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Halle 7

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Die Moderne und der Glaube an den Fortschritt


Die Moderne, die eng mit dem Industriezeitalter zusammenhängt, ist geprägt von einem Fortschrittsglauben, der sich sowohl in der Kunst als auch in der Wissenschaft niederschlägt:

Für die Literatur denke man an die Romane von Jules Verne, so z.B. "20.000 Meilen unter dem Meer" (1870) , in welchem die Unterseeschiffahrt vorweggenommen wird oder "Von der Erde zum Mond" (1865) , in welchem die Landung auf dem Mond schon 100 Jahre vor ihrer Verwirklichung thematisiert ist.

Aber nicht die künstlerische Verarbeitung von technischen Visionen oder die düstere Mahnung mancher Science-Fiction-Autoren wird zunehmend ein Problem der "klassischen Moderne", sondern die naive Technikgläubigkeit in Teilen von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft: Ein lineares Ansteigen von Wissen bzw. Wachstum wird als absolutes Ziel formuliert. "Mehr" bedeutet "besser" und Probleme, die durch ein solches ökonomisches und mentales Wirtschaften entstehen, können - wenn man in der Logik der Fortschrittsjünger bleibt - nur durch weitere Fortschritte beseitigt werden. E.M. Cioran schreibt in diesem Zusammenhang:

"Die Faszination für die Zukunft hat immer dazu geführt, daß verführerische Systeme aufgestellt wurden. Das ganze letzte Jahrhundert hindurch war Fortschritt gleichbedeutend mit Heil."

Drei Beispiele seien für eine solche Sichtweise genannt:

  • Im Marxismus wird Fortschritt als nach "objektiven Kriterien bestimmbare geschichtliche Höherentwicklung der menschlichen Gesellschaft" definiert. Die Geschichte selbst bedeutet Fortschritt, die sich dialektisch weiterentwickelt.

  • In einem philosophischen Lexikon aus dem Jahre 1954 wird man bei dem Versuch, das Schlagwort "Fortschritt" nachzulesen, bezeichnenderweise aufgefordert, unter "Optimismus" nachzuschlagen.
    Fortschritt, ein Begriff mit dem zunächst nur die räumliche Bewegung gemeint ist, und der später zu einer Veränderung im positiven Sinne avanciert, wird hier also gleichgesetzt mit einer positiven Lebenseinstellung, mit einer Gefühls- und Gemütsanwandlung.

  • Im letzten Parteitagsbeschluß der FPD heißt es streng fortschrittsgläubig:

"Eine wichtige Erkenntnis zur Bewältigung des notwendigen Umbruchs ist, daß unsere als selbstverständlich angenommene Lebensqualität von der Technikentwicklung bestimmt wird, die wiederum auf Forschung und Technologie und damit letztlich auf Bildung angewiesen ist. Ohne technischen Fortschritt und ohne Innovationen ist weder der gegenwärtige Wohlstand zu erhalten, noch werden eine hohe Beschäftigung zu realisieren und eine lebenswerte Umwelt abzusichern sein. Technisch-wissenschaftliche Innovationen von heute schaffen deswegen die Chancen für die nächste Generation."

Am Beispiel Umweltschutz kann man solche Fortschrittseuphorie besonders nett zeigen: Nicht der nachhaltige Verzicht auf bestimmten Luxusprodukte - oder allgemeiner -, ein Umdenken im Wirtschaften löst Umweltprobleme, sondern die weitere Innovation der Technik, die umweltverträgliche Produkte hervorbringen soll. Inhärente Logik ist - und dies übrigens auch bei der Lösung von Naturkatastrophen und scheinbar unheilbaren Krankheiten -, daß eine neue Erfindung das Problem, gleich welcher Art, schon lösen werde.

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