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Interview
Stefanie Hanke

Die Dominikanische Republik und Haiti – schwierige Nachbarn

Fragen an Stefanie Hanke,
Leiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Santo Domingo, Dominikanische Republik, Januar 2012

Im Gegensatz zu Haiti, das immer noch unter den Folgen des Erdbebens vor zwei Jahren leidet, ist die Dominikanische Republik wohlhabend und politisch stabil. Wie stehen die beiden Länder heute zu einander?

Obwohl sich die beiden Länder eine Insel teilen, scheinen sie sowohl vom Entwicklungsniveau als auch vom Lebensgefühl her Lichtjahre voneinander entfernt. Haiti war ja bereits vor dem Erdbeben eines der ärmsten Länder der westlichen Hemisphäre, während die Dominikanische Republik viele Kennzeichen eines aufstrebenden Landes beobachten lässt. So fahren in der Hauptstadt Santo Domingo die Herren der Oberschicht die neuesten Porsche- und Mercedes-Modelle, und die Damen lassen sich in Schönheitskliniken das Fett absaugen. Der ungeliebte Nachbarstaat ist jedoch immer präsent: Haitianische StraßenhändlerInnen verkaufen kleine Stücke Zuckerrohr, und haitianische Straßenkinder, zum Teil mit Babies auf dem Arm, stehen an den Ampeln und betteln. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es auch in der Dominikanischen Republik selbst erhebliche Einkommensunterschiede gibt und Regionen, die nach wie vor eher auf dem Entwicklungsniveau von Haiti liegen. Die Grenze, die die Insel teilt, wird nur wenig kontrolliert. Es gibt massenweise illegale Migration, die durch die laschen Grenzkontrollen kaum eingedämmt wird. Im Gegenteil, es gilt als offenes Geheimnis, dass selbst das dominikanische Militär in Menschenhandel und Schleusergruppen involviert ist und davon profitiert.

Könnte die Dominikanische Republik beim Wiederaufbau Haitis eine größere Rolle spielen?

Nach dem Erdbeben gab es eine große Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität. Die Grenzkontrollen wurden vereinfacht, und die Massenabschiebungen von HaitianerInnen wurden ausgesetzt. Aber nun ist der Alltag wieder eingekehrt, und dies bedeutet vor allem, dass die wesentlichen Beziehungen die Handelsbeziehungen sind. Haiti ist der wichtigste Absatzmarkt für die Dominikanische Republik, und diese (einseitigen) Handelsbeziehungen sind auch die, die am besten organisiert sind. So wurden einige der großen Aufträge für den Wiederaufbau an dominikanische Firmen vergeben. Auf politischer Ebene findet dagegen kaum ein echter Dialog statt. Anlässlich des zweiten Jahrestages des Erdbebens hat der dominikanische Präsident dem Nachbarland eine "schlüsselfertige" Universität übergeben, und nun bleibt abzuwarten, ob sich genügend Personal findet, diese Universität mit Leben zu füllen. Eine öffentliche Diskussion darüber, ob Haiti diese Universität braucht und will, hatte es allerdings weder auf der einen noch auf der anderen Seite der Grenze gegeben. Abseits der Handelsbeziehungen und der offiziellen politischen Kontakte gibt es wenig Austausch zwischen DominikanerInnen und HaitianerInnen, die Beziehungen sind traditionell von Ressentiments und Vorurteilen bestimmt.

In der Dominikanischen Republik leben - legal oder illegal - viele HaitianerInnen, oft unter ärmlichsten Bedingungen. Hat sich ihre Lage unter Präsident Fernández verbessert?

In den letzten Jahren hat sich die Situation für haitianische MigrantInnen weiter verschlechtert. Seitdem im Zuge der letzten Verfassungsänderung vor zwei Jahren hier geborene Kinder von haitianischen MigrantInnen nicht mehr automatisch die dominikanische Staatsbürgerschaft bekommen, wird vielen hier lebenden HaitianerInnen mit Verweis auf die geänderte Verfassung rückwirkend die Staatsbürgerschaft aberkannt. Angesichts dieser Praxis gibt es zahlreiche anhängige Verfahren vor dem interamerikanischen Hof für Menschenrechte, und die US-Regierung hat wiederholt den Umgang mit den haitianischen MigrantInnen kritisiert. Die dominikanische Regierung gibt sich jedoch uneinsichtig, und ihre Reaktion erfolgt reflexartig: Sie verbietet sich jede Form der Einmischung in innere Angelegenheiten. Fakt ist aber, dass sie es nicht schafft, eine effektive Grenzkontrolle zu gewährleisten und den illegalen Menschenhandel, vor allem auch mit Kindern, einzudämmen. Durch die illegale Praxis, ein Gesetz rückwirkend zu ändern, wurden abertausende von DominikanerInnen haitianischer Abstammung als staatenlose Individuen einem ungewissen Schicksal überlassen. Auch wenn der interamerikanische Gerichtshof eine Entscheidung zu Gunsten der DominikanerInnen haitianischer Abstammung schaffen sollte, ist es wenig wahrscheinlich, dass dies an der politischen Realität auf absehbare Zeit etwas ändern wird.

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