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Frauenpolitik nach Peking
Das Aktionsprogramm der Vierten Weltfrauenkonferenz
Positionen-Vernetzungen-Konsequenzen


Kapitel III
Die zwölf Kapitel der Pekinger Aktionsplattform: Frauenagenda für das einundzwanzigste Jahrhundert

6 Die Frau in der Wirtschaft:
Von Entscheidungsmacht praktisch ausgeschlossen
Analyse

Behinderungen und Benachteiligungen nehmen zu
Seit der Konferenz von Nairobi hat sich die Stellung der Frau in der Wirtschaft zwar in einigen Punkten gebessert. Insgesamt aber stellt die Plattform fest, daß Frauen überall im Wirtschaftsleben benachteiligt und behindert werden. Das erschwert Frauen die eigenverantwortliche Teilnahme am Wirtschaftsleben, mit steigender Tendenz.

Die Regeln werden von Männern gemacht
Frauen sind an wirtschaftspolitischen Entscheidungsprozessen nur am Rande beteiligt. Gerade in den beiden zentralen Bereichen, in der Politik und in den Institutionen des Wirtschaftslebens, kann von Gleichberechtigung keine Rede sein. Dies gilt für die Gestaltung der Finanz-, Währungs- und Handelspolitik wie auch für die Steuer- und Tarifpolitik. Frauen sind auch in der internationalen Wirtschaftspolitik praktisch nicht präsent. Die Regeln werden überall von Männern gemacht.

Frauen als Billigarbeitskräfte begehrt
In den letzten zehn Jahren ist die Erwerbstätigkeit von Frauen stark gestiegen, weil immer mehr Haushalte auf zusätzliches Einkommen angewiesen sind. Allerdings arbeiten die meisten Frauen unter schlechteren rechtlichen und tatsächlichen Bedingungen.
In vielen Ländern sind es vor allem Frauen, die Teilzeit, Heim- und Gelegenheitsarbeit machen. Ihre Löhne sind niedriger, ihr Kündigungsschutz ist schwächer, Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz werden vernachlässigt. Die Kombination von konjunkturellem Druck und Diskriminierung verschärft die geschlechtsspezifische Ausgrenzung. Sie macht Frauen auch bei geringerem Lohn und schlechteren Arbeitsbedingungen verfügbarer. Sie führt dazu, daß sie vielfach niedrig qualifiziert bleiben, monotone und gesundheitsschädliche Arbeiten verrichten.

Soziale Deklassierung ist
weiblich
Die Deklassierung als Billigarbeitskräfte schreibt die Ungleichheit fort. Globalisierungstendenzen und verschärfter Wettbewerb zementieren die Ungleichheit weltweit.
Die Plattform weist darauf hin, daß die Auswirkungen der Globalisierung auf die wirtschaftliche Stellung der Frau noch gründlich untersucht werden müssen. Doch soviel steht jetzt schon fest: Frauen sind geschlechtsbedingt die ersten Opfer von Strukturanpasssungen.

Diskriminierung führt zu Überlastung
Die Diskriminierung von Frauen zeigt sich bei Bildung und Ausbildung, bei Bezahlung und Bewertung der Arbeit, bei der Beförderung und beim beruflichem Fortkommen. Fehlende Kinderbetreuung verringert Mobilität und Chancen. Die enorm ungleiche Verteilung der Verantwortung innerhalb der Familie führt zu dauerhafter Überlastung erwerbstätiger Frauen.

Vorurteile und Mißtrauen schaffen Barrieren
Unverändert stehen traditionelle Vorurteile dem Fortkommen von Frauen im Weg. Dazu gehört das immer noch tief verwurzelte männliche Mißtrauen gegen Frauen im Management. Männer trauen Frauen eine ebenbürtige Leistungsfähigkeit nicht zu. Frauen bleibt der Zugang zu Führungsaufgaben versperrt. Häufig führt auch sexuelle Belästigung dazu, daß Frauen sich nicht ihren Fähigkeiten gemäß entfalten. Eine familienunfreundliche Arbeitsumgebung errichtet zusätzliche Schranken: In vielen Ländern gibt es keine erschwingliche Kinderbetreuung. Starre Arbeitszeiten vertragen sich nicht mit der notwendigen Beweglichkeit im komplexen Aufgabengeflecht von Frauen.

Unbezahlte Frauenarbeit ist unsichtbar
Frauen tragen nicht nur durch bezahlte Arbeit zur wirtschaftlichen Leistung bei. Ihre Leistungen im Haushalt und für die Familie aber gehen bis heute nicht in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein. Die weitgehende Unsichtbarkeit der Frauenarbeit führt dazu, ihre wirtschaftliche Gesamtleistung stark zu unterschätzen. Diese Ignoranz prägt den niederen gesellschaftlichen Rang der Frau wesentlich mit.
"Wenn Art, Ausmaß und Verteilung dieser unbezahlten Arbeit erst einmal wirklich sichtbar gemacht werden", dann wird die Frau gesellschaftlich aufgewertet und dies wird zwischen den Geschlechtern "zu einer besseren Aufgabenteilung beitragen."



Bericht über die menschliche Entwicklung 1995

Anerkennung des Beitrags der Frau
Die meisten Frauen arbeiten mehr Stunden als Männer


Strategien und Maßnahmen
Frauenfeindliche Strukturen abbauen
In den sechs strategischen Zielen, die die Plattform anvisiert, geht es mit verschiedenen Stoßrichtungen um den Abbau von Diskriminierungen. Im gesamten Wirtschaftsleben müssen die frauenfeindlichen Wirkungen sichtbar gemacht und durch eine Politik, die Ausgrenzungen abbaut, beseitigt werden. Die Plattform steckt die Handlungsfelder ab:
  • ebenbürtige Frauenbeteiligung an Entscheidungsprozessen,
  • wirtschaftliche Rechte und Beschäftigungschancen,
  • gleichwertige Stellung im Arbeitsprozeß,
  • gleichberechtigter Zugang zu Ressourcen (wirtschaftliche Dienstleistungen, Ausbildungschancen, Zugang zu Märkten, Informationen und Technologie),
  • in der Berufswahl und -praxis soll die Geschlechtertrennung ein Ende haben.,
  • die Vereinbarkeit von beruflichen und familiären Aufgaben soll für Frauen und Männer verbessert werden.

    Wirtschaftspolitische Schlüsselstellungen mit Frauen besetzen
    Frauen müssen den politischen und institutionellen Rahmen des Wirtschaftens gleichberechtigt mitgestalten und in Schlüsselstellungen Verantwortung übernehmen. Es geht darum, die geschlechtsspezifischen Wirkungen im Institutionengeflecht, in den Wirtschaftsbeziehungen, den Waren-, Dienstleistungs- und Finanzströmen zu durchschauen und im Sinne der Plattform zu reformieren. In alle Konzepte der Strukturanpassung muß eine Geschlechtsperspektive einbezogen werden.

    Gleicher Lohn für gleiche Arbeit
    Lohngerechtigkeit zwischen Frauen und Männern, die klassische und noch immer unerfüllte Forderung sozialer Gerechtigkeit, muß endlich verwirklicht werden. Alle Staaten müssen die Lohngerechtigkeit verbindlich vorschreiben, wie sie bereits vor fünfundvierzig Jahren von der Internationalen Arbeitsorganisation im Übereinkommen Nr. 100 von 1951 formuliert wurde.

    Materielle Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ist für die Plattform eine unabdingbare Voraussetzung, um ein "wirklich nachhaltiges Wirtschaftswachstum und eine nachhaltige Entwicklung zu erzielen". Es geht nicht nur um den Rechtsanspruch; die Regierungen haben auch zugesagt, sich verstärkt dafür einsetzen, den Lohnabstand zwischen den Geschlechtern tatsächlich zu schließen.

    Status von Frauenberufen verbessern
    Geschlechtsneutrale Arbeitsplatzbewertungen sollen entwickelt und von den Regierungen gefördert werden. Die Gehalts- und Lohnstrukturen in den frauentypischen pflegerischen und pädagogischen Berufen sollen überprüft werden: Bessere Bezahlung schafft höheren Status.

    Zwangsarbeit abschaffen
    Als weitere Voraussetzung für eine menschenwürdige Wirtschaftsordnung nennt die Plattform die Abschaffung von Zwangs- und Kinderarbeit. Alle Formen von Kinderarbeit sind in einem klar bestimmten Zeitrahmen abzuschaffen. Die Konvention über die Rechte des Kindes soll im nationalen Recht verankert werden. Die Überforderung von Mädchen durch Arbeit im Haushalt bedarf besonderer Aufmerksamkeit.

    Frauen brauchen gewerkschaftliche Rechte
    Frauen brauchen überall auf der Welt das verbriefte Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Darin sieht die Plattform ein geeignetes Instrument, um die schlechteren Arbeitsbedingungen und die schlechtere Bezahlung von Frauen zu bekämpfen. Die Wahl von Frauen in gewerkschaftliche Funktionen soll von Regierungen, Gewerkschaften und Frauenorganisationen unterstützt werden.

    Durchsetzbare Rechte für alle Frauen
    Frauen sind bei Einstellungen, Beförderungen und Entlassungen vor Diskriminierung zu schützen. Auch gegen rassistische Schikanen und sexuelle Belästigung braucht die Frau wirksame, notfalls auch vor Gericht durchsetzbare Abwehrrechte. Teilzeit-, Aushilfs-, Saison- und Heimarbeit brauchen angemessenen arbeitsrechtlichen Schutz und müssen in die Sozialversicherung einbezogen werden.

    Familienarbeit teilen
    Männer und Frauen sollen die Familienaufgaben miteinander teilen. Dafür müssen die verfestigten Vorstellungen von der Rollenverteilung zwischen Frau und Mann aufgebrochen werden. Sozialversicherung und Steuergesetze sind daraufhin zu untersuchen, wie sie sich auf die häusliche Lastenverteilung auswirken, und entsprechend zu reformieren. Für eine gerechtere Verteilung der Lasten soll mit Aufklärungskampagnen geworben werden.

    Stärken, was Frauen ermutigt - ermutigen, was Frauen stärkt
    Die Ermutigung und Förderung von Frauen, sei sie materieller oder ideeller Natur, muß im Interesse von Gleichberechtigung und gleichwertiger wirtschaftlicher Teilhabe forciert werden.
    Der Staat muß auch als Arbeitgeber seine Möglichkeiten ausschöpfen, um die Chancengleichheit durchzusetzen. Um die Geschlechtertrennung im Berufsleben zu überwinden, sollen Frauen ermutigt werden, aus den traditionellen Mustern der Berufswahl auszubrechen und auch wissenschaftliche und technische Berufe anzustreben. Das erfordert Berufsbildung, Beratung, Umschulung und Vermittlung, die sich nicht nur an traditionellen Bereichen orientiert. Andererseits müssen Männer ermutigt werden, Arbeit auch im sozialen Bereich zu übernehmen.7

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