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Frauenpolitik nach Peking
Das Aktionsprogramm der Vierten Weltfrauenkonferenz
Positionen-Vernetzungen-Konsequenzen


Kapitel III
Die zwölf Kapitel der Pekinger Aktionsplattform: Frauenagenda für das einundzwanzigste Jahrhundert

12 Mädchen: existentiell benachteiligt
Analyse

Schlechter ernährt, schlechter behandelt, schlechter gebildet
"Die Vertragsstaaten achten die in diesem Übereinkommen festgelegten Rechte und gewährleisten sie jedem ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Kind, ohne jede Diskriminierung, unabhängig von der Rasse, der Hautfarbe, dem Geschlecht, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Überzeugung, der nationalen, ethnischen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, einer Behinderung, der Geburt oder des sonstigen Status des Kindes, seiner Eltern oder seines Vormunds." Diese feierlichen Garantien stehen in Artikel zwei der VN-Konvention über die Rechte des Kindes. Für Millionen von Mädchen in der Welt sind sie noch ein realitätsfernes, unerreichtes Versprechen. Im wirklichen Leben werden Mädchen von Geschlechts wegen eindeutig benachteiligt, und das von Geburt an.

Erziehung zu Menschen zweiter Klasse
Die Aktionsplattform von Peking resümiert: "Mädchen werden oft als minderwertig behandelt und dazu erzogen, ihre eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen, was ihr Selbstwertgefühl untergräbt. Diskriminierung und Vernachlässigung in der Kindheit können der Beginn des Abstiegs in ein Leben voller Entbehrungen und sozialer Ausgrenzung sein."
In einigen Gebieten der Welt übersteigt die Zahl der Männer die der Frauen um 5 Prozent. Die Gründe: Weibliche Föten werden gezielt abgetrieben, Neugeborene werden getötet, Mädchen bekommen schlechter zu essen, sie müssen schwer arbeiten und ihre Gesundheit ist kein Thema. Mädchen haben schlechtere Chancen, das Erwachsenenalter zu erreichen. Die gezielte Zurücksetzung von Mädchen bei Gesundheit und Ernährung hat schwerwiegende Folgen: 450 Millionen erwachsene Frauen sind nach Angaben der Plattform durch Mangelernährung im körperlichen Wachstum zurückgeblieben.

Schule und Hausarbeit: Doppelte Last auf Kinderschultern
Was die erwachsene Frau als permanente Überforderung erlebt, lernt sie oft bereits im Kindesalter kennen. Der Doppelbelastung von Arbeit und Beruf geht im Mädchenalter die Doppelbelastung von Schule und - oft schwerer - Hausarbeit voraus. In dieser Überforderung der Mädchen sieht die Plattform eine wesentliche Ursache für den frühen Abbruch des Schulbesuchs. In etlichen Ländern ist in den letzten zwei Jahrzehnten der Schulbesuch zwar angestiegen. Von dieser Entwicklung haben aber die Jungen wesentlich stärker profitiert als ihre Altersgenossinnen. So waren von den 130 Millionen Kindern, die 1990 ohne Schulbildung blieben, 81 Millionen Mädchen. Die Plattform führt das auf überkommene Einstellungen, auf Kinderarbeit, frühe Heirat, Geldmangel, auf das Fehlen angemessener schulischer Einrichtungen und allzu frühe Schwangerschaften zurück. In einigen Ländern ist auch ein Mangel an Lehrerinnen ein Hindernis für den Schulbesuch von Mädchen. Die Ungleichheit wird im Bildungsystem selbst fortgesetzt: Abwertenden Einstellungen begegnen Mädchen im Lehr- und Unterrichtsmaterial, im sozialen Verhalten in den Klassen und im Lehrpersonal.

Ausgrenzung von Geburt an
In vielen Ländern ist der Anteil von Mädchen in weiterführenden Schulen extrem niedrig. Ihnen fehlt es an Gelegenheiten wie an Ermutigung. Vor allem naturwissenschaftliche und technische Ausbildungswege sind so für Mädchen versperrt. Die Plattform sieht bereits im Kindesalter die Tendenz, Mädchen aus dem sozialen, politischen und wirtschaftlichen Leben auszugrenzen. Jungen werden zur Teilnahme ermutigt, Mädchen nicht.

Zuviel Zwang, zuwenig Aufklärung: Zu viele Kinder werden Mütter
In jedem Jahr bringen über 15 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren Kinder zur Welt. Schwangerschaft und Geburt im Kinder- und Jugendalter bergen ein besonders hohes Risiko für die Mütter. Ihre Kinder sind krankheitsanfälliger, und die Säuglingssterblichkeit liegt höher. Frühe Schwangerschaft und Geburt blockieren die bildungsmäßigen, wirtschaftlichen und sozialen Chancen der Frauen und ihrer Kinder.

Gewalt und Ausbeutung sind allgegenwärtig
Der Ausbeutungsdruck auf Mädchen kennt keine geschützten Räume, sie sind Angriffen wehrlos ausgesetzt. "Sexuelle Gewalt und sexuell übertragbare Krankheiten, einschließlich HIV/Aids wirken sich verheerend auf die Gesundheit der Kinder aus, und Mädchen leiden unter den Folgen ungeschützter und frühzeitiger Sexualkontakte weit mehr als Jungen."
Jugend, sozialer Druck und fehlender gesetzlicher Schutz macht Mädchen weit häufiger zu Opfern aller Arten von Gewalt als ihre Altersgenossen. Behinderte Mädchen sind noch mit zusätzlichen, sich aus der Behinderung ergebenden Risiken konfrontiert. Besondere Schutzbedürftigkeit diagnostiziert die Pattform auch für "ausgesetzte, heimatlose und vertriebene Kinder, Straßenkinder, Kinder in Konfliktgebieten sowie Kinder, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer ethnischen oder rassischen Minderheit diskriminiert werden."

Strategien und Maßnahmen
Die Gewalt gegen die Frauen von morgen muß aus der Welt

Aus diesen Befund leitet die Aktionsplattform im Namen der geschlechtlichen Parteilichkeit der Politik das erste strategische Ziel ab: "Beseitigung jeder Form der Diskriminierung von Mädchen." Die folgenden acht Handlungsanweisungen an die Menschheitsfamilie haben jeweils konkrete Problemlagen im Visier:

  • Die entwertenden kulturellen Einstellungen und Praktiken müssen von allen Akteuren energisch bekämpft werden.
  • Ihre Bedürfnisse und Chancen erfordern mehr Sensibilität.
  • Gleichbehandlung in Bildung und Ausbildung. '
  • Gleichstellung bei Gesundheit und Ernährung.
  • Ausbeutung der Kinderarbeit muß beseitigt werden.
  • Mädchen müssen am Arbeitsplatz besser geschützt werden.
  • Die Teilhabe von Mädchen am gesellschaftlichen Leben muß ermutigt, der Status in den Familien verbessert werden.
  • Die Gewalt gegen Mädchen muß aus der Welt.
    Für die Verwirklichung der Ziele schlägt die Plattform 58 Einzelmaßnahmen vor.

    Kinderrechtskonvention ratifizieren und konsequente Anwendung kontrollieren
    Von allen völkerrechtlich verbindlichen internationalen Vereinbarungen hat die Konvention über die Rechte des Kindes (Convention on the Rights of the Child) von 1989 den höchsten Ratifikationsstand. Ende 1994 hatten 174 Staaten sie ratifiziert. Die Aktionsplattform fordert in Übereinstimmung mit der Wiener Menschenrechtskonfernz dazu auf, die immer noch bestehende Ratifizierungslücke zu schließen.
    Die Staaten, die die Konvention ratifiziert haben, verpflichten sich, ihre konsequente Umsetzung durch "Verabschiedung aller erforderlichen gesetzgeberischen, administrativen und sonstigen Maßnahmen und durch Förderung eines günstigen Umfeldes" sicherzustellen.

    Alle bestehenden Ungerechtigkeiten und Hindernisse, denen Mädchen in erbrechtlicher Hinsicht ausgesetzt sind, müssen durch Gesetze, "die den Kindern unabhängig von ihrem Geschlecht gleiche Nachfolge und Erbrechte garantieren", beseitigt werden. Das Datenmaterial für politische Entscheidungen aller Art und für konkrete Förderungsprogramme etwa für den Bildungs- oder Gesundheitsbereich muß geschlechtsspezifisch aufbereitet werden.

    Bis zum Jahr 2005 Gleichberechtigung an weiterführenden Schulen
    Als erste Aufgabe im Bildungswesen muß das bestehende Gefälle zwischen den Geschlechtern im Grundschulbereich abgebaut werden. In Alphabetisierungsprogramme sind Gesundheits- und Ernährungsfragen im Interesse von Mädchen einzubeziehen. Für Mädchen, die dennoch vom Schulbesuch ausgeschlossen bleiben, schlägt sie vor, daß sie durch Programme sogenannter funktioneller Alphabetisierung gefördert werden. Bis zum Jahr 2005 soll der gleichberechtigte Zugang von Mädchen zu weiterführenden Schulen tatsächlich gesichert sein und der gleichberechtigte Zugang zu allen Hochschulen folgen. Mit besonderen Anreizen etwa durch Stipendien sollen die Schulbesuchs- und Abschlußquoten von Mädchen gezielt verbessert werden. Besonderes Augenmerk lenkt die Plattform auch im Bereich Bildung auf die Schwächsten im bestehenden Gefüge: Sie unterstreicht den Anspruch behinderter Mädchen auf volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, gerade ihre Bildungbedürfnisse machen besondere Anstrengungen erforderlich.

    Entschiedene Gewaltprävention
    In enger Anlehnung an die Aufgabenstellungen, die sich aus der Gewalt gegen Frauen ergeben, fordert die Aktionsplattform die Regierungen auf, auch Mädchen entschiedener vor Gewalt zu schützen. Es fehlt an Rechtsvorschriften "zum Schutz von Mädchen gegen jede Form von Gewalt, einschließlich der Tötung weiblicher Neugeborener und der vorgeburtlichen Geschlechtsselektion, der Verstümmelung der Geschlechtsorgane, von Inzest, sexuellem Mißbrauch, sexueller Ausbeutung, Kinderprostitution und Kinderpornographie ..."

    Mehr Hilfe für Gewaltopfer
    Für Mädchen, die zu Opfern werden, ist bessere und mehr Hilfe vonnöten, sie soll in Programme umgesetzt werden, die altersgerecht, diskret und sicher sind und die in medizinischer, sozialer und psychologischer Hinsicht Hilfe gewähren.

    In Übereinstimmung mit der Kinderrechtskonvention mahnt die Plattform den konsequenten Schutz von Kindern vor wirtschaftlicher Ausbeutung an. Sie plädiert dafür, in den innerstaatlichen Rechtsvorschriften auch für Mädchen ein Mindestalter für den Zutritt zum Arbeitsmarkt zu verankern.

    Gesundheit von Mädchen schützen
    Die Gesundheitserziehung muß sich konsequent an den Bedürfnissen und Nöten von Mädchen orientieren, sie ist zu intensiver Aufklärung über die Physiologie der Fortpflanzung, der reproduktiven und sexuellen Gesundheit aufgerufen. Das gilt auch für die Risikoaufklärung über HIV-Infektionen, für die Aids-Verhütung und andere sexuell übertragbare Krankheiten.

    Kairoer Verabredungen einhalten
    Die Plattform erinnert an die entsprechenden Vereinbarungen der Weltbevölkerungskonferenz von Kairo und fordert ihre Beachtung. Im Interesse der körperlichen und geistigen Gesundheit von Mädchen ist die Benachteiligung bei der Ernährung und der gesundheitlichen Versorgung zu bekämpfen. Programme der primären Gesundheitsversorgung müssen ausgebaut werden. Bei steigender Erreichbarkeit vorgeburtlicher Geschlechtsbestimmung befürchtet die Plattform einen weiteren Anstieg der Abtreibung weiblicher Föten, solange männliche Nachkommen bevorzugt werden. Es gilt die tiefer liegenden wirtschaftlichen und sozialen Ursachen dieser Bevorzugung aus der Welt zu schaffen, damit die existentielle Benachteiligung von Mädchen ein Ende hat.

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