203 gepanzerte Fahrzeuge und 13 Artillerie-Systeme.
Als der russische Verteidigungsminister Gratschow im März 1993 Adsharien
und Abchasien besuchte, erklärte er, daß es die Aufgabe der
russischen Soldaten sei, die Interessen Rußlands zu verteidigen
(AFP, 2.3.1993). Gemeint waren damit vor allem der Zugang Rußlands
zum Schwarzen Meer und die damit verbundene Frage von Stützpunkten
für die Schwarzmeerflotte. Moskau begann nunmehr verstärkt,
auch die Abchasen zu manipulieren. Der Konflikt Georgiens mit Südossetien
und Abchasien wandelte sich zu einem russisch-georgischen Konflikt um.
Moskau unterstützte den Sezessionskrieg der Abchasen und mischte
sich damit offen in die inneren Angelegenheiten Georgiens ein. Rußland
wurde zu einer der Konfliktseiten und übernahm zugleich die Rolle
des Vermittlers. Am 8. Oktober 1993 unterzeichneten Rußland und
Georgien einen Vertrag über den Status
der russischen Truppen in Abchasien.
Danach überließ Georgien Rußland den Luftwaffenstützpunkt
bei Gudauta und gewährte Stützpunktrechte für die russische
Schwarzmeerflotte im Hafen von Poti. Zu diesem Zeitpunkt hatte Georgien
den Krieg in Abchasien bereits verloren. In Westgeorgien standen die Truppen
Schewardnadses im Kampf gegen die Gamsahurdisten kurz vor ihrer endgültigen
Niederlage. Mit russischer Hilfe gelang es schließlich Ende 1993,
Schewardnadse an der Macht zu halten. Den Preis dafür zahlte Schewardnadse
durch den Beitritt Georgiens zur GUS und die Stationierung russischer
Truppen auf georgischem Territorium. Der Unterzeichnung eines Freundschaftsvertrages,
dessen Entwurf bereits im März 1993 vorlag, stand nichts mehr im
Wege. Der russisch-georgische Freundschaftsvertrag, ein Handelsabkommen
sowie ein Abkommen über wissenschaftliche und technologische Zusammenarbeit
wurden am 3. Februar 1994 in Tiflis unterzeichnet. Zuvor hatte Georgien
bereits Freundschaftsverträge mit Frankreich (Januar 1994) und Iran
(Januar 1993) abgeschlossen. Am 22. März 1995 wurden in Tiflis zwischen
Rußland und Georgien Militärabkommen über die Errichtung
russischer Militärbasen auf georgischem Territorium, die militärische
und militärtechnische Zusammenarbeit sowie die Schaffung eines gemeinsamen
Luftabwehrsystems im Rahmen der kollektiven Sicherheit der GUS paraphiert.
Nach dem Willen von Tiflis sollen diese Militärabkommen erst in Kraft
treten, wenn die Oberhoheit Georgiens über Südossetien und Abchasien
gesichert ist. Das gleiche gilt auch für das geplante GUS-Grenzschutzabkommen,
wonach russische Grenztruppen die georgisch-türkische Grenze sichern.
Die russischen Militärbasen in Georgien befinden sich in Wasiani
(Luftstützpunkt), Batumi (145. motorisierte Infanterie-Division),
Achalkalak (147. motorisierte Infanterie-Division) und Gudauta (Fallschirmjägergeschwader).
Der Generalstabschef der Streitkräfte der USA, John Shalikashvili,
soll sich bei seinem Georgien-Besuch im Mai 1995 mit der Notwendigkeit
einverstanden erklärt haben, daß auf dem Territorium Georgiens
russische Militärstützpunkte geschaffen werden und fortbestehen
(Interfax, 22.5.95).
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