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Politik und Gesellschaft Online
International Politics and Society 3/1998
Elisabeth Stiefel
Über den Zwiespalt zwischen globaler Ökonomie und der simplen Sorge für das Leben

Vorläufige Fassung / Preliminary version

'Mehr Mut zum Markt' rufen derzeit viele, die von Politik und Gesellschaft eine Trendwende zum Besseren erwarten. Zwar weist die Liste der Faktoren, die eine freiheitliche, auf Markt und Wettbewerb gestützte Gesellschaftsordnung zu blockieren scheinen, je nach politischer Couleur durchaus Variationen auf, und nicht alle halten Markt und gutes Leben für ein Zwillingspaar. Doch wer an den Markt als einzige Quelle wirtschaftlichen Wohlstands glaubt, wer ihn für die große Drehscheibe für Waren, Wissen und Ideen hält, mag zwischen Markt und Wohlfahrt keine Kluft entdecken.

Mißtrauen gegen die segenstiftende Kraft des Markts steht im Geruch von Häresie und Eigenbrötelei. Kaum jemand wagt es, gegen Tausch und Wettbewerb grundsätzliche Argumente ins Feld zu führen. Selbst die schärfsten Kritiker der ökonomischen Globalisierung haben vor allem Mißbräuche im Visier und benennen in erster Linie die Auswirkungen der ungebremsten Kapitalmobilität über alle Grenzen hinweg. Bankenpleiten und Währungskatastrophen ziehen ganze Kontinente in Mitleidenschaft, und die Schachzüge der 'global players' machen die Bemühungen der Nationalstaaten zunichte, ihre Ökonomien auf Stabilitätskurs zu halten. Doch die lauter werdende Forderung nach 'Entschärfung' der Märkte, die vor allem aus der Zivilgesellschaft erhoben wird, bedeutet noch lange nicht, den Markt als Ort von sozial- und umweltverträglicher Entwicklung im Weltmaßstab in Frage zu stellen.

Der Begriff soziale Reproduktion, der unter dem Primat der Ökonomie zu allen Zeiten ein Schattendasein führte, ist im Zeitalter des globalen Markts vollends aus der Diskussion verschwunden. Besitzen Lebensvollzüge außerhalb des Markts irgendwo den Rückhalt, der ihnen ein Minimum an Unabhängigkeit und Eigenständigkeit gewährt? In welchem Verhältnis stehen wirtschaftliches Wachstum und soziale Nachhaltigkeit? Zwar wird allerorts beklagt, im Gefolge der Globalisierung vertiefe sich die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen einer dünnen Schicht der Besitzenden und der großen Mehrheit derer, die an den Rändern der Ökonomie ihr Leben fristen. Doch wer von wachsender Armut spricht, meint Einkommensarmut, nicht einen Mangel an Lebensqualität. Auch ist nicht die Rede davon, daß Frauen und Männer in ganz unterschiedlicher Weise betroffen sind.

Hier und dort mag ein sogenannter Querdenker schon einmal zu der Einsicht gelangen, daß Frauen eine wichtige Aufgabe haben, wenn es um lebenswerte Alternativen zur gegenwärtigen Wirtschaftsweise geht. In ihrer Zuständigkeit und Kompetenz für die Bewältigung des Alltags, für sorgende und versorgende Tätigkeiten wird von ihnen soziale Phantasie und praktische Gestaltungskraft erwartet. Doch in aller Regel verbleiben auch Zukunftsszenarien im vertrauten ökonomischen Bezugsrahmen. In unsichtbarer, aber gleichwohl verläßlicher Vorverständigung scheint man sich darauf geeinigt zu haben, daß Frauen nicht erwähnt werden müssen. Die traditionelle Blindheit für die ökonomische Dimension des Geschlechterverhältnisses läßt Ausblicke in bessere Zeiten allzu leicht zu Bilderbogen aus dem Schlaraffenland geraten, in denen Männern nichts abgeht und Frauen sehen, wo sie bleiben.

Gelegentlich drängt sich der Eindruck auf, die sogenannte Frauenrolle sei unabhängig von konkreten Personen, sozusagen eine Konstante im Trubel ökonomischer Wechselfälle. Traditionelle Frauenaufgaben scheinen dem Markt entzogen, gelten als 'Privatsache' der einzelnen Haushalte. Es ist an der Zeit, die Bedeutung des Privaten für das Wirtschaften zu erkunden. Nicht nur im Interesse von Frauen, sondern vor allem zugunsten einer Neubewertung der Lebensbereiche außerhalb des Markts ist die Kritik und Revision der Ökonomie unumgänglich.

Frauen im Diskurs der Ökonomie

1992 wurde in USA die International Association of Femiminist Economics aus der Taufe gehoben. Eine Handvoll Ökonominnen und Sozialwissenschaftlerinnen hatte sich spontan zusammengefunden über der Erkenntnis, daß Frauen in den ökonomienahen Studiengängen nicht nur als Hochschullehrerinnen, sondern auch als Studierende in krasser Weise unterrepräsentiert waren. Dies mußte etwas mit dem Fach zu tun haben, und zwar nicht nur mit den Arbeitsmarktchancen der AbsolventInnen, sondern auch mit den tradierten Schwerpunkten von Forschung und Lehre.

Von Anfang an war klar, daß der feministische Blick sich nicht blenden lassen durfte von den Begrenzungen dessen, was Ökonomen als Ökonomie betrachten und wofür sie universelle Gültigkeit zu reklamieren pflegen. Sehr schnell gelang die Auflösung des scheinbaren Widerspruchs zwischen Frauenausschluß auf der einen und dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit auf der anderen Seite. Mit Zitaten aus der Theoriegeschichte ließ sich die Überzeugung klassischer Ökonomen belegen, daß Frauen als verheiratet und deshalb als versorgt zu gelten haben. Außerdem seien sie zu wirtschaftlichem Handeln ohnehin nur bedingt befähigt, da sich Rationalität und Weiblichkeit nicht unter einen Hut bringen ließen. Darüber hinaus schade die Teilnahme von Frauen am Erwerbsprozeß nicht nur der weiblichen Moral, sondern vor allem dem Wohlergehen der Familie und damit der Wohlfahrt von Staat und Gesellschaft.

Die Widerstände der Fachdisziplin gegen weibliche Autonomie und ökonomische Selbständigkeit waren übrigens keineswegs auf das bürgerliche Lager beschränkt, sondern fanden lebhaften Widerhall bei großen Teilen der Arbeiterbewegung bis hin zu Marx als sozialistischem Vordenker. Die strikte Unterscheidung früher Autoren zwischen Ökonomie und Familie, zwischen industrieller Warenproduktion und personenbezogener Fürsorge besaß nicht nur Bedeutung für das Selbstverständnis der ökonomischen Disziplin im 19. Jahrhundert, sondern formte nachhaltig die Horizonte zukünftiger Theoriebildung. Gegenstand der Reflexion über Wirtschaften war nicht die physische und soziale Versorgung von Jung und Alt in gegenseitiger Verantwortung, sondern die Produktion und Verteilung materieller Güter. Der im Privatbereich männlicher Wirtschaftssubjekte angesiedelten Frau überantwortete man ohne Bedenken die Verantwortung für Gesundheit und Wohlbefinden von Männern und Kindern, für ein behagliches Heim, für die Pflege von Kranken und Alten. Öffentliche Verachtung und zahlreiche Verbote galten insbesondere erwerbswilligen Müttern. Man machte sie zuständig für die hohe Kindersterblichkeit und die Verhaltensauffälligkeiten der ihnen Anempfohlenen. Ihre umfassende Verpflichtung zu Arbeit, die nicht als Arbeit galt, war durch das Ehe- und Familienrecht festgeschrieben. Die Rechte, die diesen Pflichten gegenüberstanden, waren zu allen Zeiten prekär, sie bezogen sich bestenfalls auf Unterhalt, den Väter oder Ehemänner zu leisten haben sollten.

Es ist nützlich, sich angesichts der Globalisierung der Märkte rückzubesinnen auf frühe Positionen. Waren sie doch nicht nur für das Nachdenken über Wirtschaft und Wirtschaften, sondern immer auch für politische Entscheidungen richtungweisend. Noch in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts erklärte man im sogenannten freien Westen unverhohlen, durch steuer- und familienpolitische Entscheidungen Ehefrauen davon abhalten zu wollen, sich nach bezahlter Arbeit umzusehen. Unsere Einkommensbesteuerung, die mit oder ohne Splitting das zweite Einkommen als Zuverdienst behandelt und dank des progressiven Tarifs stärker abschöpft als das erste, hat hier ihre Wurzeln. Frauen sollte die Lust auf das eigene Geld verdorben werden, weil es ihnen sowieso wieder abgenommen wurde.

Die His-Story ökonomischer Reflexion, wie sie von der Fachdisziplin tradiert wird, beginnt mit der Neuzeit, d.h. im 17. Jahrhundert. Der Merkantilismus konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf die Produktivitätssteigerung industrieller Arbeit und die Förderung internationalen Handels mit dem Ziel der Mehrung nationalen Reichtums. Auch wenn es zu simpel wäre, den globalen Weltmarkt der Gegenwart mit schnellem Fadenschlag an die ökonomische Frühgeschichte anzubinden, ist die Ökonomie doch die Faszination für die arbeitsteilige Warenproduktion nicht mehr losgeworden. Nationaler Reichtum war damals gleichbedeutend mit Staatsmacht, und nicht zufällig fällt die Entstehung merkantilistischen Denkens zusammen mit der Bildung der großen Kolonialreiche. Es versteht sich von selbst, daß unter diesem Vorzeichen von Frauen und ihren Belangen nicht die Rede war. An materiellem Reichtum hatten sie ggf. als Gattinnen teil, und auch für die damals betriebene Bevölkerungspolitik waren sie nicht als Mütter, sondern als Ehefrauen von Männern interessant.

Der Ausschluß der Frauen aus der Ökonomie reicht tiefer zurück in die Geschichte, als es die His-Story der Wirtschaftslehre vermuten läßt. Bis zum Mittelalter gehörte das Nachdenken über Wirtschaften zum Metier von Philosophen und Theologen. Persönlich bin ich der Meinung, daß es ergiebig sein könnte, die Wurzeln für nicht verfolgte Alternativen des Wirtschaftens, aber auch die Ursprünge für die Borniertheiten des historischen Mainstreams bei Aristoteles zu suchen. Er unterschied zwischen Chrematistik und Ökonomik und setzte beide in Bezug zum Oikos, dem ganzen Haus, in dem Frauen und Kinder, Gesinde und Sklaven unter der Führung eines Mannes zusammenlebten, der als einziger Bürgerrechte in der Polis genoß. Aristoteles legte großen Wert auf die begriffliche Trennung von Chrematistik als Erwerbslehre und Ökonomik als Haushaltslehre. Zwar sei die Erwerbskunst von Natur her eigentlich Teil der Haushaltskunst, die ihrerseits auf Verwendung der häuslichen Habe gerichtet sein müsse. Doch allzu leicht werde der Erwerbskunst Eigenwert beigemessen. Ohne Verankerung im Hauswesen entwickle die Chrematistik die Tendenz, sich zu verselbständigen und die Orientierung am Wohl und Wehe der Gemeinschaft zu vergessen. In diesem Fall entstehe die Überzeugung, es gebe für Reichtum und Besitz keinerlei Grenzen.

Alternative ÖkonomInnen aus dem Umweltbereich, deren Ziele vor allem dem Erhalt der physischen Umwelt verpflichtet sind, berufen sich gerne auf diese These als handlungsleitende Maxime für eine Ökonomie, die sich mit der Kategorie 'Genug' dem Zwang zum grenzenlosen Wachstum widersetzt. Auch sie bleiben damit allerdings einem Ökonomieverständnis verhaftet, das Wirtschaften vorrangig als materielle Produktion versteht. Sie übersehen, daß die Begrenzung des Verbrauchs physischer Ressourcen noch lange nicht gleichbedeutend ist mit der Kunst haushälterischen Handelns. Wer über Bedürfnisse und ihre Befriedigung nachdenkt, darf deren emotionale, soziale und kulturelle Bedingtheit nicht außer acht lassen.

Der ideologische Charakter des ökonomischen Haushaltsbegriffs

Ein feministisch-ökonomisches Interesse an Aristoteles fragt nach dem Oikos als Beziehungsgeflecht und dessen Bedeutung für die gesellschaftliche Ordnung und den Staat. Damit rückt die Position des Mannes als Oikonomikos bzw. Hausverwalter in den Mittelpunkt. Seine Verfügungsmacht über das Hauswesen ermöglicht dessen Einsatz für Interessen, die nicht mit denen der Hausgemeinschaft identisch sein müssen. Doch wiederum ist auch hier vor einer zu engen Sicht zu warnen. Annemarie Schweighofer kritisiert den "Einsatz des Oikos im Kapitalerwerbswesen und für die Teilnahme an der Politik des staatlichen Männerbundes" (Schweighofer 1997, S. 11). Doch das Spektrum möglichen Mißbrauchs ist damit nicht hinlänglich gekennzeichnet. Beziehungsgeflechte sind verknüpft mit der Verwendung materieller Güter, ihre Bedeutung geht darüber jedoch weit hinaus. Zwar ist der Oikonomikos der Antike nicht zu verwechseln mit dem homo oeconomicus späterer Zeiten, dessen wirtschaftliches Eigeninteresse im freien Spiel von Markt und Wettbewerb auch die Wohlfahrt aller anderen fördert. Doch obwohl der Oikonomikos als Familienoberhaupt bzw. Haushaltsvorstand das ihm anheimgegebene Hauswesen in der Polis repräsentiert, bleibt er doch gleichzeitig Individuum - Mann unter anderen Männern. Damit fehlt dem sozialen Zusammenhalt im Binnenraum des Haushalts die Spiegelung in der öffentlichen Ordnung. Auf dem Prüfstand stehen daneben die Spielräume für die bare leibliche Reproduktion. Allein die Begrenztheit vorhandener Zeitressourcen gebietet die Berücksichtigung der Sorge für sich und andere gegenüber der Verwendung menschlicher Arbeit für die Herstellung materieller Güter.

John Kenneth Galbraith war einer der wenigen männlichen Ökonomen, die sich jemals anheischig gemacht haben, den Frauen die Absurdität der ihnen zugewiesenen Aufgaben in einer auf materielle Produktion spezialisierten Ökonomie vor Augen zu führen. Er bedauert, daß Frauen Volkswirtschaft studieren, ohne zu entdecken, auf welche Weise sie von der Wirtschaft ausgenutzt werden. Obwohl sich unter den Frauen aller Industrieländer ein gewisses Maß von Rebellion bemerkbar mache, fehle ihnen leider ein klarer Einblick in wirtschaftliche Zusammenhänge. In ihrer Rolle als Hausfrau bezeichnet Galbraith die Frau als Verwalterin des Konsums und kritisiert ihre Funktion als Instrument der Konsumausweitung. Anstelle der Domestizierung durch die Ehe fordert er ihre Befreiung von der Verpflichtung zu niederen Diensten an den Haushaltsmitgliedern. Obwohl sich Galbraith nicht anheischig macht, seine Fachdisziplin konsequent aus der Sicht von Frauen zu kritisieren, entwickelt er doch bemerkenswerte An- und Einsichten. Er tadelt das Haushaltsverständnis zeitgenössischer Ökonomen als raffinierte Verschleierung des Beziehungsgefüges der Privatsphäre. Zwar gehörten zu einem Haushalt mehrere Individuen, doch die klassische Theorie stelle Haushalt und (männliches) Individuum gleich. In der anerkannten Wirtschaftslehre fungiere der Haushalt vor allem als Deckmantel für männliche Autorität (Galbraith 1976, S. 42 ff).

Es braucht nicht viel Scharfsinn, um Parallelitäten zu entdecken zwischen dem Oikos der Antike und der Mißachtung weiblicher Aufgaben im Haushaltsverständnis moderner Ökonomen. Das Verhältnis von Polis und Oikos im alten Griechenland ist in frappierender Weise vergleichbar mit dem Verhältnis der warenproduzierenden Ökonomie der Industriegesellschaft und dem Haushalt als seiner kleinsten Einheit. Die Polis zum einen und die Ökonomie zum andern konstituiert sich aus Männern, die als autonome Individuen und verantwortliche Repräsentanten ihres Hauswesens bestimmen, was Öffentlichkeit ist und als öffentliches Interesse zu gelten hat. Es liegt auf der Hand, daß sie versucht sind, im Wettstreit um persönliche Macht und Einfluß zu vergessen, daß der Hausgemeinschaft und jedem einzelnen ihrer Mitglieder Ressourcen verbleiben müssen, die vor dem Zugriff der warenproduzierenden Marktgesellschaft und der sie stützenden öffentlichen Ordnung zu schützen sind. Schweighofer kennzeichnet das durch Aristoteles begründete Verhältnis von Politik und Ökonomie als Herstellung und In-Gang-Haltung von Austauschströmen unter den politisch-ökonomischen Akteuren, die in ausbeuterischer Weise ihren persönlichen Interessen gegenüber den Bedürfnissen ihres Hauswesens Vorrang einräumen (Schweighofer 1997, S. 11).

Der Gesellschaft geht die Arbeit aus - sagen die einen - Arbeit gibt's genug, aber sie ist zu teuer - sagen die anderen. Arbeitgeber, Gewerkschaften, Parteien und die Umweltlobby haben ideologischen Schutt beiseite geräumt und sich zugunsten des Standorts D auf die Senkung der Lohnnebenkosten geeinigt. Ins Schußfeld geraten vor allem diejenigen, die vom System 'Arbeit' Gratisleistungen erwarten. Schließlich werden z.B. die gesetzlichen Renten- und Krankenkassen aus Beiträgen alimentiert, die von Arbeitgebern und richtigen Arbeitsplatzbesitzern aufgebracht werden müssen. Wer unter dem unsicheren Horizont der globalisierten Ökonomie noch gutes Geld verdient, will es nicht teilen müssen. Die Reihen und Riegen des warenproduzierenden Systems schließen sich, um in der Not wenigstens den Status derjenigen zu erhalten, die schon immer dazugehörten. Wohin die Sonstigen sich retten sollen - Frauen, Kinder, Alte, Arbeitslose, Flüchtlinge und andere 'ökonomisch Nichtaktive' - ist nicht nur ungeklärt, sondern erscheint nachrangig. Kinder sind schon lange überproportional Kostgänger der Sozialhilfe, ihr Start in die Zukunft wird ein Fehlstart gewesen sein. Für Erwachsene gewinnt der Arbeitsmarkt in nie gekanntem Ausmaß den Stellenwert der letzten Zufluchtsstätte. Existenzgründungen boomen ebenso wie nicht existenzsichernde Arbeitsverhältnisse und illegale Beschäftigung.

Zusätzliche Arbeitsplatzpotentiale sind vor allem in Luftschlössern angesiedelt. Zu diesen gehört z.B. die Vorstellung, daß auch Männer in größerer Zahl sich dem bislang fast ausschließlich weiblichen Heer der Teilzeitarbeitenden zugesellen. Selbst in Holland, dem Vorzeigeprojekt der Teilzeiter, ist die gesetzliche Verankerung freiwilliger Teilzeitarbeit vor kurzem mißlungen. Auch die Vorstellung, die Frauenrolle im Privathaushalt ließe sich durch ein paar steuer- und sozialrechtliche Kniffe in ein schier unerschöpfliches Arbeitsplatzreservoir verwandeln, erweist sich als Schimäre. Zwar erschallt seit Jahr und Tag der Ruf nach einer Neubewertung bzw. Neubestimmung von Arbeit, und Hausarbeit ist wenigstens statistisch zur Haushaltsproduktion mutiert. Doch der Arbeitsplatz Privathaushalt ist nicht ein Arbeitsplatz wie jeder andere. Was die Hausfrau tut, versickert im Privatbereich effizienzbesessener Ehemänner, es ist ökonomisch undefiniert, um nicht zu sagen nichts. Thorstein Veblen, Ökonominnen bekannt aus der Theoriegeschichte des frühen 20. Jahrhunderts, beschrieb die Funktion der bürgerlichen Hausfrau kurz und markant: "Nach dem Idealbild der Geldkultur ist die Dame des Hauses gleichzeitig oberste Hausmagd" (zitiert nach Galbraith 1976, S. 40). Häuslichen Diensten, ob bezahlt oder unbezahlt, haftet von jeher der Makel der Wertlosigkeit an, sie sind eng verknüpft mit der Wertlosigkeit der unproduktiven, ökonomisch ausgeblendeten Frau.

Ungeachtet einer am männlichen Ökonomiemodell orientierten Kampagne 'Frauen in Männerberufe' diskutieren Frauenforscherinnen und Frauenverbände seit Jahren über die Möglichkeit der 'Aufwertung' von Frauenberufen. Doch auch unter diesem Vorzeichen gerät frau unweigerlich ins Gehege des ökonomischen Haushaltsbegriffs. Der moderne Frauenberuf hat seinen Ursprung in der Existenznot lediger Frauen aus bürgerlichen Elternhäusern, die lebenslang von ihren Vätern oder Brüdern unterhalten werden mußten. Ihre persönliche Unabhängigkeit lag nicht nur im Interesse der Frauen selbst, sondern auch der unterhaltspflichtigen Männer bzw. Familien, für die eine überzählige Angehörige eine arge Last bedeutete. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entfalteten sich in der bürgerlichen Gesellschaft wachsende Spielräume für die Professionalisierung traditioneller Frauenaufgaben. Obwohl bis heute schlecht bezahlt und wenig anerkannt, öffnete der Bereich der sozialen Dienstleistungen den Frauen das Tor zum eigenen Verdienst.

Allerdings sind in der vom industriellen Paradigma geprägten Erwerbsstatistik der warenproduzierenden Wirtschaft personenbezogene, in ihren Ursprüngen von Frauen in der Familie verrichtete Tätigkeiten auch heute noch unpassend und sperrig. Sie werden in milchige Restkategorien gebündelt und der Rubrik der konsumorientierten Dienstleistungen zugeordnet. Auf dem Hintergrund einer feministisch trainierten Rezeption der ökonomischen Wirtschaftsweise reflektieren solche Verknüpfungen in aller Schärfe den Familienhaushalt klassischer Prägung, für den die Frau nicht mit ihren Versorgungsleistungen, sondern nur als Konsumentin des Ernährereinkommens in Erscheinung tritt. Ihre Person und ihr Arbeitsvermögen erscheinen verfügbar, von Politik und Öffentlichkeit werden sie nicht ihr selbst, sondern dem Haushalt als Wirtschaftseinheit gutgeschrieben. Was dies in der Realität bedeutet, läßt sich plastisch an Beispielen darstellen: Pflegeleistungen für kranke Angehörige schlagen wirtschaftlich nur in Form der verbrauchten Medikamente zu Buch. In ökonomischen, auf den männlichen Produzenten zugeschnittenen Kategorien fungiert der Haushalt andererseits ausschließlich als Ort von Freizeit und Konsum seines Oberhaupts. Was mit der ausgeblendeten Frau im Abseits bleibt, läßt sich nicht einmal in Annäherungen ermessen.

Die Studentenrevolte 1968 gilt als Ausgangspunkt nicht nur eines neuen Ökonomieverständnisses, sondern auch der Neuen Frauenbewegung. Die rebellierenden Frauen versuchten, mit dem Terminus der Reproduktion für sich und ihre Versorgungsarbeit die Tür zum ökonomischen Gehege wenigstens einen Spalt breit aufzusperren. Doch der Begriff blieb im warenproduzierenden System und seinen Theorien ebenso verwaschen wie der Frauenberuf. Auch andere Ausbruchsversuche aus dem von materieller Produktion usurpierten Terrain des Wirtschaftens blieben auf halbem Wege stecken. Aus dem modernen Begriff der Haushaltsproduktion, der die Wichtigkeit des Haushaltsgeschehens sichtbar machen soll, blieb per definitionem alles ausgeschlossen, was nicht anonym von Dritten, und d.h. ebenso gut über den Markt geleistet werden kann. Ebenso unfreiwillig wie nachhaltig prallen die Aufwertungsversuche dessen, was der ökonomische Haushaltsbegriff hermetisch verdeckt, immer aufs neue an der Systemimmanenz der Widerstände ab. Genaueres Hinsehen entlarvt auch die Forderung "Hausarbeit ins Bruttosozialprodukt" als Einstieg in ein höchst fragwürdiges Unterfangen. Das vom Statistischen Bundesamt inzwischen etablierte Satellitensystem zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verführt selbst gutwillige ÖkonomInnen zur Anerkennung der sozialen Dimensionslosigkeit des Ernährerhaushalts. Überfällig ist stattdessen der Diskurs über die Tauglichkeit des industriellen Paradigmas, einer menschenwürdigen Zukunft den Weg zu ebnen oder ihn wenigstens nicht zu versperren.

Beispiele für die Ausweglosigkeit der Sackgasse, in die sich die global produzierende Gesellschaft verlaufen hat, liefern zuhauf gerade diejenigen, die der Falle zu entrinnen versuchen. Immer wieder ist in den vergangenen Jahrzehnten versucht worden, die herkömmliche Gleichsetzung von Wohlstand und Wohlfahrt aufzubrechen und das gute Leben abzukoppeln von materiellem Reichtum. Zu den eifrigsten Verfechtern eines neuen Wohlstandsmodells gehören - insbesondere seit der Rio-Konferenz 1992 - jene, die sich für Zukunftsfähigkeit engagieren. Theorie und Praxis zukunftsfähigen Wirtschaftens sollen dafür Sorge tragen, daß materielle und immaterielle, monetarisierbare und nicht monetarisierbare Güter nicht länger isoliert voneinander, sondern in ihrer Interdependenz gesehen werden. Damit rücken Tatbestände wie z.B. subjektives Wohlbefinden oder die Verfügbarkeit von "Eigenzeit", die immer strikt als Privatsache angesehen wurden, in den ökonomischen Betrachtungshorizont.

Diese Verschiebung bedeutet weit mehr als eine Verlagerung der bisherigen Schwerpunkte. Unter dem Vorzeichen von Personalität und solidarischen Sozialbeziehungen kann der Binnenraum des patriarchalen Haushalts, der für Ökonomen immer als exterritorial gegolten hat, nicht länger außer Betracht bleiben. Die Frau und ihre Arbeit, als 'weibliche Natur' sozusagen den wirtschaftlich 'freien Gütern' zugerechnet, gewinnt eine bisher unbekannte Relevanz. Gleichzeitig entsteht die Gefahr, daß das Nachdenken über Quantität und Qualität unbezahlter Arbeit zum Verschleierungsritual für die Geschlechterdimension pervertiert. Zur Erschließung der sozialen Dimension des Wirtschaftens ist es keinesfalls ausreichend, eine imaginierte Küchentür aufzumachen. Die AutorInnen eines vom deutschen Forum für Umwelt und Entwicklung herausgegebenen alternativen Werkstattberichts zur Zukunftsfähigkeit machen unfreiwillig deutlich, daß der Weg zu einer anderen Wirtschaftsweise noch im Nebel liegt. Sie beklagen das Fehlen zielgerichtet abrufbarer Daten, weil vorhandene Statistiken auf traditionelle, ökonomisch definierte Fragestellungen zugeschnitten sind. Doch auch in dieser Publikation finden sich bezahlte und unbezahlte Arbeit gleichermaßen den Anstrengungen für die Produktion materiellen Wohlstands zugerechnet (Deller 1997, S. 18).

Es bedarf eben jener, bereits erwähnten feministisch-ökonomischen Perspektive auf das Wirtschaftsverständnis der Industriegesellschaft, um in scheinbar zufälligen Merkwürdigkeiten die Scheuklappen einer auf warenproduzierende Männer verengten ökonomischen Wahrnehmung zu entdecken. Versorgungsarbeit im Binnenraum des Haushalts wird in letzter Konsequenz als Reproduktion, d.h. als Wiederherstellung des Produzenten gewertet. Die andere Qualität des Haushaltsgeschehens, die eben gerade nicht vergleichbar ist mit "Produktion", bleibt ausgeblendet, ist begrifflich nicht darstellbar. Die amtliche Statistik erhellt den 'Haushalt' als den Ort, an dem der Produzent mit seinen Angehörigen konsumiert, was ihm aus der auf materielle Bedürfnisse zugeschnittenen Ökonomie zugeflossen ist. Nur er gilt dabei als Vollverbraucher, die zweite Person im Haushalt erhält 7/10, Kinder die Hälfte von dem, was ihm zusteht. Von unbezahlter Arbeit und ihrer menschlich-sozialen Dimension ist nicht die Rede, selbst die sogenannte Haushaltsproduktion bleibt unerwähnt. Jeder Gedanke daran, daß innerhalb des Haushalts Leistungs- und Energieströme fließen, die weder ideell noch materiell identisch sind mit materieller Produktion, verbietet sich quasi von selbst. Das ökonomisch-industrielle System, das die Frau und ihre Kinder als Konsumenten des Ernährereinkommens deklariert, ist geschlossen. Wer draußen ist, hat Pech gehabt, bleibt anonym. Dies gilt selbst für diejenigen, die z.B. über die Ehe Unterhaltsansprüche geltend machen können. Aus eigenem Zugang stehen auch der traditionellen Familienfrau keinerlei Ziehungsrechte gegenüber dem gemeinsam erwirtschafteten, jedoch ihrem Partner individuell zugeordneten Arbeitsertrag zu. Die ökonomische Bedeutungslosigkeit der Haushaltsmitglieder kommt nirgendwo deutlicher zum Ausdruck als in der amtlichen Bezeichnung, die für sie verwendet wird: Zuteilungen erfolgen pro Kopf, nicht pro Person.

Wir sollten uns nicht blenden lassen von pragmatischen Hilfskonstruktionen wie dem an der Zugehörigkeit zum monetären System orientierten Arbeitsmarkt. Die Doppelbödigkeit des ökonomischen Systems, seine Tiefen und Untiefen spiegeln sich darin höchst unzulänglich. Für alle, die sich die Mühe des genauen Hinsehens machen, verläuft die Systemgrenze nicht zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit, sondern zwischen materieller Produktion und personenbezogenen/sozialen Dienstleistungen. Unter dem Signum Globalisierung und Standortsicherung offenbart sich in erbarmungsloser Deutlichkeit, daß das männerzentrierte Wirtschaftssystem noch nicht einmal in seinen Utopien eine Alternative besitzt zum grenzenlos wachsenden Output monetär definierter, d.h. als Haushaltseinkommen verstandener industrieller Lohnarbeit.

Jenseits von Produktion und Konsum: für eine Symbiose von Ökonomie und Leben

Es erscheint geradezu absurd, nichttechnische bzw. nicht produktionsorientierte Dienstleistungen unter einer Rubrik 'Konsumorientierung' zusammenzufassen, denn gerade mit Konsum haben sie nicht viel gemein. Doch für die moderne Sichtweise der Ökonomie existiert jenseits von Konsum offenbar nichts mehr, was wirtschaftlich von Bedeutung wäre. Weil sich die Produktivität von personenbezogenen, originär von Frauen verrichteten Tätigkeiten nicht messen kann mit der auf maximalen Output zugeschnittenen Industrieproduktion, erscheint es aus der Perspektive der Ernährerökonomie fast beliebig, ob personale und soziale Versorgung in oder außerhalb der Familie erbracht wird. Ohnehin verringert der Druck globaler Märkte weibliche Erwerbschancen im personenorientierten Frauenberuf, der in den Bereich flexibler und niedrig entlohnter Dienstleistungen abzugleiten droht.

Ungeachtet bedauernswerter Blockaden im Bereich theoretischer Reflexion und politischen Handelns entwickeln gelegentlich auch Vertreter der ökonomischen Wirtschaftsweise ein Bewußtsein dafür, daß die lineare Fortschreibung der Marktökonomie in die falsche Richtung führt. Allzu eindeutig bedroht die ungehemmt wuchernde Ausweitung monetarisierter Transaktionen nicht nur die physische Umwelt, sondern auch das Sozialgefüge in lebenszerstörerischer Weise. Im Umfeld des Themas Mensch-Natur-Technik sagte John Hormann, Moderator des Symposiums Zukunft der Arbeit im Dezember 1996: "Früher war der Maßstab der Wirtschaft Boden, Kapital und Arbeit. Hinter der Arbeit verbargen sich Menschen. Heute ist der Maßstab der Wirtschaft Produktivität - um nicht zu sagen Wirtschaftskannibalismus. Die Frage ist, was wird der Maßstab der Wirtschaft morgen sein?" Er setzt seine Hoffnung auf eine Kultur der Zusammenarbeit (Dokumentation Zukunft der Arbeit 1997, S. 13).

Weder er noch die Vielzahl der AutorInnen, die sich in der jüngeren Vergangenheit von einer neuen Ethik und Kultur des Wirtschaftens eine Trendwende erhoffen, wagen sich an die Analyse des ökonomischen Geschlechterverhältnisses und der unterschiedlichen Erwartungen heran, die von Frauen und Männern im Prozeß des Umsteuerns zu erfüllen sein werden. Der Mensch als Mann und mit ihm der ökonomische Grundbaustein bleiben unangetastet, tabuisiert. Schon die Wortwahl für neue Kategorien des Wirtschaftens offenbart die Fixierung auf die Vorstellungswelt der Industriegesellschaft mit ihrer Euphorie des Produzierens. Sozialkapital, Humankapital, Haushaltsproduktion, Produktion von Pflege- und Versorgungsleistungen (production of care) sind nur einige der Begriffe, die innerhalb des vergangenen Jahrzehnts in Gebrauch genommen wurden. Sie lassen sich leicht als Differenzierung des Begriffs Reproduktion interpretieren, dessen verschwommene Konturen durch die Ausfächerung allerdings nicht deutlicher werden. Allesamt charakterisieren sie den Vorstoß der Ökonomie in ihr menschliches Umfeld und damit in das Territorium der den Frauen zugeschriebenen Haus-, Betreuungs-, Erziehungs- und Pflegearbeit, die traditionell über den Mann als Haushaltsvorstand und Familienernährer in Dienst genommen wurden, gesellschaftlich verfügbar erschienen.

Besonders prekär ist die Versuchung von Umweltökonomen, im Namen von Nachhaltigkeit verstärkt die soziale Mitwelt industriellen Wirtschaftens mit Beschlag zu belegen. Zwar haben Umweltexperten durchaus zugestanden, daß die Natur im Prozeß des Produzierens als res extensa, d.h. als unbewußt Stoffliches, als dingliches Objekt behandelt werde, (Immler 1990, S. 317), doch die Analogie zu der ökonomisch exterritorialen Arbeit der Frauen tritt nicht in Erscheinung. So entdeckt etwa der Bestseller "Zukunftsfähiges Deutschland" aus dem Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie scharfsichtig, daß die Nebenkosten industrieller Lohnarbeit (die in unserem Land u.a. zur Finanzierung der sozialen Infrastruktur einschl. familienunterstützender Maßnahmen verwendet werden) gesenkt werden können, wenn die Haushalte ihre Fähigkeiten für Eigenarbeit und "Selbstproduktion" mobilisieren. Die sog. Reproduktionsarbeit - vor allem definiert in den vertrauten Begriffen weiblicher Haushaltsarbeit - erfährt unerwartet lobende Erwähnung. Eine Verpflichtung der Männer zur Mithilfe in diesem Bereich scheint nicht angezeigt, dagegen verspricht man sich vom selbstverdienten Geld der Frauen einen Zuwachs an weiblicher Autonomie. Ausgeklammert bleibt die Frage nach der zukünftigen Rolle der offenbar allseits zu entlastenden Männer und ihren aktiven Beiträgen zum Lebenserhalt. Sollten vor allem sie es sein, deren Willen zum Nichtstun ebenso zu prämieren sein wird wie ihre Bereitschaft zur Arbeit? (Loske 1996, S. 354 ff.) Obwohl die Studie den Anspruch erhebt, die alten Kategorien von Arbeit und Freizeit, von Produktion und Konsum in Frage zu stellen, gelingt es ihr an keiner Stelle, diese analytisch aufzubrechen.

Zur Vierten Weltfrauenkonferenz in Peking hat die Weltbank eine Publikation vorgelegt, die gesellschaftliche Strukturen und Prozesse auf die Mechanismen untersucht, die Frauen und ihre Kinder ins Abseits drängen. Mit einem Zitat "Wir müssen sehen lernen, was wir zu übersehen gelehrt worden sind" fordert sie die Weltöffentlichkeit zum Mitdenken auf (Toward Gender Equality 1995, S. 43). Doch solange selbst Wirtschaftsforschungsinstitute zwischen Haushalt und Person keine Unterscheidung treffen, gewinnt das erhoffte Umdenken noch nicht einmal in Umrissen Gestalt. Wie ein unsichtbares Fadenkreuz markiert die anscheinend unwandelbare Ordnung des ökonomischen Grundbausteins (Familien)Haushalt nicht nur Richtung und Reichweite ökonomischer Prozesse, sondern blockiert gleichzeitig das Nachdenken über sozialverträgliches und damit zukunftsfähiges Wirtschaften.

Ohne Analyse des Ernährerhaushalts bleibt z.B. der weltweite Trend zur Verarmung von Frauen und Kindern bei ebenso wachsender weiblicher Erwerbsbeteiligung vollkommen unerklärlich. Doch Mainstream-Ökonomen schotten sich gegenüber Einsichten ab, die ihr Theoriegebäude ins Wanken bringen könnten. Wer wollte sich dazu bekennen, daß Frauenlöhne im Design der Marktgesellschaft in erster Linie der Erleichterung von Unterhaltslasten männlicher Ernährer dienen? Wo sind die Befürworter von mehr Zeit und Geld für Kinder im Konzert der Sozialstaatsdiskussion? Mehr oder weniger selbstverständlich galten sozialstaatliche Unterstützungsleistungen westlicher Wohlfahrtstaaten vom Grundsatz her dem männlichen Lohnempfänger in der Annahme, auch ihm stehe es zu, über das Medium Ehe und Familie für sich und seine Kinder weibliche Dienste in Anspruch nehmen zu können.

Besonders pikant ist die Vorstellung, daß in diesem System die unverheiratete Mutter, die von keiner Seite Unterstützung erhält, als Nettozahlerin fungiert, sobald sie Beiträge zur sozialen Sicherung entrichtet. Der homo oeconomicus, Leitfigur neoliberaler Wirtschaftsexperten und ihrer neoklassischen Vorgänger, sollte in seiner postulierten Selbstbezogenheit nicht nur als theoretisches Konstrukt, sondern durchaus als reales gesellschaftliches Leitbild ernst genommen werden.

Die Krise der patriarchalen Warenökonomie

Es wäre trotzdem falsch, die Geschlechter unter den Rubriken Gewinner/Verlierer feindlichen Lagern zuzuweisen. Die Reduktion menschlichen Wirtschaftens auf die Produktion von Marktgütern war von Anfang an nicht nur eine gesellschaftliche Einbahnstraße, sondern führte vor allem Männer in die Sackgasse. Sie hat der Hegemonie des Kapitals wenn nicht Vorschub geleistet, so doch zumindest keinen Widerstand entgegengesetzt. Die Hoffnung früher Ökonomen, die innere Dynamik der Produktivkräfte werde schließlich auch dem Armen als Besitzer männlicher Arbeitskraft seinen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum sichern, hat sich als trügerisch erwiesen. Menschliche Hand- und Kopfarbeit, fehleranfällig, beschleunigungsresistent und vergänglich, findet sich im Rahmen automatisierter Warenproduktion und der ihr zugeordneten Dienstleistungen längst an den Rand gedrängt.

Mit der grenzüberschreitenden Kapitalmobilität verliert die Warenproduktion selber ihre Standfestigkeit. Im Strudel der Finanzmärkte ist die auf den Mann zugeschnittene traditionelle Symbiose von Marktproduktion und Kapitalverwendung immer brüchiger geworden. Gleichzeitig verblaßt die Sinnfälligkeit herkömmlicher gewerkschaftlicher Strategien der Verteilung von Erträgen des Marktgeschehens. An Frauen und Kindern schon immer vorbei geplant, verlieren diese auch für Männer mehr und mehr die Bedeutung der Sicherung materieller Existenz und kultureller Identität. Obwohl die Männlichkeit ökonomischer Privilegien der wachsenden Anonymisierung des Wirtschaftens bisher standgehalten hat, trifft die Auflösung des Industriesystems im globalen Markt den Mann ganz zentral an seinem Lebensnerv.

Auf der Suche nach den Auswirkungen industrieller Entwicklungen gilt es, sich auf anderen als den von der Ökonomie besetzten Tummelplätzen umzusehen. Eines der offenen Tore führt geradewegs in eine breiter werdende öffentliche Diskussion über gesellschaftliche Vaterlosigkeit (z.B. Matussek 1998). Was bedeutet es für Kinder, vor allem auch für Jungen, ohne stützenden und schützenden Vater und ohne männliches Vorbild erwachsen werden zu sollen? Hat z.B. das Zurückfallen des männlichen Geschlechts im Bildungswesen etwas zu tun mit der virtuellen, oft genug auch ganz konkreten Abwesenheit des Mannes als Vater? Was bedeutet es für Männer, mit der ökonomisch definierten Familie das Fundament ihrer gesellschaftlichen Vormacht zu verlieren? Und wie fühlen sich Frauen und Mütter, wenn sie sich darüber klar werden, daß sie mit der schwierigen Aufgabe der Generationensorge zunehmend allein gelassen sind?

Das Thema der Vaterlosigkeit ist keineswegs neu, obwohl es nicht immer als Begleiterscheinung einer fragwürdigen Wirtschaftsweise gesehen worden ist. Alexander Mitscherlich, der bereits in den sechziger Jahren scharfsichtig Entwicklungslinien industriellen Wirtschaftens aufgezeigt hat, bezieht mit seinem Buch 'Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft' eindeutig Stellung. Als Sozialpsychologe betont er die Bedeutung der primären Familiengruppe für die Verfassung der Gesamtgesellschaft. Er sieht die Entwertung der überkommenen Lebensbewältigungspraktiken im Prozeß des technischen Fortschritts in ihrer Parallelität zum Verlust des Vaters als Identifikationsfigur. Das vaterlose Kind ist der Regression ausgeliefert, es übt "anonyme Funktionen aus und wird von anonymen Funktionen gesteuert. Was es sinnfällig erlebt, sind seinesgleichen in unabsehbarer Vielzahl" (Mitscherlich 1970, S. 342).

Angesichts einer solchen These ist die Versuchung groß, ganz naiv dem von Mitscherlich markierten Weg zur vaterlosen Gesellschaft bis in die Gegenwart zu folgen. Während die Schablone Ernährerhaushalt als Grundbaustein der globalen Ökonomie sich mit allerhand Buntem füllt, vermittelt die Diskussion zur Krise der Arbeitsgesellschaft den Eindruck, Gesellschaft und Volkswirtschaft bestünden ohne Ausnahme aus wertschöpfenden, d.h. warenproduzierenden Individuen beiderlei Geschlechts.

Mitscherlich tadelt die Blindheit der Gesellschaft für die Praxis, mit der sie sich selbst hervorbringt. Doch Alternativen des Denkens und des Handelns fallen nicht aus dem Füllhorn von Mutter Natur oder gedeihen im Treibhausklima der Zukunftsforschung. Es ist eine Illusion zu glauben, aus dem bröckelnden Institutionengefüge der Einen patriarchalen Welt ließe sich ohne viel Federlesens ein neues Haus zusammenzimmern.

Der patriarchale Haushalt bedeckt mit seinen Schatten nicht nur ökonomische Bruchstellen. Eine Konferenz, die im Frühjahr 1997 in Brüssel stattgefunden hat, stellte unter Aspekten der sozialen Sicherung das klassische Ernährermodell grundsätzlich in Frage. Bereits in der Ankündigung wurde allerdings vor zu weitreichenden Erwartungen gewarnt: der Ernährerhaushalt sei tief verwoben mit dem Geflecht gesellschaftlicher Strukturen (siehe Van Dongen u.a. 1998).

Selbst Menschenrechte sind nicht gegen die Auswirkungen der hypothetischen Allzuständigkeit männlicher Ernährer gewappnet. Der Internationale Pakt der Vereinten Nationen über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte von 1966 kreist um den Familienvater und seine Unterhaltsverpflichtungen, er stellt die weibliche Dienstbarkeit im patriarchalen Haushalt keineswegs in Frage. Dieselbe Logik prägte auch die Aktionsplattform der Vierten Weltfrauenkonferenz 1995 in Peking und die Programmstruktur des NGO-Forums in Houairou. Während Zugänge zu irgend einer Art von Erwerbseinkommen als Ausdruck weiblichen Empowerments einen breiten Raum einnahmen, fehlte in der Veranstaltungsübersicht eine Kategorie Familie / unbezahlte Arbeit / Hausarbeit. Dies war umso unverständlicher, als die 30.000 Besucherinnen selbstverständlich unablässig über Probleme und Konflikte redeten, die mit ihrer Stellung und ihren Verpflichtungen im (Familien)Haushalt zusammenhingen.

Inzwischen wächst die Zahl 'weiblicher Haushaltsvorstände' unaufhörlich und auf allen Kontinenten - in manchen Regionen des Südens ist sie höher als 50 Prozent. Hinter dem dürren Begriff aus der Bevölkerungsstatistik verbirgt sich meistens eine Mutterfamilie ohne substantiellen männlichen Beitrag zur Existenzsicherung. Leider befassen sich vorhandene Untersuchungen zu dieser höchst ambivalenten Entwicklung nicht mit dem Geschick der potentiell dazu gehörenden Männer/Erzeuger.

Die aufgezeigte Entwicklung scheint unumkehrbar, vor allem jedoch akzeptiert oder wenigstens nicht wahrgenommen. Auch in den Konzepten der sogenannten Zweiten Moderne sucht frau vergeblich nach substantieller männlicher/ökonomischer/staatlicherUnterstützung für ihre traditionellen Familienpflichten. Wie eh und je gelten in Visionen einer nachindustriellen Gesellschaft primäre Versorgungsleistungen als erbracht, wenn mann oder frau sich der Aufgabe nähert, Rechten und Pflichten des erwachsenen Individuums zu genügen. In der Erwerbsgesellschaft, in der Väter ihre Verantwortung an Mütter delegieren und erwerbstätige Frauen gut daran tun, keine Kinder zu haben, kann es höchstens um Vereinbarkeit von Beruf und Familie gehen. Feministisch gesonnene Ökonominnen unterhalten sich inzwischen über eine Krise der Reproduktion, ohne öffentliches Aufsehen zu erregen. Die Sorge für das Leben gehört nicht zum Repertoire des home oeconomicus.

Wie die ökonomische Rationalität durch soziale Vernunft bändigen?

Bisher noch sehr spärliche Forschungsergebnisse bestätigen diesen Befund in vollem Umfang. Heft 3 des Jahrgangs 1997 der Zeitschrift Feminist Economics beschäftigt sich unter einem Schwerpunkt Familie mit verschiedenen, im allgemeinen durchaus vernachlässigten Aspekten der Generationensorge. In einem Aufsatz zum Verhältnis von Erwerbsarbeit und Haushaltsproduktion kommt Cynthia A. Wood zu dem Schluß, das zur Berechnung volkswirtschaftlich relevanter Haushaltsleistungen verwendete Drittpersonenkriterium habe in seiner praktischen Anwendung eher eine Marginalisierung als eine Aufwertung von Haushaltsarbeit zur Folge. Die etablierte Definition produktiver Arbeit sei nachhaltig geprägt von den Merkmalen der Lohnarbeit für die Herstellung materieller Güter. Wesentliches Kennzeichen physischer Warenproduktion sei aber die Trennbarkeit (separability) von Person und Produkt.

Unter dieser Voraussetzung fallen Gebrauchswerte, die ganz oder teilweise von persönlichen Beziehungen abhängig sind, nicht in den ökonomischen Bereich, auch wenn das Umfeld der Märkte einbezogen wird. Wood untersucht die höchst widersprüchliche Praxis von Aus- oder Einschluß der Haushaltsarbeit in verschiedene Systeme ökonomischer Begrifflichkeit. Weit hinaus über den Diskurs der ExpertInnen aus den Bereichen Ökonomie, Haushaltswissenschaften, Statistik u.a. reichen jedoch die 1993 verabschiedeten UN-Empfehlungen zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Obwohl die SNA (Inter-Secretariat Working Group on National Accounts) einem breiten Spektrum von Haushaltsaktivitäten durchaus ökonomischen Wert beimißt, tritt dieser in den konkreten Rechenwerken nicht in Erscheinung. Damit verbleiben die von Frauen verrichteten Tätigkeiten, die auf Güter und Dienstleistungen für die Mitglieder des eigenen Haushalts ausgerichtet sind, weiterhin und mit allem Nachdruck außerhalb des ökonomischen Terrains.

Begründet wird der UN-Beschluß mit der Bedeutung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung als Instrument von Ökonomie und Politik. Wood meint sarkastisch, dieses Argument charakterisiere eine Auffassung von Politik, für die nicht die Wohlfahrt der Bevölkerung, sondern die Expansion der Märkte im Vordergrund stehe. Auf lange Sicht bedeute der postulierte Marktbezug wirtschaftlicher Aktivitäten den Ausschluß von personenbezogenen Versorgungstätigkeiten aus dem Arbeitsbegriff. Sie bedauert die zunehmende Marginalisierung von weiblicher Haushaltsarbeit wie z.B. Kinderbetreuung und die Zubereitung von Mahlzeiten im Privathaushalt. Die Kritik von C.A. Wood reicht hinab bis zu den Wurzeln des Wirtschaftsverständnisses moderner Marktgesellschaften. Sie hält das Konzept 'Unbezahlte Hausarbeit' für ein theoretisches Konstrukt, das seine Entstehung dem Arbeitsbegriff der Industrieländer verdankt. Besonders kraß trete seine Untauglichkeit bei der Bewertung der Arbeit von Frauen in ländlichen Regionen des Südens zutage (Wood 1997, S. 47 ff.).

Widerstände gegen die Versprechungen des totalen Markts haben sich bisher vor allem außerhalb des Mainstreams von Politik und Ökonomie formiert. Sie besitzen häufig Projektcharakter, verdanken ihre Entstehung der Notlage der Ausgegrenzten und zu kurz Gekommenen. Vielfach sind sie im sogenannten Reproduktionsbereich angesiedelt, mit deutlichem Bezug zu Umwelt-, Ernährungs- oder Gesundheitsfragen. Auch Bestrebungen, aus ökologischen Gründen regionale Wirtschaftskreisläufe neu zu beleben, sind hier einzuordnen. Ihr Erfolg ist abhängig von dem Willen der Beteiligten, ökonomischer Rationalität die Vernunft ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit entgegenzusetzen. Dasselbe gilt für zahlreiche Nord-Süd-Initiativen. Weiter reichende Ansprüche vertritt die Theorie und Praxis der Subsistenz, die ernst zu machen versucht mit der Anbindung materieller Produktion an tragfähige Sozialbeziehungen und einer neuen, auf gegenseitige Unterstützung ausgerichteten Definition menschlicher Bedürfnisse (Mies, Maria u.a.). 'Das Haus' (the domestic) ist für C.A. Wood die große Leerstelle ökonomischer Analyse und Politik. Sie empfiehlt, beim Nachdenken über Alternativen der gegenwärtigen Wirtschaftsweise die Person (the personal) und die Bedingungen der Dritten Welt in den Mittelpunkt zu stellen.

Literaturverzeichnis

Deller, Kerstin u.a., 1997: Wie zukunftsfähig ist Deutschland? Werkstattbericht Forum Umwelt & Entwicklung, Bonn

Dokumentation Zukunft der Arbeit, Symposium "Zukunft der Arbeit" 5./6. Dezember 1996, Hrsg.: Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften, 53754 Sankt Augustin

Galbraith, John Kenneth, 1976: Wirtschaft für Staat und Gesellschaft, TB München/Zürich

Immler, Hans, 1990: Vom Wert der Natur, 2. Auflage, Opladen

Loske, Reinhard u.a., 1996: Zukunftsfähiges Deutschland, BUND/MISEREOR (Hrsg.) Basel

Matussek, Matthias, 1998: Die vaterlose Gesellschaft, TB Hamburg

Mies, Maria, u.a.: Schriften und Verlautbarungen des Instituts für Theorie und Praxis der Subsistenz, Bielefeld

Mitscherlich, Alexander, 1970: Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft, München

Schweighofer, Annemarie, 1997: Herrschaft, Politik und Ökonomie, Bericht Nr. 28, Wissenschaftsladen Innsbruck

Toward Gender Equality, 1995: Serie Development in Practice, Weltbank, Washington D.C.

Van Dongen, Walter u.a., 1998: Het Kostwinnersmodel voorbij?, Leuven/Apeldoorn

Wood, Cynthia A., 1997: The First World/Third Party Criterion: A Feminist Critique of Production Boundaries in Economics, in: Feminist Economics, Zeitschrift der 'International Association for Feminist Economics', London, Fall 1997 (Heft 3 des Jahrgangs), S. 47 - 68


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