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Frauenpolitik nach Peking
Das Aktionsprogramm der Vierten Weltfrauenkonferenz
Positionen-Vernetzungen-Konsequenzen


Kapitel III
Die zwölf Kapitel der Pekinger Aktionsplattform: Frauenagenda für das einundzwanzigste Jahrhundert

11 Frauen und Umwelt:
Recht auf gesundes und produktives Leben weltweit bedroht
Analyse

Vom Rio-Ideal weit entfernt
"Die Menschen stehen im Mittelpunkt der Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung. Sie haben das Recht auf ein gesundes und produktives Leben im Einklang mit der Natur." So lautet Grundsatz 1 der "Rio-Deklaration", die die VN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED) im Juni 92 verabschiedet hat.
Die Aktionsplattform von Peking eröffnet mit diesem Zitat das Kapitel "Frauen und Umwelt" und stellt fest, daß die Menschheit als Ganzes von diesem Idealzustand weit entfernt ist. Und die in der Bestandsaufnahme zusammengetragenen globalen Rahmendaten des Überlebens zeigen, daß die Menschheit sich immer weiter von diesem Ziel entfernt.

Zerstörung der Lebensgrund- lagen beschleunigt sich
Die immer schlechter werdenden Umweltbedingungen verdrängen ganze Gemeinschaften aus produktiven Tätigkeiten, gerade Frauen. Der Anstieg des Meeresspiegels als Folge der globalen Erwärmung der Atmosphäre ist zur unmittelbaren Bedrohung der in Küstenregionen und auf Inseln lebenden Menschen geworden. Der ungebremste Ozonabbau durchlöchert den UV-Schutzschild immer mehr, so daß exzessive Mengen von UV-Strahlen mit schwerwiegenden Folgen für Mensch und Umwelt die Erde erreichen. Die Hautkrebserkrankungen steigen, es kommt zu mehr Augenkrankheiten und zu einer durchgehenden Schwächung des Immunsystems. Zu Wasser und zu Lande werden Flora und Fauna geschädigt, dadurch sinken die Ernteerträge. Naturkatastrophen, Ressourcenverbrauch, Kriege und Bürgerkriege mit Gewalt, Vertreibung und Terror greifen bei der Zerstörung der Lebensgrundlagen ineinander. Sie treffen Frauen und Mädchen besonders hart.

Produktion und Konsum in Industrieländern ist Hauptursache der Zerstörung
In völliger Übereinstimmung mit dem vierten Kapitel der Agenda 21 der Erklärung von Rio und mit ausdrücklichem Bezug auf dieses Kapitel läßt auch die Plattform keinen Zweifel daran, wo die wesentlichen Ursachen für die fortgesetzte globale Umweltzerstörung liegen und wo Verhaltensänderungen überlebenswichtige Bedeutung haben: "Zwar führt auch Armut zu bestimmten Umweltbelastungen, aber die Hauptursache für die fortgesetzte Verschlechterung der globalen Umwelt sind die nicht nachhaltigen Konsum- und Produktionsweisen, insbesondere in den Industrieländern." Die von den Industrieländern ausgehende Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen verschärft die Armut und spitzt die Ungleichgewichte weiter zu. Armut und Umweltzerstörung bedingen einander: "Alle Staaten und alle Menschen sind aufgerufen, bei der entscheidenen Aufgabe der Bekämpfung der Armut als unverzichtbare Voraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung zusammenzuarbeiten, um die herrschenden Ungleichheiten in bezug auf den Lebensstandard zu verringern und die Bedürfnisse der Mehrheit der Menschen auf der Welt besser zu erfüllen."

Einsicht in Grenzen des Wachstums wächst
Ihre Hoffnung auf die überlebensnotwendigen Veränderungen stützt die Plattform auf die in den letzten zehn Jahren erheblich gestiegene Einsicht in die Begrenztheit der Ressourcen und das Bewußtsein vom bereits erreichten Grad ihrer Zerstörung und Erschöpfung. Das auf der Weltumweltkonferenz beschworene neue Entwicklungsparadigma nachhaltiger und umweltgerechter Konsum- und Produktionsweisen kann nur dann erfolgreich sein, wenn Frauen auf allen Ebenen ebenbürtig in die Verantwortung einbezogen werden: "Ohne Anerkennung und Unterstützung des Beitrags der Frauen zur Umweltpflege und Gestaltung wird die nachaltige Entwicklung ein illusionäres Ziel bleiben." Von dieser Einsicht aus, die sich auf die in Kapitel 24 der Agenda 21 beschriebene Rolle der Frau im Entwicklungsprozeß stützt, formuliert die Plattform das erste strategische Ziel: "Aktive Einbeziehung von Frauen in den entwicklungspolitschen Entscheidungsprozeß auf allen Ebenen."

Frauen aus politischer Umweltverantwortung de facto ausgeschlossen
Die Plattform sieht die Frauen auf allen Ebenen, auf denen Umweltpolitik konzipiert und vollzogen wird, "nach wie vor weitgehend nicht vertreten". Ihre Erfahrungen und Fähigkeiten werden, "wenn es darum geht, sich für die sachgerechte Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen einzusetzen und diese zu überwachen ... in politischen Entscheidungsgremien, in Bildungseinrichtungen und auf der Führungsebene der Umweltbehörden allzu oft nur am Rande berücksichtigt." Frauen werden selten zu Fachleuten ausgebildet, die sich mit Fragen der Ressourcenbewirtschaftung befassen. Selbst wenn Frauen in umweltrelevanten Berufen zu Expertinnen werden, bleiben sie in "richtlinienbestimmenden offiziellen Institutionen auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene unterrepräsentiert. In den meisten Fällen sind Frauen nicht gleichberechtigt an der Leitung von Finanzinstitutionen und Unternehmen beteiligt, deren Entscheidungen die Umweltqualität maßgeblich beeinflussen. Trotz der in jüngster Zeit rasch wachsenden Zahl und Bedeutung von nichtstaatlichen Frauenorganisationen, die sich auf allen Ebenen mit Umweltproblemen auseinandersetzen, zeigen sich institutionelle Schwächen in der Koordinierung zwischen diesen nichtstaatlichen Frauenorganisationen und den nationalen Institutionen für Umweltfragen."

Umweltwissen der Frau wird ignoriert
Die Plattform geht davon aus, daß durch den de-facto-Ausschluß von Frauen aus umweltpolitischen Entscheidungsprozessen wertvolles Wissen ungenutzt bleibt. Frauen haben ihre umweltethische Führungsrolle durch schonende Ressourcennutzung und bei der Wiederverwendung von gebrauchten Materialien längst bewiesen. Frauen, insbesondere autochthone Frauen, verfügen über spezielle Kenntnisse über ökologische Zusammenhänge und die Bewirtschaftung schwacher Ökosysteme. In vielen Regionen sind Frauen die Hauptverantwortlichen der Subsistenzproduktion, "ihre Rolle ist damit von entscheidender Bedeutung für die Nahrungsmittelversorgung und Ernährung, die Stärkung der Subsistenzwirtschaft und des informellen Sektors sowie für die Erhaltung der Umwelt. In bestimmten Regionen sind es generell die Frauen, die dem Gemeinwesen Stabilität verleihen, da die Männer oft an entfernten Orten einer Arbeit nachgehen und den Frauen die Aufgabe überlassen, die natürliche Umwelt zu bewahren und eine ausreichende und tragfähige Ressourcenverteilung innerhalb des Haushaltes und der Gemeinschaft sicherzustellen."

Strategien und Maßnahmen
"Gender Perspektive" für die Umweltpolitik
Im Interesse einer nachhaltigen Entwicklung müssen die Kompetenz, die Interessen und Bedürfnisse von Frauen auf allen Ebenen stärker beachtet und umgekehrt müssen die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Entwicklungs- und Umweltpolitik weltweit genauer untersucht, bewertet und auf Frauenbedürfnisse zugeschnitten werden. Untersucht werden soll auch, ob Frauen der Umweltzerstörung und Umweltgefahren von Geschlechts wegen besonders ausgesetzt sind. Aus dem Stichwortrepertoir der Untersuchungsgegenstände in der Aktionsplattform: Nicht nachhaltige Produktions- und Konsumweisen, Dürre, schlechte Trinkwasserqualität, globale Erwärmung, Wüstenbildung, das Ansteigen des Meeresspiegels, Giftmüll, Naturkatastrophen, toxische Chemikalien, Pestizidrückstände, Atommüll ..... Besonderes Untersuchungsinteresse wird auf Frauen mit niedrigem Einkommen und auf autochthone Frauen gelenkt. Die Verpflichtungen zur durchgängigen "Gender Perspektive" ziehen sich als roter Faden durch das gesamte Gewebe der 37 umweltbezogenen Maßnahmen.

Frauenverantwortung für die Umweltplanung
Die in Rio ins Leben gerufene Kommission für nachhaltige Entwicklung hat die Auswirkungen ihrer Arbeit auf Frauen zu berücksichtigen, desgleichen alle anderen mit Entwicklung befaßten Organe der VN und die internationalen Finanzinstitutionen. Eine stärkere Berücksichtigung von Frauen wird auch für die Projekte der globalen Umweltfazilität verlangt. So sollen Frauen stärker an der Planung und Projektbetreuung beteiligt, als Begünstigte sollen sie besser bedacht werden. Soziale, wirtschaftliche, politische und wissenschaftliche Institutionen, die sich mit den Auswirkungen von Umweltzerstörungen auf Frauen auseinandersetzen, sind zu unterstützen.

Zu "Strategien des Wandels" verpflichtet
In Peking haben sich die nationalen Regierungen dazu verpflichtet, "Strategien des Wandels" zu erarbeiten, die alle Hindernisse auf dem Weg zur "vollen und gleichberechtigten Beteiligung der Frauen an einer nachhaltigen Entwickung" beseitigen und Ressourcen gleichberechtigt zugänglich und verfügbar machen. Für die umweltpolitischen Entscheidungen auf allen Ebenen wird die gleichberechtigte Mitwirkung und Kontrolle eingefordert. Als Voraussetzung dafür soll der Zugang zu umweltrelevantem Wissen erleichtert und verbessert werden. Vor Ort vor allem werden mehr Frauen als Entscheiderinnen, Planerinnen, Managerinnen, Wissenschaftlerinnen und technische Beraterinnen zum Einsatz gerufen. Dem in Rio für die Umweltpolitik vereinbarten Vorsorgegrundsatz soll dadurch Geltung verschafft werden, daß in alle Lebensbereiche saubere Technologien einziehen, die Umweltgefahren vermindern.
Vornehmlich in den Entwicklungsländern brauchen Frauen technische Hilfe für Kleinbetriebe, Industrie und Handel, in der Landwirtschaft und Fischerei, um umweltfreundliche Technologien einzuführen und weibliches Unternehmertum zu unterstützten.

Sauberes Wasser für alle Menschen bis zur Jahrtausendwende
Die 189 Regierungen haben in Peking verabredet, dafür zu sorgen, "daß bis zum Jahr 2000 alle Menschen Zugang zu sauberem Wasser haben, und daß Umweltschutzpläne so angelegt und umgesetzt werden, daß verschmutzte Wassersysteme wiederhergestellt und geschädigte Wassereinzugsgebiete wieder saniert werden."

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