Großer Sprung in die Globalisierung
China vor dem Beitritt zur WTO
Jürgen
Kahl
Nach einem außerordentlich zähen Verhandlungsprozess,
der sich 15 Jahre lang hingezogen hat und mitunter hart
am Rand des Scheiterns stand, ist die Aufnahme Chinas in
die Welthandelsorganisation (WTO) nun so gut wie beschlossene
Sache. Die Kompromisslösungen, die in den verbliebenen Streitpunkten,
etwa zur zulässigen Höhe der chinesischen Agrarsubventionen,
mit der EU und den USA gefunden wurden, haben die Voraussetzungen
für den Beitritt der Volksrepublik als 142. Mitgliedsland
spätestens Anfang des Jahres 2002 geschaffen. Damit ist
auch der Weg frei für die anschließende Aufnahme Taiwans
in die WTO mit dem Status eines „Unabhängigen Zollgebiets“.
Für die Tragweite dieser Erweiterung, die von weit auseinander
driftenden Spekulationen begleitet wird, gibt es schon aufgrund
der Dimensionen in der Geschichte der WTO und ihres Vorläufers,
des Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommens (GATT), keinen
vergleichbaren Präzedenzfall. Mit rund 1,3 Milliarden Einwohnern
(22 Prozent der Weltbevölkerung) ist China das größte Mitgliedsland.
China und Taiwan zusammen bringen es außerdem auf etwa die
Hälfte des Handelsvolumens und auf einen noch höheren Anteil
am kombinierten Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Staaten,
die gegenwärtig noch nicht zur WTO gehören. Dem Anspruch,
eine global operierende Institution zu sein, kommt die WTO
damit einen entscheidenden Schritt näher.
Für Chinas Entwicklung ist der Beitritt über den internationalen
Prestigegewinn hinaus ein Meilenstein mit kaum zu überschätzenden
Konsequenzen. Er macht die Integration des Landes in die
Weltwirtschaft ebenso unumkehrbar wie den nach den WTO-Spielregeln
nun forciert zu betreibenden Umbau der teilreformierten
chinesischen Volkswirtschaft zu einem funktionsfähigen und
transparenten marktwirtschaftlichen System. Vor dem erwarteten
nachhaltigen Wachstums- und Wohlstandsgewinn muss die chinesische
Führung allerdings schwierige Strukturprobleme (Arbeitsmarkt)
bewältigen. Damit ist die Gefahr verbunden, dass sich die
akuten sozialen Spannungen weiter verschärfen und hart an
den Bruchpunkt geraten. Ebenso vorhersehbar ist, dass die
Beschleunigung des wirtschaftlichen Systemwandels den Trend
zur Pluralisierung weiter vorantreibt und dem Begehren nach
gesellschaftlicher und politischer Mitbestimmung der unterschiedlichsten
Interessengruppen mehr Durchsetzungskraft verleihen wird.
Für die Wirtschaftspartner im Westen, allen voran die
USA und die EU, bedeutet der WTO-Beitritt Chinas mittel-
und langfristig einen entscheidenden Durchbruch zur Erleichterung
des Marktzugangs und zu mehr Rechts- und Planungssicherheit.
Die Öffnung des Dienstleistungssektors ebnet ausländischen
Anbietern außerdem den Weg in potenziell lukrative neue
Geschäftsfelder. Was Prognosen dennoch unsicher macht, ist
die kritische Frage, ob die chinesische Führung bereit und
in der Lage ist, die WTO-Vorgaben auch um den Preis destabilisierender
innerer Konflikte und sozialer Verwerfungen fristgerecht
umzusetzen.
Die künftige Funktionsfähigkeit der WTO hängt nicht
zuletzt davon ab, inwieweit China der Versuchung nachgibt,
die Organisation politisch zu instrumentalisieren und zum
Austragungsort für regionale und globale Konflikte zu machen.
Die Einflussnahme Pekings auf das Beitrittsverfahren Taiwans,
für die sich in den WTO-Statuten keine Rechtfertigung findet,
hat dafür einen problematischen Präzedenzfall geschaffen.
Von der Öffnung zu Chinas
Globalisierung – Ein hart erstrittener Paradigmenwechsel
Auf einen kurzen Nenner gebracht, lässt sich die WTO als ein
Zusammenschluss von marktwirtschaftlich organisierten Ländern
beschreiben, in denen es jedem wirtschaftlichen Akteur frei
steht, ohne Diskriminierung und auf sicherer Rechtsgrundlage
unter kommerziellen Interessen seine Geschäfte zu betreiben.
Der 1947 gegründete Vorläufer GATT, der nach dem gleichen
wirtschaftsliberalen Prinzip, aber mit einem engeren Regelungsradius
funktionierte, war für Mao Tse-tung nichts anderes als ein
„kapitalistisches Kartell“. Obwohl das vorrevolutionäre
China zu den Gründungsmitgliedern des GATT gehört hatte,
beanspruchte die kommunistische Führung nach dem Machtwechsel
auch nicht die Nachfolge, als die nach Taiwan vertriebene
Kuomintang-Regierung 1949 die Mitgliedschaft aufkündigte.
Noch 1971, als die Volksrepublik in die UNO aufgenommen
wurde, stand Peking dem GATT als „rich men`s club“ ablehnend
gegenüber.
Erst ein Jahrzehnt später bemühte sich China nach dem Beitritt
zur Weltbank und zum Internationalem Währungsfonds (IMF)
um den Beobachterstatus im GATT und beantragte schließlich
1986 die Vollmitgliedschaft. Als die bilaterale Vereinbarung
mit den USA über die Bedingungen für den WTO-Beitritt im
November 1999 schließlich endlich unter Dach und Fach war,
pries Partei- und Staatschef Jiang Zemin das Verhandlungsergebnis
als „win-win“-Option für China.
Der historische Abriss dieses bemerkenswerten Einstellungswandels
veranschaulicht die Etappen einer nicht minder radikalen
Kehrtwende in der chinesischen Entwicklungsstrategie. Der
Beginn der wirtschaftlichen Reform- und Öffnungspolitik
unter Deng Xiaoping Ende 1978 war die Absage an das Autarkiemodell
sozialistischer Planwirtschaft. Aus der Mitgliedschaft in
der Welthandelsorganisation folgt eine weitere markante
Grenzverschiebung. China verpflichtet sich damit nämlich,
sein Wirtschaftssystem einschließlich der relevanten Rechtsordnung
durch eine Generalüberholung nach innen und außen WTO-kompatibel
umzugestalten, sich in Streitfällen internationalen Schiedsverfahren
zu unterwerfen. Damit sind die Weichen für die volle Integration
der Volksrepublik in die Weltwirtschaft gestellt.
Obwohl die vor über zwei Jahrzehnten eingeleitete Reformpolitik,
für die es weder ein Vorbild noch ein schlüssiges Konzept
gab, zunächst als Reparaturversuch in Form von sukzessiven
Korrekturen am System der sozialistischen Planwirtschaft
begann, hat sie dem Land ein ungeahntes Wirtschaftswunder
beschert. Dank einer langen Periode mit zweistelligen Wachstumsraten
wurde das Ziel erreicht, das BIP in zwei Etappen (1981-1990
und 1991- 2000) jeweils zu verdoppeln (im Jahr 2000 beim
Stand von rund 1000 Mrd. Dollar). Haupttriebkräfte des Aufschwungs
waren der Export und der Zufluss ausländischer Direktinvestitionen.
Mit einem Außenhandelsvolumen von 474,3 Mrd. Dollar steht
China auf Platz neun der Weltrangliste. Der Umfang der Direktinvestitionen
(von 1978 bis Ende 2000 wurden von insgesamt zugesagten
678 Mrd. Dollar 349 Mrd. Dollar realisiert) wird weltweit
nur in den USA übertroffen.
Das strategische Umsteuern im Reformprozess, dessen Impulsgeber
vor allem Ministerpräsident Zhu Rongji und Jiang Zemin waren,
gewann in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre an Bedeutung.
Gleichzeitig markiert das den Zeitpunkt, von dem an Peking
versuchte, die zuvor phasenweise nur dilatorisch betriebenen
Verhandlungen zum WTO-Beitritt zu einem baldigen Erfolg
zu führen. Dabei ging es im Kern um die Frage, ob die Fortsetzung
der experimentellen Reformen und der selektiven Öffnung
alten Stils ausreichen würden, um die Nachhaltigkeit des
wirtschaftlichen Wachstums und eine allseitige Entwicklung
zu sichern. Sie stellte sich um so dringlicher, als mit
dem damals einsetzenden Konjunkturabschwung die Exporte
und der Zufluss von Direktinvestitionen schrumpften, die
massiven chinesischen Handelsüberschüsse mit den USA zunehmend
die Gefahr eines offenen Handelskrieges heraufbeschworen
und die 1997 einsetzende „Asienkrise“ überdies den Blick
für die strukturellen Schwächen des eigenen Wirtschafts-
und Finanzsystems schärfte.
Abgesehen
von den schwierigen Verhandlungen mit den USA und der EU
verzögerte sich der WTO-Beitritt auch deshalb, weil diese
strukturpolitische Richtungsentscheidung gegen erhebliche
bürokratische, protektionistische und national-ideologische
Widerstände im Innern erkämpft werden musste. Der institutionelle
Widerstand war weitgehend ausgeräumt, als Zhu Rongji bei
der Reorganisation der Zentralregierung 1998 endgültig mit
der aus der Planwirtschaft stammenden Tradition der mikroökonomischen
Regulierung von Branchen und Unternehmen brach und die
Weichen für den Übergang zur makroökonomischen Steuerung
stellte. Die protektionistischen und die ideologisch-politischen
Widerstände sind vorläufig eingedämmt, aber nicht gebrochen.
Die Einschätzung der Kräfteverhältnisse und die Auseinandersetzung
mit den Liberalisierungsgegnern werden dadurch erschwert,
dass sich in ihren Argumenten sehr unterschiedliche Motive
miteinander vermischen: handfeste Partikularinteressen;
die berechtigte Sorge, wie viel Wettbewerb die heimische
Wirtschaft und das Sozialgefüge beim gegenwärtigen Entwicklungsstand
verkraften können; und die zum Schreckgespenst ausgemalte
Gefahr der nationalen Selbstentmündigung, die China via
Globalisierung zum Filialbetrieb multinationaler Konzerne
zu degradieren drohe.
Gemessen an dem Ergebnis hat die chinesische Partei- und Staatsführung
in dieser Kontroverse mit bemerkenswerter Geschlossenheit
Kurs gehalten und durch eine administrative und grundsätzlich
politische Flurbereinigung für klare Verhältnisse gesorgt.
Trotz vieler Rückschläge wurde damit auch das Vertrauen
bei den internationalen Partnern gestärkt, dass es China
mit dem Beitritt zur WTO ernst meint und auch die Absicht
hat, seine daraus resultierenden Verpflichtungen einzulösen.
Dem nüchtern pragmatischen Interessenkalkül, dem Peking
in der Schlussphase der Verhandlungen folgte, entsprach
es, dass bereits ein knappes halbes Jahr, nachdem die Nato
die chinesische Botschaft in Belgrad bombardiert hatte,
das bilaterale WTO-Abkommen mit den USA unterzeichnet wurde.
Chinas internationale Partner
zwischen Euphorie und Skepsis
Der erfolgreiche Abschluss der bilateralen Verhandlungen Chinas
mit den USA und dann im Mai 2000 mit der EU wurde in einigen
westlichen Medien von Schlagzeilen („historischer Wendepunkt“,
„Deal of the Century“) begleitet, die an die Chinaboom-Fantasien
von Anfang der 1980er Jahre erinnerten. Bei Regierungen,
Parteien und Unternehmen außerhalb Chinas ergibt sich aber
ein sehr viel differenzierteres, zwischen Optimismus und
Skepsis pendelndes Reaktionsmuster auf die bevorstehende
Aufnahme der Volksrepublik in die WTO.
Befriedigt zeigen sich vor allem die Globalisierungsbefürworter,
denen daran gelegen ist, die aufsteigende Wirtschafts- und
Regionalmacht China ein entscheidendes Stück weiter in eine
interdependente, unter verbindlichen Regeln operierende
Weltwirtschaft einzubinden und die sich davon auch einen
domestizierenden Effekt auf die Außenpolitik Pekings versprechen.
Auf das Prinzip Hoffnung setzen diejenigen, die von der
Vollendung der marktwirtschaftlichen Reformen einen starken
Impuls für die Demokratisierung und die Herrschaft des Rechts
(civil society) in China erwarten. Beides hat den Verhandlungsansatz
der EU maßgeblich mitbestimmt. Unter den Skeptikern sind
auch viele Unternehmer, die aus den eigenen Erfahrungen
auf dem schwierigen und unsicheren chinesischen Markt gelernt
haben, dass zwischen Ankündigungen und der Umsetzung von
Reformzusagen oftmals eine erhebliche zeitliche und substanzielle
Lücke klafft.
Der Rahmen, in dem sich Handel, Investitionen und Kapitalverkehr
mit China künftig zu bewegen haben, ist durch drei multilaterale
Abkommen abgesteckt, die das tragende Gerüst der WTO darstellen:
das General Agreement on Tariffs and Trade (GATT), das General
Agreement on Trade in Services (GATS) und das Agreement
on Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights
(TRIPS). Dadurch wird festgelegt, dass China tarifäre und
nicht-tarifäre Handelshemmnisse abbauen, seinen Dienstleistungssektor
der internationalen Konkurrenz öffnen und ausländische Unternehmer
nach den gleichen Regeln behandeln muss wie einheimische
Unternehmen. Dabei gelten die einklagbaren Grundsätzen der
Meistbegünstigung, der Nichtdiskriminierung und der Reziprozität.
Dazu gehört über das TRIPS-Abkommen die Verpflichtung, Mindeststandards
für den Schutz von geistigen Eigentumsrechten zu gewährleisten
und sich in Streitfällen, wie sie nicht nur mit China gehäuft
vorkommen, einem internationalen Schlichtungsverfahren zu
unterwerfen.
Nach den mit den USA und der EU ausgehandelten Vereinbarungen
hat China zur Liberalisierung des Marktzugangs folgende
Zugeständnisse gemacht:
·
Zölle:
Die Zölle auf eingeführte Industrieprodukte werden bis 2005
von 17,5 Prozent auf ein durchschnittliches Niveau zwischen
9 Prozent und 10 Prozent gesenkt und quantitative Beschränkungen
aufgehoben. Der Zollsatz für importierte Kfz (gegenwärtig
zwischen 80 und 100 Prozent) wird bis 2006 auf 25 Prozent
(Komponenten 10 Prozent) reduziert. Telekommunikationsausrüstungen
können ab 2005 zollfrei eingeführt werden. Für Agrarprodukte
ist bis 2004 eine Zollabsenkung von 22 Prozent auf 17 Prozent
vorgesehen.
·
Dienstleistungen/Beteiligungen:
Die Öffnungsklauseln erstrecken sich mit Ausnahme von Kultur-
und Medienwirtschaft auf alle wesentlichen Dienstleistungsbereiche,
vom Einzelhandel bis zur Telekommunikation. In einigen Schlüsselbereichen
bleiben Mehrheitsbeteiligungen ausländischer Firmen an chinesischen
Unternehmen durch die Festlegung von Obergrenzen jedoch
ausgeschlossen. Handelsunternehmen (einschließlich Einzelhandelsketten)
können künftig selbstständig Im- und Exportgeschäfte tätigen
und direkt an chinesische Kunden verkaufen. Ausländische
Banken erhalten Zugang zu Geschäften in lokaler Währung
mit chinesischen Firmen (nach zwei Jahren) und mit Privatkunden
(nach fünf Jahren). Die gegenwärtig geltenden geografischen
und sektoralen Restriktionen für Versicherungen werden innerhalb
von fünf Jahren aufgehoben. Der Beteiligungsanteil ist auf
maximal 51 Prozent festgesetzt (bei Lebensversicherungen
auf 49 Prozent). Unmittelbar nach dem WTO-Beitritt werden
zunächst die Telekommunikationskorridore in Peking, Shanghai
und Kanton einschließlich der Intercity-Verbindungen für
alle Dienstleistungen ausländischer Anbieter geöffnet. Beteiligungen
sind auf 50 Prozent (Mobilfunk 49 Prozent) beschränkt.
Im Gegenzug kommt China dauerhaft in den Genuss aller Handelsvergünstigungen,
die sich die WTO-Mitglieder untereinander gewähren. Im auch
handelspolitisch kritischen Verhältnis zu den USA entfällt
damit die bisher notwendige jährliche Verlängerung der Meistbegünstigung
(MFN), mit der im amerikanischen Kongress regelmäßig die
Lage der Menschenrechte und Chinas Waffenexporte auf den
Prüfstand kamen, und die Volksrepublik erhält nun den Meistbegünstigungsstatus
in Permanenz (Permanent Normal Trade Relations). Der Wegfall
der einschlägigen Import-Restriktionen nötigt auch die EU
zu einer Überarbeitung ihrer Anti-Dumping-Gesetzgebung.
Das von der WTO für 2005 vereinbarte Auslaufen des Multifaser-Abkommens
(MFA) bedeutet zu Gunsten des chinesischen Exports außerdem,
dass die bisherigen Quotenregelungen für Textilien und Bekleidung
entfallen.
Dem hartnäckig verfochtenen Anspruch Chinas, sich in den Verhandlungen
über den beanspruchten Status als Entwicklungsland (das
durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen bewegt sich bei knapp
1000 Dollar im Jahr) besonders günstige Aufnahmebedingungen
und Schutzklauseln zu sichern, haben sich seine wichtigsten
Handelspartner mit Erfolg widersetzt. Ausschlaggebend für
die Verhandlungsführung waren vor allem zwei Erwägungen:
der vergleichsweise hohe chinesische Anteil am Welthandel
und die Tatsache, dass im Fall Chinas eine möglichst weitgehende
Liberalisierung des Marktzugangs für die führenden Industrieländern
ökonomisch von wesentlich größerer Bedeutung ist als bei
jedem anderen Beitrittskandidaten.
So kann die Volksrepublik zwar sektoral unterschiedlich lange
Übergangsfristen in Anspruch nehmen, liegt bei der Höhe
der zulässigen Agrarsubventionen (8,5 Prozent) und bei den
Zollsätzen im Durchschnitt jedoch deutlich unter dem Niveau
anderer Entwicklungsländer (bei Industriegütern im Schnitt
ca. 13 Prozent), die schon länger der WTO angehören. Bei
der Verweigerung eines moderateren Öffnungsfahrplans hat
außerdem offensichtlich auch die Überlegung mitgespielt,
keinen unvorteilhaften Präzedenzfall für die noch bevorstehenden
Beitrittsverhandlungen mit der Russischen Föderation zu
schaffen.
Je nachdem, welche Annahmen zu Grunde gelegt werden, liegen
die Modellrechnungen und Prognosen über die konkreten Größenordnungen
der wirtschaftlichen Effekte des chinesischen WTO-Beitritts
und der zu erwartenden Wachstumsimpulse naturgemäß weit
auseinander. Was den Entwicklungstrend angeht, kommen die
meisten relevanten Studien jedoch in den Kernaussagen zu
den voraussichtlichen Auswirkungen auf China selbst, seine
wichtigsten Handelspartner und auf die Entwicklungsländer
zu ähnlichen Einschätzungen.
Als Hauptnutznießer des WTO-Beitritts erscheint darin die
Volksrepublik. So hat die Weltbank vorausgesagt, dass der
chinesische Anteil am Welthandel von gegenwärtig 3,5 Prozent
bis 2020 auf etwa 10 Prozent steigen wird. Damit würde die
Volksrepublik Japan überrunden. Die Ökonomen von Goldman
Sachs rechnen bereits bis zum Jahr 2005 mit einer Ausdehnung
des chinesischen Außenhandelsvolumens von 474 Mrd. (2000)
auf rund 600 Mrd. Dollar und einem jährlichen Zufluss von
ausländischen Direktinvestitionen im Wert von dann ca. 100
Mrd. Dollar. Das entspräche gegenüber dem Jahr 2000 (40,7
Mrd. Dollar) einem kühn angesetzten Wachstumssprung um mehr
als das Doppelte.
In unterschiedlichem Umfang werden diesen Trendvoraussagen
zufolge die industriellen Hauptlieferländer von der Liberalisierung
profitieren – standortbedingt und als Chinas wichtigster
Japan (nach der chinesischen Zollstatistik für 2000 mit
einem Handelsvolumen von insgesamt 83,17 Mrd. Dollar) vor
den USA (74,67 Mrd. Dollar) und der EU (69,1 Mrd. Dollar).
Bei den erwarteten Zugewinnen gehen die Prognosen von der
stimulierenden Wechselwirkung mehrerer Faktoren aus. Der
Abbau der tarifären und nicht-tarifären Handelshemmnisse
verbessert den Marktzugang und begünstigt einen ausgewogeneren
Warenverkehr und damit die Reduzierung der hohen strukturellen
Defizite, die vor allem den China-Handel der USA und in
geringerem Umfang auch den Warenaustausch mit der EU belasten.
Die Erleichterungen für die chinesischen Exporte auf dem
Weltmarkt werden einen wachsenden Modernisierungsbedarf
der chinesischen Industrie und damit steigende Importe von
kapital- und technologieintensiven Investitionsgütern auslösen.
Eine zusätzliche Sogwirkung wird von den verbesserten Bedingungen
für ausländische Investoren im produzierenden Gewerbe (Wegfall
von Exportauflagen und der Vorgaben für den Wertanteil von
Komponenten aus heimischer Produktion) erwartet.
Wegen der noch geringen Verflechtungsdichte im Handel mit
China wird sich die Öffnung in den Lieferländern kurz- und
mittelfristig dennoch kaum in nennenswerten volkswirtschaftlichen
Wachstumsimpulsen niederschlagen. Von den Gesamtexporten
der USA sind 1,9 Prozent (Stand von 1999) und im Fall der
EU 1,1 Prozent für China bestimmt. Umgekehrt macht der Anteil
Chinas an den jeweiligen Importen 8,3 Prozent (USA) und
2,2 Prozent (EU) aus. Der Nachdruck, mit dem die EU einerseits
die Einbindung der Volksrepublik in die WTO befürwortete
und ihr andererseits weitergehende Vergünstigungen insbesondere
im Bereich Telekommunikation, für die Kfz-Industrie und
das Versicherungsgewerbe abnötigte, ist deshalb längerfristig
angelegt und dient dem strategischen Ziel, Europa wirtschaftlich
und technologisch in China und in Asien gegen die amerikanische
und die japanische Konkurrenz besser zu positionieren. Als
wichtigster europäischer Wirtschaftspartner Chinas wird
davon insbesondere Deutschland begünstigt, das mit einem
Marktanteil von 17 Prozent (Stand: 1999) bei Maschinen und
Ausrüstungen (Japan 31 Prozent, USA 14 Prozent) in China
bereits über eine starke Stellung verfügt.
Mit sehr gemischten Gefühlen wird der WTO-Beitritt Chinas
dagegen von der Mehrzahl der Entwicklungsländer begleitet,
die als Folge der Erweiterung kaum wirtschaftliche Gewinne
erwarten können, sondern mit Verlusten rechnen müssen. Nachdem
sich China unter Ausschöpfung seiner Lohnkostenvorteile
als Exporteur von Bekleidung, Haushaltselektronik und anderen
leichtindustriellen Massenprodukten im unteren Preissegment
bereits einen führenden Platz auf dem Weltmarkt erobert
hat, ist zu erwarten, dass der Wegfall der restlichen Restriktionen,
etwa durch das Auslaufen des Multifaserabkommens, den Verdrängungswettbewerb
mit anderen Anbietern noch verschärft. Unter den Nachbarn
Chinas sind davon vor allem die südostasiatischen Schwellenländer
betroffen. Für sie wächst der Druck, die industrielle Modernisierung
und Spezialisierung zu beschleunigen. Gleichzeitig erhöht
sich der Anreiz, die Fertigung arbeitsintensiver Produkte
nach China zu verlagern, um von den niedrigeren Lohnkosten
zu profitieren. Auch die vom Export leichtindustrieller
Massengüter abhängigen osteuropäischen Staaten werden die
verstärkte Konkurrenz aus Fernost zu spüren bekommen.
Wo der wirtschaftliche Wettbewerb keinen Raum für Solidarität
lässt, sind pragmatische Allianzen gleichwohl nicht ausgeschlossen.
Das schlägt sich unter den Staaten der Dritten Welt bereits
in konkreten Gedankenspielen nieder. Dabei wird die Bereitschaft
Chinas ausgelotet, sich innerhalb der WTO in die Front der
Entwicklungsländer einzureihen und als Fürsprecher in gemeinsamer
Sache weitere Liberalisierungen sowie die Ausweitung der
normativen Befugnisse (Sozial- und Umweltstandards) zu blockieren,
die nach dem Willen der Industrieländer bei der WTO-Ministerkonferenz
im November in Qatar in Angriff genommen werden sollen.
Exkurs: Goldener Handschlag
über die Taiwan-Straße?
Das Verhältnis der Volksrepublik zum chinesischen Inselstaat
Taiwan ist von den militärischen Drohgebärden Pekings, kaum
zu überbrückenden Gegensätzen in der Wiedervereinigungsfrage
und von den Spannungen bestimmt, die sich daraus für das
chinesisch-amerikanische Verhältnis ergeben haben. Die Aufnahme
beider Kontrahenten in die WTO, Taiwan mit dem Status eines
„Unabhängigen Zollgebiets“ (Separate Customs Territory of
Taiwan, Penghu, Kinmen and Matsu), ist für diese Organisation
eine zweischneidige Angelegenheit. Einerseits macht sie
die WTO zum Teilhaber dieses Konflikts. Andererseits gehen
China und Taiwan mit dem Beitritt die prinzipielle Verpflichtung
ein, sich auch untereinander die gleichen Vergünstigungen
einzuräumen, die sie den anderen Partnern gewähren. Damit
werden die politischen Gegensätze nicht überbrückt, aber
es werden Bedingungen und Anreize für die Vertiefung der
wirtschaftlichen Beziehungen und für ein rationales Konfliktmanagement
geschaffen.
Der Zwiespalt
zwischen politischen Vorbehalten und wirtschaftlichen Interessen
im Verhältnis zu China hat in Taiwan ein ähnliches Verhaltensmuster
wie in den USA geprägt. Entsprechend lässt sich die Beobachtung,
dass Peking in der amerikanischen Wirtschaftslobby in Washington
über seinen zuverlässigsten Fürsprecher für möglichst störungsfreie
Beziehungen verfügt, in abgewandelter Form auf die Inselrepublik
übertragen. Angezogen vom chinesischen Festland als nachfragestarkem
Absatzmarkt und kostengünstigem Produktionsstandort waren
es die taiwanesischen Unternehmer, die von 1987 an Fakten
geschaffen und den Korridor ihrer Geschäftstätigkeit, den
sicherheitspolitischen Bedenken der Regierung in Taipeh
zum Trotz, beständig und zum wechselseitigen Nutzen ausgeweitet
haben.
Die Intensität der wirtschaftlichen Verflechtung hat in dem
Begriff des Großchinesischen Wirtschaftsraums (mit den drei
Hauptsäulen Volksrepublik, Hongkong, Taiwan) ihren Niederschlag
gefunden. Mit einem Warenaustausch von 32 Mrd. Dollar im
Jahr 2000 ist China der drittgrößte Handelspartner Taiwans.
Die hohen Überschüsse, die Taiwan dabei erzielt, tragen
maßgeblich zur Vermehrung seiner Devisenreserven bei. Gleichzeitig
ist die Insel auf dem Festland mit Direktinvestitionen im
Gesamtumfang von annähernd 50 Mrd. Dollar vertreten, was
Taiwan nach Hongkong, den USA und Japan zur wichtigsten
Quelle für das in die Volksrepublik fließende Auslandskapital
macht. Auch die USA sind in den florierenden Wirtschaftsaustausch
eingebunden. So stammt ein beachtlicher Teil der für Amerika
bestimmten chinesischen Exporte (Elektronik) von taiwanesischen
Firmen, die ihre Produktion auf das Festland verlagert haben.
Unbeschadet von den politischen und militärischen Spannungen
hat sich dieses wirtschaftlich ausgesprochen kooperative
Dreiecksverhältnis auch in jüngster Zeit erstaunlich robust
weiter entwickelt.
Der gemeinsame WTO-Beitritt bietet China und Taiwan die Chance,
den bilateralen Wirtschaftsaustausch auf ein geregeltes
Fundament zu stellen und über den Abbau von Barrieren ein
Stück Normalität im zwischenstaatlichen Verhältnis zu praktizieren.
An dem Umfang und dem Tempo, mit dem beide den Verpflichtungen
des WTO-Vertrages (Meistbegünstigung, Nichtdiskrimierung
und Reziprozität) nachkommen, werden sich die Fortschritte
messen lassen. Auf chinesischer Seite gehört dazu, taiwanesischen
Unternehmen auf dem Festland auch formal den gleichen Rechtsschutz
wie Investoren aus anderen Ländern zu gewähren.
Die schwierigsten Hürden hat die Inselrepublik zu überwinden.
Die Restriktionen, die Taiwan aus Sicherheitsgründen über
Importe und Investitionen vom Festland verhängt hat, sind
mit den WTO-Regeln nicht zu vereinbaren. Gleichzeitig wächst
von Seiten der heimischen Wirtschaft der Druck auf die Regierung
in Taipeh, sich mit Peking auf die bisher verweigerte Einrichtung
direkter Handels-, Transport- und Postverbindungen zu verständigen.
Einige Vorentscheidungen sind bereits gefallen. So haben taiwanesische
Unternehmen schon im Vorgriff auf den gemeinsamen WTO-Beitritt
ihre Neuinvestitionen auf dem Festland kräftig erhöht. Außerdem
hat die Eröffnung des „Kleinen Grenzverkehrs“, der die nur
wenige Kilometer von der chinesischen Küste entfernten Inseln
Kinmen und Matsu seit Dezember vergangenen Jahres mit dem
Festland verbindet, den eisernen Vorhang in einem zaghaften
ersten Schritt etwas durchlässiger gemacht. Dass der WTO-Beitritt
gleichsam über Nacht zum Geburtshelfer bei der Überwindung
der Spaltung wird, ist nicht zu erwarten, solange sich Peking
und Taipeh nicht auf eine verständigungsfähige Interpretation
der „Ein-China“-Formel geeinigt haben. Aber auch kleine
Fortschritte auf dem Weg der Annäherung könnten die Gefahr
reduzieren, dass aus einer politischen Krise ein militärisches
Abenteuer wird.
Systemreform mit Risiken
Die ökonomische Philosophie, die dem WTO-System zugrunde liegt,
geht davon aus, dass der Abbau von künstlichen Wettbewerbsverzerrungen
zu einer internationalen Arbeitsteilung und Spezialisierung
führt, die an den jeweiligen Kostenvorteilen ausgerichtet
ist und aus der sich über die notwendigen Strukturbereinigungen
nachhaltige Wohlstandsgewinne für alle Beteiligten ergeben.
Auch die meisten Prognosen zu den wirtschaftlichen Binnen-
und Außenwirkungen des chinesischen WTO-Beitritts basieren
implizit offenbar auf dieser Grundannahme, was ihre Aussagekraft
stark einschränkt. Das gilt sowohl für die Voraussagen zu
den kurz- und mittelfristigen Wachstumsaussichten als auch
für die Szenarien, die China lange vor der Mitte des 21.
Jahrhunderts zur größten Wirtschaftsmacht aufrücken sehen.
Das Handicap dieser Hochrechnungen ist, dass sie den bisherigen
Entwicklungstrend unter mehr oder weniger optimistischen
Prämissen quantitativ fortschreiben und Risikofaktoren wie
die strukturelle, politische und soziale Verkraftbarkeit
der Anpassungszwänge weitgehend außer Acht bleiben.
Die offizielle Informationspolitik in den chinesischen Medien
verfolgt dabei den offenkundigen Zweck, in der Bevölkerung
ein möglichst hohes Maß an Zustimmung und Vertrauen für
den neuen Kurs zu gewinnen. Entsprechend werden die erwarteten
Wohlstandsgewinne so herausgestrichen, dass die ebenfalls
erwähnten temporären Lasten als zu vernachlässigende Größe
erscheinen. Die auf Gradlinigkeit und Zukunftsoptimismus
getrimmte Berichterstattung für die breite Öffentlichkeit
steht dabei in auffälligem Kontrast zu der durchaus kontroversen
Diskussion in wissenschaftlichen Fachpublikationen, in denen
Kosten und Nutzen des WTO-Beitritts und der wirtschaftlichen
Globalisierung erörtert werden.
In den zurückliegenden zwei Jahrzehnten der chinesischen Reformpolitik
haben die wirtschaftlichen Akteure und die Gesellschaft
in China eine beachtliche Dehnungsfähigkeit und ebenso viel
kreative Flexibilität im Umgang mit den Systemwidersprüchen,
die bereits im offiziellen Begriff „sozialistische Marktwirtschaft“
festgeschrieben sind, bewiesen. Auch wenn China beim WTO-Beitritt
an die seit 1986 und noch entschiedener seit 1997 eingeleiteten
Reformen anknüpfen kann, haben sich damit die Rahmenbedingungen
für diesen Prozess sowohl hinsichtlich des einzuschlagenden
Tempos als auch der Reichweite der Strukturveränderungen
entscheidend verändert. Bislang konnte die Schrittfolge
der einzelnen Reformmaßnahmen auch mit Rücksicht auf die
sozialen Folgen selbst bestimmt werden, und kritische Experimente
wurden notfalls auch wieder rückgängig gemacht. Der WTO-Beitritt
gibt China nun neben der Richtung auch das Tempo des Systemumbaus
vor und unterwirft die Umsetzung dem Zwang zur Transparenz
und der Erfolgskontrolle von außen.
Die Herausforderungen, vor denen Staat und Gesellschaft administrativ,
gesetzgeberisch und struktur- politisch stehen, ergeben
sich aus der Lücke zwischen dem Systembefund und den von
der WTO vorgegebenen Sollanforderungen. Diese Lücke beschreibt
auch, wo die Zentralregierung bei der Reform der Markt-,
Rechts- und Eigentumsordnung mit den stärksten Widerständen
gegen Kompetenzbeschneidungen und zur Verteidigung von Besitzständen
und Partikularinteressen rechnen muss.
Die „regulatorischen Risiken“, die ausländischen wie einheimischen
Investoren auf dem chinesischen Markt zu schaffen machen,
haben verschiedene Ursachen. Unvorhersehbare Abänderungen
von Gesetzen und Verwaltungsvorschriften sowie die Abhängigkeit
von arbiträren Entscheidungen einzelner Amtsträger sind
die Ergebnisse einer inkonsistenten Politik und von institutionellen
Schwächen. Die Unübersichtlichkeit, aus der sich ein breiter
Korridor von Grauzonen entwickelt hat, wird noch durch das
abgestufte Gefälle von Privilegien und Öffnungsgraden verstärkt.
Zudem hat die Kompetenzverlagerung von der Zentrale zu den
Provinzen in Wirtschafts- und Finanzangelegenheiten dazu
geführt, dass es statt eines einheitlich geregelten nationalen
Marktes einen Flickenteppich von regionalen Märkten gibt,
die sich eifersüchtig gegeneinander abschotten. Geprägt
hat diese Entwicklung die chinesische Spielart des Kaderkapitalismus.
Die maßgebliche Rolle, die Partei- und Regierungsfunktionäre
durch persönliches unternehmerisches Engagement beim Wirtschaftsaufbau
vor allem im ländlichen Raum spielten, hat sich zu einem
Interessenfilz verfestigt, der sich in besonderer Anfälligkeit
für Korruption und lokalen Protektionismus bemerkbar macht.
Im Bereich Gesetzgebung und Verwaltung sind Hinweise, dass
über 1300 chinesische Gesetze WTO-konform abgeändert, viele
neue erlassen und ganze Legionen von Beamten und Richtern
umgeschult werden müssen, um sie handhaben zu können, nur
ein statistisches Indiz für ein tiefer greifendes Problem.
China verfügt bereits über eine vergleichsweise moderne
Wirtschaftsgesetzgebung, deren Anwendung jedoch häufig durch
opportunistische Rücksichtnahme auf die enge Verquickung
von Politik und Wirtschaft, persönliche Seilschaften und
Partikularinteressen konterkariert wird. Für die Schwierigkeiten,
die Rechtsetzung in die Praxis einer am Gesetz und seiner
Allgemeinverbindlichkeit orientierten unabhängigen Rechtsprechung
(rule of law) umzusetzen, ist der Schutz von geistigen Eigentumsrechten
ein exemplarischer und für die Außenwirtschaftsbeziehungen
besonders sensibler Fall.
Mit dem WTO-Beitritt ist für China die Verpflichtung verbunden,
entsprechende Gesetze zu erlassen, die unter anderem auch
Mindeststrafen für Copyright-Vergehen, Produkt- und Markenfälschungen
(im 1. Halbjahr 2000 wurden in China offiziell 139 000 Fälle
registriert) festlegen. Weit schwieriger ist die Aufgabe,
ein Rechtsbewusstsein zu fördern, das die Ahndung von Verstößen
nicht dem Zufall arbiträrer Nützlichkeitserwägungen überlässt
und die Unabhängigkeit der Justiz gegenüber dem Druck politischer
und wirtschaftlicher Interessen stärkt.
Voraussetzung für die Realisierung der erhofften Effizienz-
und Wachstumsgewinne (chinesische Schätzungen erwarten von
2005 an einen Wachstumsbonus von jährlich 1,5 Prozent) ist
die Schaffung einer Wettbewerbsordnung, die Chancengleichheit
unter den wirtschaftlichen Akteuren herstellt (level playing
field) und mit dem System der ökonomisch irrationalen Privilegierung
und Subventionierung des staatlichen Sektors bricht. In
der Konsequenz bedeutet das die Aufgabe des auch in der
Reformära hoch gehaltenen sozialistischen Glaubenssatzes,
der das Gemeineigentum zur tragenden Säule der Wirtschafts-
und Gesellschaftsordnung erklärt, und parallel dazu eine
weitere Beschneidung der administrativen Eingriffsmöglichkeiten
in das Wirtschaftsleben. Beides geht an den Kern des ideologischen
Selbstverständnisses des Systems.
Wie die Entwicklung zeigt, hat die Wirklichkeit im Zuge der
Diversifizierung der Eigentumsformen und der Dynamik des
nicht-staatlichen Sektors das Dogma von der Überlegenheit
der vergesellschafteten Produktion längst als Fiktion entlarvt.
Bei einer weiten Auslegung des Begriffs, die Firmen mit
ausländischer Beteiligung, einen Großteil der ländlichen
Kollektivunternehmen und der reinen Familienbetriebe mit
einbezieht, erwirtschaftet der nicht-staatliche Sektor rund
zwei Drittel des BIP. Unter der eng gefassten offiziellen
chinesischen Definition, die sich auf eingetragene Privatunternehmen
mit mehr als zehn Beschäftigten beschränkt, beläuft sich
der privatwirtschaftliche Anteil auf 15 Prozent.
Eine 1999 verabschiedete Verfassungsänderung hat den Status
des Privatunternehmertums aufgewertet und seine Existenz
als „wichtigen Bestandteil der Wirtschaft“ grundrechtlich
abgesichert. Die Beseitigung der Wettbewerbsverzerrungen,
die das dualistische Wirtschaftssystem, etwa beim Zugang
zu Krediten, hervorgebracht hat, steht dagegen noch aus.
Obwohl der Anteil der chronisch in der Verlustzone wirtschaftenden
Staatsunternehmen an der Industrieproduktion und an den
chinesischen Exporten inzwischen deutlich unter 50 Prozent
abgesunken ist, entfallen auf sie im umgekehrten Verhältnis
zu ihrer Leistungsfähigkeit rund 70 Prozent der gesamten
Kapitaleinlagen und 80 Prozent aller Bankkredite. Die hohe
Beschäftigungsquote (annähernd 60 Prozent der industriellen
Arbeitnehmer) war das Faustpfand, das die staatlichen Unternehmen
bisher vor radikalen Schnitten schützte. Der Abbau der Importzölle
und anderer protektionistischer Barrieren gegen die internationale
Konkurrenz macht solche Schritte nun unvermeidlich. Insofern
hat der WTO-Beitritt die Wirkung eines Dammbruchs.
Soziale Schieflagen
Die chinesische Reformpolitik verfolgt seit ihrem Beginn zwei
übergeordneten Ziele: wirtschaftliches Wachstum als Grundlage
für Armutsbekämpfung und steigenden Wohlstand sowie die
Sicherung der nationalen Stabilität. Der gradualistische
Ansatz und die Umsicht, mit der Deng und seine Nachfolger
dabei vorgingen, haben das Land mit Ausnahme einer kurzen
Phase Mitte der 90er Jahre vor exzessiven Inflationsschüben
bewahrt und die Auslandsverschuldung auf niedrigem Niveau
gehalten. Die Schattenseiten des sozialen Umfeldes, in das
der WTO-Beitritt trifft, werden von einem im Frühjahr im
Auftrag der KP-Führung erstellten Untersuchungsbericht ungewöhnlich
schonungslos beleuchtet. Unter dem Titel „Über die Widersprüche
im Volk unter neuen Bedingungen“ stellen die Autoren eine
alarmierende Häufung von kollektiven Protesten und spontanen
Gewaltaktionen fest. Destabilisierend wirken nach diesem
Befund vor allem das wachsende Einkommensgefälle, außerdem
die grassierende Korruption und die weit verbreitete Verbitterung
in der Bevölkerung über die untätige Gleichgültigkeit, mit
der lokale Parteiorganisationen und Behörden den sozialen
Problemen begegnen.
Der Report bestätigt lediglich die Einschätzung, dass der
soziale Konfliktstoff, der sich in der sprunghaft angestiegenen
Zahl gewaltsam ausgetragener Arbeitsstreitigkeiten und Verteilungskämpfe
entlädt, für den Bestand des Systems eine weit größere Bedrohung
darstellt als die Herausforderung durch die entweder ins
Ausland verbannte, in Haft gehaltene oder in den Untergrund
abgedrängte politische Opposition. Auf dem chinesischen
Buchmarkt spiegelt sich das in der Verbreitung einer neuen
Richtung gesellschaftskritischer Literatur wider. Sie ist
populär, weil sie in den Auswüchsen des chinesischen Kasino-Kapitalismus
einen ergiebigen Stoff findet, und sie ist politisch, indem
sie für ein verändertes Reformkonzept eintritt, das Wachstum
mit Verteilungsgerechtigkeit verbindet und durch eine gezielte
staatliche Umverteilungspolitik die Weichen für eine soziale
Marktwirtschaft stellt.
Die soziale Krise wird von drei Faktoren bestimmt – dem scharf
ausgeprägten Entwicklungs- und Einkommensgefälle, das sich
zwischen Stadt und Land (70 Prozent der Bevölkerung) sowie
zwischen der wirtschaftlich am weitesten fortgeschrittenen
Küstenregion und den Inlandsprovinzen auftut; steigender
Arbeitslosigkeit und den verschuldungsbedingt stark eingeschränkten
Möglichkeiten des Staates, diesem Trend mit höheren Transferleistungen
und zusätzlichen Ausgaben für Infrastrukturprojekte entgegen
zu steuern.
Ungleichgewichte zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Einkommensverteilung
sind für Entwicklungsländer nicht untypisch. In China haben
sie jedoch, seit 1990 beschleunigt, ein Ausmaß erreicht,
das in Umfang und Tempo nach Einschätzung der Weltbank „in
hohem Maße ungewöhnlich“ ist. Am schärfsten ausgeprägt ist
die Diskrepanz zwischen städtischer und ländlicher Entwicklung.
Nachdem Chinas Bauern im Zuge der Agrarreform zunächst am
deutlichsten von den Wohlstandsgewinnen profitierten, hat
sich der Trend infolge mangelnder Produktivitätsfortschritte,
sinkender Preise für Agrarprodukte und durch höhere Steuerbelastungen
seit Mitte der 1980er Jahre dramatisch umgekehrt. Bezieht
man die sozialen Vergünstigungen der Stadtbevölkerung (Erziehung,
Gesundheitsfürsorge und Rentenansprüche) in die Rechnung
ein, übersteigen die städtischen die ländlichen Einkommen
im Schnitt um 80 Prozent.
Eine ähnliche
Kluft tut sich zwischen den östlichen Küstenprovinzen („Goldküste“)
und großen Teilen des chinesischen Hinterlands auf. Daraus
folgt auch, dass von einer Einbindung ganz Chinas in den
globalen Handels- und Kapitalverkehr, für die der WTO-Beitritt
die Voraussetzungen schafft, zunächst nur sehr bedingt die
Rede sein kann. Die Auslandsinvestitionen und der Löwenanteil
des Exportgeschäfts konzentrieren sich hauptsächlich auf
die Küstenregion, deren Entwicklung bevorzugt vorangetrieben
wurde. Auf Zentralchina und den Armutsgürtel im Westen und
Südwesten verteilen sich dagegen jene annähernd 20 Prozent
der Gesamtbevölkerung, die im Wesentlichen von der Subsistenzwirtschaft
leben und nur marginal mit dem Markt verbunden sind. Sichtbarster
Ausdruck des wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungsgefälles
ist die Armutsmigration in der Größenordnung von rund 120
Millionen Landbewohnern, die sich, illegal und ohne Schutzanspruch,
in den großen Städten als Lumpenproletariat verdingen.
Bei der Arbeitslosigkeit dient die offizielle Statistik weniger
der Aufklärung als der Verschleierung. Für die Unverdrossenheit,
mit der das geschönte Zahlenwerk, das nur ein Segment der
städtischen Arbeitslosigkeit erfasst (für das Jahr 2000
mit 3,1 Prozent ausgewiesen) alljährlich fortgeschrieben
wird, gibt es bestenfalls eine psychologische Erklärung:
das Dilemma einer Partei- und Staatsführung, die sich dem
traditionellen Selbstverständnis nach vor allem der Wohlfahrt
von Arbeitern und Bauern verschrieben hat, diesen Anspruch
aber unter den veränderten Bedingungen des Wettbewerbs nicht
mehr einlösen kann.
Chinesische Sozialwissenschaftler haben im Vorfeld des WTO-Beitritts
internationale Berechnungsmethoden verwendet und sind zu
ganz anderen Zahlen gekommen. Aus der Kombination von offiziell
als beschäftigungslos registrierten Arbeitskräften, betriebsbedingt
auf unbestimmte Zeit ohne Lohnanspruch „beurlaubten“ Arbeitnehmern
und den de facto beschäftigungslosen Arbeitskräften auf
dem Land errechnet sich danach eine Arbeitslosenrate von
derzeit annähernd 25 Prozent.
Diese Bedingungen machen die Umsetzung der WTO-Vorgaben zumindest
auf mittlere Sicht zu einem sozial wie politisch riskanten
und kostspieligen Unternehmen. Die Strukturbereinigungen,
welche die Liberalisierung des chinesischen Binnenmarkts
mit dem dadurch erhöhten Wettbewerbsdruck von außen erzwingt,
gehen vor allem zu Lasten der Arbeitnehmer in der Staatsindustrie
und der bäuerlichen Bevölkerung. Sie treffen damit die beiden
gesellschaftlichen Hauptgruppen, auf die sich die Herrschaft
der KP traditionell stützt. Die Suche nach alternativen
Erwerbsmöglichkeiten für Chinas Bauern (die versteckte Arbeitslosigkeit
in der Landwirtschaft wird auf rund 30 Prozent geschätzt)
wird noch dadurch erschwert, dass ihnen das rigide System
der Haushaltsregistrierung, das die berufliche Freizügigkeit
an den Status als Stadt- oder Landbewohner bindet, den legalen
Zugang zum städtischen Arbeitsmarkt versperrt.
Der beschleunigte Anpassungsprozess, den der WTO-Beitritt
einleitet, steht damit unter erheblichen Vorbelastungen.
Er wird sich solange hart am Rande des Bruchpunkts bewegen,
wie es der Regierung nicht gelingt, einerseits für die Verlierer
der Reform (vor allem niedrig qualifizierte Industriearbeiter
und ländliche Arbeitnehmer ohne Berufsausbildung) ein soziales
Grundsicherungssystem zu schaffen und andererseits durch
den beschleunigten Ausbau der Infrastruktur die Attraktivität
des benachteiligten Hinterlands als Investitionsstandort
zu erhöhen.
Gewichtsverschiebungen
mit politischen Folgen
Nach dem Abschluss der bilateralen Verhandlungen mit Peking
hat der damalige US-Präsident Bill Clinton zu den politischen
Auswirkungen des chinesischen WTO-Beitritts im amerikanischen
Kongress folgende Prognose abgegeben: „Wenn unsere Hightech-Unternehmen
erst einmal das Internet und die Informationsrevolution
nach China tragen, dann wird das Kräfte freisetzen, denen
keine totalitäre Kontrolle gewachsen ist.“ Auf chinesischer
Seite hat dieses Statement die hinreichend bekannten Abwehrreflexe
ausgelöst: die Ideen und Bestrebungen zur Demokratisierung
werden als Teil einer von außen gesteuerten Strategie („friedliche
Evolution“) diskreditiert, die darauf abzielt, auch in China
die kommunistische Herrschaft zum Einsturz zu bringen und
das Land zu entmündigen. Das rückt jede offen gestellte
Forderung nach Systemveränderung automatisch in die Nähe
des Umsturzverdachts.
Tatsächlich
hat jedoch der Druck, der von innen auf den Umbau des gesellschaftlichen
und politischen Systems wirkt, bereits einen Grad erreicht,
dass es keiner weiteren Anstöße von außen bedarf. Dabei
kommt der Entscheidung der chinesischen Führung für den
WTO-Beitritt eine kaum zu überschätzende Bedeutung zu, die
in den längerfristigen Folgen weit über die engeren wirtschaftlichen
und sozialen Auswirkungen hinausgeht. Die Umsetzung der
ökonomischen Reformvorgaben und der Übergang zu einer arbeitsteiligen
marktwirtschaftlichen Ordnung bedeuten, dass sich in diesem
Prozess schrittweise auch die Gewichte zwischen Staat/Partei
auf der einen und den zunehmend selbstbewussten wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Akteuren auf der anderen Seite verschieben.
Um das System funktionsfähig zu halten, werden damit neue
institutionalisierte Steuerungsmechanismen und Entscheidungsstrukturen
notwendig.
Die Dynamik, die eine allmähliche Öffnung auch des politischen
Systems für Meinungsvielfalt und Mitbestimmung begünstigt,
geht hauptsächlich von drei Faktoren aus: der Lockerung
der administrativen und ideologischen Kontrolle durch Staat
und Partei, der Stärkung des Rechts und damit der Fähigkeit
zur Selbstbehauptung gegenüber behördlicher Willkür sowie
von der Emanzipation, zu der vor allem die neuen, kaum zu
kontrollierenden Möglichkeiten zu umfassender Information
und unabhängiger Meinungsbildung beitragen.
Durch die anstehenden Strukturveränderungen in der Wirtschaft
beschleunigt der WTO-Beitritt einen Auflösungs- und Entflechtungsprozess,
der bereits in vollem Gange ist und unmittelbare gesellschaftspolitische
Auswirkungen hat. Der weitgehende Verzicht auf planwirtschaftliche
Eingriffe in Unternehmensentscheidungen und der wachsende
Anteil, den die Privatwirtschaft zur Wertschöpfung beiträgt,
haben zur Folge, dass die Instrumente, mit denen Staat und
Partei bisher die Gesellschaft kontrollieren und Wohlverhalten
auch durch subtilen organisatorischen Druck von der Basis
(Parteizellen in den Betrieben und Straßenkomitees) erzwingen
konnten, wirkungslos werden. Bemerkbar macht sich der fortschreitende
politische und soziale Bindungsverlust etwa bei der Reform
der Staatsunternehmen, die bis auf einige Schlüsselindustrien
verkauft oder in Publikumsgesellschaften verwandelt werden
sollen. Wo die einstmals garantierte lebenslange Beschäftigung
und die soziale Rundumversorgung („eiserne Reisschale“)
entfallen, lässt sich bei der Industriearbeiterschaft auch
kein Loyalitätsanspruch mehr durchsetzen.
Das prominenteste Beispiel für den Wandlungsprozess ist die
Kommunistische Partei selbst. Aus der revolutionären Kaderpartei
alten Stils hat sich eine politische Organisation entwickelt,
die in ihrer Zusammensetzung nach Berufsgruppen, Bildungsstand,
Überzeugungen und Interessen den pluralistischen Zuschnitt
der chinesischen Gesellschaft abbildet. Dass die Mitgliederzahlen
nicht abnehmen, sondern steigen (derzeit rund 65 Millionen),
spricht nur vordergründig für die Festigung des alten Herrschaftssystems.
Tatsächlich entwickelt sich die KP von der Basis her zu
einer Volkspartei anderen Typs, deren aufgeklärte Mitglieder
nicht mehr ein gemeinsames Glaubensbekenntnis verbindet,
sondern das Interesse am persönlichen Fortkommen und der
Ehrgeiz, über die Partei leichter in gut dotierte Führungspositionen
aufzusteigen.
Diese Motivlage
lässt auf eine politische Grundeinstellung unter den Mitgliedern
schließen, denen im eigenen Interesse nicht an der Zuspitzung
von gesellschaftlichen Konflikten, sondern nur an Risikominderung
und Schadensbegrenzung gelegen sein kann. Der jüngste Beschluss
der Parteiführung, die KP nun auch für Privatunternehmer
zu öffnen, gibt dem Trend gewissermaßen den offiziellen
Segen. Die Anwerbung dieser Klientel beschleunigt den ideologischen
Erosionsprozess und stärkt die Kräfte, die auf Veränderungen
und eine Neudefinition des politischen Selbstverständnisses
drängen.
Die Grenzverschiebungen, mit denen sich das Herrschaftssystem
und seine Träger in unterschiedlichen Dosierungen für Mitsprache
und Beratung öffnen, war auch beim Abstimmungsprozess während
des WTO-Aufnahmeverfahrens zu beobachten, etwa in der gewachsenen
Rolle der wirtschaftswissenschaftlichen Institute in China.
Die think-tanks, die nur zum Teil mit Partei- und Regierungsorganisationen
verknüpft sind, haben nicht den Ausschlag für den WTO-Beitritt
gegeben. Sie haben die chinesischen Verhandlungsführer aber
mit unterstützenden wie kritischen Argumenten versorgt und
das Verhandlungsergebnis und seine politische Rechtfertigung
mitbestimmt.
Aufweichungen des staatlichen Regelungsmonopols zu Gunsten
von informellen, institutionell nicht abgesicherten Konsultationsmechanismen
zeigen sich auch an anderer Stelle. Im Zusammenhang mit
den WTO-Verhandlungen war der interne Verständigungsbedarf
darüber, welche Zugeständnisse für die einzelnen Wirtschaftsbereiche
verkraftbar sind, ein Faktor, der wesentlich zur Verlängerung
des Aufnahmeverfahrens beigetragen hat. Obwohl Partei und
Regierung bisher alle Anläufe zur Bildung von autonomen
Organisationen einzelner gesellschaftlicher Gruppen erfolgreich
unterbunden haben, wurde in diesem Verfahren deutlich, dass
sich vor allem wirtschaftliche Interessen in unterschiedlicher
Intensität und Wirksamkeit artikulieren können. Die berufsständischen
Organisationen und Unternehmerverbände, die es in China
in großer Zahl gibt, sind nach wie vor staatlich kontrolliert.
Das schließt aber nicht aus, dass sich daraus unter den
veränderten Bedingungen einer Marktwirtschaft ein robuster
Korporatismus entwickelt. Umgekehrt zeigt die Häufung von
wilden Streiks und anderen kollektiven Aktionen zur Selbsthilfe,
dass die Konfliktanfälligkeit und die Krisengefahr dort
am größten sind, wo Partei und Regierung den Kern ihres
Herrschaftsanspruchs in Gefahr sehen und selbst minimale
Zugeständnisse zu Gunsten von autonomer Interessenvertretung
und von geregelten Mechanismen zur Streitschlichtung verweigern.
Vor diesem
Hintergrund trägt auch der WTO-Beitritt Chinas dazu dabei,
dass sich die Frage nach institutionell neu geregelten Verhältnissen
nicht nur in der Wirtschaft, sondern auf allen Ebenen von
Staat und Gesellschaft künftig noch dringlicher stellt.
Die Bewältigung dieser Aufgabe fällt der neuen Führungsmannschaft
zu, die beim 16. Parteitag im Herbst 2002 und beim Plenum
des Nationalen Volkskongresses (NVK) ein halbes Jahr später
die Nachfolge von Jiang Zemin und Zhu Rongji antreten soll.
Von der Aufgeschlossenheit und der Flexibilität, mit der
sie dabei vorgeht, wird es abhängen, ob der große Sprung
in die Globalisierung für Chinas Entwicklung zu einem nachhaltigen
Gewinn wird oder zur Bruchlandung führt. Im Krisenjahr 1989
hatte es die Staats- und Parteiführung mit dem Aufbegehren
und den politischen Forderungen von Studenten und Intellektuellen
zu tun. Dieses Trauma wirkt nach.
Anders jedoch als zur Zeit des kurzlebigen Pekinger Frühlings
ist diesmal der einzuschlagende Weg durch eine von der politischen
Spitze selbst bestimmte Richtungsentscheidung vorgegeben
und damit gewissermaßen von innen zu legitimieren. Das erhöht
bei aller Unsicherheit von Prognosen die Chancen, dass unter
halbwegs stabilen Umständen die Wiederholung einer verheerenden
Konfrontation wie der vom 4. Juni 1989 vermieden werden
kann.