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Frauenpolitik nach Peking
Das Aktionsprogramm der Vierten Weltfrauenkonferenz
Positionen-Vernetzungen-Konsequenzen


Kapitel III
Die zwölf Kapitel der Pekinger Aktionsplattform: Frauenagenda für das einundzwanzigste Jahrhundert

3 Frauen und Gesundheit: Für immer mehr Frauen bedroht
Analyse

Gesundheitsversorgung driftet weltweit auseinander
"Die Frau hat das Recht, das für sie erreichbare Höchstmaß an körperlicher und geistiger Gesundheit zu genießen. Der Genuß dieses Rechts ist für ihr Leben und Wohlbefinden sowie für ihre Fähigkeit, an allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens teilzuhaben, von entscheidender Bedeutung ..... den meisten Frauen bleibt der Genuß von Gesundheit und Wohlbefinden indessen vorenthalten." Diese Diskrepanz hat sich in den letzten zehn Jahren verschärft.

Strukturanpassungen bedrohen Gesundheitsversorgung

Strukturanpassungsmaßnahmen, die in zahlreichen Entwicklungsländern als Auflagen der Weltbank durchgeführt werden, zwingen diese Länder zur Senkung öffentlicher Ausgaben, häufig auf Kosten des öffentlichen Gesundheitswesens. Dieser Abbau geht zu Lasten der Frauen. Für die Verknappung bezahlbarer Leistungen ist auch die Privatisierung von Gesundheitseinrichtungen mitverantwortlich.

Besondere Risiken: Schwangerschaft und Geburt
Die Plattform stellt fest, daß Komplikationen bei Schwangerschaft und Entbindung in vielen Entwicklungländern für die hohen Krankheits- und Sterblichkeitsraten von Frauen im gebärfähigen Alter verantwortlich sind. Ähnlich sieht es auch in Umbruchländern aus. Schwangerschaftsabbrüche bergen ebenfalls hohe Risiken. Besonders betroffen sind die ärmsten und jüngsten Frauen. "Die meisten der so verursachten Todesfälle, gesundheitlichen Probleme und Verletzungen könnten durch besseren Zugang zu angemessenen Gesundheitsdiensten verhindert werden."

Druck auf Frauen und Mädchen steigt weiter
In vielen Ländern der Welt sieht die Aktionsplattform die Gesundheit von Frauen und Mädchen wachsendem Druck ausgesetzt: Zunehmende Armut, wirtschaftliche Abhängigkeit, Gewalt, Diskriminierung, die begrenzte Bestimmungsgewalt zahlreicher Frauen über ihr Sexualleben und generatives Verhalten sowie fehlender Einfluß auf Entscheidungsprozesse sind die entscheidenden Faktoren, die die Gesundheit von Frauen geschlechtsspezifisch belasten. Nahrungsmittelknappheit, die ungerechte Verteilung von Nahrung innerhalb der Familie, schlechtes Trinkwasser, mangelnde sanitäre Einrichtungen, Brennstoffknappheit, unzulängliche Wohnverhältnisse, all dies zehrt an der Lebenskraft der Frauen. Es fängt schon in frühester Kindheit an: "Die Diskriminierung von Mädchen beim Zugang zu Nahrungsmitteln und Gesundheitsdiensten - oft eine Folge der Bevorzugung männlicher Nachkommen - gefährdet ihre Gesundheit und ihr Wohl jetzt und in Zukunft. Lebensbedingungen, welche die Mädchen zu früher Eheschließung, Schwangerschaft und Mutterschaft zwingen und sie schädlichen Praktiken wie der Verstümmelung der weiblichen Geschlechtsteile unterwerfen, stellen schwerwiegende Gesundheitsrisiken dar."

Höhere Gesundheitsrisiken auch durch Gewalt
Heranwachsende Mädchen sind psychosozial und biologisch durch Gewalt, sexuellen Mißbrauch und Prostitution massiver bedroht als Jungen. Mädchen sind auch anfälliger für möglicherweise tödliche Folgen ungeschützter und verfrühter sexueller Beziehungen. Im Zusammenwirken mit mangelnder Aufklärung, gesundheitlicher Basisversorgung und unzureichender Ernährung schaffen diese signifikant höhere Risiken. Frühe Schwangerschaften, lebensgefährliche Schwangerschaftsabbrüche, HIV/Aids und andere sexuell übertragbare Krankheiten, deren Übertragung mitunter aus sexueller Gewalt folgt, haben verheerende Wirkung auf die Gesundheit von Frauen und Mädchen. Sie haben "oft nicht die Macht, auf sicheren und verantwortungsbewußten sexuellen Praktiken zu bestehen und besitzen kaum Zugang zu Informationen und Diensten zur Verhütung und Behandlung solcher Krankheiten."

Armut macht krank - Krankheit grenzt aus
Psychische Belastungen durch Armut, Überarbeitung, Streß und die häusliche Gewalt sind steigende Gesundheitsrisiken für Frauen. Auch berufsbedingte Gesundheitsprobleme gewinnen an Gewicht, weil eine zunehmende Zahl von Frauen im formellen und informellen Sektor auf schlecht bezahlten Arbeitsplätzen unter monotonen und ungesunden Bedingungen arbeitet. "Immer mehr Frauen leiden an Brust- und Gebärmutterhalskrebs und anderen Krebserkrankungen der Fortpflanzungsorgane sowie an Unfruchtbarkeit; bei entsprechender Früherkennung könnten diese Krankheiten verhütet oder geheilt werden." Krankheiten, eingeschränkte Gesundheit oder frühe Mutterschaft wiederum schränken soziale Chancen ein, vor allem Bildungs- und Berufschancen.

Die Kluft zwischen sozialer und wirtschaftlicher Lebenswirklichkeit der Frauen und ihrem Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit vertieft sich mit eindeutigen Unterschieden an der Geschlechtsgrenze. Das auch auf der Wiener Weltmenschenrechtskonferenz betonte Recht der Frau "auf Kontrolle über alle Aspekte ihrer Gesundheit, insbesondere ihrer eigenen Fruchtbarkeit" verliert im Lebensalltag an Gewicht. Dieses Recht ist aber für die Machtgleichstellung der Frau von "grundlegender Bedeutung", unterstreicht die Plattform.

Sexualität und Fortpflanzung sind eigenständige Rechte
Die Weltgesundheitsorgansation definiert Gesundheit als "Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens", die Plattform wendet diese Definition ausdrücklich auf die reproduktive Gesundheit an. Sie ist die Gesundheit, "die mit den Fortpflanzungsorganen und ihren Funktionen und Prozessen verbunden ist." Sie umfaßt wie die allgemeine Gesundheit mehr als das Freisein von Krankheit und Gebrechen: "Reproduktive Gesundheit bedeutet deshalb, daß Menschen ein befriedigendes und ungefährliches Sexualleben haben können und daß sie die Fähigkeit zur Fortpflanzung und die freie Entscheidung darüber haben, ob, wann und wie sie davon Gebrauch machen. In diese letzte Bedingung eingeschlossen sind das Recht von Frauen und Männern auf Information und Zugang zu sicheren, wirksamen, erschwinglichen und akzeptablen Familienplanungsmethoden ihrer Wahl sowie zu anderen Methoden ihrer Wahl zur Regulierung der Fruchtbarkeit, die nicht gegen das Gesetz verstoßen."
Der Anspruch auf reproduktive und sexuelle Gesundheit, "deren Zweck die Bereicherung des Lebens und der persönlichen Beziehungen ist", werden als eigenständige Menschenrechtsqualitäten anerkannt. Die Aktionsplattform ist das erste internationale Dokument, das diese Trennung konsequent vollzieht.

Tabubruch sexuelle Selbstbestimmung der Frau
"Die Menschenrechte der Frau umfassen auch ihr Recht, frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt über Angelegenheiten im Zusammenhang mit ihrer Sexualität, einschließlich der sexuellen und reproduktiven Gesundheit, bestimmen und frei und eigenverantwortlich entscheiden zu können." Die katholische Sexualmoral beharrt unverändert auf der Zweckbindung der Sexualität an die Fortpflanzung.
Die Plattform respektiert die Abtreibung in verschiedenen Zusammenhängen ausdrücklich als eigenverantwortliche Wahlmöglichkeit zur Regulierung der Fruchtbarkeit, wenn sie nicht gegen das Gesetz verstößt. Für die herrschende katholische Sexualmoral sind Abtreibungen auch dann nicht annehmbar, wenn sie nicht gegen Gesetze verstoßen. Aus diesen Gründen hat der Heilige Stuhl den Komplex Frauen und Gesundheit unter einen allgemeinen Vorbehalt gestellt, der im Anhang zur Plattform vermerkt ist.

Strategien und Maßnahmen
Lebenslanger Zugang zu erschwinglicher Gesundheitsversorgung
Die Plattform begreift die sexuelle und reproduktive Gesundheit der Frau zugleich als Menschenrechte und als unerläßliche Voraussetzung für soziale Entwicklung und Frieden. Darauf gründet die Selbstverpflichtung der Regierungen, weltweit eine gesundheitliche Grundversorgung zu schaffen. Mit konkreten Verabredungen: Bis zum Jahr 2000 soll die Müttersterblichkeit bezogen auf 1990 in allen Ländern auf die Hälfte reduziert werden. Bis zum Jahr 2015 soll sie noch einmal halbiert werden. In Übereinstimmung mit dem Aktionsprogramm der Weltbevölkerungskonferenz von Kairo erklären die Regierungen in Peking, daß gefährliche Schwangerschaften eine "wichtige Frage der öffentlichen Gesundheit" sind und verpflichten sich, Gesetze, die den Schwangerschaftsabbruch bestrafen, zu überprüfen.

Vorsorge konkretisieren
Gemeinsam mit nationalen und internationalen Organisationen sollen Bildungs- und Aufklärungsprogramme gefördert werden, die Frauen ermutigen, von ihren reproduktiven und sexuellen Rechten eigenverantwortlichen Gebrauch zu machen. Hierzu gehört auch der Einsatz für ein Verhältnis gegenseitiger Achtung zwischen Frauen und Männern in Bezug auf Sexualität und Fruchtbarkeit. Darüber hinaus müssen die Regierungen eine Politik zur Beseitigung der Armut von Frauen verfolgen; sie sollen Umweltgefahren verringern, die besonders für Frauen wachsende Gesundheitsrisiken sind, und konkrete vorbeugende Maßnahmen gegen jeglichen Mißbrauch von Frauen, Jugendlichen und Kindern ergreifen.

Gesundheit braucht Aufklärung
Zur Auseinandersetzung mit den Problemen sexuell übertragbarer Krankheiten und Fragen der reproduktiven Gesundheit sind die Regierungen und die internationalen Organisationen aufgefordert, sektorübergreifende Strategien zu erarbeiten, die die soziale Unterordnung von Frauen und Mädchen beenden und ihre Gleichstellung und Gleichberechtigung sichern. Dazu gehören auch Bemühungen, die Frauen vor sexuell übertragbaren Krankheiten zu schützen und sie über Verhütung solcher Krankheiten aufzuklären. Die Förderung von Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die auf gegenseitiger Achtung beruhen,, erklären die Regierungen zur grundlegenden gesundheitspolitischen Aufgabe und binden sich an diesen Grundsatz bei der Aufklärung Jugendlicher.

Gesundheit braucht Forschung und Investitionen
Regierungen und Forschungsinstitutionen sollen eine geschlechtsbezogene, die Frau in den Mittelpunkt stellende medizinische Forschung fördern, um sachdienlich aufgeschlüsselte Daten für die Politik aufzubereiten. Führungspositionen im Gesundheitswesen müssen verstärkt von Frauen besetzt werden.
Um die primäre Gesundheitsversorgung zu sichern, müssen die Regierungen entsprechende Haushaltsmittel bereitstellen. Gemeinsam mit anderen, auch nichtstaatlichen Organisationen sollen sie innovative Konzepte für die Finanzierung von Gesundheitsdiensten fördern, die besonders auf die speziellen gesundheitlichen Bedürfnisse von Frauen ausgerichtet sind. Neben den Regierungen werden besonders die VN-Organisationen aufgefordert, der Gesundheit der Frau Vorrang einzuräumen und die die Gesundheit betreffenden Ziele der Aktionsplattform und andere internationale Übereinkünfte zu verwirklichen.

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