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Frauenpolitik nach Peking
Das Aktionsprogramm der Vierten Weltfrauenkonferenz
Positionen-Vernetzungen-Konsequenzen


Peking, den 13. September ´95

Liebe Susanne,

meine sündhaft teuren italienischen Sandalen, um die Du mich so beneidet hast, sind hinüber, sie haben sich im Regen und im Schlamm von Huairou aufgelöst. Ich muß lachen. Ich hätte Gummistiefel mitnehmen sollen! Das Wetter in dieser Ecke Chinas ist eine Katastrophe. Ich huste nicht nur vom zu vielen Rauchen, ich bin übermüdet, eher tot als lebendig und zugleich total überdreht. Wenn ich wirklich mal für ein paar Stündchen ins Bett komme, bin ich noch im Traum im Beijing Recreation Center von Caucus zu Caucus unterwegs (Du weißt: die themenbezogenen Treffen, um die Lobbyarbeit abzusprechen), Chaos pur! Lobbying vor Ort ist ein knochenhartes Geschäft. Entschuldige übrigens meine Schrift, ich schreibe im Bus auf der Fahrt zurück ins Pekinger Konferenzzentrum, meine Finger sind klamm und zwei Stündchen wird die Fahrt heute wohl dauern, auch hier gibt es dichten Berufsverkehr, auch wenn er ein bißchen anders aussieht als bei uns. Wie gesagt, die äußeren Umstände sind rundum beschissen und dennoch bin ich happy...tatsächlich sowas wie glücklich. Stell Dir vor Susanne, ich hab in der Aktionsplattform einen ganzen Halbsatz untergebracht! Nach mühsamer Kleinarbeit, nach X Konsultationen und in heiklen Kooperationen. Es ist einfach ein geiles Gefühl, etwas wirklich Wesentliches noch im letzten Moment in die Plattform zu schleusen! Natürlich war das keine heroische Einzelleistung von mir. Die Zusammenarbeit zwischen den NRO-Delegierten, zumindest denen der Entwicklungszusammenarbeit, klappt prima, hier hat jede für jede noch ein Ohr und packt auf Gegenseitigkeit mit an: Machst du dich für meins stark, mach ich mich für deins stark. Trotz Streß, trotz Übermüdung, trotz Überarbeitung. So müßte es immer sein, eine tolle, verdammt wertvolle Erfahrung. Die bring ich auf jeden Fall mit.
Wir haben auch ganz schön baggern müssen, um die Zwanzig/Zwanzig Regelung aus Kopenhagen drin zu behalten. Von den Regierungsdelegationen war niemand scharf drauf und schon gar nicht bereit, sich dafür zu schlagen. Da muß eben Druck drauf, sonst gibt es immer nur Minimalkonsens. Wie oft hab ich das wohl gehört : nicht gedeckt durch den Minimalkon.....nicht konsensfähig...".
Es zahlt sich aus, ganz an der Spitze der Dreiklassengesellschaft der NROs zu stehen. Als Akkreditierte in der Regierungsdelegation bist du fein raus: Direkten Zugang zu allen aktuellen Informationen und Beratungsständen. Du weißt immer brandheiß, was läuft und findest immer eine Ansprechpartnerin. Daß Europa hier mit einer Stimme spricht, ist ganz praktisch fürs Lobbying. Für die bloß Akkreditierten geht es auch noch ganz gut. Auch wenn es da gewisse Zugangsbarrieren gibt, sie sind zu nehmen. Vor Peking hab ich die Teilnahme an der Regierungsdelegation eher mit Skepsis gesehen, hier vor Ort zeigt sich, wie wertvoll sie ist, wenn die Kooperation zwischen den NROs klappt.
Die NRO-Frauen in Huairou ohne Akkreditierung sind echt geleimt, sie sind auf uns angewiesen, um mitzukriegen, was abgeht. Nach Peking müssen wir ernsthaft über neue Kooperationsformen nachdenken, auch die Kräftekonzentration ist dann ein wichtiges Thema. Hier sind Reibungsverluste und oft auch sinnloser Verschleiß angesagt. Da kann noch ne Menge verbessert werden.
Liebe Susanne, ich zitter mir den A... ab, aber noch ein paar Sätze zur Plattform. Ich bin ganz besoffen davon, ja richtig berauscht. Das Ding wird ein wirklich authentisch weibliches Dokument mit weltweitem Geltungsanspruch. Noch nie in der Geschichte der Vereinten Nationen hat es ein Manifest gegeben, das unsere selbst formulierten Anliegen, Nöte, Hoffnungen, Sehnsüchte und Forderungen so umfassend zusammengetragen hat. Das kann ein Anfang sein. Wenn wir wirklich wollen, dann ist es der Anfang vom Ende des männlichen Alleinvertretungsanspruchs auf die politischen Verhältnisse in der Welt. Wenn wir wirklich den hochkriegen, denn ich mir gerade abfriere. In meiner Trunkenheit von soviel weiblicher politischer Poesie, die weiß Göttin viel Schweiß und Knochenarbeit gekostet hat, kommen mir die Risiken jetzt noch ganz klein vor. Das wird nach Peking anders werden müssen. Das ist mir klar. Denn soviel steht fest, das Ding wird ein schlimmes, völlig überstopftes Monstrum. Für die normale Sterbliche unverständlich, glatt unlesbar, zusammengeschraubt und zusammenverhandelt, konfus und ohne sichtbare Diktion. Ein semantischer Abenteuerspielplatz, ein Sprachsteinbruch. Ich sehe die Gefahr: Vom Sprachsteinbruch bis zur Sprachdeponie ist nur ein Schritt. Wir werden das Ding gründlich destilieren müssen, um es politisch produktiv zu machen! Wir müssen immer parat haben, was wirklich drinsteht. Wenn wir das schaffen, können wir damit die Welt bei uns zuhause vom Kopf auf die Füße stellen! Drei Weltfrauenkonferenzen, die nur beschäftigungstherapeutischen Wert hatten, sind Warnung genug!!!
Mach Dich schon mal kampfklar, meine Liebe!
Sei umarmt!
Deine..............

PS: Vielleicht melde ich mich noch mal aus Peking!

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