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Politik und Gesellschaft Online
International Politics and Society 1/1999

Zu diesem Heft / About this issue

"Arme werdet ihr immer unter euch haben." Über viele Jahrhunderte hinweg wäre es niemandem eingefallen, diese als Selbstverständlichkeit vorgebrachte Bemerkung des Jesus von Nazareth ernsthaft infrage zu stellen. Wohlstand für alle als politisches Programm mit weltumspannender Zielsetzung ist - ungeachtet aller frühen sozialistischen Träume - ein Kind der beispiellosen Prosperitätsphase der westlichen Industrieländer nach dem Zweiten Weltkrieg. Zwar war der Fortschritts-Enthusiasmus des neunzehnten Jahrhunderts verflogen, aber die Idee von der definitiven und weltweiten Überwindbarkeit jahrtausendealter "Banal-Übel" wie Hunger, Analphabetentum oder klassische Seuchen rückte aus dem Bereich der Zukunftsvisionen in den der politischen Programmatik. Seither mußte man erfahren, daß sich der zivilisatorische Fortschritt nicht ganz so schnell und gradlinig "durchziehen" läßt, wie es sich der Optimismus der 60er und 70er Jahre vorgestellt hatte. Aber entwicklungspolitischer Resignation wirkte die zunehmende Furcht entgegen, daß das bei uns Erreichte in Gefahr gerät, wenn die Globalisierung des Fortschritts nicht gelingt. In der Tat wird der für uns zunächst vielleicht ganz komfortable Fatalismus ("Arme Länder werden wir immer haben") immer weniger akzeptabel. Gesucht werden heute neue Strukturen der "Machbarkeit" von Fortschritt, Möglichkeiten, die Blockaden der real existierenden Welt mit ihren Staaten, Gesellschaftsordnungen und Kulturen zu überwinden. Dirk Messner vom Duisburger Institut für Entwicklung und Frieden, stellt in Grundzügen eine derartige Struktur vor, die der Globalisierung der Probleme Rechnung trägt.

Die nachfolgenden Beiträge beleuchten die gleichsam unendlichen Schwierigkeiten, die sich dem Ziel einer prosperierenden Welt entgegenstellen. Fast überall auf der Welt stößt wirtschaftliche Entwicklung auf gewaltige Hindernisse, erweisen sich Strategien als unzulänglich, die zu verändernde Realität als sperrig, manchmal möchte man meinen bösartig. Der Jenaer Wirtschaftswissenschaftler Klaus Müller diskutiert den vielfach mit traumatischen Wohlfahrtseinbußen verbundenen Übergang Osteuropas von der Plan- zur Marktwirtschaft. Er macht deutlich, daß die gesellschaftliche Organisation von Wirtschaft eine umfassende Aufgabe ist, der Transformationsstrategien, die nur auf ökonomischen Kategorien fußen, schlichtweg nicht gewachsen sind. Dietmar Dirmosers Beitrag zu Cuba befaßt sich mit einem Staat, der, im Gegenteil, von Transformation kaum etwas wissen will und dessen Volkswirtschaft ebenfalls auf Grund läuft. Robert Kappel, Wirtschaftsprofessor an der Universität Leipzig, malt ein düsteres Bild von den wirtschaftlichen Perspektiven Afrikas: die Unterentwicklungsfalle in Reinkultur. Aber auch bisherige Kronzeugen der entwicklungspolitischen Zuversicht, die meisten sogenannten ostasiatischen "Tiger"-Staaten, sind ins Straucheln geraten. Wie der Trierer Politologe Hanns W. Maull argumentiert, hat die ostasiatische Krise nicht nur die Schwächen der internationalen Finanzordnung bloßgelegt (vgl. Claus Köhler in unserer 2/1998-Ausgabe), sondern auch die des bislang so erfolgreichen ostasiatischen "Entwicklungsstaates". Welches Modell bleibt uns?

Von anderen globalen Entwicklungen überschattet ist in Südasien, eher einer Randregion weltpolitischer Aufmerksamkeit, ein Schreckgespenst aus der finstersten Zeit des kalten Krieges wieder aufgetaucht: die Gefahr des ersten Atomkriegs in der Geschichte der Menschheit. Der Beitrag von Heinrich Kreft vom Planungsstab des deutschen Außenministeriums macht deutlich, wie real diese Gefahr angesichts fehlender Strukturen kollektiver Sicherheit ist. Zur nuklearen Aufrüstung in Südasien sei auch auf die Beiträge von C.Raja Mohan und Stansfield Turner in unserer vorangegangenen Ausgabe verwiesen.

Daß INTERNATIONALE POLITIK UND GESELLSCHAFT das Thema "Umwelt" bislang unterbelichtet ließ, weiß auch die Redaktion. Doch dieses Heft soll den Übergang zu einer umweltbewußteren Zukunft einleiten. In unserer "Debatte" präsentieren Edda Müller von der Europäischen Umweltagentur in Kopenhagen, und Joachim Grawe, führender Vertreter der deutschen Elektrizitätswirtschaft, die Argumente für und wider eine der zentralen politischen Maßnahmen, um das Wirtschaften umweltverträglicher zu machen.


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