Der 1. virtuelle Ortsverein der SPD

Artikel für die Oktober-Nummer der "Neuen Gesellschaft"

Der gegenwärtige Internet-Boom in Deutschland ergreift auch die politischen Parteien. Als erste deutsche Parteizentrale ging Ende August der SPD-Parteivorstand mit einem eigenen umfangreichen Informationsangebot ins World Wide Web ( WWW) des Internet. Schon seit einigen Monaten gab es dort einzelne kleinere Angebote von Juso-Hochschulgruppen, Teilen der Grünen und der CDU.

Und seit Juni existiert im Internet als Basisinitiative der erste "virtuelle Ortsverein" ( VOV) der SPD. Er gründet sich auf eine Idee von Jörg Tauss, MdB, die von einigen parteinahen Netzexperten aufgegriffen und in die Tat umgesetzt wurde. Die über 100 Mitglieder der schnell wachsenden Gruppe kommunizieren miteinander (fast) ausschließlich auf elektronischem Wege. Zur Zeit bemühen sie sich um eine Verankerung in der historisch gewachsenen Organisationsstruktur der SPD.

Obwohl die Mitgliedschaft bislang jedem offensteht, gehören etwa 80 Prozent der SPD an. Auffällig viele sind Aktive, die neugierig auf die neuen Kommunikationsformen sind oder sich eine Ergänzung zu ihrem sonstigen Engagement versprechen. Andere waren bislang von der Partei aus den verschiedensten Gründen enttäuscht und sehen jetzt neue Möglichkeiten des Mitwirkens. Einige der Mitglieder sind Deutsche im Ausland, die sich auf diese Weise eine Teilnahme an den hiesigen politischen Diskussionen erhoffen.

Zum überwiegenden Teil sind die Teilnehmer jünger als 30 Jahre und Studenten. Etwa ein Drittel der VOVler bevölkern die Altersgruppe der 30- bis 50jährigen, fast alle davon Männer aus computernahen Berufen. Frauen sind im virtuellen Ortsverein (noch) fast nicht vertreten.

Rein technisch besteht der VOV aus einer "Mailingliste". Jede Kommunikation wird an eine zentrale Stelle (Adresse: <vov@nord.de>) gesandt, die die weitere Verteilung an alle Mitglieder der Liste automatisch übernimmt. Zum Beitritt genügt zur Zeit eine kurze persönliche Vorstellung per Email an den VOV. Von da an bekommt das Neumitglied Kopien aller elektronischen Briefe seiner Mitgenossen wie einen ganz normalen Brief - nur wesentlich schneller - in seinen Computer-Briefkasten.

Das hervorstechende Kennzeichen einer derartigen Kommunikation ist die große Schnelligkeit, mit der sich Meinungen und Informationen ausbreiten. Jeder, der etwas zu sagen hat, kann damit rechnen, daß im Verlaufe einiger Stunden die meisten anderen seine Information erhalten haben. Die Erfahrung zeigt, daß schon wenige Minuten später über das Netz erste Rückmeldungen und Kommentare eingehen. Allerdings erfolgt die Kommunikation "asynchron", d.h. zeitversetzt. Anders als z.B.beim Telefonieren, bei der der Angerufene sofort ragieren muß, bestimmt hier der Empfänger den Zeitpunkt, wann er eine Nachricht erhalten will und wann er darauf antwortet.

Eine Folge, die vorher bedacht werden muß: an normalen Tagen sind es etwa 20, an hektischen auch schon mal über 60 einzelne Meldungen, die man im elektronischen Briefkasten findet. Das will erst mal verarbeitet sein. Immer wieder gibt es Klagen von virtuellen Genossen über die zu große Mailflut. Mit Bemerkungen wie "So hatte ich mir das nicht vorgestellt" treten sie wieder aus.

Eine andere Konsequenz ist die große Diskussionsdichte. Verschiedene Themen werden gleichzeitig und scheinbar durcheinander behandelt. Wegen der Schnelligkeit des Mediums gibt es aber bei vielen Fragen nach wenigen Tagen meistens schon ein Konsensergebnis.

Zu Beginn beschäftigte sich der VOV stark mit seiner inneren Struktur und seinem eigenen Selbstverständnis sowie damit, wie die Flut der täglichen Mails eingedämmt werden kann. Eine Vorsortierung schied von vornherein aus, da sie der libertinären Philosophie des Netzes widersprechen würde. Mittlerweile ist eine Lösung in Sicht. Ab Oktober sollen Themen, die nicht OV-Interna betreffen, in einer "Newsgroup" des Internet diskutiert werden.

Eine derartige "Newsgroup" kann am ehesten mit einem thematisch spezialisierten schwarzen Brett verglichen werden, an das jeder - nicht nur OV-Mitglieder - seine Nachrichten und Meinungen "hängen" (="posten") kann. Die übrigen können, wenn sie Interesse haben, diese Nachrichten zu jeder Zeit lesen. Sie verstopfen in Zukunft aber nicht mehr die Briefkästen. Eine auf die SPD spezialisierte "Newsgroup" soll unter "de.org.parteien.spd" eingerichtet werden.

Durch eine elektronische Abstimmung wurde mittlerweile die interne Struktur des VOV entschieden. In den Diskussionen wurden von vielen die üblichen Vereinsämter in Frage gestellt. Sie argumentierten, mit den schnellen Abstimmungsinstrumenten des Netzes könnte eigentlich innerhalb kurzer Zeit zu jeder Frage eine Meinungsbildung unter allen Mitgliedern stattfinden. Man brauchte dann nur ad-hoc-Beauftragte, die sich um einzelne Themen oder Aufgaben kümmern würden. Diese Meinung wurde von einer großen Mehrheit geteilt. Andererseits sprach sich eine knappe Mehrheit dann aber doch für einen festen Vorsitzenden aus. Auch einen Pressesprecher wird es geben.

Inzwischen wurde auch Einigung erzielt, daß sich der virtuelle OV vornehmlich mit Fragen der Informationsgesellschaft beschäftigen will. Aktuelle allgemeinpolitische Themen, wie z.B. das Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts, veranlassen zwar verschiedene Mitglieder zu spontanen Meinungsäußerungen, werden aber kein Dauerbrenner im VOV.

Einen breiten Raum in den Diskussionen nahm das "Eckwertepapier" zur Informationsgesellschaft der SPD-Bundestagsfraktion ein, das im Grundsatz als ein Schritt in die richtige Richtung begrüßt wurde. Mit Besorgnis verfolgt man aber, wie sich die Berichterstattung über elektronische Netze in den traditionellen Medien allzu einseitig auf eine angebliche Überladung mit Pornographie, neonazistischen Inhalten etc. konzentriert. Die Position des VOV ist eindeutig: Eine Zensur ist ein untaugliches Mittel zur Bekämpfung der schwarzen Schafe. Hierzu führte der Ortsverein eine im deutschen Netz vieldiskutierte Umfrage durch.

Der Informationsstand in der Bevölkerung über die Chancen und Risiken der neuen Netze ist noch nicht sehr hoch, was bei der Geschwindigkeit der technischen Entwicklung nicht verwundert. Um die Politiker bei ihren diesbezüglichen Entscheidungen zu unterstützen, möchte der VOV Hilfen zum Kennenlernen der neuen Medien in Form einer "Patenbörse" anbieten.

Ein wichtiges Anliegen des gesamten Ortsvereins ist auch ein möglichst breiter, d.h. erschwinglicher Zugang zu den Netzen für alle Bürgerinnen und Bürger. Im Zusammenhang mit einer "Informationsgrundversorgung" der Bevölkerung werden die geplanten Gebührenänderungen der Telekom sehr kritisch gesehen.

Eine der ersten Abstimmungen im VOV betraf die Beziehungen zur Mutterpartei. Mit großer Mehrheit war man dafür, eine organisatorische Anbindung an die SPD - möglichst als Arbeitsgemeinschaft - anzustreben. Als Rudolf Scharping Ende August in Berlin mit einem Mausklick die Internet-Aera der SPD eröffnete, war der Ortsverein präsent und bot ihm eine Schirmherrschaft an. Eine Prüfung der Angelegenheit bis zum Parteitag wurde zugesagt.

Apropos Parteitag: Dort wird der VOV auch real präsent sein und an der Ausstellung "Lebendiger OV" teilnehmen. Viele Mitglieder werden sich dort das erste Mal auf dieser Seite des Bildschirms begegnen.

Informationen über den VOV finden sich auch im WWW-Angebot des SPD-Parteivorstandes
( http://www.spd.de).


letzte Änderung am 31.Aug. 1995, Christoph Wick